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Impressionen einer Reise nach Ungarn 1858 - Entdeckung in einem Hockenheimer Heimatbuch

Frauen aus Orzydorf beim „Tuwak infasse“ Foto: Archiv BP

Neulich habe ich eine erfreuliche Entdeckung in einem Hockenheimer Heimatbuch von 1965 gemacht. Unter dem Titel „Die Impressionen einer Reise nach Ungarn im Jahre 1858 des Herrn Philipp David Schwab aus Hockenheim“ wird über die Reise eines damals bekannten Hockenheimer Bürgers in eben jenem Jahr ins Banat berichtet. Philipp Schwab war seit 1838 in Hockenheim ansässig und machte den Namen seines Heimatortes weithin bekannt, weil er sich für die Landwirtschaft und besonders für den Tabakanbau mit mancherlei wertvollen Anregungen, die dem Fortschritt dienten, Verdienste erworben hatte. 

Über Philipp David Schwab (1806-1864) steht auf Seite 341 des Heimatbuchs, dass er Gastwirt, Posthalter, reicher Landwirt und zeitweise Bürgermeister von Hockenheim war. Weit gereist war er auch, da er als Ökonom „eine Koryphäe unter den Tabaksbauern seiner Zeit war“. Die Markgrafen Max und Wilhelm von Baden waren Freunde von Schwab. Durch die badischen Markgrafen war Schwab mit Erzherzog Albrecht von Österreich, dem Onkel des Kaisers Franz Josef, und dem ungarischen Magnaten Esterházy bekannt geworden. In ihrem Auftrag reiste er öfter nach Österreich und Ungarn, um die dortigen Krongüter abzuschätzen und Erfahrungen auf dem Gebiet des Tabak- und Wiesenbaues auszutauschen. In den 1850er Jahren weilte Schwab mehrmals in Ungarn. 1857 und 1858 war Schwab oft in Ungarn, wo seine Söhne und die Söhne von Freunden auf den Gütern der ihm verpflichteten Magnaten studienhalber untergebracht waren. Auf einer seiner Reisen besuchte er im Jahre 1858 auch das Banat.

Ein 1858 aus Wien an seine Gattin in Hockenheim gerichteter Brief enthält einen fesselnden Bericht über das „Land der Magyaren“. Und am Ende dieses Briefs steht sein Bericht über das Banat:
„Von Temeswar, was ganz unten im Banat liegt, reiste ich mit Finanzrat von Schnaid aus Temeswar, bei dessen Familie ich so freundlich aufgenommen war, nach Arad, an der walachischen Grenze, von dort nach der serbischen Wojwodina. Hier (im Banat) fanden wir ganze deutsche Dörfer, reich und prächtig. Es war Sonntag, als wir nach dem deutschen Dorfe, welches Hatzfeld heißt, kamen. Wir fuhren am Gemeindehaus vor, wo viele Bauern versammelt waren. Wie die prächtig gekleidet sind, Colet mit feinstem Pelze verbrämt, von feinstem grünem Tuche, grüne verzierte Hosen und lackierte Suwarow-Stiefel, sahen alle so aus wie der Herr Funk vom Insultheimer Hof (ein reicher Hockenheimer Gutsherr). Was machte ich erst Augen, als die Frauen und Mädchen zur Kirche gingen, mit den feinsten Mantillen mit Pelz, schöne stattliche Figuren. Allein die Leute sind stolz. Wie sie mir sagten, stammen sie aus Mainz, Trier und Lothringen. Der Ort hat 18000 Einwohner, eine Gemarkung von 25000 Joch, also über 30000 Morgen. Selten hat einer unter 18 Pferden und 50 Schweinen, und Herden von Schafen hält die Gesamteinwohnerschaft nach Verhältnis der Güter. Dünger bedürfen sie fast nicht. Die Gemeinde liefert 40000 Centner Tabak und hält den Weizen jahrelang auf, bis er teurer wird. Ein Bauernknecht erhält 300 fl Lohn, eine Magd 150 fl nebst Kost mit täglich Wein. Alle, alles sieht hier wohlgenährt und sorgenfrei aus. Einen Gasthof sah ich da, wie einer der besten in Mannheim. Der Pfarrer, welcher mit Gütern besoldet ist, stellt sich auf 10000 fl.

