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Banater Post

Forschungen zu deutschen Sprachinselmundarten

Anlässlich des 60. Jubiläums des Germanistik-Lehrstuhls an der West-Universität Temeswar fand im Oktober 2016 eine internationale Tagung zum Thema „Germanistik zwischen Regionalität und Internationalität“ statt. Mit Unterstützung des Forschungszentrums Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa an der Universität Regensburg, federführend von Prof. Dr. Hermann Scheuringer geleitet, gaben die beiden Temeswarer Germanistinnen Mihaela Şandor und Alwine Ivănescu 2019 einen Sammelband mit dem Titel „Deutsche Regionalsprachen in Mittel- und Südosteuropa“ heraus. Das 144-seitige Buch ist als Band 103 der Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft im Peter Lang Verlag erschienen und enthält einen Teil der Vorträge der Sektion „Deutsche Regionalsprachen – synchron und diachron/Namensforschung“. Diese war dem Gedenken an Peter Kottler gewidmet.

Hommage an den Germanisten Peter Kottler

Der Band wird mit einer umfassenden Würdigung des Germanisten Peter Kottler (1939-2013) eingeleitet. Hermann Scheuringer setzt mit seinem Beitrag „Peter Kottler – ein Gelehrtenleben für das Banat“ gleich einen Höhepunkt. Der österreichische Germanistikprofessor an der Universität Regensburg leitet das Forschungszentrum Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, unterstützt den oberösterreichichen Sprachatlas in Linz sowie die Sprachforschungen in Temeswar und seit 2006, zusammen mit dem Adalbert Stifter-Institut Linz, die Erforschung der Dialekte im Banater Bergland. Zusammen mit dem Bukarester Professor Ioan Lăzărescu gab Scheuringer 2007 den Band „Österreichisches Deutsch. Ein deutsch-rumänisches Wörterbuch“ heraus. Scheuringer zog Peter Kottler zu Feldforschungen in dessen Heimatort Fibisch, im Banater Bergland und im – heute serbischen – Werschetz heran.

In seinem Beitrag geht er dreigleisig vor, indem er an Peter Kottler als Mensch, Lehrer und Forscher erinnert. Dabei legt er alle Höhen und Tiefen offen und stellt die Fakten objektiv dar. Leben und Lehre ergänzen sich, während die Forschung sich auf viele Interessengebiete auffächert: Namensforschung, Banater deutsche Dialektologie, deutsche Sprachgeschichte und Sprachkontaktforschung (Interferenzen), die besonders für ein mehrsprachiges Gebiet wie das Banat relevant ist. Kottler war ein „Urgestein“ der Universität, er hat deren Werdegang miterlebt und geprägt. Er mied das Internet, erteilte aber dem Gast Privatvorträge über seinen Werdegang und die Banater deutsche Kultur. Scheuringer beschreibt diese drei Aspekte Kottlers möglichst vollständig und sachlich.

Sorin Gădeanu (Bukarest/Wien) erinnert sich an seinen „verehrten akademischen Lehrer“ Peter Kottler, dem er ein elogisches Plädoyer über zwei Seiten widmet: „Die Stunde Null der Banater Literatur, item Eine Hommage an Peter Kottler, Bürger der Statt und Vestung Temeswar“. Nach dem Anruf: „Ich suche einen Germanisten“, der althochdeutsche Ablautreihen fließend aufsagen kann, doch ebenso unbeirrt aus Goethes „Faust“ zitieren und den Text interpretieren kann, der mit Bertolt Brecht, aber auch mit den banatschwäbischen Mundarten bestens vertraut ist usw. usf., kommt Gădeanu zu dem Schluss, dass Kottler „der letzte dieser Art war“. Ja, unsere Generation hatte noch solche Universalisten. Nach Gădeanu war Kottler „eine wandelnde Enzyklopädie“, für seine Studenten ein Vorbild.

Recht ungewöhnlich erscheint der Beitragstitel Gădeanus: „Bürger der Statt und Vestung Temeswar“ (der eine alte Schriftlichkeitsepoche anmahnt) und dann die Fortsetzung des aktuellen Plädoyers mit einem recht ungewöhnlichen Text. Es handelt sich um den „Erstnachdruck des frühesten in der Österreichischen Nationalbibliothek auffindbaren Werkes über die Statt und Vestung Temeswar aus dem Jahre 1596“. Der Autor der Lobeshymne bezeichnet dieses Dokument als „Stunde Null der Banater Literatur“ und wünscht seinem verehrten Lehrer Peter Kottler, dass dessen Werke „die Zeit genauso gut wie dieses Referenzwerk überstehen“ mögen.

