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Banater Post

Angekommen. Angenommen - Heimat als unverlierbares und erwerbbares Gut

Nach abenteuerlicher Flucht über Jugoslawien in der Durchgangsstelle für Aussiedler in Nürnberg angekommen: neun glückliche Billeder 1981. Foto: Peter Krier/Archiv BP

Brauchtumspflege der Banater Schwaben in Deutschland: Landestrachtenfest und Volkstanzfestival in Göppingen 2015. Foto: Archiv BP

Mit einem Bündel auf dem Rücken kamen wir ins Banat – mit einem Bündel kehrten wir drei Jahrhunderte später nach Deutschland zurück. So könnte man die Siedlungsgeschichte der Banater Schwaben sinngemäß zusammenfassen, als tragischen Endpunkt von Heimatsuche, Heimatfinden und Heimatverlust. Das Bild bleibt allerdings unvollständig, denn zu den Habseligkeiten im Bündel der deutschen Siedler im 18. Jahrhundert gehörten auch Fleiß, Beharrungsvermögen und Zuversicht, ohne die nicht das Kleine und nicht das Große gelingt. Im Bündel der Siedler verwahrt war auch das westliche Kulturbild, von dem sie weder los wollten noch konnten. Sie hatten nicht eine Missionierung fremder Landstriche im Sinn, meinten aber, sich nicht verleugnen zu müssen in einer sich anders äußernden Nachbarschaft, die im Siedlungsgebiet bodenständig war. Einen ähnlichen Vorgang meinen wir auch in den jüngsten Zuwanderungen nach Deutschland zu erkennen, wenn aus Menschen fremder Landstriche Mitbürger und Nachbarn werden sollen, wissend, dass die Freundschaft zum anderen und dessen Achtung nicht allein vom guten Willen getragen wird, sondern eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft voraussetzt.

Die aber will erworben sein. Sie fällt nicht einfach zu. Als mir nach anderthalb Jahrzehnten in Ratingen-Breitscheid, wo ich nach der Ausreise ansässig geworden war, die Aufnahme in den Heimatverein angeboten wurde, war ich unschlüssig. Ich sah darin durchaus ein Zeichen, angekommen und angenommen worden zu sein. Immerhin hatten wir dort ein Reihenhaus erworben, Bäume im Garten gepflanzt und auf dem Waldfriedhof unsere Großmutter beigesetzt. Die Kinder besuchten die Stadtteil-Schule und machten im Sportverein mit, und sonntags trafen wir die neuen Nachbarn in den Kirchenbänken. Wir hatten wieder ein Zuhause. – Dennoch bin ich dem Heimatverein nicht beigetreten, weil ich mich eher meiner Banater Landsmannschaft zugehörig fühlte. Ich hatte meine Schwierigkeit damit, von einer alten und einer neuen Heimat zu sprechen. Denn wer zwei oder mehrere Heimaten zu haben meint, hat möglicherweise keine.

Hans Lipinski-Gottersdorf, ein schon vor einigen Jahren in Köln verstorbener oberschlesischer Schriftsteller, stellte mit zunehmendem Alter zunehmend fest, ein Oberschlesier geblieben zu sein, obwohl er der Stadt Köln sehr zugetan war. Sein literarisches Thema blieb jenes ferne, verlorene Bauernländchen an der Prosna, in dem sich schon die russische Steppe ankündigt, und das er in seinen Büchern so beschreibt, wie er es erlebt und im Sinn behalten hatte. – Nicht viel anders hört sich das Bekenntnis der aus Ostpreußen stammenden Bildhauerin und Dichterin Ursula Enseleit an, die nach der Vertreibung in Mainz lebte und sich dort wie auf der Durchreise vorkam. Sie warnte indessen alle Entwurzelten vor der „Lust, im Negativen zu verharren“. Es gelang ihr, die aufgezwungene Realität nicht nur hin-, sondern anzunehmen. Erfährst es irgendwann, dass alles veränderlich ist und sein will.

