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Banater Post

Tschanad: Ort mit tausendjähriger Glaubensgeschichte

Blick auf Tschanad aus der Vogelperspektive Foto: Diözese Temeswar

Unter den Kirchenhistorikern des Bistums Tschanad/Temeswar ist Altbischof Martin Roos zweifelsohne der herausragendste. Seine unermüdliche Forschungs- und Publikationstätigkeit findet ihren Niederschlag in einer ganzen Reihe gewichtiger Bücher, allen voran das monumentale Werk „Erbe und Auftrag. Momente aus der Vergangenheit der Diözese Csanád und ihrer Nachfolgebistümer“, von dem seit 2009 fünf Bände zur Geschichte der alten Diözese Csanád von 1030 bis 1914 mit einem Gesamtumfang von 3388 Seiten erschienen sind. Hinzu kommen die Monografie „Gerhard von Csanád. Gestalt eines Bischofs der frühen ungarischen Kirche (2017, 375 Seiten) sowie die Herausgabe der „Deliberatio supra Hymnum trium puerorum“, des bekanntesten und zugleich einzigen vollständig erhaltenen Werkes des heiligen Gerhard, in einer Faksimileedition (2018), die zweibändige Dokumentation „Maria-Radna. Ein Wallfahrtsort im Südosten Europas“ (1998 und 2004, 902 Seiten) sowie die Quellenedition „Providentia Augustorum. Unter der Obhut des Kaisers. Dokumente zu den Anfängen des Temescher Banats 1716-1739“ (2018, 534 Seiten).

Verglichen mit diesen umfangreichen Bänden nimmt sich das zuletzt publizierte Werk von Martin Roos eher bescheiden aus, was aber nicht heißen mag, dass es weniger bedeutsam ist. Es handelt sich um die Broschüre „Morisena. Tschanad / Csanád / Cenad / Čanad. Christlicher Glaube zwischen Ost und West“, die auch in einer ungarischen Fassung vorliegt. Format, Bindeart und Umfang (12 x 17 Zentimeter, broschiert, 40 Seiten) sind durch die Tatsache bedingt, dass die Publikation in der Reihe „Die Kleinen Kunstführer“ des Regensburger Verlags Schnell & Steiner erschienen ist. Die Kunstführer liefern einen fundierten Überblick über einzelne Kirchen, Klöster, Schlösser, Burgen, Kunstlandschaften, Städte und Museen im abendländischen Kulturraum und bilden als Sammlung, so steht es auf der Homepage des Verlags, „eine reich illustrierte topographische Bibliothek der Kunstschätze Europas“. Mit inzwischen mehr als 2900 erschienenen Titeln ist die 1934 begründete Reihe die umfassendste Kunstführerreihe in Europa. Im Jahr 2015 war in dieser renommierten Reihe bereits ein Kunstführer zur Wallfahrtskirche und dem ehemaligen Benediktinerkloster Maria Radna in sieben Sprachen erschienen.

Wodurch rechtfertigt sich die Aufnahme einer der Banater Gemeinde Tschanad gewidmeten Publikation in diese traditionsreiche Reihe, mag sich der eine oder andere, mit der Geschichte des Banats und der alten Diözese Tschanad weniger vertraute Leser fragen, zumal sich diese 4000-Einwohner-Gemeinde auf den ersten Blick von anderen vergleichbaren Orten dieses Landstrichs kaum abhebt. Die Antwort auf die Frage liefert der Autor selbst: „(…) mit Morisena/ Csanád kann es keine andere Ortschaft des gesamten Banats und darüber hinaus in den drei Schwesterdiözesen, die inzwischen aus dem alten Bistum Csanád – unter dem politischen Druck der Zeiten – hervorgegangen sind, aufnehmen. Csanád verdient es auf jeden Fall, dass man es mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt und ihm jene Bedeutung neidlos zukommen lässt, die ihm auch aufgrund seiner hervorragend dokumentierten historischen Vergangenheit – unabhängig von Sprache, Volkszugehörigkeit oder Konfession – schon längstens gebührt.“ Csanád sei, ist an anderer Stelle zu lesen, „weit und breit die einzige Ortschaft, die eine tausendjährige Glaubens- und Kulturgeschichte in hervorragender Weise sowohl in schriftlichen Dokumenten wie auch in steinernen Denkmälern belegbar aufzuweisen hat“.

