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Literaturkritischer Apostel der Regionalliga - Zum 80. Geburtstag von Dr. Peter Motzan

Banater Weggefährten auf dem Symposium zu Ehren von Dr. Peter Motzan: Anton Sterbling (2. v. li) und Horst Samson (3. v. li) , rechts der Verleger Traian Pop. Foto: Konrad Klein

Dr. Peter Motzan im November 2007 bei einer Tagung über rumäniendeutsche Literatur in Bukarest Foto: Archiv Manfred Engelmann

Als „Protagonist der deutschen Literatur Rumäniens“ bezeichnete die Kulturreferentin für Siebenbürgen Kerstin Arz den Literaturwissenschaftler Dr. Peter Motzan, zu dessen 80. Geburtstag das Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen am 25. Juli im Haus des Deutschen Ostens in München ein Symposium organisierte. Als Referenten waren namhafte Wegbegleiter Motzans eingeladen, die dem Jubilar ihre Wertschätzung zeigten.

Dr. Peter Motzan wurde am 7. Juli 1946 in Hermannstadt geboren, studierte an der Klausenburger Babeș-Bolyai-Universität Philologie und wurde unmittelbar nach Beendigung seines Studiums am Germanistiklehrstuhl derselben Universität Hochschulassistent und danach Dozent. Sein wissenschaftliches Interesse galt der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts, schnell fokussierte er sich aber auf die deutsche Literatur in Rumänien, wobei er auch die jungen Autoren der Gegenwart kritisch begleitete und würdigte. Viele von ihnen waren seine Studenten in Klausenburg, etliche hatten später Funktionen im rumäniendeutschen Kultur- und Literaturbetrieb als Journalisten, Redakteure oder Verlagslektoren. Es gab persönliche und fachliche Interaktionen mit den Autoren aus dem Umfeld der „Aktionsgruppe Banat“ und der Universität Temeswar. Motzan war ein aufmerksamer Beobachter des Literaturbetriebs, der durch das kurze Tauwetter zum Ende der 1960er und Beginn der 1970er Jahre Auftrieb erhielt und einige Blüten trieb. 1976 setzte Motzan mit „Vorläufige Protokolle – Anthologie junger rumäniendeutscher Lyrik“ das Augenmerk der Öffentlichkeit darauf. Folgerichtig promovierte er 1980 an der Universität Bukarest mit dem Thema: „Die rumäniendeutsche Literatur nach 1944“. Mit „Der Herbst stöbert in den Blättern“ (1984) folgte eine weitere Lyrikanthologie (erschienen im Volk und Welt Verlag Berlin) und im Jahr 1982 stellte er in „Vânt potrivit până la tare. Zece tineri poeți ger-mani din România“ (Mäßiger bis starker Wind. Zehn junge deutsche Dichter aus Rumänien) die junge rumäniendeutsche Lyrik übersetzt auch dem rumänischsprachigen Publikum vor.

Listiger Kampf mit den Zensurbehörden

Doch da hatten sich die Zeiten längst geändert. Die jungen Autoren waren immer stärkerem Druck von Seiten der Staatssicherheit ausgesetzt und das Schreiben und Veröffentlichen war zunehmend ein listiger Kampf mit den Zensurbehörden. Vielen Protagonisten blieb nur die Auswanderung in die Bundesrepublik und auch Motzan stellte angesichts des Schwindens seines Forschungsgegenstands und des wachsenden Repressionsdrucks mit seiner Familie den Ausreiseantrag. Die Wende 1989 fand ihn auf gepackten Koffern und die Ausreise erfolgte 1990. 

