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Banater Post

Nikolaus Lenau – der unsterbliche Dichter (Teil 1)

Nikolaus Lenau, Ölgemälde von Friedrich Amerling

Lenaus Geburtsstätte, das ehemalige Kameral-Rentamt in Lenauheim, beherbergt die Lenau-Gedenkstätte und eine volkskundliche Ausstellung. Foto: Werner Griebel

Möchte wieder in die Gegend,
Wo ich einst so selig war,
Wo ich lebte, wo ich träumte
Meiner Jugend schönstes Jahr.
(Einst und Jetzt)


Sehnsucht quillt aus solchen Versen des spätromantisch-vormärzbehauchten Freiheitsdichters Nikolaus Franz Niembsch. Nach seinem in Stockerau bei Wien ansässigen und daselbst 1820 geadelten Großvater väterlicherseits mit dem Prädikat Edler von Strehlenau ausgestattet, legte sich der von seinen Freunden nur „lieber Niembsch“ gerufene Dichter 1830 das Pseudonym Lenau zu.

Im Wiener „Silbernen Kaffeehaus“ pflegte der Dichter die Nachmittage mit gleichgesinnten Literaten und Freunden, zu denen sein späterer Biograph Anastasius Grün (Alexander Graf von Auersperg, 1806-1876), Eduard von Bauernfeld (1802-1890), Ferdinand Raimund (1790-1836), Ernst von Feuchtersleben (1806-1849), Franz Grillparzer (1791-1872) zählten, beim Billardspiel, Kaffee und Pfeifenrauchen zu verbringen. Und weil die Metternich’sche Zensur die Biedermeierzeit (1815-1848) als so gar nicht angenehm und lustig empfand und vor allem scharf auf die Literaten war, musste sich der Dichter mittels angenommenen Namens aus der behördlichen Zensur-umklammerung helfen, reichte es doch, dass man in ihm, den Verfasser der revolutionären „Polenlieder“, argwöhnte.

Lenau war nicht auf die Sonnenseite des Lebens gefallen, doch aus seinem wogengeschüttelten Dasein heraus meisterte er Verse ohnegleichen: Lenau wurde, nach Goethe, der reichste Wortschatz unter allen deutschsprachigen Dichtern nachgewiesen, über 300 Vertonungen seiner Gedichte von berühmten Komponisten wie Franz Liszt, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann, Richard Strauss, Arnold Schönberg, Hugo Wolf, Max Reger, Carl Orff, Othmar Schoeck und anderen sind bekannt. Allein die „Schilflieder“ wurden über 150 Mal vertont. Kein deutsches Gedicht durfte sich dieser musikalischen Gunst erfreuen.

Lenaus tiefe Gefühlswelt, seine „sensorischen“ Wahrnehmungen werden in poetischen Spiegelbildern und ausdruckgewaltigen Versen an den Leser herangetragen, nehmen diesen gefangen, lassen eine imaginäre, symbolträchtige, von Idealen behaftete Welt entstehen, deren revolutionärer Zenit im Jahre 1848 von dem Dichter leider nicht mehr wahrgenommen werden konnte.

Am 22. August 2020 jährt sich zum 170. Mal der Todestag Nikolaus Lenaus, des bedeutendsten österreichischen Dichters des 19. Jahrhunderts, der die Pußta- und Zigeunerromantik literatur- und salonfähig gemacht hat und ein Melancholiker mit unbändigem Freiheitsdrang war.

Csatád im Banat: Lenaus Geburtsort

Der „ungarische Baron“, wie sich Lenau zeitlebens gerne zu bezeichnen pflegte, erblickte am 13. August 1802 im seinerzeitigen südungarischen Csatád (seit 1926 Lenauheim) im Banat das Licht der Welt. Seine genealogischen Wurzeln aber liegen in Niederösterreich, mit dem er bis zu seinem Lebensende und darüber hinaus – sein Grab befindet sich in Weidling, einem Ortsteil der Stadt Klosterneuburg, nördlich vom Kahlenberg – unzertrennlich verbunden bleiben wird.