Wie sie, nehme auch ich meine ost-westliche Zugehörigkeit hin als etwas, gegen das du nichts ausrichtest. Wechselst das Hemd, aber nicht die Haut. Meine Entscheidung auszuwandern, war nicht eine Entscheidung gegen Rumänien, dem das Banat nach dem Ersten Weltkrieg zugefallen war, sondern gegen die politische Diktatur, die Heimat vernichtet. Es war die Entscheidung für die Freiheit, die ich meine, und es war, wenn man so will, nach dreihundert Jahren der Abwesenheit, auch eine sentimentale Rückkehr nach Deutschland – eine Heimkehr war es nicht. Die Scholle, die mich bindet, ist die Banater Heide, und die Bundesrepublik Deutschland ist nur noch bedingt das Land der Väter. Andere Lebensformen haben uns im Südosten geprägt und andere Nachbarn wohnten nebenan. Es war eine Rückkehr in ein anderes Land. Die jungen russlanddeutschen Zuwanderer, die zum guten Teil auch sprachliche Probleme haben, müssen das besonders deutlich empfinden, auch wenn sie anstandslos eingebürgert werden.

Denn auch das ist zu sagen: Wir waren auf Hilfe angewiesen und erhielten sie; wir wollten arbeiten und kamen angemessen oder immerhin situationsgebunden unter; wir wollten sein wie die anderen und keiner hinderte uns daran. Wir sind heute zuverlässige Steuerzahler und nehmen unser Wahlrecht wahr. Wir sind integriert und haben allen Grund dankbar zu sein. Dennoch ist die Euphorie der Ankunft im überversorgten deutschen Alltag einer zunehmenden Ernüchterung gewichen. Unmut und Kümmernisse nehmen zu in einer Realität, in der jeder seine Chance, aber auch seine liebe Not hat, wobei wir wissen, dass diese der in den östlichen Herkunftsgebieten erlittenen Not nicht gleichzusetzen ist. Sie hatte dort viele Namen: Enteignung, Deportation, Überwachung, Vertreibung. Diesen die rechtsstaatlichen Maßnahmen, wie die Räumung der Dörfer im Braunkohlengebiet oder den als bedrohlich beanstandeten digitalen Eingriff in die Privatsphäre des Einzelnen entgegenstellen zu wollen, wäre zu kurz gegriffen. Es dürfte gerade den Heimatvertriebenen und Aussiedlern so schwer nicht fallen, die wesentlichen Unterschiede zu den (einstigen) totalitären politischen Systemen ihrer östlichen Herkunftsgebiete zu erkennen und dem gelegentlich aufkommenden westlichen Überdruss entgegenzusteuern.

Inzwischen ist auch in unserer alten Heimat Banat manches anders geworden. Der freie Bauer ist dort wieder denkbar, und auch das freie Wort. Ebenso wenig aber wie eine Rückkehr in die Kindheit möglich ist, sind vergangene Verhältnisse wieder herstellbar. In einem der letzten Sommer besuchte ich mein Heimatdorf Perjamosch und fand mich nicht zurecht. Ich ging durch die Gassen und in die Höfe, stand vor meiner alten Schule, fuhr an die Marosch hinaus – und fand nicht heim. Ich traf auf Nachbarn, die keine sind, und entdeckte nichts, was ich nicht schon verloren hätte. Im Friedhof wuchert die Heide über die Gräber, und die alte ausgeplünderte Kapelle vertrauert vor den Linden. Ich kam mir vor, wie draußen vor der Tür und fragte mich nachträglich, ob es nicht doch falsch gewesen sein könnte, dem Heimatverein am Rhein nicht beigetreten zu sein.

