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Banater Post

Herausragende Präsenz im aktuellen literarischen Leben des Banats

Balthasar Waitz (links) bei einer Lesung im Rahmen der Jahrestagung 2018 des Internationalen Exil-P.E.N., Sektion deutschsprachige Länder in Frankfurt am Main; rechts der Schriftsteller Horst Samson Foto: Erwin Josef Ţigla

Der Schriftsteller und Journalist Balthasar Waitz – er wurde 1950 in Nitzkydorf geboren – ist einer der wenigen im Banat verbliebenen deutschen Autoren von Format. Seine neueren Veröffentlichungen als Prosaautor, Lyriker, Literaturkritiker und literarischer Publizist zählen zum Besten, was heute im Banat und im ganzen Land noch in deutscher Sprache geschrieben wird. Für den Roman „Das rote Akkordeon“ (2017) wurde Balthasar Waitz jüngst mit dem Prosa-Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes/Filiale Temeswar ausgezeichnet. Die Ende des Jahres 2018 in feierlichem Rahmen überreichten Preise wurden für die besten Bücher in den verschiedenen literarischen Gattungen vergeben. Das Ereignis scheint mir Anlass genug zu sein, das reichhaltige Wirken und das neuere Prosa-Werk von Balthasar Waitz in den Blick zu rücken.

Aktiv in Literaturkreisen, frühe Publikationen

Schon als Student der Germanistik an der Universität Temeswar, zu Beginn der 1970er Jahre, war Balthasar Waitz literarisch tätig. Er betreute als Redakteur die Studenten-Beilage Universitas, die als Teil der Neuen Banater Zeitung (NBZ) der damals jungen Autoren-Generation – dazu gehörten die später namhaften Autoren Richard Wagner, Johann Lippet, Herta Müller, Anton Sterbling, Gerhard Ortinau und andere – Publikationsmöglichkeiten geboten hat.

Als Mitglied des Literaturkreises „Adam Müller-Guttenbrunn“ (1974-1985) war er Mitunterzeichner eines Protestbriefes der jungen Autoren an die Temeswarer Parteiführung (1985), mit dem sie die freie Gestaltung des Literaturkreis-Programms einforderten – ein einmaliger Vorgang im kommunistischen Rumänien!

Seine ersten Gedichte und Kurzprosa veröffentlichte er in der NBZ und in der Bukarester Literaturzeitschrift Neue Literatur, deren Redakteur er unmittelbar nach der Wende in Rumänien werden sollte. Die noch in Zeiten der Zensur erschienenen Erzählbände „Ein Alibi für Papa Kunze“ (1981) und „Widerlinge“ (1984) kündigten den fein ironischen Erzählstil des Autors an, seine Neigung zur Satire und Groteske. Diese Texte, zum Teil wohl in den siebziger Jahren geschrieben, lesen sich heute so, als wären sie nicht unter der ideologischen Allmacht des totalitären Überwachungsstaates entstanden.

Im Frühjahr 1990, beim ersten Kongress des Rumänischen Schriftstellerverbandes nach dem Sturz der kommunistischen Diktatur, wurde Balthasar Waitz Mitglied des Verbandes und setzte sich beharrlich und kontinuierlich als von der Kritik anerkannter Autor durch, auf Augenhöhe mit seinen längst ausgewanderten und in Deutschland etablierten Schriftstellerkollegen.

Unbeirrt vertritt er nach wie vor erfolgreich den im Banat trotz aller Unkenrufe fortbestehenden deutschsprachigen Literaturbetrieb. Sein Arbeits- und Lebensmittelpunkt blieb all die Jahre und bis heute Temeswar. Seit der Gründung des Temeswarer Literaturkreises „Stafette“ 1991, in dem sich deutsch schreibende Temeswarer Schriftsteller aller Generationen, vorwiegend aber Lenau-Schüler und Germanistik-Studenten zu Lesungen und Werkstattgesprächen treffen, ist er dabei und erfüllt eine echte Vorbildfunktion für die angehenden jungen Autoren. Um die kulturellen Anliegen der deutschen Bevölkerung kümmert er sich im Vorstand des Demokratischen Forums der Deutschen in Temeswar. Diesem Bereich widmet er sich desgleichen als Redakteur der wöchentlich erscheinenden Banater Zeitung (Beilage der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien, Bukarest).

Für seine literarischen Publikationen wurde er mehrfach vom Rumänischen Schriftstellerverband/Filiale Temeswar mit Preisen bedacht, darunter mit dem Nikolaus-Berwanger-Preis für den Band „Krähensommer“ (2011) sowie den Sonderpreisen der Jury 2015 und 2016. Nun folgte die Auszeichnung für den Roman „Das rote Akkordeon“ als bestes Prosawerk des Verlagsjahres 2017.