Balthasar Maigraber, um 1661 in Ebenfurth geboren, zog es ins nahe Loretto, damals zu Ungarn gehörend (heute: Burgenland), wo er sich zu den Vermögenden zählen durfte. Sein Sohn Johannes übersiedelte als Bäcker nach Pest und ehelichte Maria Eva Josephi, die Tochter des aus
Ungarisch-Altenburg (heute: Mosonmagyaróvár) stammenden Georg Josephi und Lenaus spätere Urgroßmutter. Dieser Ehe entstammten sechs Söhne; der einzig Überlebende, Franz Xaver, wurde Lenaus Großvater mütterlicherseits.

Dieser Franz Xaver Maigraber scheint in der Pester Bürgerrolle als „advocatus“ auf. Er heiratete am 16. Januar 1760 Maria Magdalena Schad aus Altofen, und aus dieser Verbindung stammten drei Kinder, darunter auch die am 4. Januar 1771 geborene Maria Theresia Antonia, die spätere Mutter Lenaus. Diese ob ihrer Schönheit vielgepriesene, überaus leidenschaftliche Frau ging als 27-Jährige am 6. August 1799 in Pest die Ehe mit dem erst 21-jährigen, am 20. Juli 1777 in Tartos (Oberungarn) geborenen ehemaligen Kadetten des Dragonerregiments „Lobkowitz“, Franz Niembsch, einem verschwenderischen, ausschweifenden Lebemann (der „schöne Niembsch“), ein.

Die Familie Niembsch stammte aus Preußisch-Schlesien, doch Lenaus Großvater väterlicherseits – Joseph –, in den Niederlanden geboren, gelangte in jungen Jahren an die k.u.k. Kadettenakademie in Wiener Neustadt und wurde dort 1768 als Unterleutnant ausgemustert. Aus seiner am 11. Januar 1774 mit der Freiin Katharina von Kellersperg geschlossenen Ehe entsprossen fünf Kinder, von denen bloß der nachmalige Vater Lenaus, Franz, überlebte. Der Großvater des Dichters gelangte schließlich als Oberst und Kommandant der „K.k. Militär-Monturs-Hauptkommission“ nach Stockerau.

Die Eltern des Dichters setzten 1803 das bereits vor Lenaus Geburt begonnene ruhelose Wanderleben fort: Sie waren 1799 ins Banat gekommen, wo Franz Niembsch eine Stelle als Kameralbeamter erhalten hatte. Seine erste berufliche Station war Uj-Pécs (Neupetsch), wo dem Ehepaar die Tochter Magdalena Franziska geboren wurde (sie starb Ende 1802 in Csatád; ihr Grabstein ist bis heute erhalten geblieben). Die zweite Tochter, Therese Anna, kam 1801 in Lippa zur Welt, wohin Franz Niembsch versetzt worden war. Anschließend arbeitete er als Kameralschreiber in Csatád. Das dortige Kameralamt war Lenaus Geburtsstätte. Im Frühjahr 1803 verließ die Familie das Banat und kehrte nach Altofen zurück. Dort wurde 1804 die Tochter Magdalena geboren.

Der spätere Dichter und seine Eltern werden das Banat nie wiedersehen, doch aus späteren Erzählungen seiner Mutter, der die Marosch-Landschaft um Lippa, sie an ihre Pester Heimat erinnernd, wohl bleibende optische Spuren hinterlassen hatte, wurde auch Niki damit konfrontiert. Lenau hat das durch die Mutter überlieferte Bild in seinem Gedicht „Mischka an der Marosch“ dichterisch gestaltet.

Kindheit und Jugend in Ungarn

Nach dem frühen Tod des vom ausschweifenden Leben gezeichneten Vaters (1807) heiratete Lenaus Mutter 1811 in zweiter Ehe den Arzt Dr. Karl Vogel, übersiedelte mit den Kindern nach Pest, wo Niki das Piaristengymnasium besuchte und nebenbei Geigen- und Gitarrenunterricht nahm. Die Familie wechselte 1816 nach Tokaj, und der 14-jährige Niki begegnete hier in der Person seines Privatlehrers, des Jurastudenten József Kövesdy, einem freiheitlich Gesinnten, der ihn zum Freund gewinnt und Nikis dichterische Begabung früh erkennt.

