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Banater Post

Herausragender Beitrag zur historischen Grundlagenforschung

Gouverneur Mercys „Unvorgreifliches Einrichtungsprojekt für das Jahr 2018“ Quelle: Martin Roos, Providentia Augustorum

Contumazordnung der k.k. Sanitätskommission in Wien zum Schutz gegen die Pest, 1738. Quelle: Martin Roos, Providentia Augustorum

Altbischof Martin Roos hat mit beachtlichem Erfolg den Altar und die Bischofskanzlei mit der Gelehrtenstube gewechselt. Zuletzt hat er einen Band ausgewählter Quellen zum frühen österreichischen Banat vorgelegt: „Providentia Augustorum. Unter der Obhut der Kaiser. Dokumente zu den Anfängen des Temescher Banats 1716-1739“. Die umfangreiche Publikation (534 Seiten) ist 2018 im Selbstverlag des Verfassers sowie im Münchener Verlag Edition Musik Südost erschienen.

Die Dokumentation hat einen anlassbezogenen Charakter: Sie wurde im Zusammenhang mit der 300-Jahr-Feier der habsburgischen Eroberung Temeswars (1716) konzipiert und im Gedenkjahr der Schaffung eines deutschen und „raitzischen“ (serbischen) Stadtmagistrats veröffentlicht.

Für den Nichtfachmann stellt sich zunächst die Frage, was eigentlich eine „historische Quelle“ oder eine „Geschichtsquelle“ ist. In den letzten Jahrzehnten wurden neue Sachverhalte in den Quellenbegriff einbezogen, indem „Kultur“ neu definiert wurde. Unter „Historischen Quellen“ werden heutzutage sowohl Zeichen und Symbole als auch Texte und Gegenstände, Artefakte und Traditionen, das heißt Zeugnisse der materiellen und immateriellen Kultur subsumiert, aus denen geschichtliche Tatsachen methodisch erschlossen werden können. Im engeren Sinn handelt es sich aber um die archivische Überlieferung, der sich auch Martin Roos zuwendet.

Herangezogen werden sowohl gedruckte als auch ungedruckte Quellen – „einige wenige, doch entscheidende Dokumente und Fragmente“, auf die sich Historiker häufig berufen, die aber „in ihrem originalen Wortlaut bisher nur teilweise veröffentlicht wurden“. Die Texte stammen aus den Beständen des Wiener Hofkriegsrats und der kaiserlichen Hofkammer, aus der Stiftsbibliothek Klosterneuburg, dem Banater Nationalmuseum Temeswar und vor allem aus dem unschätzbaren Fundus des Bischöflichen Archivs in Temeswar. Bei Quellenpublikationen wird die grundsätzliche Auswahl der Quellen oft durch die subjektiven Interessen des Verfassers mitbestimmt. Martin Roos ist in erster Reihe ein Kirchenhistoriker. So würde man erwarten, dass der Schwerpunkt im kirchen-geschichtlichen Bereich liegt. Dem ist jedoch nicht gerade so. Es ist der ganzheitliche Blick des erfahrenen Regionalhistorikers.
Die jeweilige kurze Einführung in die einzelnen Aktenstücke entwickelt Gesichtspunkte für die Interpretation der Quelle aus dem geschichtlichen Zusammenhang, in dem sie entstanden, und aus dem geschichtswissenschaftlichen Prozess, in den sie eingegangen ist. Sie setzt damit auch einen forschungsgeschichtlichen Schwerpunkt. Darüber hinaus bietet der Autor Einsichten in den Stellenwert der Quelle. Dies ist wichtig für den Benutzer, da Schriftstücke, bevor sie zu Quellen werden, bereits in verwaltungsgeschichtlichen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen stehen. Probleme der Textüberlieferung werden nur andeutungsweise behandelt. Obwohl die Anmerkungen entsprechend der Arbeitsmethode des Autors ausführlich gehalten sind, streben die Literaturhinweise keine Vollständigkeit an.

Die als Beispiele verwendeten Quellen sind so gewählt, dass eine Mehrzahl von Quellensorten – Urkunden, Akten, narrative und kartographische Quellen – vertreten sind und ihre Inhalte eine dichte Beschreibung von Sachverhalten, Zuständen und Ereignissen ermöglichen. Ein weiterer leitender Gesichtspunkt der Auswahl war, mit Blick vor allem auf Studierende, dass durch die wiedergegebenen Quellen die inhaltliche Weite der frühen Banater Provinzialgeschichte exemplarisch sichtbar wird.

Inhalte der Quellendokumentation

Der Schwerpunkt der Publikation liegt auf dem Ermitteln bisher wenig oder sogar unbekannter geschichtlicher Tatsachen. Mehrere Urkunden und Akten sind dem militärisch-politischen und administrativen Bereich zuzuordnen und beziehen sich auf die Eroberung Temeswars und die Einrichtung der kaiserlichen Verwaltung. Eingeleitet wird der Band mit den Kapitulationspunkten, die am 13. Oktober 1716 zwischen den kaiserlichen Belagerern und der osmanischen Festungsgarnison abgeschlossen wurden. Zeitgenossen betrachteten sie als exemplarisch für den zivilisierten Umgang der Kriegsgegner (S. 17-21). Im gleichen Kontext steht die Predigt zur Befreiung der Stadt, die der Domprediger und Jesuitenpfarrer Ignatz Reiffenstuel schon am 18. Oktober im Wiener Sankt Stephans-Dom in Anwesenheit des Hofes gehalten hat und die kurz darauf in Druck erschienen ist (S. 25-33).

