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Banater Post

Kraftvolle, expressive Bilder mit hohem Symbolcharakter

„Alle in einem Boot“: Gruppenporträt der Banater bildenden Künstler, alle mit gleicher Sympathie dargestellt.

Helmut Scheibling bei der Vernissage seiner Ausstellung in Sindelfingen.

Schlussteil des Triptychons „Wider das Vergessen“: Die Banater Schwaben verlassen ihre Heimat und wandern nach Deutschland aus.

Am 20. Juni hatte das Haus der Donauschwaben in Sindelfingen zur Eröffnung der Ausstellung „Banater Odyssee“ mit Gemälden von Helmut Scheibling eingeladen. Gekommen waren rund fünfzig Gäste, die Familie und viele Freunde des Banater, nun Stuttgarter Künstlers und zahlreiche Kunstinteressierte, die Scheibling kennen und schätzen gelernt haben. War es ein Zufall, dass die Vernissage gerade auf den ersten bundesweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung Tag fiel? Wenn ja, dann war es ein glücklicher, denn auch Scheiblings Oeuvre widmet sich diesem Thema ausführlich.

Helmut Scheibling sei eine vielseitige Persönlichkeit, so führte Henriette Mojem, die Geschäftsführerin des Hauses der Donauschwaben, ein, aber vor allem sei er als Maler in Banater Kreisen bekannt und geschätzt. Durch seine zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, seine Preise und Auszeichnungen genieße er auch in Fachkreisen hohes Ansehen. Im Haus der Donauschwaben seien Gemälde von Helmut Scheibling nach Ausstellungen 1982 und 1998 nun schon zum dritten Mal zu sehen, erinnerte Mojem. Diesmal präsentiere Scheibling einen Querschnitt seines Oeuvres, der sowohl seine Vielseitigkeit als auch seine künstlerische Entwicklung aufzeigt.

Besonders begrüßt wurde ein enger Freund Scheiblings, der Künstler und Kunstpädagoge Joseph Ed. Krämer, zurzeit Leiter des Kultur- und Dokumentationszentrums der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Ulm. Er führte anschließend in die Ausstellung ein. Unter den Ehrengästen befanden sich Altstadtrat Walter Frohnmayer, der Vertreter des Gemeinderats und des Patenschaftsrates der Stadt Sindelfingen Hasso Bubolz, die Ehrenvorsitzende des Heimatverbandes Banater Berglanddeutscher Herta Drozdik-Drexler sowie der langjährige Kulturreferent der Landsmannschaft der Banater Schwaben Dr. Walther Konschitzky. Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von André Weiß, Student der Musikhochschule Stuttgart, mit Jazz-Titeln.

Kunst sei für Helmut Scheibling immer eine moralische und ästhetische Aufgabe, so Henriette Mojem weiter. Seine Bilder seien anspruchsvoll. Der bekannte und beliebte Rundfunkpfarrer Anselm Graf Adelmann bezeichnete sie als „Kunst eines Gebildeten für Gebildete.“ Scheiblings Werke seien eng mit seinem Lebenslauf verbunden. Als Ergebnis der Beschäftigung mit der eigenen herkunftsgebundenen Kultur und Geschichte entstand eine eindrucksvolle Zahl von künstlerisch niveauvollen Arbeiten. In der „Banater Odyssee“ vermische sich die griechische Sagenwelt mit dem privaten Schicksal des Malers. Scheibling verarbeite darin das Trauma seiner Familie, das zum Trauma der ganzen donauschwäbischen Volksgruppe geworden ist. Vertreibung, Flucht und Aussiedlung aus der angestammten Heimat hätten eines gemeinsam: die Entwurzelung als Folge des Heimatverlustes. Auch bei den Banater Schwaben, für die Scheibling spreche, habe die Entwurzelung viele Facetten: der Kulturschock, die Konfrontation mit grundsätzlich veränderten Lebenssituationen, die Zerrissenheit, der Zwiespalt zwischen Abgrenzung und Anpassungswilligkeit. Zwar sei die Integration der Banater Schwaben mühelos erfolgt, dennoch bleibe ein großer Zwiespalt zwischen dem Wunsch, sich anzupassen und dem, sich selbst treu zu bleiben. Für den Maler Helmut Scheibling bedeute die Aussiedlung nach Deutschland auch die unmittelbare Begegnung mit der internationalen Kunstszene der Gegenwart, die er uneingeschränkt registrieren und verarbeiten konnte.

Scheiblings Bilder seien kraftvoll, expressiv und hätten einen hohen Symbolcharakter, unterstrich Mojem. Wer sich darauf einlasse, werde schnell die Überzeugung gewinnen, dass sich hier vitale künstlerische Gestaltungskraft und philosophischer Tiefblick die Waage halten. Man solle in einen Dialog mit den ausgestellten Gemälden und Zeichnungen treten und sich mit dem geistigen Kern dieser Arbeiten auseinandersetzen, empfahl die Rednerin.

