Dörfer ohne Schatten – Verbannt im Baragan
„Wer in der MAT/sein Geld versoffen hat,/durfte bleiben im Banat./Wer gespart hat Ban um Ban,/landete im Baragan.“
(Zur Erläuterung der obigen Verse im Roman von Mariana Gorczyca: MAT stand für die „Bodegas“, die damaligen staatlichen Trinklokale, Ban steht für Kleingeld.)
Weil die Wunden noch immer nicht verheilt sind – in diesem Frühsommer fanden in zahlreichen Ortschaften Rumäniens und in Deutschland Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag der Verbannung statt – melden sich immer wieder Historiker und Journalisten zum Thema Zwangsdeportationen zu Wort, aber auch Schriftstellerinnen. So zuletzt Mariana Gorczyca, Jahrgang 1956, geboren am Nordrand der Baragan-Ebene, also eine Nachgeborene, der wir zwei Romane zu Deportationen verdanken. Beide wurden ins Deutsche übersetzt, der jüngste über das Zwangsdomizil in der Baragan-Steppe von der Journalistin Beatrice Ungar.
Der Roman „Rubla, Ort ohne Schatten“ beeindruckt auch Kenner der Thematik durch wirklichkeitsgetreue Schilderungen, die auf Recherche beruhen. Es ist ein Tatsachenroman, in dem auch das Fiktionale glaubwürdig ist. Die Landschaftsbilder als wichtiger Hintergrund sind keine erfundenen, sondern selbst erlebte bzw. bereiste Handlungsräume, die geschickt in mehreren Ebenen den realen Rahmen bilden.
Der breite und vielschichtige – aus ethnischer und beruflicher Sicht – handelnde Personenkreis ist ebenfalls eine realfiktionale literarische Schöpfung der Autorin, die sich tief in das Innenleben ihrer Gestalten (darunter Zeitzeugen) eingelebt hat. Dabei führt sie aber auch Fakten an, die in der Sachliteratur weniger Beachtung fanden (z.B. Ada Kaleh-Türken oder Tschechen aus dem Banater Eibental). Geschickt hat sie Ereignisbelege („Jetzt, da Stalin gestorben ist.“, die Internationalen Studenten- und Jugendfestspiele in Bukarest 1954 etc.) und Dokumente der Zeit eingeflochten. Die oft verbindend nötige Fiktion ist einfallsreich dosiert. Wäre die in Siebenbürgen lebende Autorin nicht zu jung, könnte das Buch als ein Erlebnisroman eingestuft werden, wie der von Julia Schiff („Steppensalz“), der Banater Schriftstellerin, die ihre Kindheit in der Verbannung verbracht hat, oder dem Baragan-Teil im dritten Buch der Roman-Trilogie in Mundart von Ludwig Schwarz („Kaule-Baschtl“, Temeswar, posthum 1981).
Der Roman von Mariana Gorczyca ist eine erstaunliche literarische Leistung und ein lesenswertes Werk, eindringlich geschrieben, berührend, aber keine Unterhaltungsroman-Lektüre. Es geht um Schicksale von Menschen, die nicht verstehen konnten, welche Schuld sie hatten für diese Straflage und Entheimatung, verbunden mit einer entschädigungslosen rechtswidrigen Enteignung. Sie waren keine Feinde des Landes, hatten nichts getan. Und sie ergänzt nachvollziehbar und glaubhaft, was Akten allein nicht aussagen: Dass diese Verbannungen in Geheimakten des Landesrates für die Staatssicherheit Rumäniens schon Ende der 60er Jahre als „illegal“ beurteilt wurden, erfuhren Überlebende erst in den letzten Jahren.
Beitrag zur Erinnerungskultur
Für die Deutschen in und aus Rumänien leistet die Autorin zusätzlich einen beachtenswerten Beitrag zur Erinnerungskultur, weil auch nach der politischen Wende in Rumänien das Thema Zwangsumsiedlung in den Baragan nicht zu größeren (touristischen) Reise- oder nachhaltigen Gedenkveranstaltungen vor Ort führte. Studienreisen in den Raum, wie die des Augsburger Bukowina-Instituts oder der Dorfgemeinschaft Neupetsch, sind selten. Somit hat Mariana Gorczyca die verschwundenen Orte und vielfach vergessenen Schicksale von rund 50 000 Betroffenen – laut amtlichen Statistiken des damaligen Innenministeriums wurde in Rumänien ab 1949 bis Mitte der 60er Jahre „ca. 60.000“ Personen Zwangsdomizil auferlegt – literarisch gerettet, ergänzend zu den inzwischen zahlreichen Buchveröffentlichungen mit Erlebnisberichten. Vor Ort ist und wird künftighin kaum was bleiben, das die Wahrheit über eines der schlimmsten klassenkampfpolitisch motivierten Verbrechen im stalinistischen Rumänien auch nur andeutend belegen kann.
