Die gemischtsprachige Gemeinde Kleinbetschkerek zählte zu den Banater Gemeinden, die die Folgen des 2. Weltkrieges besonders spüren mussten. Für die deutschen Ortsbewohner waren jedoch die Kriegs- und Nachkriegsereignisse eine zusätzliche Katastrophe.
Laut der Volkszählung von 1930 hatte Kleinbetschkerek 3318 Einwohner, davon 2294 Deutsche, 431 Rumänen, 461 Serben, 35 Ungarn und 97 Roma und Sonstige. Am 16. September 1944 floh die Hälfte der deutschen Bevölkerung aus Kleinbetschkerek vor der herannahenden sowjetischen Armee in einem Treck von 137 Pferdewagen bis nach Oberösterreich. Am 17. September sind weitere 125 Personen mit der Eisenbahn bis Bamberg und Forchheim geflohen. Die Daheimgebliebenen lebten in Angst, Unsicherheit und waren den Schikanen der neuen Machthaber ausgesetzt. Am 14. Januar 1945 wurden 179 Deutsche (71 Frauen und 108 Männer) zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. In den sowjetischen Arbeitslagern sind 39 Kleinbetschkereker (9 Frauen und 30 Männer) gestorben. Eine am 9. Februar 1945 erfolgte Erfassung der Dorfbewohner ergab 730 Deutsche (von ehemals 2300), 350 Rumänen, 340 Serben und 50 Roma.
Am 12. April 1945 wurde den zurückgebliebenen Deutschen durch das am 23. März verabschiedete Bodenreformgesetz der Haus- und Bodenbesitz enteignet. Es kamen „Kolonisten“ ins Dorf, die sowohl in die nach der Flucht leerstehenden deutschen Häuser als auch in die von Deutschen bewohnten Häuser einquartiert wurden. Es waren mehr als 200 Rumänen aus Bessarabien, einige Deutsche aus der Bukowina und fast 300 „Mazedonier“ (Makedo-Rumänen). Durch die Bodenreform erhielten diese Familien je 5 Hektar Ackerland, das vorher Eigentum der deutschen und serbischen Bauern war.
Am 17./18. Juni 1951 wurden auch 926 Kleinbetschkereker Opfer der Bărăgan-Deportation. Die Maßnahme nach sowjetischem Vorbild hatte diesmal keine ethnischen, sondern rein politische Ursachen und galt den „Staatsfeinden“. Ziel war „die Säuberung der rumänischen Grenzzone entlang der jugoslawischen Grenze von politisch unzuverlässigen Elementen“. Kleinbetschkerek lag in dieser Grenzzone und hatte nicht nur wohlhabende Bauern, sondern auch einen großen Anteil an serbischen Einwohnern wie auch an zugezogenen Flüchtlingen (Bessarabier und Mazedonier).
Die Deportation verlief, wie in allen betroffenen Orten, nach Plan. Die Listen der Familien und Personen wurden von den örtlichen Partei- und Gemeindeführungen erstellt. Es gab keine Altersgrenze. Vom einen Monat alten Baby bis zu einem 85jährigen Mann blieb keiner verschont.
Zeitzeugen berichteten, dass Anfang Juni 1951 auf Nebengleisen des Bahnhofs leere Güterwaggons mit dem Aufdruck „Geeignet für den Getreidetransport“ abgestellt worden waren. Gertrud Bartl, geb. Schuld, erzählte mir, wie sie als damals Dreizehnjährige beobachtete, dass am Samstag, dem 16. Juni 1951, mit dem Abendzug sehr viele Uniformierte eintrafen, die später in den Schulgebäuden Quartier bezogen.
Beunruhigte Nachbarn trafen sich auf der Straße und besprachen mit Lehrer Karl Zechmeister und Pfarrer Michael Willjung die Lage. Lehrer Zechmeister meinte, man habe nichts zu befürchten.
Noch beunruhigender wirkte die Nachricht des Gemeindetrommlers, dass keiner mehr das Dorf verlassen dürfe, und dass der Eisenbahnverkehr wegen Manövern eingestellt werde, und deshalb auch keiner am folgenden Montag nach Temeswar zur Arbeit fahren brauche.
Am Sonntag, dem 17. Juni 1951, feierte die rumänische und serbische Bevölkerung des Dorfes das orthodoxe Pfingstfest. In der katholischen Kirche fanden zwei Trauungen statt: die von Michael Siebenaller und Barbara Schuld und die von Josef Botscheller und Susanne Weber.
Die beiden jungen Männer waren erst vor kurzer Zeit aus langer russischer Kriegsgefangenschaft zu-rückgekehrt. Noch ahnte keiner, dass auch eines der neu vermählten Ehepaare (Siebenaller) gleich nach der Hochzeitsfeier deportiert werden würde.
