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Banater Post

Zur Handballtradition einer Kleinstadt

Eine Neuerscheinung zur Sportgeschichte von Großsanktnikolaus

In dem halben Jahrhundert „Sozialismus“ im Banat mit dem schmalen Angebot an interessantem Lesestoff und sehr eingeschränkter Mobilität zählte die Sportberichterstattung zu den beliebten Lektüren, auch weil da oft überraschend frei kritisiert wurde. Für die Zeitungen brachte der Sport Volks- bzw. Lesernähe. Dieser Aspekt widerspiegelt sich sehr deutlich in den zwei jüngst im Banat erschienenen Sport-Büchern, eines über die Handball-Tradition in Großsanktnikolaus und Umgebung, das wir hier vorstellen, und ein weiteres über „Die Hatzfelder Sportbewegung seit Beginn des 19. Jahrhunderts“.

Anlass oder Gelegenheit zur Herausgabe und öffentlichen Vorstellung des Handball-Buches in Großsanktnikolaus  war ein hochkarätiges internationales Frauenhandball-Match, das in der Stadt im August dieses Jahres ausgetragen wurde. Weil unter Zeitdruck abgeschlossen, ist manches im Buch nicht so geworden, wie es sich das Autorenteam und die Stadtväter vorgestellt hatten. Aber viele Sportfreunde werden die immerhin 230 Seiten starke Veröffentlichung von Hauptautor Flavius Buda, einem Semikloscher Fußbal-ler (!), gern zur Hand nehmen, denn es wurde hier vieles an Informationen und Entwicklungen im Sportleben festgehalten, was sonst schnell dem Vergessen anheimgefallen wäre. Richtige Kenner und „Drucker“ hätten – wie bei Spielkommentaren – vieles anders oder besser gemacht, eine andere „Aufstellung“ (Struktur) gewählt, aber die meisten dürften nach „Spielschluss“ (Leseschluss) sagen, dass das nächste Buch oder die ergänzte, verbesserte Auflage gründlicher und vollständiger sein wird. Vor allem, wenn die Zuarbeit seitens der Sportfreunde besser wird. Gut, dass es dieses Buch gibt, zumal eines über den Fußball schon erstellt wurde.

Die Einführung – Banat, Handball, Leidenschaft – passt zum Titel: „Nostalgii pe semicerc la Sânnicolau Mare“. Geschrieben hat sie Felix C. Matei, der emotional verbunden Zeugnis ablegt: aus dem Blick des passionierten Jungen über die Gründungsanfänge des Handballs in Sieben in Marienfeld 1974 und Großsanktnikolaus 1975, dann die Erinnerungen des Aktiven bzw. Erwachsenen an den Aufstieg und die Höhepunkte des Handballsports in der Stadt – die Zeit in der obersten und zweiten Landesliga. Die wichtig eingeschätzten Pipatsch-Pokalspiele sind miterfasst, denn Felix C. Matei stuft sie zu Recht als eine Art Banater Handballmeisterschaft ein.

Vorangestellt ist ein weiterer kurzer Text des wichtigen Mitarbeiters, langjährigen Handball-Managers und Organisators Tiberiu Muntean. Er weist auf die Ziele der Arbeit hin: ein Erinnerungs- und Gedenkbuch, eine Würdigung von Leistungen für den Sport, die Stadt und die Gemeinschaft. An den Anfang der erwähnten Namen stellt er die Weltklasse-Spielerin Dr. Irene Günther-Kinn aus der Zeit des Handballs in Elf.

Ein kurzes Vorwort verfasste Bürgermeister Dănuţ Groza, ein Förderer des Sports und auch dieser Dokumentation, die in einigen Teilen erfreulicherweise über die Stadt hinaus geht. Und er dankt allen, die mitgewirkt haben, die Handball-Fahne und Tradition hoch zu halten.

Einführend gedacht ist auch der kurze, geraffte Teil über die Geschichte des Handballs in Rumänien und im Banat, mit Bezügen zu frühen Handballerfolgen in den 1950er Jahren im nahen Hatzfeld und in Perjamosch.

Bevor das Hauptthema Handball in Großsanktnikolaus ausführlich behandelt wird, stellen die Autoren erfolgreiche Spitzenspieler vor und kurz die ehemaligen Handballmannschaften aus der Umgebung, von Billed über Gertianosch (Foto Frauen 1949!), die Erst-Ligisten Hatzfeld, Lovrin und Bogarosch bis nach Lenauheim, Tschanad und Wiseschdia. Begründet und dokumentiert steht die zweifache rumänische Weltmeisterin (1956 mit 21 und 1960), die gebürtige Tschanaderin Irene Günther (1935-1986), in Wort und Bildern ganz vorne. Die Lenau-Schülerin und spätere Temeswarer Medizinstudentin war vor ihrer Ausreise nach Deutschland Ärztin in Großsanktnikolaus. Etwas ausführlicher wird dann noch über Marienfeld berichtet und den Weltstar und Torschützenkönig in der Handball-Bundesliga Hansi Schmidt (geboren 1942).

Ab Seite 49 geht es dann zur eigentlichen Hauptsache: Handball in Großsanktnikolaus, gegliedert in zwei Hauptkapitel, Männer- und Frauen-Handball. Anhand von Texten, Zeitungs- und Spielberichten, vielen Fotos sowie Wertungen und Tabellen wird das Handballgeschehen nachvollzogen, für manchen
Leser unter Umständen dort überlastet, wo es um Platzierungen und Spieltag-Ergebnisse innerhalb der jeweiligen Liga beziehungsweise Kreismeisterschaft geht oder bei Pokalspielen. Für die Chronisten und Fans sind es sicherlich wichtige Angaben.

Der Nachkriegs-Großfeldhandball hatte seine Anfänge in Semiklosch im Jahr 1951, sowohl die Fußball- als auch die Handball-Elf spielten anfangs unter dem gleichen Klub-namen „Progresul“. Das früheste reproduzierte Mannschaftsbild zeigt auf Seite 49, dass Handball auch hier, wie meist im Banat, weitgehend und über lange Zeit eine schwäbische Sache war, auch bei der Nachfolgemannschaft „Unirea“ bzw. noch später „Comerţul“ (ab 1975). Fest-gehalten sind auch die Spiele mit ausländischen Mannschaften, die nach der Wende möglich wurden.

In den Fünfzigern existierte im Ort auch eine Frauen-Elf, aber in das Banater Wettkampfgeschehen griffen die Handballerinnen der Stadt erst durch die Mannschaft des Lyzeums Anfang der 70er Jahre ein. Auch hier viele Bilder, viele Namen und verdienstvolle Trainer und Manager. Porträts von Spielerinnen und Spielern sowie Erinnerungen sind mit aufgenommen. Gerade die abschließenden Teile der Hauptkapitel belegen den enormen Wandel im Handballgeschehen der Stadt.