Der Roman ist eine lange Reihe erschütternder Schicksale von Menschen aus unterschiedlichen Ortschaften Westrumäniens, verschiedener Herkunft, Muttersprache, Konfession und Altersgruppen, hinzu kommen zur Massendeportation von rund 44 000 Personen im Frühsommer des Jahres 1951 in den letzten Jahren der Verbannung – sie endete für die meisten Banater 1956 – aus Gefängnissen entlassene politische Häftlinge, die nach verbüßter Haft oder nach Amnestie als administrative Zusatzstrafe Zwangsaufenthalt in den Baragan-Dörfern bekamen. So im Dorf Rubla – ein realer Ort, keine Romanfiktion –, das im Mittelpunkt des Romans steht, unter anderen der später bekannte prominente Siebenbürger Schriftsteller Hans Bergel, einer von den 21 in den Akten der Securitate geführten „21 elemente“, die zu den 451 im Jahr 1951 angesiedelten Familien hinzukamen (darunter waren bei der Ortsgründung 246 Banater deutsche Familien). Administrativ ähnlich bestraft wurde nach Haftentlassung eine Gruppe Banater Priester.
Interessant ist für uns heute die Beschreibung, wie neue Dorfgemeinschaften entstanden sind. Der Autorin gelingt nicht nur ein Abbild der Schicksalsgemeinschaft, sondern eines neuen Gemeinschaftskosmos. Da war eine Türkische Gasse und eine, in der rumänisch gesprochen wurde. In Rückblenden verweist sie auf die „Mazedonier“, die Mazedo- und Aromunen, die betroffen waren. Schulkinder kommen zu Wort, so im Schüleraufsatz „Mein Dorf“, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen werden ausgewertet.
Der Rubla-Roman ist bekanntlich nicht der erste Baragan-Roman (siehe den erwähnten autobiographisch geschriebenen von Julia Schiff aus den Jahren 2000 und 2012), er ist aber ein andersartiger, aus einer anderen Sicht und mit anderer Absicht, der einer jüngeren Außenstehenden. Gewisse Ähnlichkeiten können festgestellt werden zum wichtigen, dem am frühesten in Deutschland erschienenen Tatsachenroman „Sklaven im Baragan“ von Heinrich Freihoffer (Selbstverlag 1981, zwei Auflagen, mit Kartenmaterial, zahlreichen Fotos und Dokumentenanhang).
Gorczyca will als Vertreterin einer neuen Autorengeneration aufzeigen, wie meist politikferne einfache Menschen – die meisten waren Bauern, Landarbeiter oder Handwerkerfamilien – den Kampf gegen Unrecht führten und verweist auf deren Stärke, deren Überlebenswillen. Sie versucht Wesentliches festzuhalten vom zermürbenden, hoffnungslosen Dasein in einer fremden, ungewohnten und unwirtlichen Landschaft. Der Schluss des Romans lässt die Zukunft des Personenkreises offen. Es ist ein trauriger, weil wieder ein Zwangsabschied.
"Die Aussiedlung"
Im Vorjahr kam ein neuer, wichtiger Baragan-Tatsachenroman in deutscher Übersetzung heraus, der das Thema der Baragan-Deportation in die ungarischsprachige Literatur Rumäniens und Ungarns in den Umlauf gebracht hatte. Der Debüt-Roman und Bestseller des Dramatikers und Essayisten Andras Visky (Jahrgang 1957) wurde in der Übersetzung 2026 in Deutschland mit dem Internationalen Literaturpreis (HKW) ausgezeichnet und weist beste Kritiken auf. Weniger glücklich ist für den näheren Interessentenkreis der deutsche Titel „Die Aussiedlung“. Die Handlung des Romans hat ihren Ausgangspunkt in der Arader Gegend.
Mariana Gorczyca: „Rubla, Ort ohne Schatten“, mit einem Nachwort des Temeswarer Schriftstellers Viorel Marineasa, ins Deutsche übersetzt von Beatrice Ungar. Honterus Verlag Hermannstadt, 2025, 190 Seiten, ISBN 978-606-008-179-1
Andràs Visky: Die Aussiedlung. Suhrkamp-Verlag Hamburg, 2025, aus dem Ungarischen von Timea Tankó. 456 Seiten, 30 Euro, ISBN 978-3-518-43245-7