Meine Mutter Christine Bappert berichtete, dass sie auf dem Heimweg von der Hochzeitsfeier der Fam. Botscheller vor einzelnen Häusern Uniformierte mit Gewehren bemerkte. Meine Großmutter und meine Patin, die aus Orzydorf zur Hochzeit gekommen waren, durften mehrere Tage das Dorf nicht verlassen.Gertud Bartl erzählte ebenfalls, dass die Hochzeitsgäste der Familie Siebenaller auf ihrem Heimweg vor manchen Häusern Soldaten sahen.
In der Nacht von Sonntag auf Montag, dem 18. Juni 1951, schlug die Staatsmacht zu und startete die Verschleppungsaktion. Die betroffenen Familien durften weder die Häuser verlassen noch mit den Nachbarn oder Verwandten Kontakt aufnehmen. Die Personalausweise wurden eingezogen. Am Montag wurden sie aufgefordert, das Nötigste zu packen und unter Aufsicht zum Bahnhof zu kommen.
In der multiethnischen Gemeinde Kleinbetschkerek waren diesmal nicht nur die deutschen Einwohner betroffen. Mein Elternhaus befand sich in der „Serbischen Hauptgasse“, in der sowohl Serben als auch Deutsche wohnten. Viele unserer serbischen Nachbarn wurden entweder als „Tito-Sympathisanten“ oder als „chiaburi“ deportiert. Aber da lebte auch unsere deutsche Nachbarin Gertrud Jost, deren Familie nicht zu den „Reichen“ gehörte. Sie selbst hatte schon fünf Jahre Zwangsarbeit in Stalino überlebt. Da sie jedoch einen deutschen Flüchtling aus Bessarabien geheiratet hatte, wurde sie zusammen mit ihrer Schwiegermutter und den vier Geschwistern ihres Mannes deportiert. Ihr Mann Willi Wodnitzky wurde nicht deportiert, da er in dieser Zeit in Piatra Neamț seinen Militärdienst leistete. Erst nach seiner Entlassung folgte er seiner Familie in den Bărăgan, nach Ezeru (Cacomeanca Nouă).
Aus der deutschen Bevölkerung traf es nicht nur die Großbauern, in deren Akten „C“ für „chiabur“ stand, sondern auch Familien, die Angehörige in der Deutschen Wehrmacht oder der Waffen-SS hatten. (Kategorie „SS“).
Es gab auch mehrere Personen, die mit ihren Angehörigen freiwillig in den Bărăgan zogen. Gertrud Bartl, deren Vater bereits verstorben war, erzählt, dass sie als Kinder die Großeltern baten, mitzukommen, um die Mutter zu unterstützen.
Viele der Deportierten hatten schon vorher mehrere Jahre russische Zwangsarbeit hinter sich. Ein solches Beispiel war Eva Bartl, geb. Schwengler. Während ihr Ehemann nach dem Krieg nicht zurückkehren konnte, musste sie drei Jahre ins russische Arbeitslager und musste ihre drei minderjährigen Kinder zurücklassen. 1951 wurde sie zusätzlich mit ihren drei Söhnen nach Dâlga deportiert.
Zu den Intellektuellen der Gemeinde, die mit ihren Familien deportiert wurden, zählte auch der deutsche Lehrer Karl Zechmeister, der weder an der Front war, noch zu den „Reichen“ gehörte. Ihm wurde vorgeworfen „Tito-Sympathisant“ und „systemkritisch“ zu sein. Da spielte es auch keine Rolle, dass er früher Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Rumäniens und später Mitglied der Rumänischen Arbeiterpartei war.
Verschont blieb auch nicht der Gemeindearzt Titu Oșteanu, der schon seit 25 Jahren die Kleinbetschkereker betreute. Er war zwar Rumäne, doch lag sein Geburtsort in Jugoslawien, was ihn zum möglichen „Tito-Sympathisanten“ machte. Als ehemaliges Mitglied der National-Liberalen Partei Rumäniens war er für das neue Regime eine Gefahr.
Ein besonderer Fall war der des katholischen Pfarrers Michael Willjung. Er wurde zwar noch nicht im Juni 1951 deportiert, doch wurde er im September 1951 verhaftet und als ehemaliger Bischöflicher Sekretär des Temeswarer Bischofs Augustin Pacha, als Konsistorialrat und Dechantpfarrer aus politischen Gründen verurteilt. In seiner Akte steht „cp“ für „condamnat politic (politsch verurteilt). Im Bukarester Schauprozess der „Spione des Vatikans“ vom September 1951 gegen den Bischof der katholischen Diözese von Temeswar Augustin Pacha und neun weitere Kirchenvertreter wurde Pfarrer Willjung beschuldigt, im Auftrag des Bischofs im Altarbereich der Kleinbetschkereker Kirche 1 kg Gold versteckt zu haben. Er wurde zu neun Jahren Gefängnis (Jilava, Sighet, Piteşti) verurteilt. Laut Securitate-Akte vom 16. Juli 1960 folgten 24 Monaten Zwangsaufenthalt im Bărăgan (Viișoara bei Slobozia) und am 20. Juni 1962 wurde dieser Aufenthalt um weitere 12 Monat verlängert. Im Mai 1963 endete schließlich die lange Zeit seiner Verbannung. Er besuchte im Geheimen seine Schwester in Kleinbetschkerek und wurde am 31. Oktober 1963 in die Bundesrepublik ausgewiesen. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1973 in Regensburg.