Dem rumäniendeutschen Nischen-Literaturbetrieb blieb er hier glücklicherweise dennoch erhalten, denn er wurde 1992 – nach einem Intermezzo als Gastdozent in Marburg – wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS) und blieb es bis zu seiner Verrentung im Jahr 2011. Gemeinsam mit Stefan Sie-nerth erforschte er dort u.a. in einem groß angelegten Projekt die Aktivitäten des rumänischen Geheimdienstes Securitate im rumäniendeutschen Literaturbetrieb. Eine aufschlussreiche Dokumentation des stalinistischen Schriftsteller-Prozesses gegen fünf deutsche siebenbürgische Autoren erschien 1993 und bei einer aufsehenerregenden Tagung des IKGS hatten 2009 etliche Autoren Gelegenheit, über den Inhalt ihrer eigenen Securitate-Akten zu referieren. Motzan war auch Honorarprofessor an der Universität Klausenburg, 2003 wurde ihm dort an seiner Alma Mater der Professor h.c. verliehen.

Das Geburtstagssymposium war die Idee eines seiner engen Weggefährten und Freunde, Hellmut Seiler. Dass dieser aufgrund seines plötzlichen Todes der Feierstunde nicht mehr beiwohnen konnte, verlieh dieser eine tragische Note. Die Referenten würdigten das Andenken des im Literaturbetrieb bis zuletzt sehr aktiven Kollegen, dem u.a. auch die Initiative für den erfolgreichen „Rolf-Bossert-Preis“ zu verdanken ist. Seine Witwe Eva Seiler-Iszai und die beiden Söhne waren anwesend. Eva Seiler las Texte, die ihr Mann für Peter Motzan geschrieben hatte, und präsentierte eine Bildersammlung. Thomas Seiler umrahmte die Feier mit einigen Musikstücken am Klavier.

Moderator des Kolloquiums war der vergleichsweise junge Literaturwissenschaftler Waldemar Fromm, selbst nicht mehr in Siebenbürgen geboren und deshalb mit einer gewissen Distanz zu der Erlebnisgeneration der langjährigen Motzan-Weggefährten ausgestattet. Er verdanke dem Jubilar allerdings sein Interesse für die rumäniendeutsche Literatur, war ihm doch im Jahr 1984, wie er dem Publikum berichtete, in der DDR-Kulturvertretung in Prag Motzans Lyrik-Anthologie „Der Herbst stöbert in den Blättern“ in die Hände gefallen. Das Thema hatte ihn seither nicht mehr losgelassen. 

Von Seiten des siebenbürgischen Kulturwerks würdigte der frühere Kulturreferent der Siebenbürger Sachsen Hans-Werner Schuster den Jubilar, der viel „Lobendes und Vernichtendes“ zu den literarischen Versuchen der jungen Dichter geschrieben hatte und der von Georg Aescht als „Nestor der Regionalliga“ apostrophiert worden ist. Die siebenbürgische Landsmannschaft hatte ihm 2011 die höchste ihrer Ehrungen, den Siebenbürgischen Kulturpreis, verliehen.

Als ein Vertreter der Banater Weggefährten brachte Horst Samson dem Jubilar, der aus der Sicht der damals jungen Literaten mit einer „besonderen Aura“ umgeben war, eine poetische Hommage. Er würdigte das „Licht“, das von Peter Motzan im rumäniendeutschen Literaturbetrieb ausging, dem „literaturkritischen Apostel der modernen Lyrik“, der „seine Antennen stets im Wind“ und deshalb einen gewichtigen Einfluss auf die jungen Dichter hatte. In eine ähnliche Kerbe schlug auch der zweite Banater unter den Referenten, Anton Sterbling, ehemals Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“, der von seiner ersten Begegnung mit Peter Motzan in Temeswar erzählte. Die zweite folgte erst geraume Zeit später in den 90er Jahren in Deutschland. Der emeritierte Soziologieprofessor Sterbling fokussierte in seinem Beitrag dementsprechend auf die gesellschaftliche Komponente des Wirkens von Peter Motzan und seiner „unbehaglich-kritischen oder affirmativen Haltung zu Regionalliteraturen“. Durch seine Berufswahl hatte sich Sterbling von der Literatur etwas entfernt, wurde jedoch, wie er berichtete, von Motzan immer wieder um Gedichte für die Vierteljahresblätter gebeten und zu Vorträgen eingeladen, was ihn offenbar auch wieder mehr zum Schreiben und Veröffentlichen veranlasste.