Festzustellen sei ferner, dass es Scheibling in seinen Werken nicht nur um die Verarbeitung von Traumata gehe, sondern auch um die Vermittlung von Wissen über das Schicksal seiner Volksgruppe, dargestellt mit den Mitteln der Kunst. Besonders erwähnenswert sei hier sein Triptychon, die Fortsetzung von Stefan Jägers Einwanderungsbild. Doch es wäre ungerecht, würde man den Künstler auf die genannten Themen reduzieren, zumal Scheibling auch mit religiösen Themen, mit Collagen und Blumenbildern überrasche. Scheiblings Bilder zeugten letztendlich von ungebrochenem Lebensmut, von einem unbesiegbaren Glauben an das Gute im Menschen und an die Wahrheit, von einem Mut zum immerwährenden Neuanfang, resümierte Henriette Mojem.

Der Künstlerfreund des Austellers, Joseph Ed. Krämer, begann seine mit Anekdoten aus der gemeinsam erlebten Zeit gespickten Ausführungen mit einem Zitat aus dem Munde Scheiblings: „Eigentlich war die Malerei bei mir keine angeborene Sache. Das Temeswarer Künstlermilieu (...) hat mich für die bildende Kunst gewonnen.“ Wer sich so bescheiden äußere wie Helmut Scheibling in einem Interview 1980, sei weit entfernt von dem aufgeblasenen, zerfressenden Egozentrismus vieler Zunftgenossen, schickte Krämer voraus, bevor er die „bewegte Biografie“ des 1940 in Temeswar geborenen Künstlers nachzeichnete: 1964 Abschluss des Studiums an der Temeswar Fakultät für Bildende Kunst, später Museologie-Studium in Bukarest, 1964-1981 Kunsterzieher (unter anderem in Reschitza), 1981 Aussiedlung nach Deutschland, 1982-1983 Studium der Denkmalpflege an der Universität Bamberg, 1983-2003 Lehrer für Bildende Kunst in Stuttgart. Aus den weiteren Ausführungen des Laudators veröffentlichen wir nachfolgend die wesentlichen Passagen.

Trotz knapper Freizeit malte Scheibling fleißig weiter und nahm regelmäßig und immer häufiger an kollektiven Ausstellungen des Künstlerverbandes teil. Er suchte seinen eigenen Stil zu entwickeln und experimentierte mit verschiedenen technischen Ausdrucksmitteln. 1971, kurz nach seinem Umzug nach Reschitza, eröffnete Scheibling hier seine erste persönliche Ausstellung. Von nun an galt er in der Kunstszene als etabliert, und seine Bilder werden sowohl in Temeswar als auch an anderen Orten ausgestellt. In seinem Reschitzaer Atelier komponierte Scheibling die Bilder erst als kleine Entwürfe im Zündholzschachtel-Format. Die besten Lösungen wurden dann als Gemälde verwirklicht. Man könnte einwenden, dass diese Malart an Spontaneität verlöre. Die sichtbare Wucht oder Leichtigkeit der Pinselführung beweisen aber das Gegenteil. Diese Arbeitsweise und die breite Skala der Farbmischungen (von aggressiv-leuchtend bis stumpf-matt) garantieren die Einmaligkeit jeder Komposition des Malers.

Ein für den Künstler fast exotisches Erlebnis sollte der im Jahre 1979 erfolgte Aufenthalt in der Künstlerkolonie Deliblata werden. Der ungewöhnliche Anblick der malerischen Sanddünen und das offene, lockere Wesen der jugoslawischen Maler und Bildhauer wird ihn begeistern. Die mehr an dem Westen orientierte Kunst in Titos Land war viel liberaler als die in der immer engstirniger werdenden Bukarester Diktatur, der Scheibling 1981 entkam.

Auch in seiner neuen Heimat blieb der Erfolg nicht aus: Als Mitglied des Verbandes Bildender Künstler in Baden-Württemberg und des Kunstvereins der Diözese Rottenburg ist Helmut Scheibling dauernd bei wichtigen Ausstellungen präsent. Seine Werke bekommen lobende Pressekommentare. Des Öfteren hat er auch mit seinen Banater Künstlerkollegen ausgestellt, zuerst 1983 in Pforzheim, dann 1988 in Nürnberg. Das hier ausgestellte Triptychon „Wider das Vergessen“ ist eine zweite Version des 1994 beim Ulmer Schwabentreffen ausgestellten Gemäldes. Thematisch ist das Bild ein Gegenstück zum bekannten Gemälde des Hatzfelder Künstlers Stefan Jäger, der Anfang des 20. Jahrhunderts die deutsche Kolonisation des Banats in drei Phasen dargestellt hat: Wanderung, Rast und Ankunft. Scheiblings Bild ist dynamischer und voller symbolhafter Handlungen: Im ersten Teil wird der Spruch „Dem ersten der Tod, dem zweiten die Not und erst dem dritten das Brot“ bildlich dargestellt. Der größere Mittelteil ist zweigeteilt: Die linke Seite wird vom Kerweihtreiben beherrscht, während die rechte Seite vom hereinbrechenden politischen Unheil kündet: Nationalsozialismus, Krieg, Kommunismus, Enteignung, Deportation, Tod. Der rechte Schlussteil des Gemäldes thematisiert bildlich das Feilschen um die Pässe, den schändlichen Verkauf der Deutschen, die Endphase, also die Aussiedlung in die Bundesrepublik.