Im Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus, der Kultur- und Begegnungsstätte deutscher Heimatvertriebener, findet jeweils am zweiten Adventssonntag der Ostdeutsche Weihnachtsmarkt statt. Die alten Lieder werden gesungen, und auf allen Etagen bieten ostdeutsche Landsleute in Tracht Bücher, Andenken und kulinarische Spezialitäten aus ihren Siedlungsgebieten an. Eine ebenso schöne wie sinnreiche Veranstaltung des Hauses, das nicht nur Begegnungsstätte sein will, sondern vorweg ein kreatives Zentrum zur Pflege des ostdeutschen Kulturguts – nicht eine vorgetäuschte Ersatzheimat, sondern eine von jeder Aggression befreite Selbstbesinnung. Dennoch ist die Zahl der Besucher des Ostdeutschen Weihnachtsmarktes auch im Gerhart-Hauptmann-Haus merklich zurückgegangen. Verursacht wird diese Rückläufigkeit von der Überalterung der Erlebnisgeneration und zugleich von der gelungenen Integration ihrer Nachkommen in den Aufnahmegebieten. Die Eingliederung von Millionen Heimatvertriebenen ist unbestritten eine der großen Nachkriegsleistungen der Bundesrepublik sowohl im humanen wie im wirtschaftlichen Bereich, und sie ist umso bemerkenswerter, weil die strukturellen Voraussetzungen dafür nicht gegeben waren. Verbunden damit ist eine neue regionale Zugehörigkeit spätestens in der dritten Vertriebenengeneration, die in den westdeutschen Bundesländern ihr neues Zuhause gefunden und angenommen hat.

Ein ähnlicher Vorgang vollzieht sich bei den Banater Schwaben in Deutschland. Im Bewusstsein unserer Enkelkinder mag die Erinnerung an das Banat noch gut aufgehoben sein, hingegen ist eine Sehnsucht nach der alten Heimat ebenso wenig festzustellen wie die Bereitschaft zu einer Rückkehr. Der in seinen Ursachen äußerst schmerzhafte Auszug aus der alten Heimat hat eine zunehmende Entfremdung zur Folge. Unsere Enkel besuchen die alten Heimatgebiete in gewisser Weise als Touristen – nicht völlig beziehungslos, jedoch ohne unterschwelliges Anspruchsdenken.

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Wir wissen, die Integration ist ein langwieriger und vielschichtiger Vorgang, der nur in Ausnahmefällen in der Lage sein kann, regionale Eigenheiten zu berücksichtigen, Dialekte, Trachten und das Brauchtum zu bewahren und zu entwickeln. Die regionale Zuweisung der Vertriebenen und Aussiedler ermöglichte nur begrenzt, identitätserhaltende Elemente zu berücksichtigen. Diese Bemühungen sind im Wesentlichen eine Aufgabe der Landsmannschaften und Heimatortsgemeinschaften. Dem Sog von Zeit und Umfeld ausgesetzt sind sie auch dort rückläufig, wo kompakte südostdeutsche Siedlungen gezielt oder spontan entstanden sind. Die Integration fordert ihren Preis. Sie hat eine ebenso unvermeidliche wie durchaus gewollte Angleichung zur Folge, auch wenn diese im bestimmenden Umfeld von bleibenden Elementen durchsetzt ist. Wir können angemessen unsere alten Feste feiern, Trachtenumzüge veranstalten, die Mundarten pflegen und zu landeskundlichen Tagungen einladen. Wir verfügen über museale Einrichtungen und wissenschaftliche Institute und nehmen wirtschaftlich und administrativ aktiv am täglichen Geschehen teil. Das Banat aber wird für uns zunehmend nur noch einen Erinnerungswert haben.

Die kollektive Entscheidung, in den Westen auszureisen, hat ihre Wurzel in der Entrechtung und Drangsalierung der deutschen Minderheit in Rumänien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie wurde zwar nicht vertrieben, aber verlor (wenn auch nur vorübergehend) die staatsbürgerlichen Rechte, wurde enteignet und zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Große Teile der Banater Schwaben erlitten eine zweite Deportation in die Donausteppe, von wo sie erst nach fünf Jahren entlassen wurden, als sie – auf eigene Kosten – ins Banat zurückkehren durften. Sie hatten insgesamt zehn Jahre Zwangsarbeit und Deportation durchzustehen, die verständlicherweise keine bindenden vaterländischen Regungen aufkommen ließen. Ceauşescus nationaler Kommunismus, der darauf folgte, erwies sich nicht in der Lage, der brüchig gewordenen Heimatliebe der deutschen Bürger seines Landes wieder Auftrieb zu verleihen. Ihm wird nicht viel daran gelegen sein, denn er verhökerte sie leichten Herzens gegen ein festes Kopfgeld ins geschmähte kapitalistische Ausland.

