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Marienfeld im Banat – Flucht und Rückkehr (Teil 6) - Schuljahre im Ungewissen

Das Loga-Lyzeum in den 40er Jahren. Postkarte aus der Sammlung Peter-Dietmar Leber

Dr. Hans Weresch (1902-1986)

Ein einschneidendes „Ferienerlebnis“ war die Deportation vieler Marienfelder Familien in die Bărăgan-Steppe. Als wir eines Morgens im Frühsommer 1951 aufwachten, standen vor vielen Häusern, die noch von Deutschen bewohnt waren, Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr. Die Bewohner dieser Häuser wurden aufgefordert, ihre Sachen zu packen und diese zum Bahnhof zu bringen. Dort stand ein langer Lastzug mit vielen Waggons bereit. Die Familien sollten ihre Habseligkeiten in diese Waggons einladen und auf den Abtransport warten. Niemand wusste, wohin es ging und für wie lange Zeit diese Reise geplant war. Fragen danach wurden nicht beantwortet und Gespräche mit Personen, die ab jetzt unter Bewachung standen, waren verboten. Da unsere Familie von dieser Maßnahme nicht betroffen war, konnten wir uns relativ frei bewegen. Ich rannte zum Bahnhof, um zu sehen, ob auch meine Freundinnen mit ihren Familien abtransportiert werden. Doch der Zugang zum Bahnhof war abgesperrt, überall standen Soldaten. Vor den Waggons türmten sich Koffer, Kisten und Möbelstücke. Von weitem sah ich Roswitha; ich rief nach ihr, doch nähern durfte ich mich ihr nicht. Wir winkten uns zu und weinten. Roswitha war eine ehemalige Klassenkollegin, ihr Vater war Arzt und vor der Enteignung Besitzer einer großen Landwirtschaft; vier Jahre Haft als Klassenfeind hatte er bereits verbüßt, jetzt erfolgte die Verbannung der ganzen Familie. Erst nachdem dieser wie viele andere Transporte aus dem Banat bereits auf dem Weg in die Bărăgan-Steppe war, erfuhren wir aus der Presse und aus dem Rundfunk, dass das Banat von unzuverlässigen Elementen, von Gegnern des Regimes, „gereinigt“ worden war. Die Auswahl der „Staatsfeinde“ war willkürlich und hing vom Befinden einer örtlichen Kommission ab. 

Meine Familie hatte Glück: Der Vorsitzende dieser Kommission war der Mann, der sich 1944 unser Haus zu eigen gemacht hatte und seither darin wohnte. Er sprach sich gegen die Verbannung unserer Familie aus, so zumindest hat er es später meinem Vater berichtet. Die Verbannten aber wurden im Südosten Rumäniens, in der so genannten Bărăgan-Steppe, auf freiem Feld ausgeladen und aufgefordert, sich eine Bleibe zu schaffen. Baumaterial wurde ihnen nicht zur Verfügung gestellt; sie sollten Lehmhütten aus dem Boden stampfen. Vorerst wohnten sie unter Bäumen, Decken, Planen und Zelten. Als sie aber einsehen mussten, dass es kein Zurück für sie gab, gruben sie Erdlöcher und als der Herbst kam, bauten sie die empfohlenen Lehmhütten, um zu überwintern. Fünf Jahre hausten sie so; tagsüber waren sie Tagelöhner auf den Staatsgütern, abends krochen sie in ihre Lehmhütten. Viele von ihnen haben dies nicht überlebt. Nach fünf Jahren durften sie den Ort der Verbannung verlassen und in ihre Dörfer zurückkehren. 

Aber auch diesmal waren in der Zwischenzeit wieder Neubürger in ihre Häuser eingezogen, so dass sie eine neue Bleibe suchen mussten. Doch die Wirtschaftsweise der Neubürger hatte auch ihre guten Seiten. Sie bewohnten gewöhnlich „ihre“ Häuser nur so lange bis sie völlig heruntergewirtschaftet waren. Und dies ging sehr schnell. Nach dem zweiten Winter waren bereits alle Zäune, die Scheunen, ja auch die Fensterrahmen nicht bewohnter Zimmer verheizt. Auch die Dielen der Fußböden waren entweder verheizt oder von den Schweinen, die sie in den Zimmern hielten, vernichtet. Für eine entsprechende Ablöse durften dann die früheren Eigentümer wieder in ihr Haus einziehen und es bewohnbar machen. 

