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Banater Post

„Ihr ewig dankschuldiger Franz Kappus“

Erstmals veröffentlicht: Franz Xaver Kappus’ Briefe an Rainer Maria Rilke

Franz Xaver Kappus (1883 Temeswar − 1966 Berlin). Foto: Archiv BP

Die Erstveröffentlichung der Rilke-Briefe erfolgte 1929 im Berliner Insel-Verlag (Insel-Bücherei Nr. 406).

Erstveröffentlichung der Kappus-Briefe an Rilke - Neunzig Jahre nach der Herausgabe von Rainer Maria Rilkes „Briefen an einen jungen Dichter“ durch Franz Xaver Kappus, den Empfänger dieser Briefe, hat nun der Literaturwissenschaftler und Komparatist Erich Unglaub die bisher unbekannten Kappus-Briefe an Rilke zugänglich gemacht. Zum einen wird dadurch erstmals deutlich, welche Akzentsetzungen der Rilke-Briefe zurückgehen auf Anregungen beziehungsweise Anfragen des Rat und Hilfe suchenden zwanzigjährigen Kappus. Zum anderen gewährt der Briefverkehr Einblicke in die Innenwelt der beiden Dichter, deren Austausch sich durch absolute Offenheit auszeichnet. Gewiss wird von Anfang an deutlich, dass Rilke von der Warte des großen, weithin geschätzten und geehrten Dichters schreibt, souverän und mit festgefügten Ansichten auftritt, während Kappus sich als der noch unsichere, nach seinem richtigen Lebensweg und Kunstideal suchende junge Mensch erweist. Doch er ist keineswegs nur „Stichwortgeber“ für die Ausführungen des hochverehrten Meisters, sondern ein heranwachsender Intellektueller und angehender Schriftsteller mit beachtlichem literarischem und künstlerischem Bildungshorizont.

Der Herausgeber merkt zu Recht an, dass „Rilke in diesem ungleichen Austausch nicht immer nur der Gebende“ gewesen sei. Gegenseitige Einwirkungen dieses Briefwechsels, ideelle oder sprachliche Spuren des Austauschs sind noch nicht erforscht.

Ein Buch geht um die Welt

Der 1883 in Temeswar geborene Franz Xaver Kappus hat einen zweigeteilten Lebenslauf, nicht zuletzt bedingt durch den Zusammenbruch des Habsburger Reichs vor hundert Jahren in der Folge des Ersten Weltkriegs. Seine erste Lebenshälfte vollzog sich vorwiegend in Temeswar und Wien, aber auch in k.u.k.-Garnisonsorten und auf Kriegsschauplätzen. Die zweite Hälfte seines Lebens setzte 1925 ein, als er seine Heimatstadt, in die er 1919 zurückgekehrt war, für immer verließ.

Der Sohn des Stadtsenators und Advokaten Ernst Jakob Kappus (1848-1941) besuchte die Oberrealschule in Temeswar und danach die dortige Kadettenschule, bevor er 1902 an die Militärakademie Wiener Neustadt kam, die er 1905 als Leutnant absolvierte. In seinem selbstironischen und humorvollen Text „Im Spiegel. Ein Lebensbericht zwischen Leier und Schwert“, erschienen 1920, schrieb er über diese Zeit:

„Zugleich mit Liliencrons Adjutantenritten, im Jahre 1883, am 17. Mai, kam ich zur Welt. Das bewog meinen Vater, mich ein Jahrzehnt später in den k.u.k. Offiziersautomaten einzuwerfen: als Kind verschwindet man im Spalt der Militärrealschule und fällt mit einem kräftigen Ruck als zwanzigjähriger Leutnant aus der Akademie heraus.

