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Banater Post

Die Marosch als Gleichnis

Der Schriftsteller Franz Heinz bei einer Lesung im Haus des Deutschen Ostens München. Foto: Walther Konschitzky

Sehnsuchtsorte – jeder hat sie, mindestens einen. Auch der Publizist und Schriftsteller Franz Heinz. Einen meinen wir zu kennen: die Marosch. Von Osten kommend, nach Westen ziehend, liegen Perjamosch und Periam Port, sein früher Erlebnisraum. Der Fluss und die Orte am Nordrand der Schwäbischen Heide finden oft Erwähnung in seinem publizistischen Werk. Orte des Erinnerns sind ein Segen, auf sie lässt sich vieles, beinahe alles beziehen; Erfülltes und Versäumtes wird auf sie projiziert, Erwartetes und Zukommendes wird an Momenten und Situationen gemessen, die man in ihrem Umfeld erlebt hat.

Was ist es, dass dieser Fluss Franz Heinz immer wieder veranlasst hat und heute noch drängt, über ihn zu reflektieren und die Lebensräume entlang seines Ufers zu ergründen – und darüber zu schreiben? Was hat er in neun Jahrzehnten nicht alles erlebt und erfahren, das mit den Landschaften zu tun hat, die der Fluss durchzieht! Meist gehen schmerzhafte, seltener erfreuliche Erfahrungen auf historisches Geschehen und Grenzziehungen zurück, die mal eine der hier siedelnden Gruppen, mal eine andere verletzte, mal für beide Seiten unzumutbare Nachbarschaften oder aufgezwungene Zugehörigkeiten beschert haben. Ob Franz Heinz über Siebenbürgen, das er gut kennt, oder über Banater Landschaften schreibt, weisen seine positiven Erkenntnisse auf ein im Alltag gewachsenes respektvolles Miteinander hin, seine negativen Schlussfolgerungen dagegen auf von oben gesteuerte politische und gesellschaftliche Zwänge. Nicht minder, aber auch auf die dauerhaft schmerzvollen Folgen der Weltkriege, in der eigenen Familie wie im Leben seiner Gruppe: Kriegsopfer, Flucht in den Westen, Deportation, Enteignung, Entrechtung, angespanntes Ringen um das Überleben als ethnische Gruppe, Entfremdung, Auswanderung, Heimatsuche. Über all das schreibt Franz Heinz seit sechs Jahrzehnten in literarischen Texten und in nahezu allen publizistischen Genres: in Erinnerungsberichten, Reportagen, Kommentaren, Porträts oder Glossen. Er hat berichtet, kommentiert und Stellung bezogen – für seine Landsleute.

Über den Publizisten Franz Heinz schreiben, ist nicht leicht, und in aller Kürze schon gar nicht. Wie aufmerksam ich auch in seinen Büchern blättere, innehalte, dies und jenes notiere – nichts erweist sich mir als Anknüpfungspunkt wesentlicher als gemeinsam Erlebtes und seine Selbstaussagen, die er hin und wieder über seinen Lebensweg gemacht hat. Was er da sagt, eröffnet einen tiefen Einblick in seine eigene und in die Geschichte der Banater Schwaben im 20. Jahrhundert. Darin spiegelt sich jenes Bild, das uns nur schwer gelingt, wenn wir ihn so darstellen wollen, wie wir ihn kennen und erleben: als einen, der Wesentliches zu sagen hat, und dies auch sagt. Jedem verständlich, anschaulich, kurz.

Beruf und Berufung

Franz Heinz schreibt, wie es seinem Lebens- und Weltverständnis gemäß zu sein hat. In klaren Formulierungen und einprägsamen Bildern. Das fällt dem Schriftsteller in seinen Kurzgeschichten sogar noch leichter als dem Journalisten und Essayisten in analytischer Betrachtung. Er hat den Journalismus vielleicht nicht als Berufung, aber als ein optimales Wirkungsfeld erkannt und ihn – nach dem Umweg über ein durch den Krieg unterbrochenes Gymnasium, nach Flucht, Heimkehr, nach langer Dienstzeit als Arbeitssoldat in der rumänischen Armee und dem zwingenden Broterwerb als Landarbeiter und Bäcker – als seinen Beruf gewählt. Dabei traf das Wort von der Berufung auf ihn sicher zu, und ebenso sicher waren seine schon viel früher einsetzenden literarischen Versuche alles andere als zufällig.

