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Banater Post

Akt von großer kulturhistorischer Tragweite

Ein Teil der Faksimile-Ausgabe wurde in eleganter Ausführung – in Leder gebunden und mit einem Schuber versehen – realisiert. Fotos: Diözese TM

Die beiden Nachfolger des heiligen Gerhard, Bischof József-Csaba Pál und Bischof em. Martin Roos (von links), präsentieren dessen Werk „Deliberatio“ als Faksimile-Ausgabe dem Publikum. Fotos: Zoltán Pázmány

Die einzig erhaltene Abschrift des Werkes „Deliberatio“ wird in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München aufbewahrt.

Vom heiligen Gerhard († 1046), dem ersten Bischof von Tschanad, ist uns ein einziges Werk vollständig erhalten geblieben, das um das Jahr 1040 zu Tschanad entstanden ist und heute in einer Abschrift aus der Zeit um 1070 als Codex Latinus Monacensis 6211 in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München aufbewahrt wird. Es handelt sich um die „Deliberatio Gerardi Moresenae Aecclesiae e(pisco)pi supra Hymnum trium puerorum ad Isingrimum liberalem“ (Abhandlung Gerhards, des Bischofs der Kirche zu Marosch, über den Lobgesang der drei Jünglinge an den edlen Isingriumus), eine in der mittelalterlich-allegorischen Bibelerklärung beheimatete Kompilation mit philosophisch-theologischem Inhalt. Das Ziel der „Deliberatio“ ist nicht so sehr – wie es der Titel vermuten lässt – die Kommentierung des „Lobgesanges der drei Jünglinge im Feuerofen“, der uns im Buche Daniel überliefert ist; Gerhard will vor allem zeigen, dass jedes Wort der Bibel einen tieferen, verborgenen Sinn hat, der der Erklärung bedarf. Seine Hauptquelle sind dabei die „Etymologien“ des Isidor von Sevilla, der in diesem enzyklopädischen Werk das gesamte profane und theologische Wissen seiner Zeit zusammengetragen hatte. Gerhards „Deliberatio“ ist das erste und für Jahrhunderte das einzige Werk dieser Art im gesamten südosteuropäischen Raum. Es zeugt von der Bildung und dem geistig-geistlichen Format des Bischofs Gerhard, der als der erste theologische Schriftsteller des christlichen Ungarn gilt.

Die „Deliberatio“ erfreut sich bis heute sowohl in wissenschaftlichen als auch in geistlichen Kreisen eines immer größeren Interesses und beschäftigt Forscher verschiedener Wissensgebiete. Zur Forschungsgeschichte der „Deliberatio“ liegt uns eine gründliche Abhandlung von Előd Nemerkényi vor, die 2004 in englischer Sprache unter dem Titel „Latin Classics in Medieval Hungary Eleventh Century“ erschienen ist. Der Autor verfolgt diese von der Entdeckung der „Deliberatio“ 1724 in der Dombibliothek zu Freising und ihrer Publizierung durch den Bischof von Siebenbürgen, Ignatius Graf Batthyány, 1790 in Karlsburg über die zahlreichen Philologen, Theologen und Historiker bis hin zu der von Gabriel Silagi besorgten mustergültigen kritischen Ausgabe, die 1978 in der angesehenen Reihe „Corpus Christianorum“ erschienen ist.

Dank der Initiative des emeritierten Bischofs von Temeswar Dr. h.c. Martin Roos, der im vergangenen Jahr eine Gerhard von Tschanad gewidmete Monografie veröffentlicht hat, und des freundlichen Entgegenkommens der Bayerischen Staatsbibliothek zu München liegt uns nun Gerhards „Deliberatio“ in einer vollständigen Faksimile-Ausgabe vor – die erste seit Enstehung des Werkes im 11. Jahrhundert. Herausgegeben wurde der von der Budapester Buchmanufaktur Pytheas realisierte Band von den aus dem alten Bistum Tschanad hervorgegangenen drei Schwesterdiözesen Temeswar, Szeged-Csanád und Großbetschkerek/Zrenjanin. Die Faksimile-Ausgabe enthält neben dem lateinischen Originaltext auch die Randbemerkungen, die im Laufe des Mittelalters von verschiedenen Lesern des Werkes hinzugefügt wurden.