Csanád, am linken Ufer der Marosch gelegen, diente von 1030 bis 1551, als es in die Hände der Osmanen gefallen ist, als Bischofs- und Komitatssitz. Die Bedeutung des Ortes in kirchlicher, kultureller, politischer, urbaner und militärischer Hinsicht beschränkte sich auf die ersten fünf Jahrhunderte seiner tausendjährigen Geschichte. Martin Roos nimmt jedoch nicht nur diese Zeitspanne in den Blick, sondern skizziert die gesamte, in vielerlei Hinsicht wechselhafte Geschichte des Ortes, der bis heute ein multiethnisches und multikonfessionelles Gepräge aufweist. Sinnfälliger Ausdruck dieser Buntheit ist zum einen der Titel des Büchleins, der neben der antiken Bezeichnung Morisena für das auf der Gemarkung der Gemeinde liegende römische castrum auf die verschiedensprachigen Ortsbezeichnungen hinweist, zum anderen das auf der vorderen Umschlagseite abgebildete Kirchenensemble. Das verbindende Element und gleichzeitig Kontinuitätslinie über die Jahrhunderte und Völkerschaften hinweg, die hier lebten und leben, ist der christliche Glaube in seiner östlichen und westlichen Ausformung. Auch das kommt bereits im Untertitel zum Ausdruck.

Als vorzüglichem Kenner der Banater Geschichte und versiertem Autor gelingt es Martin Roos, die Glaubens- und Kulturgeschichte der Ortschaft über ein Jahrtausend konzis und verständlich, strukturiert und kohärent darzustellen. Die Ausgestaltung des Führers mit brillanten aktuellen Bildern des Architekten Mihai Botescu, historischen Fotos und Faksimiles, Plänen und einer Karte der Diözese Csanád trägt dazu bei, dass Text und Illustration eine symbiotische Einheit bilden.

Über die Zeit vor der Gründung des Bistums zu Morisena/Marosvár durch König Stephan den Heiligen von Ungarn im Jahre 1030 erfährt der Leser nur, dass „die archäologischen Wurzeln der Ortschaft weit in das Dunkel der Vorzeit zurückreichen“, dass sich die mittelalterliche Festung auf einem alten römischen castrum erhob und dass Morisena die Residenz des Landesfürsten Achtum war. Die Gegend sei unter byzantinischem Einfluss gestanden, zumal Achtum um das Jahr 1000 zu Widin nach byzantinischem Ritus getauft worden war und griechische Mönche in Morisena ansiedelte, für die er ein Kloster errichtete.

In jeweils kurzen Abschnitten geht der Autor auf Bischof Gerhard, den ersten Oberhirten des neu errichteten Bistums, auf die Bistumsgeschichte selbst sowie auf die Festung und Stadt Csanád ein. Mit Gerhard sei „neben dem katholischen Glauben christlich-abendländische Kultur und Bildung in diese Gegend Südosteuropas“ gekommen. Zusammen mit einer Gruppe von Benediktinern habe er die Grundstruktur zu dem neuen Bistum gelegt, Pfarreien gegründet, Kirchen gebaut. In Csanád selbst seien kirchlich-kulturelle Institutionen wie Domkapitel, Schreibstube, Glaubwürdiger Ort (das damalige öffentliche Notariat), Domschule und Kloster geschaffen und die Kathedrale gebaut worden. Alt-bischof Roos beschreibt den heiligen Gerhard († 1046) als einen „Mann des Wortes wie der Schrift“. Sein philosophisch-theologisches Werk „Deliberatio“ sei „die erste und auf Jahrhunderte hinaus die einzige Arbeit dieser Art im gesamten pannonisch-südosteuropäischen Raum“ gewesen.

Die Stadt Csanád entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Städte im Südosten Ungarns: „Hier stiegen Könige und Heerführer ab, hier hielt man Reichstage ab und hier rief der hl. Johannes von Capestrano in seinen feurigen Predigten zur Verteidigung Europas gegen die muslimischen Türken auf.“ Angesichts der immer bedrohlicher werdenden Türkengefahr ließen der Bischof und das Domkapitel Csanád 1459 befestigen. Nachdem Festung und Stadt 1551 in die Hände der türkischen Osmanen gefallen waren, endete das bischöfliche Csanád und es „folgte ein lang andauernder Niedergang, der anderthalb Jahrhunderte währen sollte und fast das gesamte katholische Glaubensleben zum Erliegen brachte“. Aufschluss über die Bevölkerung der Stadt und die Festungsbesatzung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geben die vom Autor angeführten Ergebnisse der Konskriptionen von 1567 und 1679, die jeweils 80 Haushalte verzeichnen.

1685 in habsburgischen Besitz gekommen, besiegelte der Friede von Karlowitz (1699) endgültig das Schicksal des mittelalterlichen Csanád. Da die Marosch damals Staatsgrenze wurde, mussten links und rechts des Flusses die Festungen geschleift und die Gebäude aus Stein abgerissen werden. An diesen Arbeiten war auch der italienische Ingenieur Luigi Ferdinando Marsigli beteiligt, der unter anderem Zeichnungen von der Festung Csanád und ihren Steinbauten anfertigte, die sich bis heute in der Universitätsbibliothek zu Bologna erhalten haben. Das eindrucksvolle, von dem Piaristenpater, Sprachforscher und Universitätsprofessor Nikolaus Révai 1778 geschaffene Klagelied auf die Ruinen von Csanád findet sich in freier Übersetzung auf der vorderen Umschlagklappe. „Die Trümmer der mittelalterlichen Gebäude von Csanád liegen heute im Boden des historischen Zentrums der Ortschaft verstreut und ragen noch zum Teil auch daraus hervor“, so der Autor.