Nun bei mir bedurfte es mehrerer ‚Rucke‘, bis ich so weit war. Ich war ein so genanntes ‚schlechtes Element‘. Einer meiner Erzieher prophezeite mir, ich würde am Galgen enden. Bisher kam es nicht dazu, obwohl ich 1919 den Kommunismus in Budapest miterlebt habe...“

Seine ersten Wiener Jahre waren überschattet von der Spannung zwischen den Anforderungen, die der angehende Offizier zu erfüllen hatte, und den Träumen des sensiblen Dichters. Es hat den Anschein, dass Franz Xaver Kappus diesen Zwiespalt zwischen militärischer Disziplin und künstlerischem Freigeist nur durch Spottlust, durch bis ins Groteske gesteigerte Satire aushalten konnte. Um ein Goethe-Wort abzuwandeln: Zwei Seelen wohnten, ach, in seiner Brust. Neben der verordneten Pflichterfüllung ist der junge Kappus auf der Suche nach seinem Dichtungsideal. So schreibt er Militär-Humoresken und steht gleichzeitig im Briefwechsel mit dem bereits berühmten Dichter Rainer Maria Rilke. Erst die jetzt veröffentlichten Briefe geben eindeutig Aufschluss über seine tiefen Selbstzweifel und seelische Not in dieser Zeit.  

Kappus schickt dem Prager Dichter seine Verse zur Begutachtung zu, erwartet hilfreichen Rat für seine literarische Arbeit. Die „Briefe an einen jungen Dichter“, die Kappus  von 1903 bis 1908 (beziehungsweise Anfang 1909) von Rilke empfangen und in Buchform 1929 herausgegeben hat, sollten ein weltberühmtes Werk werden. In der „Einleitung“ zu dem schmalen, 52 Seiten umfassenden Insel-Bändchen (Reihe Insel-Bücherei Nr. 406) hat sich Franz Xaver Kappus kurz über den Ursprung seines Briefwechsels mit Rilke, über die große Hoffnung, die er mit seinen Fragen an den verehrten Dichter verband, über die tiefere, allgemeine Bedeutung der Rilke-Briefe für das Verständnis der Welt eines Dichters und für junge Menschen auf der Suche nach sich selbst geäußert. Dies war ein Schlüsselerlebnis für den jungen, angehenden Dichter Kappus und von bleibender Wirkung auf sein späteres Leben, wenngleich er den behutsamen Ratschlägen Rilkes nicht folgen konnte. Ein Auszug aus Kappus’ Einleitung:

„Noch nicht zwanzigjährig und knapp an der Schwelle eines Berufes, den ich meinen Neigungen geradezu entgegengesetzt empfand, hoffte ich, wenn überhaupt bei jemandem, so bei dem Dichter des Buches ‚Mir zur Feier‘ Verständnis zu finden. Und ohne daß ich es eigentlich gewollt hatte, entstand zu meinen Versen ein Begleitbrief, in dem ich mich so rückhaltlos offenbarte wie nie zuvor und niemals nachher einem zweiten Menschen… Damit hob mein regelmäßiger Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke an, der bis 1908 währte und dann allmählich versickerte, weil mich das Leben auf Gebiete abtrieb, vor denen des Dichters warme, zarte und rührende Sorge mich eben hatte bewahren wollen.“

In Berlin avancierte Kappus zu einem der meistgelesenen deutschen Unterhaltungsschriftsteller seiner Zeit. Er schrieb Romane, Novellen, Liedtexte, Drehbücher. 1938 lieferte er den Text für einen der populärsten deutschen Schlager der vierziger bis achtziger Jahre, der auch bei den Banater Schwaben bekannt war: „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen“.

Sein Roman „Der rote Reiter“ (Berlin 1922) wurde 1923 verfilmt, 1924 erfolgte die Uraufführung in Wien. Die Gesamtauflage seiner mehr als zwei Dutzend Romane geht in die Millionen. Die höchste Auflage erzielte indessen der von ihm 1929 im Inselverlag herausgegebene Band „Briefe an einen jungen Dichter“, der seine Anziehungskraft bis heute bewahrt hat. Allein im letzten Jahrzehnt sind weltweit gute 20 Ausgaben erschienen, und zwar in spanischer, englischer, schwedischer, norwegischer, italienischer, französischer, arabischer, ungarischer, polnischer, serbischer und auch in rumänischer Sprache.

Diese zehn Briefe machten den Temeswarer Schriftsteller weltbekannt. Selbst arrogante heutige Kritiker, die sich auf Kosten eines Rainer Maria Rilke und des fast vergessenen Franz Xaver Kappus in Szene setzen wollen, müssen jedoch den Welterfolg der Briefe-Sammlung, an dem Kappus nunmal seinen Anteil hat, zugeben und vermerken, dass sich die Auflage der „Briefe an einen jungen Dichter“ „im angelsächsischen Raum konstant in Millionenhöhe“ hält.

„Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muss ich schreiben?“

Der erste Brief von Kappus an Rilke „ist nicht erhalten“, wird wohl vom Herausgeber mitgeteilt, der bloß Ort und Datum nennt: Wiener Neustadt, Spätherbst 1902, so dass auf den Inhalt nur aus Rilkes Antwortschreiben, Paris, 17. Februar 1903, geschlossen werden kann. Rilke dankt für „großes und liebes Vertrauen“ und hält lakonisch fest: „Sie fragen, ob Ihre Verse gut sind“. Er merkt nur allgemein an, dass Kappus’ Verse „keine eigene Art haben, wohl aber stille und verdeckte Ansätze zu Persönlichem“. Er rät vom Blick nach außen, von Anfragen bei Redaktionen, von Vergleichen mit anderen Dichtungen ab und empfiehlt Besinnung auf sich selbst, „Wendung nach innen“. Dieser Gedanke durchzieht Rilkes Briefe an Kappus, scheint wiederholt auf in unterschiedlicher Form und wird von Kappus umgehend (Brief vom 27. Februar 1903, Wiener Neustadt) beherzigt: „Ich werde (...) tief in meine Seele blicken und mich fragen: muss ich schreiben?“ Seine Kunst will er von der Ironie frei halten, die ihn „im gewöhnlichen Leben beherrscht“, die „ein böser Gast“ in seiner Seele sei. Er fühle sich von Heine und Wedekind angesprochen, wolle sich aber von deren Einfluss befreien. Damit sind dominierende Aspekte des erörterten Briefwechsels angesprochen: die Voraussetzungen wahren Künstlertums, der Schaffung von „Kunst-Werken“ sowie der Umgang mit Dichtern und Dichtung, die Vorliebe für Autoren und Werke oder deren Ablehnung. Dazu liefert der junge Kappus von Rilke durchaus anerkannte Interpretationsansätze und Standpunkte, während Rilke selbst essayistische Ausführungen in mehrseitigen Briefen verfasst. Er geht sehr genau auf Fragen des jungen, eifrig fragenden und wissbegierigen Dichters Kappus ein. So auf die Bewertung der Ironie in der Dichtung mit dem Ratschlag: „Lassen Sie sich nicht von ihr (der Ironie, Anm. d. Verf.) beherrschen, besonders nicht in unschöpferischen Momenten. (...) Rein gebraucht ist sie auch rein und man muss sich ihrer nicht schämen (...). Suchen Sie die Tiefe der Dinge: dort steigt Ironie nie hinab (...)“. Sie könne jedoch ein Mittel des Kunstschaffens werden.

Rilke teilt Kappus mit, welche Bücher ihm „unentbehrlich“ seien, die er immer unter seinen „Dingen“ habe: die Bibel und die Bücher des „großen dänischen Dichters“ Jens Peter Jacobsen. Von Jacobsen, dessen Werke er Kappus wärmstens empfiehlt, und vom Bildhauer Auguste Rodin habe er „über das Wesen des Schaffens, über seine Tiefe und Ewigkeit“ erfahren. Damit geht Rilkes Brief weit über die Bewertung der Verse von Kappus hinaus und zeigt großes Zutrauen. Dies verstärkt sich durch den weiteren Austausch über Jacobsen, zu dessen „Sechs Novellen“ Kappus eine kurze Interpretation liefert, die von Rilke mit „viel Freude“ aufgenommen wird und ihn zu weiteren Lektüre-Empfehlungen veranlasst.

Kappus bringt nun Richard Dehmel in den Meinungsaustauch, „von einigen als der größte lebende deutsche Dichter“ genannt. So Kappus, der Dehmel allerdings kritisch gegenübersteht, während Rilke in seinem Antwortbrief über Dehmel einen umfangreichen essayistischen Text anfügt.

