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Banater Post

Dorfidylle und Provisorium

Hans, Misch und Anna sind drei Jugendfreunde, die nachts angetrunken durch die Banater Dörfer radeln. Mit jugendlichem Impetus beginnt dieser schmale Roman von Nadine Schneider, der jetzt im österreichischen Jung und Jung Verlag erschienen ist. Doch die Alkoholfahrt stellt die Freunde schon bald vor eine existenzielle Entscheidung, zumal die Grenze zu Jugoslawien zum Greifen nahe ist: „Es sind nur drei Kilometer! Drei Kilometer bis zur Freiheit. Warum machen wir es nicht heute Nacht?“ Daher auch der Titel des Bändchens.

Die Autorin versetzt ihre Leser in medias res, ohne Ort und Zeit genau festzulegen, alles erschließt sich mit der Lektüre, es sei denn man liest den Klappentext. Erst gegen Ende des Buches erfährt man, dass die Handlung in der Endzeit der Ceauşescu-Diktatur spielt. Das Dorf wird auch nicht genau verortet, es wird nur gesagt, dass es in der Nähe der Temesch und des Dorfes Johannistal liegt. Dafür kommt aber oft Lokalkolorit zur Sprache, mit Rumänismen wie Vişinată, Vinetesalat oder Ciorbă oder den im Banat gebräuchlichen Austriazismen wie Weidling oder Kukuruz.

Genauer werden die drei Jugendfreunde beschrieben. Anna ist die Heldin, um die die beiden männlichen Figuren kreisen. Hans ist ihr Freund und Geliebter. Sein Bruder ist nach Amerika ausgereist, deshalb kann er nicht mehr studieren. Misch hingegen ist der dritte im Bunde, ein ständiger Begleiter und übrigens auch Verehrer von Anna. Behutsam wird das Knistern in dieser Dreiecksbeziehung geschildert. Die Handlung spielt im Hochsommer, den die Heldin als besonders glücklich empfindet. Zugleich aber setzt der Sommer die drei Freunde auch unter Druck, denn noch ist der Mais auf den Feldern, er würde den dreien Schutz bieten bei einer Flucht. Doch bald steht die Maisernte an.

Anna und Hans arbeiten in einer Fabrik in der Stadt und pendeln. Ein Ausgleich zum eintönigen Leben sind nur die Ausflüge durch die Dörfer, etwa zu einer Kirchweih, oder die Badetage an der Temesch, alles scheint dann perfekt zu sein: „Ich sah Misch und Hans an, die im Gras lagen. Halb schlafend, kein einziges Wünschen mehr im Gesicht. Ein warmer Wind bewegte das Schilf. Insekten sirrten. Die Zweige der Trauerweide malten Formen ins Wasser. Und das war alles. Mehr passierte nicht an den Sonntagen im Sommer. Einfältig wie Kinder waren wir dann.“

Doch dann wird auch das schwere Leben in der Diktatur beschrieben, die Mangelwirtschaft, dass man etwa die Eier selber in die Konditorei mitbringen muss, wenn man einen Kuchen haben möchte, die Angst vor der Bespitzelung durch die Securitate oder vor der Systematisierungspolitik Ceauşescus. Neben den drei Helden gibt es noch andere Figuren: die Eltern, die Großmutter, die Nachbarin Ioana, eine Arbeitskollegin aus der Fabrik. Fast alle müssen sich zwangsläufig zu der Frage des Bleibens oder Gehens positionieren. Selbst die, die bleiben wollen, müssen sich rechtfertigen, warum sie das wollen. So ist ihr Leben bestimmt von diesem Dilemma.

Während Hans und Misch eher fliehen wollen, ist Anna mit ihrer Heimat, dem Dorfleben so verwurzelt, dass sie sich ein Fortgehen nicht vorstellen kann: „Aber ich wollte nicht weg. Ich wollte mir nichts anderes vorstellen außer heißen Augusttagen und Wintern, in denen sich die Kälte fest gegen die Fenster drückte“. Ihre Motivation zu bleiben steigert sie sogar ins Larmoyante: „Was sollte denn werden mit meiner Mutter und meinem Vater, deren Rücken gekrümmt waren vom vielen Bücken? Wie tief würde sie mein Fortgehen beugen?“ Während Herta Müller das Dorfleben in seiner Enge und Engstirnigkeit kritisiert, scheint es bei Nadine Schneider manchmal etwas zu perfekt. Selbst die Dreiecksbeziehung wird im Dorfalltag problemlos gelebt, was etwas unglaubwürdig wirkt.

Gegen Ende des Buches wird dann der Umsturz beschrieben, der nochmals alles durcheinanderwirft. Wie sich die Heldin schließlich entscheidet, erfährt man ganz zum Schluss.

In einer gewinnenden Leichtigkeit beschreibt Nadine Schneider jedoch in kurzen zugespitzten Szenen im sonst dreiteiligen Roman Genrebilder des Dorfalltags. Alle Figuren leben in einem Provisorium und müssen sich der Frage stellen, ob sie bleiben wollen oder gehen. Alles in allem gelingt der Autorin ein zuweilen leicht idyllisches Sittengemälde des Banater Dorfes im letzten Jahr der Ceauşescu-Diktatur.
Drei Kilometer ist der Debütroman der 1990 in Nürnberg geborenen Autorin. Für Auszüge daraus erhielt sie bereits den Literaturpreis „Prenzlauer Berg“. Schneider ist Musikwissenschaftlerin und studierte in Regensburg, Cremona und schließlich in Berlin, wo sie zurzeit lebt und im Theaterbereich arbeitet. Außerdem veröffentlichte sie Kurzgeschichten in Anthologien und war zweimal Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens. Ihre Eltern stammen aus dem Banat. Die Auseinandersetzung mit deren Biografie war Anstoß und Antrieb für diesen gelungenen Roman.

Nadine Schneider: Drei Kilometer. Roman. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 160 Seiten. ISBN: 978-3- 99027-236-7. Preis: 20 Euro.