Für mich war diese Schulzeit eine schöne Zeit. Das Lernen fiel mir nicht schwer. Schwierig war es allein mit Rumänisch. Bis zu unserer Flucht, d.h. bis nach dem Krieg sprach in Marienfeld niemand rumänisch. Die Generation meiner Eltern erlernte das Rumänische in der Schule ab der 4. Klasse in vier bis fünf Wochenstunden, sozusagen als tote Sprache. Nach Abschluss der Schule war alles schnell vergessen, da man weder im Dorf noch im weiteren Umkreis sich rumänisch verständigen musste. Nach dem Krieg änderte sich dies. Man lebte plötzlich mit Rumänen in nächster Nachbarschaft. Doch diese Nachbarschaft wurde ignoriert und verachtet, zumal sie sich zu Unrecht eingenistet hatte. 

In der Schule war zwar noch immer Deutsch die Unterrichtssprache, doch die Anforderungen an das Unterrichtsfach Rumänisch waren bedeutend höher. Der gute Lehrer Schäfer, der bisher Rumänisch unterrichtete, wurde nach der Schulreform durch einen Rumänen ersetzt, der gar kein Lehrer war und der auch seine Schüler hasste. Auch die Geschichte Rumäniens musste jetzt in rumänischer Sprache erlernt werden. Diese Hausaufgaben habe ich heute noch in lebhafter Erinnerung. Mutter saß neben mir und wir buchstabierten Texte von drei bis vier Seiten Länge, die es auswendig zu lernen galt. Ich lernte sie auswendig, ohne zu wissen, was ich eigentlich daher plapperte. 

Von damals an bis zum Ende meiner Schulzeit, ja bis zum Ende meiner Studienzeit hatte ich Angst, richtige Angst vor jeder Rumänischstunde; ich erlebte ein Gefühl der Minderwertigkeit, eine Unzulänglichkeit, die auch mit Arbeit und Fleiß nicht zu überwinden war. Heute weiß ich, dass ich durch die Nachkriegssituation, durch all die Ereignisse, deren politische Dimension ich damals nicht voll verstehen konnte, die ich aber instinktiv erfasst habe, zu einem Widerwillen herausgefordert wurde, dessen Ziel nicht nur die Politik, sondern auch die doch recht unschuldige Sprache war. Ich konnte mich nicht gegen die Politik zur Wehr setzen, in mir kämpfte es gegen die Sprache, obwohl ich mich um sie mit Fleiß bemühte. 

Die schönsten Stunden waren die Deutschstunden und alles, was mit dieser Sprache verbunden war. In der 4. und 5. Klasse unterrichtete uns eine Frau in Deutsch, von der es hieß, sie sei Jüdin. Sie wohnte merkwürdigerweise im Schwesternhaus, mit den Nonnen unter einem Dach und war sicherlich keine gelernte Lehrerin. Dafür kannte sie die deutsche Literatur und liebte sie. Da es damals weder Lehrpläne noch Lehrbücher gab, bestand ihr Unterricht im Vorlesen wunderschöner Gedichte, denen man mit offenem Mund folgen konnte. Diese Gedichte wurden an die Tafel geschrieben und von uns in die Hefte übertragen: Goethe, Schiller, Heine, Storm, Bürger, C. F. Meyer, Keller, Uhland, Chamisso und viele andere. Es war eine wunderbare Welt, die sich mir eröffnete. Ich schrieb die Gedichte nicht nur von der Tafel ab, ich lernte sie alle auswendig, mühelos und mit großer Begeisterung: Der Taucher, Die Bürgschaft, Des Sängers Fluch, Der Zauberlehrling, Schloss Boncourt und viele andere wurden von uns im Wettstreit vorgetragen. Doch dabei blieb es nicht. Wir begannen selbst zu dichten. Es gab kaum einen Schüler in der Klasse, der nicht dichtete, wenn auch nach dem Motto: Reim dich oder ich fress dich! Die wöchentliche Klassenstunde wurde zur Vortragsstunde eigener Gedichte. Es war kein Strohfeuer, das nach dem Weggang der jüdischen Lehrerin erloschen wäre. Ganz im Gegenteil, die Begeisterung wuchs mit den Schuljahren. In der 6 und 7. Klasse, der Abgangsklasse der Volksschule, schrieben wir sogar Dramen. Das Heldendrama über einen verkappten Götz von Berlichingen konnte leider nicht öffentlich aufgeführt werden, da es mehr als 60 Akte hatte. Unser Klassenlehrer riet deshalb, von der Aufführung abzusehen. Dafür aber haben wir unser Schauspiel von der bösen Stiefmutter, den armen Waisen und der guten Fee im örtlichen Kulturheim aufgeführt und natürlich viel Applaus erhalten.