Menschliche Annäherung und Rat zur „Einsamkeit“

Anrührend ist das bald gefasste Vertrauen der beiden Dichter zueinander, die vorbehaltlose Offenheit bei der Mitteilung des eigenen Innenlebens, am unmittelbarsten von Franz Xaver Kappus.

Der erste (erhaltene!) Brief von Kappus endet noch mit einer Formel höchster Ehrerbietung, die die anfängliche Distanz zwischen Rilke und Kappus andeutet, zugleich aber auch die Hoffnung auf weiteren Austausch erkennen lässt: „Vielleicht erinnern sich Euer Hochwohlgeboren auch in Zukunft manchmal Ihres ewig dankschuldigen Franz Kappus“.

Doch Rilkes zweiter Brief, diesmal aus Viareggio bei Pisa in Italien, deutet bereits auf eine sich anbahnende Annäherung zwischen beiden hin. Er nennt Kappus „lieber und geehrter Herr“ und schreibt über seine Erkrankung und den Aufenthalt am „südlichen Meer“. Mitteilungen über persönliches Erleben kommen im Briefwechsel zunächst vorwiegend von Seiten Kappus’, der sich dafür wiederholt entschuldigt: „Seien Sie nachsichtig mit mir, wenn ich vielleicht mehr, als notwendig scheint, von meiner Persönlichkeit rede, von meinen Gedanken und Träumen, Wünschen und Empfindungen.“ (2. Mai 1903) Rilke zeigt sich verständnisvoll und geduldig im Umgang mit den sich wiederholenden Klagen Kappus’ über seine seelische Zerrissenheit und dauernde Ruhelosigkeit, die ihn plagt. Als Beispiel dafür sei aus Rilkes Erwiderung vom 16. Juli 1903 zitiert, die aus Worpswede bei Bremen kommt, wo er in der „Weite und Stille“ der „großen nördlichen Ebene“ Genesung sucht: „Sehr lieber Herr Kappus: Ich habe einen Brief von Ihnen lange ohne Antwort gelassen, nicht dass ich ihn vergessen hätte (...). Wenn ich ihn, wie jetzt, in der großen Stille dieser Fernen lese, dann rührt mich Ihre schöne Sorge um das Leben, mehr noch, als ich das schon in Paris erfahren habe, wo alles anders klingt und verhallt wegen des übergroßen Lärms, von dem die Dinge zittern. (...) Wenn Sie sich an die Natur halten, an das Einfache in ihr, an das Kleine, das kaum einer sieht (...), dann wird Ihnen alles leichter, einheitlicher und irgendwie versöhnender werden (...).“

Einsamkeit und Naturnähe erscheinen in Rilkes Briefen als die wirklichen Quellen des wahren Kunst-Werkes. Sie führen zur tieferen Selbsterkenntnis. „Gehen Sie in sich!“ So lautet der nun eindringlichste Rat an den jungen Dichter, dies auch in seinem Weihnachtsbrief aus Rom (23. Dezember 1903): „Was not tut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit. In-Sich-Gehen und stundenlang niemandem begegnen, – das muss man erreichen können.“ Es handelt sich um einen der tiefgründigsten Briefe, in dem Rilke sich unter anderem zur Glaubenskrise von Kappus äußert, ihm Mut zum Leben und Gottesglauben zuspricht. Er sieht auch keinen unlöslichen Widerspruch zwischen dem Wunsch, ein Dichter zu sein, und der Pflichterfüllung im Offiziersberuf. Kappus hat diesen „Weihnachtsbrief“, der auch einen tiefen Eindruck von Rilkes Gottesglauben der eigenen Art vermittelt, ganz in dessen Sinn aufgenommen. Er habe daraus „soviel Lebensmut, Freude und Kraft gewonnen“, heißt es in seiner Antwort aus Pozsony/Preßburg vom 29. Februar 1904.