Es war 1959, als mein Banknachbar in der heutigen Lenauschule mir einige der frühen Gedichte eines gewissen Franz Heinz zu lesen gab: Es waren einfühlsame Stimmungsbilder, die von einem tiefen Erleben der Natur sprachen. Es sollten nur wenige Jahre vergehen, da lernte ich als Student Franz Heinz kennen, und 1967 wurde ich sein Kollege bei der Tageszeitung „Neuer Weg“. Und wieder einige Jahre später waren wir gemeinsam unterwegs durch drei Banater Landschaften: 1970 in der Banater Heide auf der Suche nach den schönsten schwäbischen Bauerngiebeln zu einer Reportage für den Almanach 1971, in der Arader Gegend jenseits der Marosch für den Almanach 1972 und ein Jahr später in den Dörfern der Bergsau mit einem unvergesslichen Aufenthalt bei dem bejahrten Dichter Peter Barth in Blumenthal. Drei Sommerreisen, die ich heute immer noch als prägende Lehrstunden in Sachen Journalismus wie auch landes- und heimatkundlicher Dokumentation betrachte.

Ähnlich haben auch andere Kollegen seine fördernde Begleitung ihrer Arbeit in der Anfangszeit bei dieser Zeitung erlebt: beileibe nicht als gezielte Schulung, die Wirkung ergab sich vielmehr im Erkennen seiner freundlichen Art der Begegnung und des respektvollen Gesprächs mit Menschen, seiner Neugier, seiner Beobachtungsgabe. Wie er recherchierte, wie er Erfahrenes wog und wertete und das Festgehaltene in wohlüberlegte Worte fassen und in druckreife Texte umsetzen konnte, die sich flüssig und leicht lasen – all das verfehlte seine Wirkung auch bei seinen Kollegen nicht. Es zeichnete ihn aus, ebenso sein Wissensdrang und Fleiß, etwa dass er in seiner Zeit beim „Neuen Weg“ neben den redaktionellen Verpflichtungen sowohl sein unterbrochenes Gymnasium mit der Matura und auch ein Studium der Geschichte und Erdkunde abschloss. Im Vordergrund stand jedoch seine publizistische Arbeit. In seinen Berichten, Reportagen oder Interviews bot er neben handfester aktueller Information, wo immer es ging, auch erhellende Einblicke über den Hergang und den Hintergrund des dargestellten Geschehens, stellte Fragen nach dem Warum, ebenso aber auch zum Umgang mit aufgetretenen Problemen und erkannten Aufgaben wie auch zu Chancen und Möglichkeiten ihrer Lösung. Bei der Sicherstellung belegbarer Informationen und ihrer verantwortungsvollen Weitergabe leitete ihn ein feines Gespür für das, was seine Leserschaft bewegt, was sie vermisst, welches ihre berechtigten Fragen und Erwartungen sind. Er versuchte diesem Anspruch gerecht zu werden.

Franz Heinz hat über viele Menschen und ihr Wirken, meist aus den Bereichen Kultur und Kunst, geschrieben, ebenso über Ausstellungen, Konzerte und Bücher, über herausragende Veranstaltungen wie über Volksfeste, über besinnliche Anlässe wie über Spektakel. Die Welt der Kunst hat ihn fasziniert und der Umgang mit Künstlern fand in fachkundigen Auseinandersetzungen wie auch in der redaktionellen Aufbereitung der Lebenserinnerungen des Malers Franz Ferch seinen Niederschlag. Insbesondere Ferch, den er von der Marosch her gut kannte, hat er sich über Jahre intensiv gewidmet, und dessen Werk beschäftigt ihn noch heute. Er hat aber auch über zwei weitere Künstler von der Marosch geschrieben – über seine Freunde Franz Gillich und Walter Andreas Kirchner. In seinen Veröffentlichungen hat er das Wirken mehrerer in jener Zeit tätigen Kulturschaffenden mit der gleichen Zuwendung und Kompetenz bekannt gemacht, wie er beinahe vergessenen wieder die gebührende Aufmerksamkeit und Wertschätzung zukommen ließ. So hat er nicht allein das Profil der Kulturbeilage des „Neuen Wegs“, auch als zeitweiliger Leiter des Feuilletons, mitgeprägt, sondern die Kulturbetrachtung insgesamt bereichert und Akzente, vielleicht sogar Maßstäbe in der Bewertung von Überlieferungen und aktuellen kulturellen Äußerungen in professionellen Institutionen wie auch innerhalb der Laienkultur gesetzt.