Eine Deutung des Bildes mit der Sanduhr bietet uns Scheiblings Biografie: Er war lange Zeit von seinen Lieben getrennt, da er auf unorthodoxe Weise das Land verlassen hatte. Der Erzengel Michael schaut traurig und hilflos zum Künstler empor, während dieser konzentriert auf die Sanduhr starrt. Er hofft und hofft... Der Erzengel als Bildzitat stammt aus der „Melancholie“, einem bekannten Kupferstich von Albrecht Dürer. Scheibling verwendet nochmals diesen Engel in der Komposition mit dem sperrigen Titel: „Du kannst das Diesseits nicht sehen, wenn du das Jenseits nicht wahrnimmst“. Hier wendet sich der Maler, ausgestattet mit Palette und Staffelei, dem Erzengel Dürers zu. Dieser ist ganz in Blau und Teil des Jenseits. Hinter der Staffelei tummeln sich die Fabelwesen des Diesseits, und den Rest des Bildes füllt die Masse der Gaffer aus, die nicht, wie erwartet, anonym dastehen, sondern recht individuelle Gesichtszüge haben.

Auch den Banater bildenden Künstlern hat Helmut Scheibling ein Gruppenporträt gewidmet. Sie sitzen „Alle in einem Boot“. Obwohl ihre Gesichtszüge vom Maler leicht verfremdet wurden, kann man die dargestellten Personen dennoch leicht identifizieren. Alle sind mit gleicher Sympathie dargestellt, niemand wurde ausgelassen – eine bemerkenswerte Geste!

Das Bild mit den Titel „Enttäuscht von den Folgen“ ist eine Warnung an diejenigen, die sich von Ideologien verführen lassen. Da sitzen zwei Avantgardisten der Kunst: Majakowski und Rodtschenko. Beide, wie viele andere auch, wollten die moderne Kunst in den Dienst der Proletarischen Revolution stellen. Doch die brauchte das „entartete Zeug“ nicht und polte die Kunst auf Kitsch um. Die Monumentalskulptur „Arbeiter und Kolchosbäuerin“, das bekannte Logo des Vorspanns jeder Mosfilm-Produktion, definitiert das kulturpolitische Umfeld.

Scheiblings Bilder wirken farblich ausgewogen, die Figuren sind mal statisch mit maskenhaften Gesichtern, mal in verrenkter Haltung, wie eine eingefrorene Momentaufnahme. Die Menschenbündel stehen kompakt und scheinen das Geschehene zu kommentieren, wie ein Chor in der antiken Tragödie. Das Bestiarium der purzelnden nackten oder behaarten Fabelwesen gibt den Bildern die vom Künstler intendierte bizarre, unheimliche Wirkung.

Die ausgestellten Papierarbeiten holen uns zurück in die faszinierende Welt des Einfachen, Überschaubaren. Mal mit leichtem, mal mit kräftigem Pinselduktus zeichnet der Maler ausdrucksstarke Köpfe, einige davon waren als Vorarbeiten für das Triptychon gedacht. Der letzte Bereich der Ausstellung zeigt eine Serie von Gouache-Skizzen, bestehend aus 15 Blättern, die den Kreuzweg darstellen. Fünfzehn deshalb, weil Scheibling den 14 klassischen Stationen noch unorthodox die Auferstehung beifügt. Es sind Etüden, die einen tiefen emotionalen Bezug des Künstlers zum biblischen Stoff erahnen lassen.

Joseph Ed. Krämer zog folgendes Fazit: „Mit seiner sowohl thematisch wie auch maltechnisch abwechslungsreichen Auswahl von Bildern beweist Helmut Scheibling, dass er es ein Leben lang verstanden hat, sein Dasein zwischen pädagogischer Arbeit, Staffelei und Familie im Griff zu haben. Chapeau!“ Dem kann sich der Betrachter nur anschließen. Geöffnet ist die Ausstellung bis zum 5. September und kann während der Öffnungszeiten des Hauses der Donauschwaben besichtigt werden.