Das Festblatt der Temesvarer Morgenzeitung veröffentlichte anlässlich des Ungarischen Landessängerbundesfestes in Temeswar, 20.-24. August 1903, unter dem Titel „Musikalische Glossen“ eine Folge von kurzen Texten über bedeutende Temeswarer Musiker jener Zeit. So auch über Martin Josef Nováček. Verfasst wurden diese Texte von Oskar Jenker. Es handelt sich also um einen zeitgenössischen Bericht, verfasst drei Jahre vor seinem Tode in Wien:
J. M. Novacsek dirigiert die Philharmoniker. Seiner Sache durch die beruhigende Fertigkeit seines Gesangskorps, unserer ersten und ältesten Sängervereinigung, wie des unausbleiblichen, unbedingt guten Erfolges jederzeit sicher, betritt er in aller Seelenruhe das Dirigentenpult. Ohne viel Umschweife erhebt er den Taktstock und der Chor fällt ein; immer in der richtigen Tonart, immer im rechten Tempo in der ästhetischen Keuschheit und Gediegenheit der absolut musikalischen Kunstformen „reinen“ Gesanges. Seine besondere Spezialität ist die anhaltend stramme Zügelführung im langatmigen Piano, sein Grundprinzip ist die Umwertung. Daran setzt er seine ganze, bewunderungswürdige Energie. Für die Vorführung von Szenen aus der pathetischen „Fritjof Saga“, die wir Anfangs dieses Jahres [1903] im Redoutensaale zu Gehör bekamen, – die Solis von der Opernsängerin Fräulein Charlotte von Danczkay und Musikdirektor Marco Großkopf herrlich dargebracht, – sind wir dem Unternehmensgeiste Novacseks noch heute dankbar. Was von dramatischer Wirkung irgend in dem Werk steckt, holte Novacsek zum Staunen und zur Freude der Hörer heraus. Mit großem Rechte vertrat er dabei den Grundsatz der Umwertung. Die Schönheit und die Kraft des Werkes ließ er, von dem brillant geschulten Chor und dem Orchester der Militärkapelle tatkräftig unterstützt, derart ausstrahlen, dass der bezwingende Sinn des Textblattes hell überglänzt wurde. Hier kam Novacseks Stärke dem Werke zu statten. Das Publikum gab Salven, wie auf dem Exerzierplatz.
Tod und Würdigung
Martin Nováček starb am 19. März 1906 im Alter von 72 Jahren, infolge einer nicht gelungenen Operation in einem Wiener Sanatorium. Sein Leichnam ist am innerstädtischen Friedhof in Temeswar bestattet worden. Am 20. März 1906 wurden die Mitglieder des Philharmonischen Vereins von dem Tod ihres langjährigen Dirigenten Martin Nováček benachrichtigt. Die Vereinschronik vom 22. März 1906 berichtet, dass der langjährige Chorleiter des Temeswarer Philharmonischen Vereins, Martin Nováček, auf dem innerstädtischen Temeswarer Friedhof (Arader und Lippaer Straße) seine letzte Ruhe finden wird, wo sich heute noch die Familiengruft befindet. Am Grab hielt der Sekretär des Philharmonischen Vereins, Dr. Sándor Kovács, folgende Rede (in ungarischer Sprache):
Liebe Sangesbrüder!
Ich lese aus Euren Augen das drückende Leid, die Trauer und den Schmerz wie von Menschen im besten Mannesalter die um das Grab ihres greisen Vaters stehen, dies auch mit dem Recht, wenn auch mit Recht, obzwar auch ein alter Baum sein Laub durch die Einkehr des Senioren aller Jahreszeiten, des Winters, verliert. Aber wie wunderlich wäre es, wenn nach dem Winter nicht auch ein Frühjahr folgen würde. Wunderlich ist es aber selbst immer dann, wenn der Tod im Winter des menschlichen Lebens einkehrt. Wie soll uns dann nicht das Herz zerbrechen, wenn der väterliche Eichenstamm unseres Vereines gefallen wird und der Tod uns die Krone unseres Stolzes entriss? Wie sollen uns nicht die Tränen fließen, wenn eine der Säulen unseres Vereines umgestürzt wurde? Wie sollen nicht unsere Herzen von dem tiefen Schmerz befallen werden, wenn der Tod uns unseren Führer weggenommen hat, den alten Sängerbruder, den guten und alten Freund, ein Herz das unseren Herzen so nahe war, denn er war für uns das Herz? Ja, er war eine Säule, eine Säule, die brannte, wenn es um die Verbreitung unserer Kultur ging, um die Verbreitung der Musikkultur und des kunstvollen Liedes, für das er einen jugendlichen Eifer und feurigen Enthusiasmus zeigte.