Das Wendejahr 1989, das auch in Rumänien Tür und Tor öffnete und einen ungehinderten Exodus in den Westen ermöglichte, führte dann fast gesetzmäßig zum Ende einer achthundertjährigen Siedlungsgeschichte in Siebenbürgen und von 300 Siedlungsjahren im Banat. Nachträgliche historische Betrachtungen und Auslegungen mögen das bedauerlich finden, in der gegebenen Situation der Nachkriegsjahrzehnte aber ergab sich der Exodus der deutschen Bevölkerung aus Rumänien als konsequente Reaktion auf die Zerschlagung der gewachsenen und die Gemeinschaft tragenden Lebensformen.

Die Integration der Rumäniendeutschen in der Bundesrepublik erwies sich in nahezu allen Bereichen als problemfrei. Sie waren beruflich gut ausgebildet, beherrschten die deutsche Sprache und fanden eine im Westen bereits etablierte eigene Landsmannschaft vor, die nicht nur als integrierende behördliche Mittelstelle ihre Aufgabe sieht, sondern auch vielfältig bemüht ist, Kontakte zu den alten Siedlungsgebieten im Banat herzustellen und auszubauen. Das gelingt besser als den meisten anderen ostdeutschen Landsmannschaften. Es gehört zur Widersprüchlichkeit der rumänischen Kommunisten, dass sie ihre deutsche Minderheit nicht vertrieben, aber dem Land entfremdet haben, dass sie ihnen den muttersprachlichen Unterricht vom Kindergarten bis zum Abitur ermöglichten und sie dann mit Gewinn zu vermarkten suchten. In keinem anderen Land des Ostblocks war nach dem Krieg eine ähnlich gestaffelte und finanziell abgesicherte deutschsprachige Kulturpflege zugelassen worden. Politisch zwar totalitär vereinnahmt, hatte sie dennoch die Bildung einer intellektuellen Elite auch der deutschen Minderheit ermöglicht, die sich angemessen im öffentlichen Leben zu behaupten verstand und, ausgewandert, im westlichen Umfeld nicht versickerte. Zwei Nobelpreisträger aus dem Banat können hier genannt werden: die in Nitzkydorf geborene Schriftstellerin Herta Müller und der aus Sanktanna stammende Physiker Stefan Hell. Hier greift eins ins andere – die westliche Freiheit sowie der zum guten Teil noch in der Banater Heimat erworbene Intellekt. So mögen auch die frühen Jahre der Preisträger im Banat durch Welterfahrung und soliden Bildungsansatz zu der hohen Anerkennung im Westen beigetragen haben.

Die Banater Schwaben sind heute über das ganze Bundesgebiet verstreut, vornehmlich in Bayern,
Baden-Württemberg, in der Pfalz und im Saarland. Eine größere Anzahl hat in Österreich Heimat gefunden, andere in den USA, in Frankreich und Brasilien. Gemeinsam gründeten sie den Dachverband der Donauschwaben, der kulturpolitisch und -historisch über Grenzen und Kontinente hinweg verbindend zu wirken bemüht ist, die jeweilige Struktur indessen den Regularien der Aufnahmeländer zuordnet. Wirtschaftlich und gesellschaftlich eingegliedert, bilden sie heute einen markanten Punkt im Festzug des Münchner Oktoberfestes, im rheinischen Karneval und in zahlreichen anderen öffentlichen Veranstaltungen. Sie sind angekommen und angenommen. Das Banat aber ist ebenso unvergessen wie verloren. Neues entsteht dort, und das Alte verblasst ohne Klage. Es ist hinzunehmen, dass ein Jedes seine Zeit hat, und wenn es gut genug war, sein Zeichen hinterlässt.

Unsere Kinder sind heute weniger ortsgebunden. Ihre Anliegen sind eher das Abschmelzen des Polareises oder das Abholzen der Regenwälder als die aktuellen Zustände im Banat. Sie denken global, und da mag es so wichtig nicht sein, wenn meine alte Schule in Perjamosch zerfällt und das historische Einwandererhaus abgetragen worden ist. Und doch sollte für das alles Platz sein – zumindest in unserem Gedächtnis.