Die Instruktion des Prinzen Eugen von Savoyen für Graf von Mercy als provisorischen General der im Lande verbliebenen Regimenter vom 1. November 1716 (S. 37-42) zählt neben dem Einrichtungsprojekt des Gouverneurs für das Jahr 1718 (S. 95-112) und dem Bürgerregister (catastrum
civium) des deutschen Magistrats (S. 115-139) zu den grundlegenden Aktenstücken, die die frühen Maßnahmen zur Organisation von Provinz und Stadt veranschaulichen. Der 1734 abgefasste so genannte Hamilton-Bericht, die erste Landesbeschreibung des Banats, Chorographia Bannatus Temessiensis (S. 183-200), fasst den Entwicklungsstand des Banats in der späten Mercy-Ära zusammen.

Zu den wertvollsten Aktenstücken zählt die Konskription (Designation) der Banater Ortschaften (S. 65-94), die zum Zweck der Steuereintreibung noch während des Krieges 1717 unternommen wurde. Sie gibt Aufschluss über den demographischen Zustand des Banats zu Beginn der habsburgischen Herrschaft. Ihre gegensätzliche Interpretation hat teils bis in die Gegenwart zu geschichtspolitischen Auseinandersetzungen über die Größe und ethnische Struktur der Bevölkerung des eroberten Gebiets geführt. Mit der Zusammenschreibung der Bevölkerung im engen Zusammenhang steht die so genannte Mercy’sche Landkarte des Banats, die von 1723 bis 1725 im Ergebnis der Generalisierung der von 1718 bis 1724 zustande gekommenen Distriktskarten entstanden ist (S. 151-157). Der Publikation ist ein drucktechnisch gelungenes Faksimile der Karte beigeben. Zurecht weist der Autor darauf hin, dass beide Dokumente „zusammen zu sehen [sind], auch wenn sie gesondert behandelt werden müssen“ (S. 65). Der Ansatz des Autors ist innovativ und ergiebig: Seine Zusammenstellung enthält neben der Ortsbezeichnung in der Designation die Ortsnamen auf der Mercy’schen Karte und eine aktuelle mehrsprachige Ortsnamenkonkordanz. Der Erste Schwabenzug wird mit einem Werbepatent zur Auswanderung ins Banat veranschaulicht, das vom Werbeagenten Johann Franz Falck 1726 in Worms ausgestellt wurde (S. 163-171).

Die vorzüglich übersetzten Berichte der Jesuitenmission zu Temeswar über die Jahre 1716-1718 (S. 47-62) leiten zwar zu den kirchengeschichtlichen Quellen über, enthalten aber interessante Informationen über den städtischen Alltag. Die Patres ließen sich erst 1718 in der Stadt nieder, die Rückschau ihres Jahresberichtes beruht teilweise auf Hörensagen. Der Vertreibung der Osmanen wurde alljährlich feierlich gedacht: „ […] am 18. Oktober wurde ein te Deum laudamus/Großer Gott, wir loben dich, begangen, da diese bedeutende Festung in die Hand der Christen gekommen ist. Dann wird der Ambrosianische Lobgesang angestimmt, gefolgt von einer feierlichen Messe, Explosion der Geschütze und mehreren anderen Zeichen der Freude“ (S. 51). Die sprachkundigen Ordensleute hatten ein besonderes Augenmerk für die Völkervielfalt in der Region.

Weitere zwei Schriftstücke thematisieren das religiöse Leben: die bischöfliche Urkunde für die Nepomuk-Bruderschaft (S. 157-161) und die Niederlassung des Barmherzigen-Ordens in Temeswar (S. 203-209). Letzterer kam zwar erst 1737 in die Stadt, der Bau seines Konventes mit dem Hospital zum hl. Johannes von Nepomuk wurde jedoch schon 1735 in Angriff genommen. Die Grundsteinlegung wird in der Hauschronik des auch in der osmanischen Zeit in der Provinz ansässigen Ordens der Bosnischen Brüder ausführlich beschrieben. Die Edition wiedergibt auch die Inschrift im Grundstein des Hospitals.
Zwei weitere Aktenstücke müssen im gleichen Zusammenhang betrachtet werden: das kaiserliche Diplom zur Ernennung des Barons Adalbert Anton von Falkenstein zum Bischof des Temeswarer Banats (1731), auf Grund dessen das Bistum und das Kapitel in Temeswar wiedereingerichtet wurden (S. 173-181), und die Grundsteinlegung der neuen Basilika. Unter dem neuen Bischof nahmen die Pläne zur Errichtung einer Kathedralkirche Gestalt an. 1736 wurde der Grundstein der unter dem Schutz der Heiligen Gerhard und Georg stehenden Domkirche gelegt (S. 211-215).

