zur Druckansicht

private Anzeige schalten

TAROM Banner

Media-Center

Banater Post

Gegen das Schweigen schreiben

Eva Filip überreichte Johannes Waldmann als erstem ihren druckfrischen Roman „Nicht schweigen“. Foto: Filip

Im Jahr 1956 ist Daniel Stein Student an der Temeswarer Chemiefakultät. Ohne Vorwarnung wird er eines Tages an der Uni verhaftet. Das ist der Auftakt einer Odyssee, die mit einem Schauprozess wegen „Nichtanzeige staatsfeindlicher Umtriebe“ nur ihren skurrilen Anfang nimmt und den Protagonisten über drei Jahre durch rumänische Gefängnisse und Arbeitslager führt. Schonungslos, doch weitgehend unpathetisch verwebt Eva Filip das Schicksal Daniels mit den unterschiedlichen Lebensläufen anderer Mitgefangener und zeichnet damit ein schauriges Panorama stalinistischer Willkür, die von skrupelloser Menschenverachtung geprägt ist. Bei allen Unterschieden zwischen den Gefangenen – der Gefängnisalltag bringt einen Zusammenhalt, der sie alle Demütigungen ertragen und auch Daniel die Odyssee schließlich überleben lässt. Mit tiefen Narben zwar, doch auch mit dem Vorsatz, darüber zu berichten und nichts zu verschweigen.

Daniel Stein steht für Johannes Waldmann, einen 1936 in Arad geborenen Bekannten der Autorin Eva Filip, die vor fünf Jahren das „Heimatbuch Sentlein“ herausbrachte. Sie hat aus dessen traumatischen Erlebnissen ihren Debüt-Roman mit dem Titel „Nicht schweigen. Im rumänischen Gulag“ gestrickt. Und dennoch ist es nicht einfach nur eine nacherzählte persönliche Geschichte. Durch die weiteren Personen, die mit Daniels Schicksal verwoben sind, ergibt sich ein Panorama des Widerstands gegen Willkür und Brutalität – Widerstand durch geistige Stärke, durch den Glauben an Kultur, Zivilisation und Menschlichkeit, durch praktische Nächstenliebe und gegenseitige Hilfe.

„Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd’ er in Ketten geboren.“ Dieses Schiller-Zitat stellt Eva Filip ihrem Buch gleichsam programmatisch voran. Und gleich im ersten Kapitel, als Daniel vor den Augen seines Professors verhaftet wird, sagt dieser (in der Annahme, dass der Besuch der Milizionäre ihm gilt): „Es gibt nichts, was nicht durch Verachtung überwunden werden kann“. Solche Worte sind es, die Daniel auch in den schlimmsten Momenten am Leben halten. Und die Erinnerung an Erlebnisse durch Musik, Literatur, Kunst und Philosophie, die sich aus seinem Gedächtnis abrufen lässt und die es ihm erlaubt, in eine Parallelwelt einzutauchen. Er ist dabei nicht allein. Etliche der Mitgefangenen sind Intellektuelle – Hochschulprofessoren, Pfarrer verschiedener Konfessionen, ein Arzt oder der begnadete Musiker Erich. Andere sind aus praktischen Gründen Gegner des Regimes – weil sie enteignet wurden oder weil sie, wie der Banater Schwabe Michael, über die Grenze hatten fliehen wollen. Obwohl Daniel immer wieder in andere Gefängnisse gebracht wird und schließlich im Lager auf der „Großen Donauinsel“ landet, tauchen die gleichen oder auch neue Weggefährten auf und es bieten sich kleine, doch gut genutzte Freiräume zum intellektuellen Austausch. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Dichter Ovidiu, Spross einer Adelsfamilie, der die „Akademie“ der Gefangenen gründen hilft – eine Gesprächsrunde (im Stehen!), wo die Gefangenen gegenseitig über Themen der Philosophie, der Geschichte, der Kunst aus dem Gedächtnis dozieren und sich austauschen, gleichsam  als Strategie gegen die Verblödung.

Daniel erteilt einem Mitgefangenen auch „Englischunterricht“, was ihm zum Verhängnis wird, als ein Wächter dies als „imperialistischen Akt“ zur Anzeige bringt. Die Parallelwelt der Feinsinnigen wird immer konterkariert von der Realität des ständigen Hungers, der Kälte, der Dunkelheit, der rohen Brutalität und der permanenten körperlichen Gewalt, der die Gefangenen ausgesetzt sind. Daniel, der eine ausgebildete Singstimme hat und Klavier spielt, rettet sich mit Hilfe von Erich auch in die Scheinwelt der Musik. Vor allem Bach mit seinen klaren Strukturen ist ihm eine große Hilfe bei der Bewältigung der Trostlosigkeit seiner Situation.

Rumänien macht aktuell wieder Schlagzeilen. Fast 30 Jahre nach dem Ende des kommunistischen Regimes, das die Chance zu einem Neuanfang geboten hatte, sind die Schatten des Kommunismus aktuell wieder deutlich zu fühlen. Nicht nur, aber auch in Rumänien gibt es wieder Menschen, die einfache Rezepte für komplexe Lebensumstände suchen. Unter anderem auch deshalb, weil
eine Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit nie stattgefunden hat. Privatpersonen wie die Schriftstellerin Ana Blandiana und deren Ehemann Romulus Rusan haben ohne staatliche Hilfe in einem der schlimmsten Securitate-Gefängnisse in Sighet eine Gedenkstätte errichtet, um da exemplarisch an die Gräueltaten des Regimes zu erinnern. In Schule, Politik und Gesellschaft ist diese Diskussion kaum angekommen. Umso wichtiger auch jetzt noch, nach so vielen Jahren, das „Nichtschweigen“ über die Vorkommnisse.

Eva Filip hat aus den Erlebnissen eines Überlebenden einen spannenden, atemberaubend schonungslosen Roman gemacht, der – trotz aller Niederungen menschlicher Existenz, die einprägsam geschildert werden – den Glauben an die Werte von Bildung, Humanismus und Zivilisation aufrechterhält.

Eva Filip: Nicht schweigen. Im rumänischen Gulag. Berlin: KLAK Verlag, 2018. 344 Seiten. ISBN: 978-3-943767-89-6. Pers: 16.90 Euro. Zu bestellen über den Buchhandel oder Online-Plattformen.