Alfred Kittner, ein deutschschreibender jüdischer Dichter aus der Bukowina, der seine letzten Lebensjahre in Düsseldorf verbrachte, hielt nicht viel davon, noch einmal seine Heimatstadt Czernowitz zu besuchen. Er versagte es sich, die inzwischen ukrainische Variante von Czernowitz in der Bukowina beurteilen zu wollen. „Sein“ Czernowitz behielt er im Innersten verwahrt, unverlierbar und unversehrt. Er war auch nicht darauf aus, es sich museal vergegenwärtigen zu wollen und zeigte sich weniger darüber empört, wenn wieder einmal historische Fakten bis zur Unkenntlichkeit umgeschichtet wurden. Er vertraute einer imaginären Gerechtigkeit, die verhindert, dass Existenzen und Kulturen aus dem Gedächtnis der Welt fallen.

Was Kittner individuell gelang, muss und kann nicht kollektiv gelingen, aber es könnte in unserer Zeit so verkehrt nicht sein, nicht aus jeder persönlichen Sache eine politische zu machen. Weil es aber so ist wie es ist, werden die historischen Ereignisse, wie auch manche gegenwärtigen Fragenkomplexe, noch immer unterschiedlich bis gegensätzlich interpretiert und auch gelehrt. Unsere Europäische Union präsentiert sich als ein Verbund von Vaterländern. Jedes schreibt seine vermeintlich eigene Geschichte, wobei es eine solche nur bedingt geben kann auf einem Kontinent, der in seiner Vielfalt an Sprachen, Religionen und Traditionen kaum zu überbieten ist und wo es lange üblich war, die Hoheitsansprüche lediglich in den Heiratsverträgen der Dynastien zu regeln und die Heimat vor der Nation galt.

Es waren die deutschen Heimatvertriebenen, die in ihrer Notlage das „Recht auf Heimat“ forderten und damit vergeblich die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Vertreibungsgebiete verbunden haben. Heute ist die Welt vorrangig damit beschäftigt, das Recht auf eine humane Existenz global und in Würde zu ermöglichen. Was nach dem Zweiten Weltkrieg als Herausforderung noch regional zu bewältigen war, ist heute eine transkontinentale Angelegenheit, für die noch keine umsetzbare Strategie vorliegt. Wir erinnern uns, dass eine solche auch nicht für die Flucht- und Vertreibungsvorgänge vorlag, die das zerstörte Deutschland nach dem Krieg belasteten. Es galt die Strategie der Not, die sonst nichts zuließ, als zu handeln, und die zu einer neuen Gemeinschaft zu finden geradezu verdammte.

Von einer ähnlichen Strategie sieht sich heute die Europäische Union durch neue Migrationsströme herausgefordert, und es wird nicht die blinde Verweigerung sein können, die Lösungen ermöglicht.

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Was wir uns heute in Deutschland als gelungene Integration zuschreiben, ist das Ergebnis jahrzehntelanger konsequenter und zielgerichteter Bemühungen – die positive Endsumme von Zuversicht und Verzweiflung, Demut und Protest. Es galt für die Betroffenen – und das war das ganze Deutschland – nicht nur gegen die äußere Not anzugehen, sondern in gleichem Maße gegen die innere Aufruhr hinsichtlich der eigenen abgeurteilten Vergangenheit. Es gehört mit zum Schwierigsten, seinen Frieden zu finden und ihn mit denen zu schließen, die ihn diktieren und das zu begründen nicht versäumen. Es ist vor allem die Zeit, die glättet, das Gras, das darüber wächst. Erst den Generationen danach gelingt es, vorurteilsfrei den Handschlag zu wagen und die Welt, so wie sie ist – oder wie sie sich darstellt – als gegeben anzunehmen. Sie mag sich nicht immer als gerecht darstellen, aber sie erweist sich als gestaltbar und überträgt uns damit unseren Teil der Verantwortung.