Überhaupt kam alles, was wir dichteten, schrieben, komponierten und sonst erfanden in dieser Dorfschule auch an die Öffentlichkeit. Wir organisierten Elternabende und Schulfeste mit großem Eifer und schufen so die Bühne, um unsere Schöpfungen vorzutragen. Für mich waren diese Jahre bei allem kindlichen Dilettantismus sicherlich prägend. 

Und unsere Lehrer? Sie ließen uns gewähren und lenkten vorsichtig. Ich kann heute nur bewundernd und dankbar fragen: Woher nahmen diese Volksschullehrer, die in ihrer Freizeit Tomaten züchteten, um mit ihren Familien zu überleben, dieses großartige pädagogische Geschick?

Ob ich das Gymnasium – bei uns Lyzeum genannt – besuchen sollte oder nicht, stand in der Familie zur Diskussion. Mutter meinte, ich müsste das tun, da ich nun mal eine gute Schülerin sei, d.h. in all den vergangenen Schuljahren immer die beste war. Vater hatte seine Bedenken; Schule kostet Geld und wie sollte das aufgebracht werden? Wie immer – Mutter setzte sich leise aber mit Beharrlichkeit durch. Auch der Druck der Lehrer auf meinen Vater war nicht unbedeutend. Wenn schon, dann sollte es das Deutsche Lyzeum in Temeswar sein, das einzige deutsche Gymnasium damals im Banat.

Zur Aufnahmeprüfung waren mehr als 500 Kandidaten aus dem gesamten Banat angereist, 50 sollten aufgenommen werden. Ich sehe mich noch mit allen anderen Bewerbern zwischen 14 und 15 Jahren im großen Schulhof des Gymnasiums. Es war Juni 1950. Die Kandidaten kamen aus allen deutschen Dörfern des Banats und natürlich auch aus Temeswar, aus der Stadt. Aus Marienfeld hatten sich gleich 9 Bewerber für die begehrten Plätze gemeldet. Wir waren zwar alle Konkurrenten, aber daran dachte niemand. Jeder war froh, bekannte Gesichter um sich zu sehen. Doch diese verschwanden bald, nachdem eine energische Stimme in alphabetischer Reihenfolge die Namen verlas und je 50 Schüler 11 großen Klassenräumen zugeordnet wurden. Es gab nur schriftliche Prüfungen: Deutsch, Rumänisch, Mathematik. Nach drei Tagen war alles vorbei. Wir sollten uns nach einer Woche wieder melden, um das Ergebnis zu erfahren. Von den neun Marienfeldern hatten nur zwei die Prüfung bestanden; Walter Halm, der später ein sehr guter Arzt geworden und leider viel zu früh verstorben ist, und ich. Bei der Einschreibung bekamen wir auch Einsicht in die Prüfungsarbeiten; in Deutsch und Mathematik hatte ich die Höchstnote, in Rumänisch reichte es gerade noch. Und so blieb es auch während der vier Jahre Gymnasialunterricht. In jeder Rumänischstunde erlebte ich fürchterliche Angstzustände, obwohl ich mich intensiver vorbereitete als auf andere Unterrichtsfächer. Es lag auch nicht am Lehrer; Herr Usadiuc war ein guter Lehrer und er achtete seine Schüler. Ich aber war ein hoffnungsloser Fall in dieser Sprache. Selbst der Russischunterricht bereitete mir Freude. Ein junger und kluger Rumäne verstand es, den Unterricht so zu gestalten, dass wir das Grundwissen vergleichender Sprachwissenschaft fast spielerisch erleben konnten. Jedes grammatikalische Phänomen wurde auf seine Wurzel zurückgeführt und in den gängigen europäischen Sprachen verglichen. Dagegen verlief der Französischunterricht so richtig nach den typischen Schülererwartungen. Herr Bong begann mit dem Abfragen der Hausaufgaben; mit Heft und Wörterheft musste der Prüfling zur Tafel kommen und dort Rede und Antwort stehen. Wer die Vokabeln beherrschte, durfte aus dem Lehrbuch vorlesen und danach Fragen zum Text beantworten. Herr Bong hielt die alphabetische Reihenfolge bei der Prüfung streng ein. Wehe er irrte! Eines Tages hieß es: „Andor Cäcilia.“ Zilly, die bereits in der letzten Stunde geprüft wurde, meldete sich überrascht: „Aber Herr Professor, ich wurde doch in der letzten Stunde geprüft.“ Der Professor: „Oh pardon, setzen Sie sich.“