Auswertung der Securitate-Akten

Stefan Sienerth erwähnte Motzans eindrucksvolle Präsenz an der Klausenburger Universität aus seiner damaligen Studentensicht. Der Jubilar habe schon damals mit seiner typischen Ausdrucksweise „alles besser und genauer gewusst“ und sei deshalb der Mittelpunkt jeder Gesprächsrunde gewesen, auch in der Raucherecke der Uni. Motzan habe ihn gelehrt, „wie man Zensur trickreich überlisten kann.“ Die spätere Zusammenarbeit als sein Kollege beim IKGS sei von Fachwissen und Stilsicherheit geprägt gewesen. Insbesondere die umfangreiche Auswertung der Securitate-Akten habe Motzan große Genugtuung verschafft, denn auch er selbst war, wie die meisten Schriftsteller und Vertreter des Kulturbetriebs, der Beobachtung und Bespitzelung ausgesetzt gewesen. Deshalb sei er stets ein großer Befürworter der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Aktenmaterial gewesen, auch wenn dieses selten angenehme Erkenntnisse zutage gefördert habe.

Von den Hermannstädter Weggefährten des Jubilars kam Kurt Thomas Ziegler mit einem Beitrag zu Wort. Er kannte den drei Jahre älteren Peter über die Bekanntschaft der Eltern und die sommerlichen Treffen der Jugend im „Sachsenbad“ und wurde während seines Medizinstudiums in Klausenburg von Motzan und Hodjak über den „Germanistenkreis“ in die literarischen Kreise eingeführt und zum Schreiben von Kulturrezensionen ermuntert, was ihn fast bewogen hätte, sein Studienfach zu wechseln. 
Anneli Ute Gabanyi brachte Peter Motzan eine humorvolle poetische Laudatio in Gedichtform nach der Vorlage eines griechischen Epos („Petri Motzani Vergiliana Laudatio“): „Zugleich mühte Motzanus, der Günstling der Götter, sich lange erfolgreich, / siebenbürgische Elegien zu sammeln und zu sichten/ und poetische Pflänzchen bei Äquinoktium / in dakische Erde zu pflanzen,/ aber, ach, das Ungeheuer, es ließ sich nicht dauerhaft zähmen.“

Georg Aescht lobte in seinem Beitrag die „professionelle, niemals professorale Akkuratesse“, mit der Motzan „sein eigenes Wort von der rumäniendeutschen Regionalliga Lügen gestraft“ habe. Er sei deren „Sachwalter, ihr Schiedsrichter“ gewesen und habe den beteiligten Spielern seine „stets farbenfrohen, nie signalroten Karten gezeigt.“

Olivia Spiridon, eine späte Weggefährtin Motzans als Kollegin im IKGS, widmete ihren Beitrag zwar hauptsächlich dem Andenken an Hellmut Seiler, schlug aber den Bogen zu Peter Motzan, in dessen Büro „man die Stimmung der 70er und 80er Jahre in Rumänien abtasten“ konnte, die auch Hellmut Seiler geprägt hat. 