Oh, Banat, ein gesegnetes Land, das wahre Canaan. Nicht weit davon sind aber wieder ungarische Dörfer, die sehen nicht so gut aus, doch stehen sich die Madjaren und Serben im Banat auch gut, sind viel gastfreundlicher als die Deutschen. Wo wir in ein ungarisches Dorf einfuhren, kam der Richter und brachte uns Backwerk und Wein. Und in allen Häusern nötigten uns die Ungaren Wein zu trinken und ein sehr gutes Backwerk anzunehmen. Die jungen Mädchen küssten mir immer die Hand als Zeichen der Achtung, wenn ich ins Haus eintrat. Ihr Gruß ist: „Gott hat Dich zu mir geführt.“

Aber auch schauerliche Geschichten werde ich Euch erzählen, wenn ich komme. Wir fuhren durch Orte, wo alle Räuber sind. Wir waren nur dadurch sicher, dass wir uns als Fuhrleute immer Räuber nahmen. Einer, dem ich viel Wein und Fleisch geben ließ, wollte zum Dank vier Pferde für mich stehlen. Als ich ihm bemerklich machte, dass ich keine Pferde gebrauchen könne, sagte er mir ich sei ein guter Herr, ich solle ihm wenigstens erlauben, dass er auf der Pusta Debretzin wenigstens zwei schöne Pferde für mich stehle und dieselben mir nach Szegedin in den Gasthof bringe. Hauptsächlich die Gegend von Szegedin ist raublustig. Das geschieht durch reitende Banden, die mit großer Höflichkeit verfahren. Niemand getraut solche Räuber zu verraten, denn ihre Rache ist dann sicher und grausam. Sonst aber sind die Kerle gar freundlich, und im Hause dieser Leute, welche alle Tabaksgärtler sind, wird dem Fremden mit Wein und Gebäck aufgewartet. Der Kerl, welcher, um uns zu erwärmen, dem Pfarrer eine Decke stahl, präsentierte uns eine Flasche echten Tokajer Wein, welche er ebenfalls dem Pfarrer gestohlen hatte. Er sagte: „Der Pfarrer macht es auch nicht besser.“
Der Schluss des Briefes, in dem gewiss nichts übertrieben ist, fehlt. 

Ernst Brauch, der Autor des Hockenheimer Heimatbuchs, ergänzt den Artikel um folgende Anmerkung: „Unsere Heimatvertriebenen aus dem Banat, Ungarn und Jugoslawien mögen diese Zeilen mit Wehmut erfüllen. Es waren ihre Voreltern, von denen Schwab berichtete. Schwab konnte nicht ahnen, dass das „Canaan“, das er gesehen, 100 Jahre später nicht mehr sein würde! Das Walten eines ungeheuren Schicksals, das wir Lebenden nie ganz begreifen werden, spricht aus diesen Blättern.“
Der Autor ergänzt noch: „Wie wir aus eigenem Erleben wissen, legen Heimatvertriebene dem Land, das sie aufnahm, nicht nur Verpflichtungen auf, sie bereichern es auch in sehr hohem Maße, da sie mancherlei Fertigkeiten und Kenntnisse mitbringen, die sogar den allgemeinen Wohlstand heben und die Kultur und Wirtschaft ihrer Heimat in ungeahnter Weise beleben können. Um nur ein Beispiel zu erwähnen: Ohne die Ungarndeutschen äßen wir heute keine Paprikaschoten!“ 

In Hockenheim, das jetzt zwar zu Baden-Württemberg gehört, früher jedoch Teil der  Kurpfalz war, wird immer noch ein pfälzischer Dialekt gesprochen. Dieser Dialekt, der in vielem unserem Banater Schwäbisch gleicht, die Freundlichkeit der Menschen – und als eine der deutschen Rennstädte – auch die Weltoffenheit ihrer Bürger, erinnern mich oft ans Banat. Als wir uns im Heidelberger Umland umsahen, um uns ein Haus zu kaufen und damit eine neue Heimat zu schaffen, hat mich die Statue des Heiligen Nepomuk in Hockenheim letztlich dazu bewogen, diese Stadt zu wählen. Denn auch in meiner Heimatgemeinde Perjamosch gibt es eine Statue dieses Prager Heiligen. Und so finden sich immer wieder Anknüpfungspunkte von der alten zur neuen Heimat.