Viel Unsinn bot der Geografieunterricht. Heute kommt es mir vor, als ob wir vier Jahre immer nur die so genannte Geografie der Sowjetunion gelernt hätten. Der Verlauf der Stunde hing weitgehend von der Laune des Fachlehrers, unseres Schuldirektors, ab. War er gut gelaunt, so erzählte er lustige Geschichten aus seinem Schulleben. Er beeindruckte uns alle sehr mit seinen Erzählungen von der Reise seiner Abiturklasse nach Griechenland. Griechenland gab es also einmal wirklich, man konnte als Schüler dahin reisen, bevor die Welt hinter dem Eisernen Vorhang verschwand. Es waren Märchen aus längst vergangenen Zeiten, die Herr Feichter, wenn er guter Laune war, zu erzählen wusste. War er aber schlecht gelaunt, und das war er oft, dann wollte er wissen, wie viele Traktoren das Werk von Kriwoirog 1948 produzierte und wehe, der Gefragte wusste die Antwort nicht.

Das Schönste aber waren die Deutschstunden. Nicht des Stoffes wegen, der unterrichtet wurde; der Stoff war zweitrangig. Erstrangig war die Persönlichkeit des Lehrers, Professor Weresch. Klein, untersetzt und quirlig, das Klassenbuch, genannt Katalog, unter dem Arm, betrat er energisch den Klassenraum, legte den Katalog auf den Tisch und sah abwartend in die Klasse. Erst wenn er den Eindruck hatte, dass auch der Letzte ihn zur Kenntnis genommen hatte, grüßte er. War die Antwort vielstimmig und zaghaft – und dies war sie oft, weil es ja immer noch viele dringende Nebenbeschäftigungen zu erledigen gab, so legte er los: „Und ihr wollt junge Leute sein? Hängt da wie krumme Nudeln in der Gegend. Ja, was soll denn aus euch werden? So kommt man im Leben nicht vorwärts! Wer keine Freude an der Arbeit hat, der ist verloren! Reißt euch mal gefälligst zusammen! Schaut mal durchs Fenster! Seht ihr diesen schönen Tag? Die Sonne lacht für euch. Und ihr? Um wen trauert ihr? So kann ich meinen Unterricht nicht beginnen. Ich brauche Leute, mit denen ich arbeiten kann. So, wollen wir jetzt beginnen?“ War das Ja, das folgte, nicht kräftig genug, griff er sich einen oder eine heraus: „Hilde, du langweilst dich?“ „Ja, Herr Professor,“ kam es zögerlich. „Warum langweilst du dich?“ „Ich weiß es nicht,“ flüsterte Hilde verzagt und gequält. „Hilde, ich sage dir, nur langweilige Menschen langweilen sich.“ Seine Aufmunterungen fielen auf fruchtbaren Boden. Vielleicht hatten wir in jener Zeit, da es von allen Seiten nur Prügel gab, gerade diese Aufmunterungen, dieses warmherzige menschliche Verständnis nötig gehabt.