So zählte er zu jenen Banater Kollegen in der Bukarester Redaktion, die der Initiative zum Sammeln des sprachlichen deutschen Volksgutes zum Durchbruch verhalfen. Die Umsetzung eines solchen Unterfangens nannte er geradezu als dringliche Aufgabe, von deren Erfolg er überzeugt war. Franz Heinz sollte Recht behalten: Bereits nach wenigen Wochen trafen so viele Aufzeichnungen ein, dass auch Helga Höfer zur Sichtung der Einsendungen herangezogen wurde, und Emmerich Reichrath deren Veröffentlichung in der Kulturbeilage übernommen und über Jahre als Serie „Banater Volksgut“ beibehalten hat.

Neuerungen und Umorientierungen, die nach dem Krieg zur Fortführung der eigenen Kultur gefunden werden mussten, hat er nicht nur befürwortet, sondern auch angeregt oder ihnen zum Durchbruch verholfen. Seit Anfang der 1950er und verstärkt in den 1960er Jahren konnten insbesondere aufgrund der Bemühungen der deutschsprachigen Medien wesentliche Traditionen in vertretbarer Weise wieder aufgenommen werden. In diesem Prozess der vorangehenden Begründung vor den Behörden, der Neubewertung in Publikationen und der Gestaltung draußen in der Landschaft hat Franz Heinz Verantwortung übernommen und sich in der Auseinandersetzung über die Rolle der Kultur und Traditionspflege um den Fortbestand der Kultur der deutschen Minderheit im andersnationalen Umfeld und unter eingeschränkten gesellschaftpolitischen Rahmenbedingungen eingesetzt. Was er sagen wollte, hat jeder verstanden, wenngleich manches nur zwischen den Zeilen gelesen werden konnte. Er wusste sich im Konsens mit vielen.

Zeichen bewahrter Zugehörigkeit

Fünfzehn Jahre war Franz Heinz als Publizist in Rumänien tätig, und noch viel länger nach seiner Aussiedlung in Redaktionen im Westen Deutschlands: zwischen 1977 und 1990 als Redakteur des Pressedienstes „Kulturpolitische Korrespondenz“, verantwortlich für das Ressort Literatur und Kunst, wo auch zahlreiche Autoren und Künstler aus dem Banat und Siebenbürgen zu Wort kamen, 1984-1990 als Chefredakteur der Zeitschrift „Der gemeinsame Weg“, 1990-2012 als Verantwortlicher Redakteur der Zeitschriften „Kulturspiegel“ bzw. „Kultur-Report“. Viele Jahre war er Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks. Es spricht für ihn, dass er neben den Belangen aller ost- und südostdeutschen Gruppen, die diese Medien vertraten, seinen Banater Landsleuten in besonderer Weise verbunden blieb.

Für diese erwiesen sich seit den 1980er Jahren verstärkt und nach dem massenhaften Exodus 1990/91 viele rasche Entscheidungen als nötig, um unter den neuen Gegebenheiten Strategien zu einem selbstbestimmten Leben und Wirtschaften zu entwickeln. Heinz hat diese Bemühungen zur Integration schreibend unterstützt und sich in der Zeit vehementer öffentlicher Auseinandersetzungen über die Zuwanderung von Deutschen aus dem Osten und Südosten Ende der 1980er Jahre nicht allein in seinem ebenso anrührenden wie bissigen Pamphlet „Sagen wir, aus Freundschaft. Entschuldigungen eines Aussiedlers“, erschienen im Herbst 1989 in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“, hinter seine Landsleute gestellt. Sein Beitrag, dem wir ein kurzes Zitat entnehmen, wurde von zahlreichen Publikationen übernommen:

