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Banater Post

„Die Stadt der Freiheit“ - Roman von Silvia Hildebrandt

Silvia Hildebrandt wirft uns gleich zum Einstieg in die angespannten Tage unmittelbar vor dem Sturz
Nicolae Ceauşescus im Dezember 1989. Attila Novák, genannt „Attila der Hunne“, legt den Bolero von Ravel auf. Wie immer, um einen Gefangenen der Securitate zu verhören und zu foltern. Doch diesmal sitzt ihm sein früherer Schulkamerad und Freund Tiberiu Nicolescu gegenüber, der der fiktiven Widerstandsgruppe „Weißer Winter“ angehören soll.

Zehn Jahre zuvor: Attila und Tiberiu besuchen ein Gymnasium in Timişoara, sie kehren lediglich an den Wochenenden in ihr Heimatdorf zurück. Während der charismatische Tiberiu beliebt wie gefürchtet ist, da sein Vater ein hohes Tier in der Geheimpolizei Securitate ist und beide Eltern meistens am Hofstaat der Ceauşescus in Bukarest weilen, versucht Attila seine Homosexualität zu verbergen. Jeden Freitag nach dem Unterricht trifft er heimlich seinen Chemielehrer in dessen Plattenbauwohnung, bevor er den Zug zurück in sein Heimatdorf nimmt. Die Freitage sind Attilas Lichtblick im autoritären Internatsalltag, wo der Jugend die Treue zum kommunistischen Regime indoktriniert wird.

Für Attila ist es schwer, in einer Diktatur zu Beginn der 1980er Jahre seine Liebe zu einem reiferen, verheirateten Mann auszuleben. Um nicht aufzufallen und Tiberius Hänseleien zu entgehen, erfindet er eine Freundin aus dem Nachbardorf. Um seinen Freund Attila zu schützen, verhilft ihm Tiberiu zu einer Karriere bei der berüchtigten Securitate.

Als fester Bestandteil, wenn sie auch am Rande unter dem Stacheldrahtzaun des Fabrikgeländes leben, gehören die Roma zur Dorfgemeinschaft. So auch die junge Viorica, deren Leben perspektivlos erscheint: Bereits als kleines Mädchen wurde sie dem rabiaten Bogdan versprochen, die Hochzeit mit ihm scheint unausweichlich. Eine von Vioricas täglichen Aufgaben ist es, den betrunkenen Vater aus der Dorfpinte zu holen und nach Hause zu bringen. Der einzige Lichtblick scheint ihr Tagtraum von der Flucht über Ungarn nach Österreich, gemeinsam mit ihrer heimlichen Liebe Tiberiu. In die Stoffrosen ihres Brautkleids hat Viorica gestohlenes Geld eingenäht, das ihnen in die Freiheit verhelfen soll. Stattdessen flieht sie nach Timişoara, sucht Tiberiu auf, der heimlich mit Anna, Attilas Schwester, liiert ist, und putzt, ohne Fragen zu stellen, Attilas Folterkeller.

Dass sich Liebe nicht immer erfüllt, erfährt Attila erneut, als sich ihm bei einer Romeo-Mission der Securitate-Jungoffizier Sergiu annähert. Diese Mission ist Teil des Auftrags, den ihm sein Vorgesetzter Ion „Nelu“ Nicolescu erteilt: Den Gegner UdSSR nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl Lügen strafen und HIV-infizierte Homosexuelle zu töten. Allerdings verliebt sich Attila in Sergiu, was seine Karriere ruinieren und ihn in Lebensgefahr bringen könnte. Letztendlich bleibt ihm die Wahl; opfert er sich oder Sergiu?

1989: Attila und Tiberiu haben sich entfremdet, in den ehemaligen Bruderländern sind die Prozesse des Umbruchs im Gange, während das Regime in Bukarest noch immer fest im Sattel sitzt. Auf Attilas Hochzeit mit einer Verwandten des Diktators Ceauşescu begegnen sie einander wieder, bis die Ereignisse, die der Mauerfall als Sogwirkung bis nach Timi-şoara mit sich zieht, sich zuspitzen. Hier schließt sich der Kreis zum Prolog und die Handlung nimmt ihren atemlosen Lauf bis hin zu Ceauşescus Sturz am 25. Dezember 1989...

Der absolut lesenswerte Roman „Die Stadt der Freiheit“ besticht durch die authentische Schilderung der bedrückenden Atmosphäre des Kalten Kriegs und des Ceauşescu-Regimes sowie der Verwegenheit des Balkans. Beeindruckend ist auch der Schreibstil der Autorin. Einige Beispiele dazu:

„Die Räume auf dem Bulevard Corsarii glimmen düster, kein Licht erreicht die Büros durch die winzigen Fenster. Die flackernden, summenden Glühbirnen beleuchten die Beamten des Geheimdienstes in
einem scharfen, kalten Blau.“

„Als sein Arbeitstag zu Ende ist, verwandelt ein Wolkenbruch die Straßen Timişoaras in reißende Flüsse. Strömungen und Wirbel schwirren in den Schlaglöchern wie Csárdástänzer.“

„Wir sind das Volk, Attila. Schau dir das an.“ Tiberiu lächelt. Er breitet seine Arme aus, zeigt auf die Dutzend Bildschirme im Senderaum, die immer und immer wieder dieselbe Szene zeigen; eine junge Frau tanzt auf der Mauer, ihre Arme hoch erhoben, ihre Finger formen das Siegeszeichen. Sie weint vor Glück und ihre blonden Locken und helle Kleidung verleihen ihr das Aussehen eines Engels, einer Statue der Freiheit.“    

Anmerkung der Redaktion: Silvia Hildebrandt wurde 1985 in Detta geboren. Kurz nach der Wende in Rumänien siedelte ihre Familie nach Deutschland aus. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte widmete sie sich dem Schreiben historischer Romane mit Schauplatz Rumänien. Silvia Hildebrandt lebt als freiberufliche Autorin und Lektorin in Reutlingen.

Silvia Hildebrandt: Die Stadt der Freiheit. Duisburg: Plattini Verlag, 2020. 536 Seiten. Erhältlich als Taschenbuch (ISBN: 978-3-947706-12-9) zum Preis von 13,00 Euro oder als eBook (ISBN: 978-3-947706-13-6) für 8,99 Euro