Brücke zu rumänischen Autoren

Im Laufe der Festveranstaltung wurde dem Jubilar eine Festschrift überreicht, die als Sonderausgabe der Zeitschrift „Matrix“ im Pop-Verlag Ludwigsburg erschienen ist. Verleger Traian Pop las aus seinem Vorwort. Er hatte Motzan als damals rumänischer Schriftsteller kennengelernt, als er die übersetzte Anthologie der rumäniendeutschen Lyriker in die Hände bekam, die er schon damals als „die mit Sicherheit gelungenste Brücke zwischen deutschsprachigen Schriftstellern und ihren rumänischsprachigen Kollegen und Lesern“ wahrnahm. Die Perspektive der rumänischen Kollegen brachte auch der im Symposium verlesene Beitrag des Literaturwissenschaftlers und Literaturkritikers Ion Pop in die Runde. Er hatte seinerzeit zusammen mit Peter Motzan die dreisprachige Literaturzeitschrift der Klausenburger Universität „Echinox“ betreut und bezeichnete die anderthalb Jahrzehnte währende Zusammenarbeit im Rückblick als „eine Konstante freundschaftlicher Kommunikation“ und gegenseitiger Befruchtung.
Die meisten der Beiträge des Symposiums sind auch in der Festschrift abgedruckt, doch diese enthält noch weitere würdigende Texte von Weggefährten wie Joachim Wittstock, Dagmar Dusil, Walter Engel, Heinrich Heini Höchstmann, Edith Konradt, Virgil Mihaiu oder Hellmut Seiler, daneben lyrische Hommagen von Hans Bender, Albert Bohn, Adrian Popescu, Ilse Hehn, Horst Samson, Hellmut Seiler und Anton Sterbling. Peter Motzan kommt auch selbst zu Wort, mit einem Essay über die „Präsenz (ex)rumäniendeutscher Autoren im Literaturbetrieb der Bundesrepublik Deutschland“ sowie dem seinen Werdegang beleuchtenden Interview mit Stefan Sienerth „Am Rand der Mitte“. Seine Tätigkeit als Übersetzer aus dem Rumänischen wird mit dem Abdruck von sechs von ihm übertragenen Gedichten von Nicolae Prelipceanu gewürdigt.

Professionelle Akkuratesse

In gewohnter ironischer Scharfzüngigkeit reagierte der Gefeierte auf das „hyperbolisch verbrämte Lob“, das ihm zuteil werde und hatte sogleich ein Zitat von Gottfried Benn parat: „Wer gerühmt wird, der ist ein Verirrter“.  Dennoch fühle er sich geschmeichelt über die Ehrung seiner „unmaßgeblichen Person“, wenn auch „von Lampenfieber geschüttelt“ angesichts der Rede, die er nun zu halten habe.  Dass der viel jüngere Initiator dieser Veranstaltung Hellmut Seiler nun nicht dabei sein konnte, habe ihn zutiefst erschüttert, doch „sein Geist schwebte nicht nur über den Wassern, sondern nistete sich auch in unseren Hirnen und Herzen ein, und er war dabei.“

Zunächst ging er auf die von Anton Sterbling formulierte Verwunderung ein, wie es möglich war, dass die von Motzan herausgegebene Anthologie der rumäniendeutschen Lyrik nach 1944 mit den bereits ausgewanderten, also verbotenen Autoren erscheinen konnte. Das sei, wie so oft, unvorhersehbar gewesen, erinnerte sich Motzan. Der Verlagslektor Franz Hodjak hatte die damalige Direktorin des Verlags offenbar in einer günstigen Stunde davon überzeugen können, dass die Streichung zu „Protesten im Westen“ führen würde, zu denen der dort lebende Dieter Schlesak mit Sicherheit aufrufen werde. In diesem Fall war die Drohung wohl erfolgreich.

Seine Ehrung betreffend bezeichnete sich Motzan, unter Berufung auf Kafkas „Bericht für eine Akademie“ als „kleinen Schimpansen“, den es (nicht anders als den „großen Achilles“) zuweilen „an den Fersen kitzelt“, bestand aber wie so oft darauf, ein „Schmalspurgermanist“ zu sein, der sich selbst aus der „Regionalliga Südost“ längst zurückgezogen habe. Ein fast fertiges Buch harre seit vielen Jahren seiner Vollendung, müsse aber von Grund auf aktualisiert werden. Die „wunderzarten Worte“, die die Redner „für einen Verstummten“ gefunden haben, seien vielleicht „ein Auftrieb“, sich das Buch noch einmal vorzunehmen.