Ab Seite 17 widmet sich die Broschüre der Geschichte Tschanads „in neuerer Zeit“, das heißt ab 1716/18, als Temeswar und das Banat an den Kaiser fielen. Die Ortschaft büßte ihre vorosmanische Stellung als Bischofsresidenz zugunsten der Banater Hauptstadt Temeswar ein, doch „auch Tschanad wurde nicht ganz aufgegeben“. Bischof Adalbert von Falkenstein sorgte sich – wie der auf der rückwärtigen Umschlagklappe abgedruckte Erlass der Banater Landesadministration an den Mauteinnehmer zu Csanád von 1736 zeigt – um die mittelalterlichen Ruinen und hinterließ in seinem Testament 3000 Gulden zum Bau einer neuen Pfarrkirche. Diese wurde 1741 errichtet und war „nicht gerade bescheiden“. Noch stattlicher fiel der durch Bischof Alexander Bonnaz finanzierte Neubau der heutigen Pfarrkirche in den Jahren 1868-1870 aus. Der damalige Pfarrer Friedrich Killer „verfolgte das Ausheben der Fundamente mit besonderer Sorgfalt und barg dabei manchen archäologischen Fund, so den Steinsarkophag aus dem 11. Jahrhundert oder das Baptisterium aus der Anfangszeit der Christianisierung dieser Gegend“.

Das ethnische und konfessionelle Bild der Ortschaft war und ist vielfältig. Darauf deutet allein schon die Kapitelüberschrift „Verschiedene Völker – verschiedene Konfessionen“ hin. Neben den Serben und den Rumänen – Ungarn gab es zunächst kaum – ließen sich hier bereits 1745 die ersten deutschen Familien nieder, der Großteil kam jedoch erst während der spättheresianischen Ansiedlung in den Jahren 1764-1768. Infolgedessen entstanden zwei eigenständige Gemeinden: Deutsch-Tschanad und Raitzisch-Tschanad, die später zusammengelegt werden sollten. Die Serben und die Rumänen, beide orthodoxen Glaubens, bildeten bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine einzige Kirchengemeinde. Sie erbauten sich 1773 eine Kirche im Bauernbarock, die das ursprüngliche einfache Gotteshaus ersetzte. Nach der Trennung von den Serben errichtete die rumänisch-orthodoxe Gemeinde 1888 eine eigene Pfarrkirche. 1911 kam mit der griechisch-katholischen Kirche ein weiterer Sakralbau dazu.

Der Autor streift die Geschichte des Ortes bis in die Gegenwart, geht etwas näher auf die Geschichte von Deutsch-Tschanad ein, das einst über 3000 Seelen zählte und seine deutsche Bevölkerung nach und nach „fast bis auf den letzten Mann verloren hat“, und bezieht auch die nördlich der Marosch liegende Ortschaft Ungarisch-Tschanad (Magyarcsanád) in die Betrachtung mit ein.

Nach der Wende gewann Tschanad in religiöser Hinsicht an Bedeutung: Zum einen entwickelte es sich zum Wallfahrtsort, zu dem am 24. September, dem Hochfest des hl. Gerhard, Gläubige aus den drei aus der alten Diözese Csanád hervorgegangenen Bistümern Temeswar, Szeged-Csanád und Großbetschkerek pilgern. Vorgesehen sei auch, so Altbischof Roos, die Errichtung eines interdiözesanen Pilgerzentrums „Sankt Gerhard“ (Entwurf auf Seite 34). Zum anderen entstand hier ein orthodoxes Nonnenkloster namens „Mănăstirea Morisena“.

Angesichts seiner Bedeutung, die vom Autor zum Schluss noch einmal herausgestrichen wird, verdiene es Csanád, wie eingangs zitiert, „dass es mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt“. Dazu hat Altbischof Martin Roos selbst mit der vorliegenden, in einem deutschen Verlag und in einer renommierten Kunstführer-Reihe erschienenen Publikation einen wichtigen Beitrag geleistet.
   
Martin Roos: Morisena. Tschanad / Csanád / Cenad / Čanad. Christlicher Glaube zwischen Ost und West. Regensburg: Schnell & Steiner, 2019. 40 Seiten. ISBN 978-3-7954-7165-1. Preis: 3,50 Euro (Schnell, Kleine Kunstführer Nr. 2921)