Zum Beginn der fünfziger Jahre kam er von Wien aus mit dem Schiff die Donau herunter, der glänzende junge Absolvent der weltberühmten Orgelschule, er wurde Organist in Uniform und mit Schwert einer der wichtigsten damaligen Grenzstädte dieses Landes. Er brachte eine so große Fülle an Kenntnissen mit sich, so dass er sich damit ewige Lorbeeren gesichert hat, dies nicht nur mit unserem Verein, sondern auch in Weißkirchen und für die Stadt Temeswar, aber man kann sagen, Lorbeeren für ganz Südungarn, eine in Mäzenen so arme Landschaft.
Was uns betrifft, die bedeutendsten Namen unseres Vereines wie auch die wichtigsten Leistungen sind mit seinem Namen verbunden, eine Zeit, in der die schönsten Ideale und Ziele unserer Gesellschaft samt den wichtigsten musikalischen Kapazitäten sich vor 34 Jahren in der Gründung unseres Vereines verwirklichten. All die vielen Leistungen, die Gründung der Musik- und Gesangschule, die geschichtlichen Konzerte der Jahre 1874-1875 sind mit dem
Namen Nováček verbunden, Konzerte, welche in vielen größeren Städten meines Heimatlandes erst jetzt initiiert werden. In diesen Konzerten wurde die alte Musik des XV. und XVII. Jahrhunderts gespielt, oft mit für uns unbekannten Instrumenten (Viola d‘mour) und die göttliche polyphonische Choralmusik. Zu den Verdiensten von Nováček gehören auch die Konzertmatineen der Jahre 1875-1886, damals so verbreitet und typisch für unseren Philharmonischen Verein. So können wir behaupten, dass er mit unauslöschbaren Lettern seinen Namen in die Musikgeschichte unserer Stadt Temeswar eingraviert hat.
Aber was soll ich über ihn (!) als einmaligen Musikpädagogen sagen, über den Musikmeister mit so viel Takt, mit einer so langen Reihe von Schülern? Was soll ich über ihn sagen als einmaliger Virtuose der Orgel, des Harmoniums, Violoncellos und über den passionierten Kammermusiker (Quartettist) unserer Stadt? Über ihn, als unvergleichlichen Chorleiter und Orchesterdirigenten? In der Qualität eines Kapellmeisters mit reichlicher Erfahrung, vertrauensvoll, mit einem gebildeten Geschmack? Als Interpreten, ausgestattet mit einem ausgezeichneten Gefühl für die Interpretation klassischer Musik? Was soll ich über ihn als äußerst pünktlichen Domkapellmeister unserer städtischen Kathedrale sagen, der trotz wenigen Mitteln die Kirchenmusikreform hier durchgeführt hat? Als bester Kenner der Musikliteratur, Musiktheorie und Musikgeschichte? Er war sowohl mit den alten griechischen Tonarten wie auch mit dem gregorianischen Choral vertraut, aber auch mit den zeitgenössischen Musikwerken, sowohl kirchlicher wie auch weltlicher Art. Ihr seid meine Zeugen, wie er mit ungarischem Temperament und raffinierter Dynamik als einst kaiserlicher Organist die Kurutzenlieder dirigierte? Die verschiedensten volkstümlichen ungarischen Werke? Ich kann also mit vollem Recht behaupten, dass er nicht nur der wichtigste Vertreter dieser Kunst war, sondern auch der bedeutendste Musiker dieser Übergangszeit, wie wir die letzten 50 Jahre unserer südungarischen Musikgeschichte nennen können. Also eine sehr wichtige Periode, reichhaltig an musikalischen Aktivitäten und Schöpfungen, reichhaltig an Ehre und Lorbeeren, diese Epoche endet gleichzeitig mit ihm. (…)
Ja, ja, eilet euch ihr Bäume, versenkt in den tiefen Winterschlaf, und ergrünet! Ziehet wieder eure bunten Kleider an, ihr Blumen der Wiesen und des Friedhofs, denn es kommt die Auferstehung! Auf Wiedersehen, unser guter, alter Freund! Adio! Adio!
Auch die Temesvarer Zeitung widmete diesem traurigen Ereignis einen Bericht: Jeder, der Papa Nováček –so nannte man ihn allgemein – und seinen goldenen Humor, seine ideale Begeisterung für alles Gute und Schöne, seine gewinnende Liebenswürdigkeit gekannt hat, wird aufrichtige Trauer beim Vernehmen dieser Todesnachricht empfinden (…) Er war als Mensch und Musiker, als Gesellschafter und Chordirigent gleich beliebt, als Meister von seinen Schülern aufrichtig verehrt.
Das Begräbnis gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Trauerkundgebung. Die Musikerfamilie des Temeswarer Domkapellmeisters Martin J. Nováček – heute fast vergessen – müsste eigentlich durch die unbestreitbaren Verdienste, die sie geleistet hat, ihren würdigen Platz in der Musikgeschichte einnehmen.
Franz Metz: Nováček. Die Geschichte einer Temeswarer Musikerfamilie, Edition Musik Südost, München. ISBN 978 3 939041 44 3. Preis: 15, € zuzügl. Versandkosten. Zu beziehen in jeder Buchhandlung oder per E-Mail: franzmetz@aol.com