Adina Lucia Nistor (Jassy) untersucht die „Etymologie und Geografie des Familiennamens Kottler in Deutschland und im rumänischen Banat“. Aufgrund einer elektronischen Datenbankabfrage von Telefonbüchern ermittelte die Autorin, dass der Name Kottler einmal in Temeswar vorkommt und in der Form Kotlar 15-mal in den Kreisen Temesch, Bihor, Bistritz-Nassod und Maramuresch erscheint. In Deutschland lebten laut Telefonanschlüssen 382 Personen namens Kottler, hauptsächlich in Schwaben, Baden und Hessen. Der Name kommt von mhd. kota, kote und bedeutet besitzloser Bauer, Tagelöhner. Die Variante Kuttler, Küttler, aus mhd. Kuttel 'Eingeweide', also Kaldaunenwäscher oder Schlachter, erscheint im Mitteldeutschen, also im Elbostfälischen und Obersächsischen. Das Deutsche Wörterbuch differenziert die Wortbedeutung: 1. Fleischer (Verkäufer von Kutteln), 2. seit dem 15. Jahrhundert auch Wurstmacher, 3. Verwalter des Kuttelhofs, des Schlachthofes. Im Ostmitteldeutschen ist das Wort auch eingedeutscht aus Kotlar 'Kesselschmidt', aus poln. kotlina 'Kessel'. In Hatzfeld kommt zudem die Etymologie aus serb. kotlar 'Kesselschmidt' in Frage. Die Vorfahren unseres Peter Kottler stammen vermutlich aus dem schwäbischen Württemberg und nahmen im Banat die rheinfränkische Mundart an, die sich aus mehreren Gründen wie Verständlichkeit, Häufigkeit usw. dort durchsetzte.

Beiträge zur Mundartgrammatik

Beiträge zur Mundartgrammatik sind heute eine Art Modeuntersuchung geworden. Davon wurden in den Band drei Texte aufgenommen.

Mihaela Şandor (Temeswar) untersucht in ihrem Beitrag „'Alles derfscht mache, nor derwische losse net!' Das verbale Präfix der- in den Banater deutschen Mundarten“. Wir erfahren, dass die Materialsammlung für das „Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten“ vor sechzig Jahren begonnen hat und dass der erste Band (A-C) im Frühjahr 2013 erschienen ist. Gegenwärtig wird am zweiten Band gearbeitet; aus dem Material entstehen so langsam Wortartikel. Die Autorin bearbeitet die Wortstrecke „dementsprechend – diesig“. Dabei fiel ihr auf, dass die „der-Verben“ nicht nur erwartungsgemäß in bairischen (33 Verben), sondern auch in süd- und ostfränkischen (22 Verben) sowie in rheinfränkischen Mundarten mit bairischen Elementen (8 Verben) auftreten. Am verbreitetsten sind die Verbderlebenen derwischen (103 Wort-/95 Satzbelege aus den 158 erfassten Ortschaften), derschlagen und derleben. (Kürzlich erschien auch die Studie „Doppelte Perfektbildungen in den Banater deutschen Mundarten“ von Mihaela Şandor als Beiheft Bd. 174 der Zeitschrift für Dialektologie und Linquistik.)

Alwine Ivănescu (Temeswar) beschäftigt sich mit den da(r)-Pronominaladverbien in den Banater deutschen Mundarten. Die Autorin untersucht Beispiele aus den Aufnahmen in banatschwäbischen Dialekten, aber auch aus der Banater Mundartliteratur, entsprechend dem Korpus für das geplante „Banater Wörterbuch“. Bekanntlich enthält der Temeswarer „Zettelkasten“ rund 350000 Belege, doch häufig nur wiederholte Wortformen ohne Satzbelege, und die sind nicht aussagekräftig. Die Banater Pronominaladverbien sind vielfältig: einfach (da[r] + Präposition, drbei, drfor, drgeje), kurze Verdoppelungen (dodrgeje, derdriwwert), Distanzverdoppelungen (do kann ich nix derfor) und kurze Verdreifachungen (doderdriwwert). Ihre Verwendung als verschiedene Satzglieder ist syntaktisch wichtig, doch im Wortschatz sekundär.