Austausch über eigene Dichtungen

Obgleich Rilke auf die ihm von Kappus zugesandten Gedichte gar nicht oder nur mit großer Zurückhaltung geantwortet hatte, schickte dieser ihm, eingefügt in seinen Brief vom 29. Februar 1904, erneut ein Gedicht zu, nicht ohne einen an Rilkes Ratschläge erinnernden Hinweis. Kappus stellt nämlich die Frage, „wie es um diese Einsamkeit bestellt ist, wenn ihr die große Liebe in den Weg tritt, die alles wie ein Wirbelwind verwandeln kann ...“. Und weiter in diesem Brief: „Ich habe meine Einsamkeit schwer getragen. (...) Und ich habe manchmal empfunden, meine Einsamkeit wäre nicht tief, nicht echt genug (...). Dann ging ich aus, eine Liebe zu suchen (...). Damals wurde das Sonett, welches ich, wenn ich darf, an diese Stelle setzen will“. Das Sonett „wurde“, ist also wie von selbst entstanden.

Durch mein Leben zittert ohne Klage,
ohne Seufzer ein tiefdunkles Weh.
Meiner Träume reiner Blütenschnee
ist die Weihe meiner stillsten Tage.

Öfter aber kreuzt die große Frage
meinen Pfad. Ich werde klein und geh’
kalt vorüber, wie an einem See,
dessen Flut ich nicht zu messen wage.

Und dann sinkt ein Leid auf mich, so trübe
wie das Grau glanzarmer Sommernächte,
die ein Stern durchflimmert, – dann und wann –

Meine Hände tasten dann nach Liebe,
weil ich gerne Laute beten möchte,
die mein heißer Mund nicht finden kann ... –

Rainer Maria Rilke hat eine Abschrift dieses Sonetts gefertigt und seine handschriftliche Fassung in seinem folgenden Brief (Rom, 14. Mai 1904) als Zeichen seiner Wertschätzung an Kappus geschickt. Aus seinem Kommentar dazu: „Sie sehen: ich habe Ihr Sonett abgeschrieben, weil ich fand, dass es schön und einfach ist und in der Form geboren, in der es mit stillem Anstand geht. Es sind die besten von den Versen, die ich von ihnen lesen durfte. Und nun gebe ich Ihnen jene Abschrift, weil ich weiß, dass es wichtig und voller neuer Erfahrung ist, eine eigene Arbeit in fremder Niederschrift wiederzufinden. (...) Es war eine Freude für mich, dieses Sonett und Ihren Brief oft zu lesen; ich danke Ihnen für beides.“

Der Abschrift Rilkes ist es zu verdanken, dass dieses Kappus-Gedicht inzwischen zu den bekanntesten
Sonetten der deutschen Literatur gezählt wird. Es ist mit Sicherheit erst 1903 oder davor geschrieben worden. Rilke arbeitete zu der Zeit bei Rodin in Paris und begann seine „Dinggedichte“ zu schreiben. „Das Karussell“ gehört zu deren bekanntesten, veröffentlicht in den „Neuen Gedichten“ (1907). Als dreifachen Refrain setzt Rilke im „Karussell“ die Rede-Wendung „dann und wann“ ein, gleichsam um die Kreisbewegung des Karussells rhythmisch und zeitlich zu suggerieren: „Und dann und wann ein weißer Elefant“. Nun ist diese Redewendung in dem so herausgehobenen Kappus-Sonett von besonderer Wirkung, zumal auch dort ein wiederkehrender Lichtschein ins poetische Bild kommt. Eine erstaunliche, wenn auch gewiss zufällige sprachliche Korrespondenz.

Kappus liest alle für ihn erreich-baren Bücher Rilkes, bittet auch gelegentlich um Nachricht über Neuerscheinungen. Einige schickt ihm der Verfasser auch zu. Tief beeindruckt hat ihn die Monografie „Worpswede“ (erschienen 1902), über die er bewundernd schreibt: „Aus allem, was dort zu lesen ist, formt sich für meine Augen immer deutlicher Ihre Künstlergestalt, Ihre wunderbar reine Auffassung des
Lebens und seiner Gesetze, Ihr märchengleiches, tiefes Verständnis des Schönen. Und täglich wächst meine Verehrung für Sie (...).“ (Brief vom 28. November 1903)