Entschuldigen Sie bitte, dass wir jede Arbeit annehmen… Wir haben Jahrzehnte der Zwangsarbeit im Donbas und im Bărăgan, im Ural und in der kasachischen Steppe hinter uns. Haben Sie Verständnis dafür, wenn wir es nicht entwürdigend finden, heute am Rhein jede Arbeit zu tun… Wir bitten um Nachsicht, dass unsere Kinder auch für Sie arbeiten werden, wenn Sie Rentenempfänger geworden sind… Wir kosten Sie viel Geld, das ist schlimm, vielleicht sogar das Schlimmste… Mit dem Geld, das Sie für uns ausgeben, könnten Sie ein noch größeres Rathaus für eine noch mehr schrumpfende Stadt errichten... Betrachten Sie uns deshalb als Investition. Rechnen Sie uns durch, das bringt menschlich näher. Addieren Sie unsere Arbeitskraft und unsere Konsumfreudigkeit zu unseren Steuern, schlagen Sie den Gehorsam und die Friedfertigkeit dazu als konstante Größen. Denn wir haben sonst nichts im Sinn als dieses Land und das Himmelreich.

Es war ein hartes Wort zur rechten Zeit, auch wenn mancher Funktionär, selbst aus den eigenen Reihen, es ihm übel genommen hat. Es war die entschiedene Wortmeldung eines Betroffenen im Namen vieler verletzten Seelen in der Zeit, als in Deutschland noch zu hören war „Aussiedler raus“, es war sein Aufruf zu Selbstachtung und Selbstbewusstsein, und das bedeutete für viele eine Bestärkung.
Dennoch ist Franz Heinz nicht einer, der sich vor allem, was „Heimat“ und „Herkunft“ umschreiben, verneigt. Er hinterfragt und gestaltet mit, wenn es darum geht, jenem Banater Kulturerbe, das er als lebens- und zukunftsfähig erachtet, Raum und Sinn zu geben. Und so bemüht er sich vordergründig zunächst um die Rekonstruktion von Erscheinungsbildern, die einst Geltung hatten und unser Werden mitbestimmt haben. Auch darum, Werte aus ihrer Anonymität herausheben, die wir noch besitzen, aber abgelegt haben oder unerkannt unserem Blickfeld entschwunden sind. Sie zu beschreiben, auf ihre ehemalige Funktion hinzuweisen und Möglichkeiten einer neuen Nutzung aufzuzeigen, das war ihm stets ein Anliegen.

In Texten über das Banat und über seinen Herkunftsort begegnen wir nicht selten den Wörtern „mein“ und „unser“. Sie stehen aber, wie ich meine, nicht für Besitz, vielmehr als Ausdruck der bewahrten Erkenntnis seiner Zugehörigkeit zu einem Raum, den er sich Stück um Stück selbst erschlossen und über Jahrzehnte hin ausgeformt hat. Es ist seine Teilhabe an einer Landschaft, und es lag ihm stets viel daran, sie in einem stimmigen, unverwechselbaren Gesamtbild in die Öffentlichkeit zu tragen. Dazu bietet sich ein noch ausstehender Band ausgewählter Texte mit Banater Bezug jetzt geradezu an, und seine Marosch und sein Perjamosch würden darin einen herausragenden Platz einnehmen.

Die Marosch also, das große Gleichnis, das sich beim Betrachten des Flusses am Scharfen Eck aufdrängt: Aus dem Osten kommt er, nach Westen zieht er, und dazwischen liegt der frühe Erlebnisraum des Publizisten und Schriftstellers. – Sehnsuchtsort? Schicksalsort? Von ihm kommt er nie los. Und so wünschen wir Franz Heinz heute, am Vorabend seines 90. Geburtstags – dem Gleichnis Marosch folgend –, dass ihm zwischen Kommen und Gehen im flüchtigen Raum des Bleibens noch viele Jahre und die Kraft vergönnt sein mögen, um seine geistige Heimat weiter in Bilder zu fassen und hinauszutragen in die Welt.