In einem weiteren Beitrag untersucht Karin Dittrich (Temeswar) „Die Morphologie der deutschen Stadtsprache von Temeswar in Hans Mokkas Märchen“. Bekanntlich ist die Temeswarer deutsche Stadtsprache ein Ableger des Altwienerischen, mit Einflüssen der bairisch-österreichischen Vorstadtdialekte Temeswars. Die Beispiele stammen aus Mokkas Sammelband „Traumhansl und Traumlieschen. Märchen und Volkserzählungen aus Temeswar“ (1985). Auffallende Besonderheiten sind z. B. Substantive mit anderem Genus als in der Standardsprache (der Polsta, das Kittl); die Pluralendung -s (die Bengls, Lehras) bzw. -a (die Beima, Pferda). Mokka erzählt im Perfekt: Die Leit habn ihm alle etwas gebn. Die Flexionsendungen sind reduziert: Lieba arbeit ich und spiel Harmonika. Enklitisches -s in der Konjugation ist eine Besonderheit der bairischen Mundarten: Und schauts her, der Heinrich hats kennan. Der Konjunktiv II wird mit mögen, können, sein oder tun gebildet: als mecht er nachdenkn. Das Altwienerische widerspiegelt sich in allen Verkehrssprachen der altösterreichischen Provinzstädte (auch Esseg, Pressburg, Altofen, Lugosch), während das Reschitzaerische die Dialekte aller Einwanderer aus der Österreichisch-Ungarischen Monarchie widerspiegelt.

Fünf weitere Beiträge behandeln verschiedene Fragen der deutschen Sprachinselmundarten. Koloman Brenner (Budapest) untersucht bairische Vokaltypen der Dialektform in Brennberg (Westungarn). Doris Sava (Hermannstadt) dokumentiert die frühneuhochdeutsche institutionelle Schriftlichkeit in Siebenbürgen, während Ileana-Maria Ratcu (Bukarest) auf die Sprache Bistritzer Teilungsprotokolle/Teilbriefe (den Testamenten ähnlich, umfassen Verzeichnisse der Vermögensgegenstände) aus dem 16. Jahrhundert eingeht. Im Fokus der Beitrags von Anna Just (Warschau) steht die Frage nach slawischen Einflüssen auf das Deutsche in Niederschlesien im 17. Jahrhundert. Und schließlich widmet sich Mihai Crudu (Suczawa) der Untersuchung ausgewählter Unikalia (Wörter, die sich im Sprachsystem isoliert haben und nur noch in festen Wortverbindungen erhalten geblieben sind) beziehungsweise ihrer enstprechenden Phraseme, wobei im Mittelpunkt des Interesses ihre diatopische Markierung in der Gegenwartssprache steht. Also insgesamt deutsche Sprachinseln in Ungarn, Polen und Rumänien.

Persönliche Erinnerungen an Peter Kottler

Um auf Peter Kottler zurückzukommen, kann ich als sein Studienkollege die Aussagen Scheuringers bestätigen.

1. Leben: Peter Kottler ist 1939 im dreisprachigen Dorf Fibisch geboren. Der Vater war Kleinbauer und Schuster, seine Vorfahren Schwaben. Die soziale Herkunft bedingte damals den geraden Lebensweg: Grundschule in Fibisch und im benachbarten Blumenthal, Lenaulyzeum in Temeswar, Studium an der neuen Philologischen Fakultät ebenda, danach Assistent und später Lektor am Germanistiklehrstuhl, bis zur Rente 2004 und auch danach. Nach 1989 war er zwei Jahre Lehrstuhlleiter. Die Eltern kauften 1960 ein Haus im Vorort Ronatz, wo die Familie wohnte.

Doch es gab auch Abweichungen vom geraden Lebensweg: Kottler heiratete eine rumänische (orthodoxe) Kollegin, das Doktorat bei Prof. Stefan Binder (und somit die Beförderung zum Professor) wurde nicht vollendet, alle drei Kinder gingen 1990 nach Deutschland, doch die Eltern blieben in der Heimatstadt und in der Gemeinschaft.

2. Lehre: Kottlers Unterrichtsschema war vielseitig: von Brecht-Interpretationen, deutscher Sprachgeschichte, deutscher Dialektologie (ab 1969) und Namensforschung zur Sprachkontaktforschung, morphologisch-syntaktischen Interferenzen und Spracherziehung (26 Folgen im „Neuen Weg“ und viele wirksame Vorträge).

