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Banater Post

Bilder einer anderen Landschaft

Friedrich Eberle Foto: Walther Konschitzky

Friedrich Eberle: Schäßburg, Aquarell

Vor uns liegt ein Bildband mit Aquarellen von Kirchen, Kirchenburgen und Landschaften aus Siebenbürgen, gemalt von einem Banater Künstler, der sich dieser Landschaft und ihren Menschen seit vielen Jahrzehnten verbunden fühlt. Ungezählte Male hat er sie besucht und mit viel Zuwendung in Aquarellen festgehalten, in Dutzenden Ausstellungen vorgestellt: an Heimattagen der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl, innerhalb ihrer Kirchentage und bei Begegnungen großer Heimatortsgemeinschaften in Deutschland, bei Aussiedlerkulturtagen in Bayern, im Haus der Heimat seines Wohnortes Nürnberg, aber auch in anderen Städten. Ebenso in einer Wanderausstellung durch die Vereinigten Staaten von Amerika, wo sich zahlreiche seiner Landsleute niedergelassen haben, nicht zuletzt aber auch im Friedrich-Teutsch-Haus innerhalb der Veranstaltungen „Hermannstadt – Europäische Kulturhauptstadt 2007“. Vor kurzem brachte der Schiller Verlag Hermannstadt – Bonn eine Auswahl seiner Bilder unter dem Titel „Siebenbürgen in Aquarellen. Aus dem Werk von Friedrich Eberle“ heraus.

Das erste Bild des schweigsamen, von seinen Landsleuten hoch geschätzten Grafikers habe ich Mitte der 1960er Jahre in seinem Banater Geburtsort Liebling gesehen. Das Aquarell stellte die evangelisch-lutherische Kirche des Dorfes dar – ein eindrucksvoller barocker Sakralbau. Das in zurückhaltender Farbgebung gestaltete Blatt fand offensichtlich große Anerkennung. So entstanden mehrere Varianten zu diesem Motiv, denn für manchen in Deutschland, Österreich oder in Übersee lebenden Lieblinger wurde das Bild von der Heimatkirche ein begehrtes Erinnerungsstück mit hohem Identifikationswert. Manchem war wohl noch die Stunde des Abschieds im Gedächtnis lebendig geblieben: Als vor genau 75 Jahren die Mehrzahl der Bewohner dieser stattlichen Groß-gemeinde ihren Heimatort verließen, läuteten die Glocken vom Turm dieser Kirche so lange, bis der schier endlose Treck der Fluchtwagen weit vom Dorf entfernt und nicht mehr zu sehen war. Ihr Klang war der Gruß zum Abschied. Friedrich Eberle erzählte mir eindringlich, anrührend über jenen denkwürdigen Tag im Leben seines Dorfes. Er berichtete aus der Sicht des Daheimgebliebenen; seine Mutter konnte sich nicht für die Flucht mit dem Sohn entscheiden. Kaum vier Monate später ereilte ihn jedoch ein vielleicht noch härteres Schicksal: Friedrich Eberle zählte als einer der Jüngsten zu jenen im Ort, die zur Deportation in die Sowjetunion ausgehoben wurden. Diesen dramatischen Lebensabschnitt hat er in seinem Buch „893 Tage – aus Liebling in den Donbass und zurück. Erinnerungen an meine Deportation“ festgehalten, das er 2016 im Eigenverlag herausgebracht hat.

Beide Veröffentlichungen sind eindrucksvolle Blicke weit zurück. Friedrich Eberle, heute 92, tut sie mit Bedacht in der ihm eigenen stillen, bescheidenen Art. Doch seine Kirchen-Bilder prägen sich ebenso ein wie seine sprachlichen Bilder über die Verschleppung zur Zwangsarbeit in Kohlengruben, als er erst 17
war. Nach seiner krankheitsbedingten Rückkehr 1947 arbeitete er zunächst in der Landwirtschaft, besuchte später die Kunstschule in Temeswar, wo so namhafte Künstler wie Franz Ferch und Julius Podlipny die Lehrer des begabten Schülers wurden. Ihrer gedenkt er heute noch anerkennend, ihnen verdankt er eine gediegene zeichnerische Ausbildung, die ihm zeitlebens als Werbegrafiker, Porträt- und Schriftenmaler im Banat wie auch nach 1977 in Deutschland zugutekam. Auch in seinen Kirchen-Aquarellen scheint etwas davon auf. In der Mehrzahl sind es Bilder einer anderen Landschaft.

Wie aber kam es dazu, dass Motive aus Siebenbürgen sein bildnerisches Werk bestimmen?