Mit zunehmendem Zutrauen fügt Rilke in seine Antwortbriefe auch Nachrichten über eigene Befindlichkeiten, etwa Erkrankungen, oder Reiseeindrücke ein. Manche davon weisen auf sein intensives dichterisches Schaffen zu dieser Zeit hin, etwa auf die Beschäftigung mit der Kunst Auguste Rodins oder auf Themen seiner „Dinggedichte“. So wird man beispielsweise an sein berühmtes Gedicht „Römische Fontäne“ erinnert beim Lesen seines Briefes an Kappus aus Rom vom 29. Oktober 1903, in dem er eingangs über eine „unlebendige und trübe Museumsstimmung, die es (Rom, Anm. d. Verf.) ausatmet“ berichtet. Doch dann: „(…) aber es ist viel Schönheit hier, weil überall viel Schönheit ist. Unendlich lebensvolle Wasser gehen über die alten Aquädukte in die große Stadt und tanzen auf den vielen Plätzen über steinernen weißen Schalen und breiten sich aus in weiten geräumigen Becken und rauschen bei Tag und erheben ihr Rauschen zur Nacht, die hier groß und gestirnt ist und weich von Winden.“

Ende des Briefwechsels und offene Fragen

Der Briefwechsel, „der bis 1908 währte und dann allmählich versickerte“, wie Kappus in seiner „Einleitung“ für die erste Ausgabe der „Briefe an einen jungen Dichter“ (1929) schreibt, war schon von November 1904 bis August 1908 unterbrochen, wie dies aus den Buchpublikationen hervorgeht. Danach folgten nur noch vier Briefe, als letzter in der Reihe der Antwortbrief von Kappus (5. Januar 1909) auf Rilkes gleichbleibend fürsorglichen und herzlichen Weihnachtsbrief, der ihn im montenegrinischen Crkvice erreichte. Auf eigenen Wunsch tat er in völliger Abgeschiedenheit seinen Offiziersdienst. Das Ende der Korrespondenz wird in diesen Briefen nicht angedeutet. Kappus arbeitet
literarisch weiter, auch im kargen, trostlosen Crkvice, doch er bekennt, dass seine Texte nicht mit Rilkes Erwartungen übereinstimmen: „Es sind kleine, dumme Geschichten, humoristische oder satirische zumeist, an denen nur mein Verstand beteiligt ist“. Er schreibt, „um über Stunden hinwegzukommen, die sonst leer blieben (…).“ Darauf scheint Rilke nicht mehr reagiert zu haben.

Kappus’ nun zugänglichen Briefe sind aufschlussreich für seine fieberhafte Suche nach seinem Dichtungsideal, nach seiner Selbstverwirklichung als Dichter und für seine Hoffnung auf öffentliche Anerkennung. Sie vermitteln Einblicke in seine innere Biografie als junger Dichter und verdeutlichen unmittelbar seine Haltung zum Offiziersberuf.

Franz Xaver Kappus schreibt seine Briefe, wie übrigens auch Rilke, aus vielen Orten. Rilke ist viel auf Reisen, mit Aufenthalten in Paris und Rom, in Schweden und im legendären Worpswede. Kappus geht seinen Pflichten als Offizier meist an der Peripherie des Habsburgerreichs nach, besucht nur ab und zu seine Eltern in Temeswar. Auch aus seiner Heimatstadt schreibt er an den „hochverehrten Herrn Rilke“.

Warum die Kappus-Briefe erst jetzt und gerade jetzt mit den längst weltbekannten „Briefen an einen jungen Dichter“, zu denen sie von aller Anfang an gehörten, erscheinen konnten, ist eine unbeantwortete Frage. Auch der gewiss verdienstvolle Herausgeber Erich Unglaub äußert darüber in seiner akribischen Studie im Anhang des Buches nur Vermutungen. Er ist dem Schicksal der Originalbriefe Rilkes nachgegangen, über deren Verbleib nichts Genaues bekannt ist. Die Originale waren bis zu ihrer Versteigerung in den fünfziger Jahren in Kappus’ Besitz. Die Originale der Briefe von Franz Xaver Kappus befinden sich im Rilke-Archiv Gernsbach.

Rainer Maria Rilke. Briefe an einen jungen Dichter. Mit den Briefen von Franz Xaver Kappus. Herausgegeben von Erich Unglaub. Göttingen: Wallstein Verlag, 2019. 147 Seiten. ISBN 978-3-8353-3425-0. Preis: 18 Euro