Kernthemen unseres Erzählers

Als Balthasar Waitz’ aufsehenerregender Erzählband „Krähensommer und andere Geschichten aus dem Hinterland“ 2011 erschienen ist, wies die Kritik darauf hin, dass der Temeswarer Schriftsteller damit an seine Kurzprosa der 1980er Jahre anknüpfe. Inzwischen war noch sein Erzählband „Alptraum“ 1996 im Kriterion Verlag Bukarest erschienen.

Die Heimsuchungen der banatschwäbischen Gemeinschaft durch traumatische Ereignisse – Zweiter Weltkrieg, Russlanddeportation, Enteignung und Entrechtung – und deren verhängnisvollen Nachwirkungen bis hin zur Massenauswanderung konnte Balthasar Waitz jedoch erst in seinen nach der Wende publizierten Dorfgeschichten und Gedichten zur Geltung bringen. Dies sollten Kernthemen seines Schreibens werden. Darüber hinaus wurde er zum authentischen literarischen Zeugen der Nachwendezeit, darunter der verheerenden Auswirkungen des Bevölkerungstransfers auf  das banatschwäbische Dorf, das seine geradezu unerschöpfliche literarische Quelle und Lebenswelt ist, obwohl er seit fünf Jahrzehnten vor allem in der Großstadt lebt und anfangs „Stadtgeschichten“ geschrieben hat: „Ich bin ein Sohn des Dorfes, den es in die Stadt verschlagen hat“, so der Autor bei der Präsentation seines Erzählbands „Krähensommer und andere Geschichten aus dem Hinterland“ (2011).

Durchbruch mit „Krähensommer“

Ausgangspunkt und Ereignisraum der Geschehnisse im „Hinterland“ ist Nitzkydorf und Umgebung. Der zeitliche Rahmen reicht von den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts bis zum Exodus der Banater Schwaben in den achtziger und neunziger Jahren. Rückblenden bis zum Ersten Weltkrieg sind punktuell eingestreut. Erzählt werden Dorfereignisse, Ausschnitte aus dem Familienleben und den Lebensläufen der Dorfbewohner aus der Perspektive des heranwachsenden Georg. Dieser erzählerische Kunstgriff verleiht Waitz’ Erzählungen einen besonderen Reiz. Denn der kleine Georg, der nicht so werden will wie die anderen Georgs aus der Verwandtschaft, beobachtet hellwach die Vorgänge in der eigenen Familie und nimmt die Erzählungen der Erwachsenen, vor allem jene des Großvaters, mit kindlicher Naivität auf. Hinzu kommt vieles, was die Leute im Dorf erzählen: Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg – zum Beispiel für den Kaiser an der italienischen Front – und an den Zweiten Weltkrieg (Ostfront, Stalingrad usw.). Onkel Georg war bei der SS. Die Beobachtungen des jungen Erzählers weiten sich Schritt für Schritt aus, vom Familienalltag auf das dörfliche Geschehen. Die Machenschaften der kommunistischen Obrigkeit entgehen ihm nicht. Immer schärfer blickt das noch unwissende und trotzdem etwas altkluge Kind hinter die Fassade der Erwachsenen und denkt: „Ich weiß genau, was hier gespielt wird.“ Nach der Wende haben die gleichen Leute das Sagen wie ehedem.

Die kommunistische Willkür und den Auflösungsprozess der Dorfgemeinschaften haben auch andere
Banater deutsche Autoren von Rang und Namen in ihrer Prosa oder Lyrik thematisiert, jedoch von der Warte eines betroffenen Auswanderers oder eines späteren Besuchers, nicht mit dem Erlebnishintergrund eines dort verbliebenen Schriftstellers.

Mit dem Erzählungen-Band „Krähensommer“ ist Balthasar Waitz ein „großer Wurf“ gelungen. Er hat damit und mit seinen darauf in kurzen Abständen folgenden Büchern dem deutschen literarischen Leben des Banats weitere Impulse verliehen. Nicht von ungefähr nannte der Literat Ingmar Brantsch den Prosaband „Krähensommer“ einen „bemerkenswerten Überlebensbeweis“ der gesamten rumäniendeutschen Literatur der Gegenwart, die noch heute in den Siedlungsgebieten Banat und Siebenbürgen fortbesteht: „Damit wird Balthasar Waitz zu einem wichtigen Vertreter der mittleren Generation rumäniendeutscher Autoren (nicht nur des Banats!), die noch vor Ort in der alten Heimat leben und schreiben ...“ (ADZ, 2. März 2012) Der ebenfalls siebenbürgische Autor Hans Liebhardt  ließ sich in der Bukarester Allgemeinen Deutschen Zeitung zur Feststellung hinreißen, es handle sich bei Waitz um die „beste Prosa, die in Temeswar seit gut 25 Jahren geschrieben wurde“, seit Herta Müllers „Niederungen“, fügt er hinzu.