Zu den nach Movila Gâldăului (Petroiu Nou) deportierten Kleinbetschkerekern zählte auch der Serbe Veselin Pain, der spätere Torwart von „Poli Timișoara“. Seine Fußballlaufbahn begann in der Deportationszeit bei „Locomotiva CFR Fetești“.
Aus Kleinbetschkerek wurden zur Deportation der 223 Familien mit 926 Personen 116 Eisenbahnwaggons eingesetzt. (Marineassa Viorel, Vighi Daniel: „Rusalii 51“, S. 191). Es betraf ein Drittel der Dorfbewohner.
2020 wurden die Securitate-Akten von 56 468 zwangsumgesiedelten Personen veröffentlicht. Davon konnte ich ca. 780 Akten von Deportierten mit ehemaligem Wohnsitz in Kleinbetschkerek durchsehen und bisher neben den 210 deportierten Deutschen 252 Mazedonier, 182 Bessarabier, 130 Serben und 46 einheimische Rumänen zuordnen.
Die Aufteilung der 210 deutschen Deportierten aus Kleinbetschkerek nach Aufenthaltsort und Personen erfolgte folgendermaßen: Dâlga (80), Movila Gâldăului (68), Ezeru (21), Măzăreni (20), Fundata (16), Dropia (3), Valea Viilor (2).
Die schrecklichen Jahre der Deportation wurden bereits in zahlreichen Büchern und Zeitzeugenberichten ausführlich geschildert. Sie treffen auch für die Kleinbetschkereker zu: die Tage unter freiem Himmel, die ersten Monate in Erdlöchern, der Kampf gegen Hitze, Sturm, Mangel an Trinkwasser, fehlende ärztliche Betreuung, der Hausbau, die schwere Arbeit auf den staatlichen Feldern und Tierfarmen. Es wird aber auch von der Nachbarschaftshilfe, vom Zusammenhalt ohne Unterschied von Sprache und Nationalität und von der Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat berichtet.
Im Bărăgan wurden auch Ehen geschlossen und 15 Kleinbetschkereker Kinder geboren. 18 schwäbische Landsleute sind dort verstorben. Ihre Daten wurden nachträglich auch in den Kleinbetschkereker Kirchenmatrikeln eingetragen.
Auch für die im Dorf zurückgebliebene Bevölkerung waren die Jahre 1951 - 1956 nicht einfach. Viele Familien, die auf der „deutschen Seite“ wohnten, mussten ihre Häuser für eine Militäreinheit räumen und in die Häuser der Deportierten im serbischen und rumänischen Dorfteil ziehen. Es wurden sowohl im Dorf als auch am westlichen und nördlichen Dorfrand zur Verteidigung gegen Tito Betonbunker gebaut. Für die hier stationierte Militäreinheit wurde eine Kaserne gebaut, in der 1956 Teilnehmer der Temeswarer Studentenrevolte festgehalten wurden.
Durch das Dekret Nr. 2694 vom 7. Dezember 1955 wurde die Heimkehr der Bărăgan-Deportierten und auch die Rückerstattung ihres Feldbesitzes zugesichert. Die landwirtschaftlichen Flächen wurden jedoch 1956 nicht zurückerstattet, da sie bereits im Besitz der Kollektiv- und Staatswirtschaft waren. Die Häuser waren von „Kolonisten“ besetzt oder verfallen. Die meisten deutschen Rückkehrer erhielten ihre 1945 enteigneten Häuser zurück.
Hans Bücher, der mit seiner Familie als Baby nach Măzăreni (Urleasca Nouă) kam, berichtet, dass sein Vater 1956 die Rückkehr lange überlegte: Während das Haus in Kleinbetschkerek besetzt und der Besitz enteignet worden war, hatte er im Bărăgan wenigstens ein Dach über dem Kopf und als Dreher bei der „SMT“ ein festes Einkommen.
Heute erhalten die überlebenden Deportierten durch das Dekret-Gesetz 118/1990 als späte Wiedergutmachung eine monatliche Entschädigungsleistung, die 2020 auch auf die Kinder der betroffenen Personen ausgeweitet wurde.
Zum 75. Jahrestag der Deportation erinnerten der Kreisverband der Banater Schwaben Forchheim und die HOG Kleinbetschkerek am 21. Juni 2026 im festlichen Rahmen an diese traurige Zeit und an ihre Opfer.