Sein Herkunftsdorf Liebling zählt zu jenen wenigen Banater Orten mit Glaubensgemeinschaften, die der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Rumänien angehören. Von ihren Pfarrern haben die Bewohner immer schon etwas über Siebenbürgen gehört, auch Besuche der Sachsenbischöfe und hoher kirchlicher Würdenträger aus Siebenbürgen trugen dazu bei, dass man hier erheblich mehr über diese Nachbarlandschaft erfuhr als in den katholischen Gemeinden des Banats. Gesehen allerdings haben nur wenige diese in der Wahrnehmung der Zeit „weit entfernte“ Gegend. Und begegnet sind sich Schwaben und Sachsen bis zum Ersten Weltkrieg wohl nur beim Militär, in der Zwischenkriegszeit allerdings auch in Schulen oder bei überregionalen Kulturveranstaltungen der Deutschen in Rumänien.
Zu einer intensiven Begegnung kam es in den Jahren der Russlanddeportation 1945-1949, als Menschen beider Landschaften auch zu Lebensgemeinschaften zusammenfanden; nach der Heimkehr kam es zu nicht wenigen Eheschließungen. Als Anfang der 1950er Jahre zahlreichen Absolventen der Hermannstädter Lehrerbildungsanstalt Dienststellen im Banat zugewiesen wurden, war auch die junge Lehrerin Waltraud Edith Tausch aus Reußdorf bei Elisabethstadt unter ihnen. Sie kam nach Liebling und lernte hier Friedrich Eberle kennen. Seine Familienbesuche nach der Eheschließung 1955 und anschließende Rundfahrten durch Siebenbürgen begründeten eine lange Zeiträume überdauernde Beziehung des Grafikers zu dieser Landschaft; er hat sie bis auf den heutigen Tag bewahrt.

Was er hier faszinierend und anregend fand, war der Blick von erhöhten Standorten auf und über die Straßendörfer hinaus in die Landschaften. Das Auge erfasste sie im Überblick – wie etwa in seinen Bildern von Birthälm, Großlasseln, Michelsberg, Mortesdorf, Reußdorf, Reußen, Rosenau, Stolzenburg oder Waldhütten. Nähe und Weite eröffneten sich ihm in einer Weise, wie sie sich ihm in seiner brettebenen Banater Herkunftsgegend kaum bot. Bestach ihn im flachen Land des Banats die offene, schier endlose Breite des Raumes, in dem unter dem hohen Himmel ein Kirchturm der einzige Bezugspunkt schien und ein Baum schon dankbar als bildgestaltendes Motiv angenommen wurde, so wurde für ihn die Zusammenschau Ort und umgebende Landschaft in Siebenbürgen zum nachhaltigen Erlebnis. Hie Banater Barock, dort siebenbürgische Gotik – das Anderssein und das Anders-Sehen beschäftigten ihn, zumal er das transsilvanische Hochland in einer anderen Gemütsverfassung wahrnehmen und aufnehmen konnte: mit der Ruhe des sinnenden Besuchers auf Urlaubsreise, der nicht allein die sich bietenden Bildinformationen, sondern auch die Atmosphäre auf sich wirken ließ. Anders eben als im Getriebe beruflicher Zwänge und Unausweichlichkeiten, die seine Begegnung mit den Orten und Landschaften des Banats prägten.

Mit der Kamera fing er das Gesehene ein und münzte es meist erst viel später in Bilder um. Was als Ergebnis festgehaltener Reiseeindrücke entstand, war zunächst Freude am Gestalten eigener Bilder einer Kulturlandschaft, der er entlang von Jahren und Jahrzehnten mit jedem Schritt näher kam. Und so belegen seine Aquarelle den Weg und die Art, wie er sich diese Landschaft gestaltend erschlossen hat. Diese Blätter einem breiten Publikum vorzustellen wurde für ihn schließlich zu einem Anliegen, insbesondere seit den 1980er Jahren, da er immer wieder eigene Ausstellungen einrichtete oder an Gruppenausstellungen teilnahm. Später brachte er auch zahlreiche Drucke mit Motiven aus seinem bildnerischen Werk heraus – und nun eben diesen aufwändig gestalteten Bildband über Kirchen und Landschaften in Siebenbürgen.

Es sind vor allem die gotischen Kirchen und mittelalterlichen Kirchenburgen, die ihn angesprochen haben. Architektur zeichnen erfordert Genauigkeit im Detail. Und so tritt in vielen seiner Aquarelle das Zeichnerische in den Vordergrund. Die Zeichnung erweist sich als starkes ordnendes und bildtragendes Element und bestimmt die ausgewogenen Kompositionen. Sattere Farbtöne herrschen in den Architekturbildern vor, helle Pastelltöne verleihen seinen Landschaften Leichtigkeit und Brillanz, in vorzüglicher Weise in seinen Winterbildern von Birthälm, Dunesdorf, Großau, Großkopisch, Klosdorf, Reichesdorf, Schäßburg. Die menschliche Gestalt wird nur selten als belebendes Element eingesetzt, unser Blick wird nachdrücklich auf das anvisierte Motiv – den Sakralbau – gelenkt; in den meisten seiner Kirchen-Darstellungen beherrscht er als Gestaltungsprinzip, sicher nicht zufällig, die Mitte des Bildes.

So war es bereits im ersten Aquarell von Friedrich Eberle, das ich in den 1960er Jahren gesehen habe. Im Bild, das er seiner Heimatkirche in Liebling gewidmet hat. Er ist sich treu geblieben.

Siebenbürgen in Aquarellen. Aus dem Werk von Friedrich Eberle, mit Bildertexten von Anselm Roth. Schiller Verlag Hermannstadt – Bonn, 2019. 120 Seiten, Farbdruck, gebunden; Preis 26 Euro zuzüglich Versand. Bestel-lung: Telefon 0911 / 486 857, E-Mail friedricheberle69@gmail.com