3. Forschung: Schon bei der Gründung des Germanistiklehrstuhls 1956 legte dessen Leiter Prof. Binder die Forschungsziele fest: die Banater deutschen Mundarten und Literatur. Später kamen Namensforschung und sprachliche Kontaktforschung dazu. Die Banater deutsche Mundartforschung wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts betrieben. In neuerer Zeit traten Hans Hagel, Erich Lammert und Anton Peter Petri hervor. Vom Lehrstuhl beteiligten sich an der Mundartforschung Stefan Binder, Hans Weresch, Johann Wolf und Maria Pechtol. Ihnen schloss sich Peter Kottler an, dem Ileana Irimescu, Alwine Ivănescu, Eveline Hâncu und Mihaela Şandor zur Seite standen beziehungsweise folgten. Allerdings war die wissenschaftliche Arbeit nur ein Ausläufer der sozialistischen Triade Unterricht –  Forschung – Praxis, demnach eine Fleißarbeit, obwohl das studentische Praktikum auch Feldforschungen und Bearbeitung des Mundartkorpus ermöglichte. Dass der erste Wörterbuchband (A-C) erst nach 60 Jahren, Anfang 2013, in München erscheinen konnte, mag an Kottlers mangelnder Zielstrebigkeit, aber auch an der allgemeinen Geringschätzung lexikografischer Arbeit liegen. (Nicht einmal das rumänische Banater Mundartwörterbuch wurde abgeschlossen, weshalb also ein deutsches. Und im Gegensatz zu Ungarn oder Serbien hat Rumänien, trotz jahrzehntelanger Forschungsarbeit, kein etymologisches Wörterbuch veröffentlicht, was Bände spricht.) Die jungen Kräfte (die alle eine Banater deutsche Mundart kennen) würden gerne weiterarbeiten, doch es fehlt die Anleitung und Förderung. Hervorzuheben sind dennoch die 30 Seiten der Einführung Kottlers über die fünf Gruppen der 158 Banater Ortsmundarten, der umfangreiche Beleg-Zettelkasten und die knapp 200 Diplomarbeiten über sprachkundliche Themen. Zu erwähnen sind auch Kottlers Vorträge zu sprachkundlichen Themen und seine rege Mitarbeit im Rat des Deutschen Staatstheaters, im Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis, in der deutschen Presse und am deutschen Rundfunk Rumäniens. Durch solche Verzettelung litt seine wissenschaftliche Arbeit und auch seine Gesundheit; er ist mit nur 74 Jahren gestorben.

Rückblickend würde ich meinen Studienkollegen Peter Kottler mit unserem bewunderten Universalgelehrten Dr. Johann Wolf vergleichen, der uns seine pädagogischen Erfahrungen und seine Wertschätzung für Goethes „Faust“ vermittelte. Ich wohnte drei Jahre mit Peter im selben Internatszimmer. Alle sechs Insassen bereiteten die nächsten Seminare bis abends um elf Uhr im Lesesaal vor, da wir wegen fehlender Bücher und Vorlesungen die paar Exemplare ständig weiterreichen und „diagonal“ lesen mussten. Danach nahmen wir noch im Schlafzimmer ein kleine Stärkung ein, wobei jeder mit dem beitrug, was er von zu Hause mitgebracht hatte. Gesättigt und tagesmüde legten wir uns schlafen, nur Kottler stieg wieder in den Lesesaal hinab, wo er noch über einem Satz von Brecht, Goethe oder Shakespeare brütete. Am nächsten Morgen hieß es rasch frühstücken und zügiger Abmarsch zur Vorlesung. Kottler verschlief, versäumte das Frühstück und hetzte hungrig zum Pädagogischen Institut, Vorläufer der heutigen Universität. Später blieb er ohne Doktorat lebenslang Lektor und musste die Lehrstuhlleitung 1992 abgeben, während Johann Wolf nicht Professor werden durfte und sich ebenfalls als Lektor pensionierte, weil sein Wiener Doktorat dem Professorenrat der Universität nicht entsprechend war und das Gremium Wolfs Antrag auf Beförderung deshalb zurückwies.

Mihaela Şandor / Alwine Ivănescu (Hrsg.): Deutsche Regionalsprachen in Mittel- und Südosteuropa (Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft, Band 103). Berlin: Peter Lang, 2019. 144 Seiten. ISBN 978-3-631-76853-2. Preis: 38,95 Euro