Das letzte Aktenstück verweist auf die Entwicklungszäsur infolge der Zerstörungen im Türkenkrieg und der verheerenden Pestepidemie. In einem schriftlich niedergelegten Pestgelöbnis verpflichtete sich der deutsche Stadtmagistrat im Namen der Bürgerschaft am 29. Mai 1739 eine Kapelle vor dem Belgrader Festungstor zu errichten, jährlich eine Prozession dahin zu führen, der Festungspfarre eine Fahne zu stiften sowie die Unterhaltung an Sonn- und Feiertagen einzuschränken (S. 217-222).

Quellen als Prämisse historischer Forschung

Historische Forschung beruht auf zwei Informationssäulen: historische Quellen und Fachliteratur. Aus diesem Grund ist in der Geschichtswissenschaft der Aufbereitung von Quellen durch ihre Edition und Interpretation auch in der Banater Regionalforschung seit dem späten 19. Jahrhundert besonderes Gewicht zugemessen worden. Die methodische Aufbereitung der Quellen durch Historiker wie Pesty Frigyes, Szentkláray Jenő, Ortvay Tivadar und Baróti Lajos während der Blütezeit der Banater Regionalgeschichtsschreibung im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert und ihre kritische Nutzung für die geschichtswissenschaftliche Erkenntnis schuf und begründete einen wissenschaftlichen Standard, unter den die Geschichtswissenschaft nicht mehr zurückfallen konnte ohne ihren wissenschaftlichen Anspruch zu gefährden. Martin Roos sieht sich dieser quellennahen und faktensaturierten Tradition der regionalen Geschichtsschreibung verpflichtet. Dies wird vor allem durch seine quellennahe Darstellungsweise und in der akribischen Aufbereitung des Anmerkungsapparats und des Registers sichtbar, auf die mehr als die Hälfte des Buchumfangs entfallen.

Die durch die Fachliteratur vermittelte Geschichtskenntnis ist grundsätzlich auf Quellen zurückzuführen. Von einer historischen Quelle wird daher erwartet, dass sie historisches Wissen ergibt und verfeinert wie auch, dass dieses vorangetrieben wird. Vermittelt die Literatur ein unklares bis fragwürdiges Bild geschichtlicher Abläufe, so lässt es sich durch den Rückgriff auf Quellen möglicherweise klären. Diese Erwartungen löst die vorliegende Quellensammlung durchaus ein. Hinter der Hochschätzung der Edition und der Interpretation von Quellen können die Probleme, die von der historischen Darstellung aufgeworfen werden, verblassen. Für Martin Roos sind die Kenntnis und die Kritik historischer Quellen jedoch selbstverständlich. In zahlreichen Aufsätzen und vor allem in seiner umfassenden, noch nicht abgeschlossenen Kirchengeschichte des Banats (Erbe und Auftrag: Momente aus der Vergangenheit der Diözese Csanád und ihrer Nachfolgebistümer) hat er gezeigt, dass die Interpretation der geschichtlichen Tatbestände und ihrer Zusammenhänge für ihn ein wichtigerer Gegenstand der Überlegung als die Deutung historischer Quellen ist, letztere aber als Garant von Authentizität unverzichtbar bleibt.

Um den Stellenwert der historischen Quellen in der Geschichtswissenschaft zu differenzieren, muss man sich zweierlei vergegenwärtigen. Zum einen sind die Quellen dem Historiker nicht gleichsam objektiv vorgegeben, sondern sie bedürfen der Interpretation. Zum anderen sind sie oft auch nicht zwingend klar, im Gegenteil. In den letzten Jahrzehnten wuchs zwar das Bewusstsein der weltanschaulichen und theoretischen Zusammenhänge, in denen Geschichte dargestellt, ja erzählt wird. Die Beschäftigung mit Quellen konnte ihren früheren Stellenwert als Gegenstand methodologischer Reflexion jedoch nicht aufrechterhalten. Die Edition von Quellen wurde zu Unrecht vielfach nur als Vorstufe der Geschichtswissenschaft betrachtet. Indem die historische Quellenkunde insgesamt unproblematisiert blieb, entstand eine Spannung zwischen dem Anspruch der Geschichtswissenschaft, auf der Auswertung und der Interpretation der historischen Quellen zu gründen, und dem unabdingbaren systematischen und methodologischen Ausbau der historischen Quellenkunde. Dies trifft auch auf die Quellenbasis der Banater Regionalgeschichte zu. Das vorliegende Buch zeigt jedoch, wie viel Energie, Wissen und Kompetenz die Aufbereitung von grundlegenden Quellen erfordert. Das Buch unseres Altbischofs ist ein wichtiger Beitrag zur historischen Quellenkunde des frühen habsburgischen Banats. Die Quellen führen eigentlich in das Studium der frühen Provinzialgeschichte ein. Von dieser Dokumentation können wahrlich wichtige Impulse für die Erarbeitung weiterer Quellensammlungen zu eingegrenzten Themen der Banater Regionalgeschichte im 18. Jahrhundert ausgehen.