Neue Stadtgeschichten

Ließ der Erzähler in „Krähensommer“ das banatschwäbische Dorf der Nachkriegszeit, die alles zersetzende, bankrotte sozialistische Landwirtschaft und sogenannte „Verwaltung“ in unnachahmlicher Satire aufleben, so führt die Kurzprosa-Sammlung „Menschen und andere Träume“ (2016) den Leser in die desolate postsozialistische Atmospähre der Wohnblocks und Hinterhöfe einer rumänischen Stadt, alles grau in grau. Diese Geschichten bieten Einblick in die Lebensverhältnisse der kleinen Leute und auch der vom Umbruch  gebeutelten Verlierer: arbeitslose Akademiker, abgehalfterte Gewerkschafter und politische Veteranen, die den kommunistischen Zeiten nachtrauern, bedauernswerte Obdachlose und zerrissene Familien nach Abwanderung der Jugendlichen in alle Himmelsrichtungen. In den gegenwärtigen Alltag ragen Scherben der Vergangenheit.

Satire und Groteske erwachsen einfach aus der penibel genauen Beschreibung der Zustände. Eine treffsichere Situationskomik und die einprägsame Gestaltung von Menschenbildern bleiben Waitz’ Markenzeichen. Im abschließenden Kapitel „Briefe aus dem Wald“ verlässt der Erzähler die Schauplätze seiner Stadtgeschichten und wendet sich den  Alltagsgeschehnissen in einer abgelegenen psychiatrischen Klinik zu, einer gesellschaftlich und politisch nach wie vor brisanten Welt, die er bereits in „Krähensommer“ unter die Lupe genommen hatte.

Gewiss erschließt er mit den Erzählungen des Bandes für seine Prosa und für die banatdeutsche Literatur überhaupt neue thematische Bereiche, darunter etwa Entfremdungserscheinungen im Zeitalter digitaler Kommunikation, verlagert seine erzählerische Bühne aus dem dörflichen in den städtischen Lebensraum.

Das banatschwäbische Dorf lebt weiter in der Literatur

Gegen meine Anmerkung in einer Rezension, dass das banatschwäbische Dorf als literarisches Thema ausgeschöpft sei, dass nur noch letzte Ausläufer als Kindheitserinnerungen, Spurensicherungen der Enkel-Generation oder historische Reminiszenzen zu erwarten seien, erhob Balthasar Waitz postwendend Einspruch. Überraschungen würde es bald geben, schrieb er. Wie zum Beweis legte er ein Jahr danach den vom Schriftstellerverband ausgezeichneten Dorfroman „Das rote Akkordeon“ vor. In Sprache, Stil und Erzählperspektive ein echter Balthasar Waitz, ein „Déjà-vue-Erlebnis“!

Als treffliche Charakteristik des Romans sei aus der Rezension  von Ingeborg Szöllösi (Banater Post) zitiert: „Aus der Sicht eines minderjährigen Zeitzeugen erfahren wir, was sich in einem schwäbischen Dorf im kommunistisch regierten rumänischen Banat ereignet: wie gearbeitet und gefeiert, gebetet und geflucht, gestritten und geliebt wird. Und da unser Zeitzeuge so jung, unerfahren und unvoreingenommen ist, wird uns keine Handlung mit hintergründigen Zusammenhängen geboten: In diesem Roman muss der Leser nichts entschlüsseln, er wird lediglich aufgefordert, sich das was der Junge sieht, hört und fühlt, vorzustellen – nüchtern und ohne jede Spur von Sentimentalität. Schnörkellos beschreibt das Kind den Dorfkosmos, in dem die Devise zu gelten scheint: ‚Das Leben muss gelebt werden.‘ Von keinem noch so bitteren Ereignis sollte man sich unterkriegen lassen ...“

Ja, unverdrossen greift unser Erzähler wieder zurück auf die Welt seiner Kindheit und Jugend, entwirft neue Dorfbilder aus verflossenen Zeiten, Geschichten, welche die Leserschaft und die Zuhörer der
Lesungen des Autors richtig in ihren Bann ziehen, gleichermaßen in Temeswar und Reschitza oder in Ulm, München und Frankfurt am Main sowie in Budapest bei den Ungarndeutschen. Ein Wunder ist das nicht, entdecken die Menschen doch Spuren ihrer eigenen Lebenswege und Erfahrungen in diesen so heiter-witzigen und oft auch tief-traurigen Erzählungen.