Die in der Theißebene gewonnenen Eindrücke prägten die spätere Dichtung, aber auch den Menschen Niembsch: „Hier lernte der Knabe das poetische Ungarn der Rosen und Nachtigallen, des Weines und der schönen Mädchen, der Husaren und Zigeuner kennen, wie sich ihm auf der Hinreise das Bild der weiten Ebenen des Alföld, der unendlichen Puszta, auf immer eingeprägt hatte.“ (Heinrich Bischoff: Nikolaus Lenaus Lyrik. Ihre Geschichte, Chronologie und Textkritik. Band 1. Bruxelles 1920, S. 75)
In diese Kulisse bettet Lenau unter anderem das spätere Gedicht „Mischka an der Theiß“:

In dem Lande der Magyaren,
Wo der Bodrog klare Wellen
Mit der Tissa grünen, klaren,
Freudig rauschend sich gesellen,
Wo auf sonnenfrohen Hängen
Die Tokajertraube lacht:
Reiten lustig in Gesängen
Drei Husaren in der Nacht.


Oft sehnt sich der Dichter in späteren Jahren nach dieser Zeit im fernen Ungarlande zurück. Die Gedichte „Die Heideschenke“, „Husarenlieder“, „Mischka an der Marosch“, „Der Räuber im Bakony“, „Die drei Zigeuner“ erinnern an jene Zeit ebenso wie das stimmungsvolle Gedicht „Nach Süden“:

Dort nach Süden zieht der Regen,
Winde brausen südenwärts,
Nach des Donners fernen Schlägen,
Dort nach Süden will mein Herz.


1817 zieht die Familie erneut nach Pest, wollte die Mutter doch Nikis Ausbildung forcieren. Trotz widriger Umstände – man hauste in einer ehemaligen Kapelle des Soldatenfriedhofs im Christinental, doch mit beeindruckender Ausschau auf das Landschaftsbild, mit Blick auf den Blocksberg und die Ofener Berge – schließt Lenau die zweite Humanitätsklasse erfolgreich ab, und der
Direktor des Piaristengymnasiums, Pater Glycerius Eigel, bekräftigt Kövesdys Meinung, dass Nikolaus Franz Niembsch „ein Dichter werden würde“.

Nach heftigem Widerstand trennte sich die Mutter, die eine Entfremdung befürchtete, schweren Herzens von ihrem über alles geliebten Niki, der im Herbst 1818 zu den Großeltern nach Stockerau übersiedelte. Diese wollten für sein Wohl sorgen und ihm eine gediegene Ausbildung ermöglichen. Bald darauf kam auch Nikis Schwester Therese nach Stockerau.

In Stockerau – im Rohrwald, in der Au, im Teichambiente des Goldenen Bründls – sind Lenaus erst 1832 geschriebene und Charlotte Gmelin, dem „Schilflottchen“, einer Nichte Gustav Schwabs gewidmeten „Schilflieder“ angesiedelt:

Drüben geht die Sonne scheiden,
Und der müde Tag entschlief.
Niederhangen hier die Weiden
In den Teich, so still, so tief.
(1. Schilflied)

Auf geheimem Waldespfade
Schleich ich gern im Abendschein
An das öde Schilfgestade,
Mädchen, und gedenke dein!
(3. Schilflied)

Auf dem Teich, dem regungslosen,
Weilt des Mondes holder Glanz,
Flechtend seine bleichen Rosen
In des Schilfes grünen Kranz. [...]“
(5. Schilflied)

Die Studienjahre: ein rastloses Suchen

Nach einer Auseinandersetzung im Herbst 1821 mit der adelsstolzen, ehrgeizigen und etwas starrsinnigen Großmutter unterbricht Lenau sein Philosophiestudium in Wien und geht zu seiner inzwischen in Preßburg lebenden Mutter, wo er sich dem Ungarischen Recht zuwendet. Nachdem es zu Ostern 1822 zur Aussöhnung mit der Großmutter gekommen war, sollte Lenau sein Studium in Wien fortsetzen. Doch er entschied sich anders: Im Herbst 1822 nahm er ein Studium an der Landwirtschafts-Akademie in Ungarisch-Altenburg (Magyaróvár) auf, während seine Eltern im benachbarten Wieselburg (Moson) wohnten (Mosonmagyaróvár entstand später durch die Zusammenlegung der beiden Städte). Hier verbrachte der Dichter eine ungetrübte Zeit. Er genoss die Landschaft während zahlreicher Ausritte und pflegte die Freundschaft mit Fritz Kleyle, in dessen Cousine Sophie von Löwenthal er sich zirka zehn Jahre später verlieben sollte. Sophie von Löwenthal wird Lenaus Leben nachhaltig prägen.