Heute stellt sich weniger die Frage nach der Aufteilung der Welt, als die zu ihrer Erhaltung, und es scheint so, als hätten wir die Dimension dieser Zuweisung noch nicht ganz begriffen, als könnten alle unsere bisherigen Denkmuster in der neuen Konstellation versagen. Das bisher Machbare ist fragwürdig geworden und beginnt zunehmend unser existenzielles Verständnis und Verhalten in Frage zu stellen – bis hin zum Funktionalitäts- und Rechtsprinzip des Heimatbegriffs. Stärkt er oder ist es an der Zeit, die damit verbundene Geborgenheit zu durchbrechen wie das Küken die Eischale? – „Wo ist man daheim? Wo man geboren wurde oder wo man zu sterben wünscht?“, fragt Carl Zuckmayer in einem seiner Erinnerungstexte. Die Antwort finden wir an anderer Stelle, wo er bekennt: „Ich habe Nachbarn, ich habe Freunde gewonnen in diesem Ort, und ich weiß in der ganzen Welt meine Freunde und ihre Gräber. Wo diese sind, bin ich zu Hause. Hier und überall.“ – Das ist, ließe sich einwenden, Literatur, und meinen damit die Auslegbarkeit des Zitats, das, zugegeben, austauschbar sein kann, aber nicht auch tilgbar. Es markiert eine Zuversicht in dem Sinne, dass Heimat immer auch zu gewinnen ist. Wir haben unsere Heimat im Banat verloren, als ihre Entkernung sichtbar geworden war und sie uns nicht mehr ein Zuhause sein konnte. Für uns, und wohl für alle vom Heimatverlust Betroffenen, hat der Vertreibungsvorgang immer einen, an einen Rechtsbruch gekoppelten, Einmaligkeitscharakter. Wir wissen jedoch, so ist es nur bedingt, denn aller Besitz ist vergänglich und zugleich auch übertragbar. In unserer historischen Erinnerung sind neben Ausweisungen auch Landnahmen, Kolonisationen und Völkerwanderungen verhaftet. Die Welt war schon immer in Bewegung, und nichts wird die Völker auch in der Zukunft davon abhalten, den Globus neu zu verteilen, vielleicht sogar, ihn neu zu erfinden. Es bleibt zunehmend in unserer Verantwortung, wie wir das, was wir nicht von ungefähr als Schöpfung bezeichnen, weitergeben. Vor diesem universellen Hintergrund mag uns das Recht oder doch der Anspruch auf Heimat peripher vorkommen. Das ist es aber keineswegs. Carl Zuckmayers erwähntes Erinnerungsbuch trägt den Titel „Als wär`s ein Stück von mir“, womit er auf das Lied vom guten Kameraden hinweist, das bei mehr oder weniger passender Gelegenheit heute noch gespielt und auch gesungen wird. Zuckmayer setzt es, über das Kriegserlebnis hinaus, in den Zusammenhang mit dem individualisierten Lebensabschnitt – eben als „Stück von mir“. Der Erste, und mehr noch der Zweite Weltkrieg ließ es deutlich werden, wie Verantwortung von allen zu tragen ist, auch wenn der Einzelne nur Ausführender ist und zum unbedingten Gehorsam vereidigt wird. Jeder von uns ist auch ein Stück vom Anderen, und unser Individualismus kommt nicht hin ohne Tuchfühlung.

Deswegen ist das Gefühl, angekommen zu sein, so wichtig. Ankommen bedeutet Nähe empfinden und sich dem Neuen öffnen. Es ist mehr als das, was über Verordnungen zu erreichen ist. Es geht darum, das Erlittene zu entgiften und neu zu entziffern. So wie es uns die ostpreußische Künstlerin Ursula Enseleit in ihrem Gedicht „Rhein und Ostsee“ hinterlassen hat:

Ich vergaß den Mövenschwarm,
Fliegend über meinem Meere.
Ich vergaß den Mövenschrei:
Flug und Schrei.
Schwer trägt sich der Rhein vorbei.
Da erwache ich aus Jahren,
Finde Wasser, Flug und Schrei.
Und ich bitte meine Sehnsucht,
Dass sie ohne Klage sei.