Am 27. November wurde der Band, auch eine bibliophile Kostbarkeit, einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Auf Einladung von Bischof József-Csaba Pál und Altbischof Martin Roos fand sich im Festsaal des Adam-Müller-Guttenbrunn-Hauses in Temeswar ein zahlreiches Publikum zu diesem Ereignis ein. Zugegen waren der Bischof von Großwardein László Böcskei, vormals Generalvikar der Diözese Temeswar, der Bischofsvikar der Diözese Szeged-Csanád Msgr. Lajos Kondé, der Generalvikar der Diözese Großbetschkerek Msgr. János Fiser, der griechisch-katholische Bischof von Lugosch Alexandru Mesian, der rumänisch-orthodoxe Metropolit des Banats Ioan Selejan, der Administrator der serbisch-orthodoxen Diözese Temeswar, Bischof Lukijan Pantelić, Mitglieder des Temeswarer Domkapitels, der deutsche Konsul in Temeswar Ralf Krautkrämer, Vertreter der Stadt Temeswar, der Filiale Temeswar der Rumänischen Akademie, der Temescher Kreisbibliothek „Sorin Titel“, des Temescher Schulinspektorats, des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat, der Adam-Müller-Guttenbrunn-Stiftung, der Bürgermeister der Gemeinde Tschanad Nikolaus Crăciun, Priester, Wissenschaftler und Forscher aus dem In- und Ausland.

Moderiert wurde die Buchvorstellung von Dr. Claudiu Arieșan vom Lehrstuhl für klassische Philologie der West-Universität Temeswar. Bischof József-Csaba Pál dankte eingangs seinem Amtsvorgänger, dessen Bemühungen die Herausgabe der Faksimile-Ausgabe von Gerhards „Deliberatio“ zu verdanken ist, und unterstrich die Aktualität des geistlich-christlichen Erbes des heiligen Gerhard sowie das Interesse, das seiner Persönlichkeit, seinem Wirken und Werk auch noch nach fast 1000 Jahren entgegengebracht wird. Nach einem gemeinsamen Gebet referierte Bischof Martin Roos über das Leben, das missionarisch-pastorale Wirken und das theologische Werk des Bischofs Gerhard, wobei er dessen Schrift „Deliberatio“ und die Odyssee der erhaltenen Handschrift in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte. Roos erwähnte unter anderem eine erst 1982 in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe entdeckte, dem frühen 14. Jahrhundert entstammende Handschrift, die aus einem bisher unbekannten Text des heiligen Gerhard wörtlich zitiert und diesen kurz vorstellt: „Der heilige Gerhard war zum ersten ein eifriger Ordensmann, dann war er Bischof von Maroschburg an den Enden Pannoniens, zum dritten gekrönt mit dem Martyrium (…), lebt er in ewiger Freude.“

„Bischof Ignác Batthyany (1741-1798), der erste Interpret und kritische Herausgeber des Werkes des heiligen Gerhard von Tschanad“, lautete der Titel eines weiteren Vortrags, den Dr. Doina Hendre Biro von der Batthyaneum-Bibliothek in Karlsburg (Alba Iulia) hielt. Die Historikerin würdigte die Tätigkeit des gelehrten Bischofs von Siebenbürgen, der vor 220 Jahren die später unter dem Namen „Batthyaneum“ bekannt gewordene Bibliothek gründete und 1790 zu Karlsburg das Werk „Sancti Gerardi episcopi Chanadiensis scripta et acta hactenus inedita...“ (Die bisher unveröffentlichten Schriften und Taten des heiligen Gerhard, des Bischofs von Tschanad...) edierte, das auch die „Deliberatio“ enthielt. Die Referentin stellte zudem die im Batthyaneum aufbewahrten Handschriften vor, in denen Gerhard von Tschanad Erwähnung findet.

Nach einem musikalischen Intermezzo – umrahmt wurde die Veranstaltung von zwei jungen Musikerinnen, der Violinistin Anna-Maria Cristina Popan und der Pianistin Melitta Neag – stellte Bischof Martin Roos die Faksimile-Ausgabe der „Deliberatio“ vor, die in einer Auflage von 300 Exemplaren erschienen ist. Von den 135 der Diözese Temeswar zustehenden Exemplare sind 35 in Leder gebunden, die restlichen sind mit einem Pappdeckel versehen. In seiner Wortmeldung bezog sich der rumänisch-orthodoxe Metropolit des Banats auf die vorgelegten Referate, unterstrich die Bedeutung der vorgestellten Edition und plädierte für eine stärkere Herausstellung des Martyriums des heiligen Gerhard gerade in der heutigen Zeit, die von einer Verwässerung oder gar Infragestellung der menschlichen Werte geprägt sei.

In einer symbolischen Geste zeigten die beiden Nachfolger des heiligen Gerhard die Faksimile-Edition gemeinsam dem Publikum, wonach Ehrenexemplare an Personen und Institutionen überreicht wurden. Zum Abschluss des Festaktes wurde im Foyer des Adam-Müller-Guttenbrunn-Hauses eine kleine thematische Ausstellung eröffnet, die Werke zum Leben und Wirken des heiligen Gerhard, zu seiner Schrift „Deliberatio“ und zur Geschichte der Diözese präsentierte.

Mit dem Erscheinen der Faksimile-Ausgabe von Gerhards „Deliberatio“ wird der Banater Historiographie eines ihrer wichtigsten Werke „rückerstattet“. Es richtet sich vor allem an Mediävisten, Sprachwissenschaftler und Theologen und soll – das erhoffen sich die Herausgeber – der Gerhardsforschung neue Impulse verleihen.