Neben dem Studium der Landwirtschaft schreibt Lenau, beeinflusst von Friedrich Gottlieb Klopstock und Ludwig Hölty, Gedichte, die wohl auch von dem 18-jährigen Ungarn-Aufenthalt des Dichters geprägt waren. Ein guter Beobachter in der Person des Landgutinspektors und Lenau-Freundes Ladislaus
Veszely hält fest: „Niembsch konnte ausgelassen heiter sein, von Herzen lachen und in der nächsten Minute nachdenklich, ja tieftraurig werden. Unvergeßliche Stunden waren es, wenn er seine Violine hervorholte... Er spielte allein nur uns vor und immer ohne Noten. Aber er handhabte sein Instrument schön, rein kräftig und gefühlvoll.“ (zitiert nach Anton Xaver Schurz: Lenaus Leben. Stuttgart/Augsburg 1855, S. 143)

Nach Wien zurückgekehrt, belegt Lenau erneut den Philosophiekurs und wendet sich ab dem Herbst 1824 dem Deutschen Recht zu, ohne die Poesie zu vernachlässigen: Es entstehen Oden, Liebesgedichte und gefühlvolle Lebensbilder.

Der Dichter weilte zwischen 1822 und 1824 häufig im Retzer Weinland (Niederösterreich). Sein aus Asparn an der Zaya stammender Schwager und erster Biograph Anton Xaver Schurz (1794-1859), selbst Dichter, ehelichte 1821 Lenaus ältere Schwester Therese. Auf Einladung von Schurz’ Vater, des herrschaftlichen Gutsverwalters, ehemaligen Stockerauer Postmeisters und Magistrats-rates Johann Paul Schurz, weilte der Dichter hin und wieder in Schrattenthal. Dort wurde Lenau auch von Dechant Joseph Holzinger, vormals Pfarrer in Stockerau, gebürtig in Oberplan im Böhmerwald, vor dessen Kellerhaus bewirtet. (Der biedermeierliche Schrattenthaler Pfarrkeller, bekannt unter dem Namen „Lenau-Keller“, besteht heute noch.) Anton Xaver Schurz erinnert sich: „Wein, Gesang und Gedichte erquickten uns die Herzen und befeuerten uns den Geist. Nachdem ich einige Gedichte von mir vorgetragen, ließ sich auch Niembsch überreden, ein paar seiner Rosen uns zu reichen; es waren Rosen von Gräbern, geweinten Taues voll [...].“ Es war dies bereits ein Vorgeschmack auf Lenaus Schwermut, ein Markenzeichen seiner überaus gefühlvollen Poesie, die ihm zu Weltruf verhelfen sollte.

In einem Gespräch mit Lenaus Schwester Therese in Schrattenthal erinnerte sich der Retzer Stadtpfarrer Vinzenz Weintridt seines ehemaligen Studenten an der Wiener Universität, dessen glänzender Begabung – Lenau hatte damals bereits einige Semester Philosophie, Ungarisches Recht, Landwirtschaft und Deutsches Recht studiert, ohne jedoch einen Abschluss zu erlangen – und erahnte, dem Dichter weissagend, eine unglückliche Zukunft. Und Weintridt sollte Recht behalten: Lenau schaffte anschließend sein 1826 in Wien aufgenommenes und ab 1831 in Heidelberg fortgesetztes Medizinstudium bis zur Abschlussprüfung, zu der er jedoch nicht mehr antrat.

Lenau bevorzugte die Schreibkunst, ihr verschieb er sein Leben, sein von zahllosen Tiefschlägen und Enttäuschungen durchtränktes Dasein, das von unerfüllter Liebe, von Verdächtigungen seitens des Metternich’schen Polizeistaates ebenso geprägt war wie von seiner dauernden Besorgnis um die bedrohte Existenz. Ruhelos katapultierte es den Dichter immer wieder nach Schwaben, zum schwäbischen Dichterkreis um Justinus Kerner (1786-1862), Ludwig Uhland (1787-1862), Karl Friedrich Hartmann Mayer (1786-1870), Gustav Schwab (1792-1850), Alexander Graf von Württemberg (1801-1844), Gustav Pfitzer (1807-1890), wo er stets freundliche, ja herzliche Aufnahme fand.