Weresch war der Veranstalter sämtlicher Schulfeste und – was uns besonders freute, der Organisator unserer sonntäglichen Tanznachmittage. Dann wurde der Kantinenraum, wo wir täglich an langen Tischen unser Mittagessen einnahmen, ausgeräumt und zu Akkordeonmusik getanzt. Niemand konnte Polka tanzen wie die Bentscheker und Weresch war Bentscheker und darauf war er stolz. Er zeigte uns, obwohl nicht mehr der jüngste und recht behäbig, wie man zeppelt, d.h. eine schnelle Polka tanzt. 
Weresch hat mit diesen sonntäglichen Tanzunterhaltungen unser Wir-Gefühl, das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Schülergemeinschaft gestärkt, er hat uns gezeigt, wo wir hin gehören. In jenen Jahren mussten die Schüler aller Temeswarer Schulen das Abzeichen ihrer Schule am Arm tragen. Wir haben das DL /Deutsches Lyzeum/ in Gold auf Dunkelblau – obwohl von der Mehrheitsbevölkerung jetzt misstrauisch beäugt, ja oft auch beschimpft – mit Stolz getragen. Wir fühlten uns als eine kleine, exklusive und elitäre Gemeinschaft, obwohl wir nicht einmal ein eigenes Schulgebäude hatten. Die Banatia, ein Schulgebäude, das die Banater Schwaben durch Spendengelder vor dem Krieg als höhere Schule für ihre Kinder erbaut hatten, war vom rumänischen Staat zum medizinischen Institut der Temeswarer Universität umgewandelt worden, während wir auf dem 2. Stock des rumänischen Knabenlyzeums Schulräume zugeteilt erhielten. Wahrscheinlich war es gerade die gesellschaftliche Ausgrenzung, der Druck von außen, der uns zusammenschweißte.

Dr. Hans Weresch, der begabte Pädagoge, war nicht allein, er hatte Verbündete wie den Musiklehrer Matthias Schorck, der einen guten Chor leitete, oder den Sportlehrer Höckl, dessen Turnriege bei allen Schulwettkämpfen in der Stadt immer als beste Mannschaft hervorging.

Nicht unbedeutend für uns war der Spielplan des Deutschen Theaters von Temeswar Obwohl durch die Vorschriften der Kulturabteilung des kommunistischen Kreisparteikomitees in der Spielplangestaltung sehr eingeengt, verstand es die Theaterleitung immer wieder, Werke der deutschen Klassik auf die Bühne zu bringen. Schiller, Goethe, Lessing gehörten zum ständigen Repertoire, Grillparzer, Nestroy u.a. erfreuten sich großer Beliebtheit. Als „Die Karlsschüler“ von Laube aufgeführt wurden, saßen wir mit glühenden Wangen im Zuschauerraum; wir alle waren Karlsschüler und Schillers pathetische Tiraden waren nicht gegen Herzog Karl Eugen, sondern gegen die kommunistische Diktatur unserer Tage gerichtet.

Als 1954 Deutschland Fußball-Weltmeister wurde, hatten auch wir das Gefühl einer kleinen Auferstehung. Auch uns hielt es nicht mehr in den Internatsräumen. Wir wollten unsere Freude öffentlich zeigen. Aber wie? Die Lösung war schnell gefunden. Wir bastelten die deutsche Fahne: Schwarzer Rock, gelbe Bluse, rote Dirndlschürze. Die Größte von uns wurde mit der „Fahne“ eingekleidet und eine repräsentable Gruppe von Mädchen stolzierte so über den Temeswarer Korso. Die richtigen deutschen Fahnen waren 1954 längst alle verbrannt; niemand hätte es gewagt, sich mit der deutschen Fahne öffentlich zu zeigen. Jetzt waren andere Fahnen und andere Demonstrationen gefragt: Aufmärsche zum Tag der Arbeit am 1. Mai, zum Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution am 7. November, zum 23. August, dem Tag der Befreiung, wie der Frontenwechsel Rumäniens jetzt genannt wurde. Dies waren schulfreie Tage, die trotzdem keiner mochte. 

Gewöhnlich warteten wir von morgens 7 Uhr bis zum Nachmittag, bis wir uns in den Demonstrationszug einordnen und vor den Volks- und Parteivertretern, die auf pompös aufgerichteten Tribünen gönnerhaft die Huldigungen entgegennahmen, unsere Parolen brüllen durften. „Nieder mit den Großgrundbesitzern und den Volksfeinden!“ (Damit waren wohl unsere Eltern gemeint.) „Nieder mit dem kapitalistischen Klassenfeind im Westen Europas!“ (Es gab kaum einer von uns, dessen nächste Verwandten nach der Flucht nicht im Westen verblieben wären.) „Es lebe die Arbeiterklasse!“ (Damit waren wohl jene gemeint, die jetzt in unseren Häusern wohnten und unsere Felder und Werkstätten ihr Eigentum nannten.) Verständlicherweise hielt sich deshalb unsere Begeisterung in Grenzen. Um als Schule nicht unangenehm aufzufallen, wurden bereits Tage vor dem Aufmarsch die Parolen verteilt und geübt. Unsere Lehrer, die sehr genau wussten, wie es um unsere Begeisterung bestellt war, warnten uns vor „Dummheiten“; sie gaben zu bedenken, dass „man“ bei solchen Gelegenheiten besonders auf unser Auftreten achten würde. Und wir bemühten uns redlich, nicht aufzufallen.

Dafür sorgte auch die kommunistische Jugendorganisation, genannt UTC – Uniunea Tineretului Comunist. Es ist bezeichnend, dass diese Abkürzung immer nur rumänisch verwendet wurde. Wie in allen Schulen war die Organisation auch in unserer Schule aktiv. Aufnahme fanden alle, die auf „eine gesunde Herkunft“ verweisen konnten, d.h. nicht Kinder des Klassenfeindes waren, keine Verwandten im kapitalistischen Ausland hatten und natürlich dem neuen System ergeben waren. Mir ist nicht bekannt, dass sich Mitschüler aus meiner Klasse freiwillig um die Mitgliedschaft in dieser Organisation beworben hätten. Im Gegenteil, die meisten verhielten sich unauffällig und hofften, dass man sie nicht zum Beitritt nötigen würde.

Erst in der Abschlussklasse, der 11. Klasse, traten wir, fast die ganze Klasse, geschlossen der Organisation bei. Es war die neue Rumänischlehrerin, die in unsere Schule kam, als der Rumänischlehrer über Nacht von der Securitate verhaftet wurde und für viele Jahre im Gefängnis verschwand, die die Initiative ergriff. Sie stand auf dem Standpunkt, dass man praktisch denken müsse und dass wir nur geringe Aussichten auf einen Studienplatz hätten, wenn wir nicht UTC-Mitglieder wären. Sie würde es geradezu skandalös finden, wenn wir, die wir so gut vorbereitet sind, keinen Studienplatz bekämen. Und dann ging sie resolut zu Werke. Eines Tages kam sie in die Klasse, verteilte Beitrittsanträge und forderte uns auf, unseren Lebenslauf zu schreiben. Sie wolle aber in keinem Lebenslauf lesen, dass unsere Herkunft nicht in Ordnung sei oder dass wir gar Verwandte im kapitalistischen Ausland hätten. Sei dies klar? Es war uns klar. Wir schrieben unsere Lebensläufe, wie erwünscht. So wurde auch ich Mitglied der UTC.

Wir lernten also nicht nur Sinus und Cosinus während der Gymnasialzeit, sondern auch das „praktische Denken“, wir lernten, als gespaltene Persönlichkeiten zu funktionieren. Wir wussten genau, was wir nicht wollten und was wir nicht tun sollten und wir taten es trotzdem. Was wir damals in unserer Naivität nicht wussten, war die Tatsache, dass die Securitate ein gewaltiges Spitzelsystem um unsere Schule und vor allem um Lehrkräfte wie Dr. Hans Weresch aufgebaut hatte und die gesamte Entwicklung eines minimalen Selbstbewusstseins der deutschen Minderheit in Rumänien mit großem Argwohn verfolgte. Die freie kulturelle Entfaltung war zwar durch die Verfassung garantiert, doch die zaghafte Umsetzung dieses Rechts sollte mit allen Mitteln verhindert werden. So wurde unser geliebter Weresch bereits Ende der 50er Jahre mit weiteren 13 Banater Intellektuellen als „Volks- und Staatsfeind“ verhaftet und im Januar 1961 zu 16 Jahren Haft verurteilt. Die Bundesregierung hat ihn freigekauft. Von Freiburg aus hat er bis zu seinem Tod seine Landsleute im Banat auf vielfältige Weise unterstützt.

Es gab auch Ferien, lange Sommerferien, vom 15. Juni bis 15. September – alljährlich. Dies bedeutete: Zeit für Feldarbeit. Mutter hatte Weingärten zur Bearbeitung in Regie vom Staatsgut übernommen; Vater konnte ihr wenig helfen, da er Zimmermann auf dem Staatsgut war. Meine Hilfe war somit wichtig. War aber die Arbeit im Weingarten erledigt, so konnte ich im „Küchengarten“ des Staatsgutes ein Taschengeld verdienen, über das ich selbst verfügen konnte.