zur Druckansicht

Besuch aus dem Odenwald in Guttenbrunn vor 90 Jahren: Menschen, die sich wieder erkannten

Die Bewohner Guttenbrunns begrüßen die Delegation aus dem Odenwald, 1936. Fotos: Archiv Heimatortsgemeinschaft Guttenbrunn

Guttenbrunner Jugend in Tracht, 1936, beim Besuch der Gäste aus dem Odenwald.

Im August dieses Jahres jährt sich ein besonderes Ereignis der Guttenbrunner Ortsgeschichte zum 90. Mal: Anfang August 1936 besuchte erstmals eine Delegation aus Deutschland Guttenbrunn. Die Reisegruppe stand unter der Leitung von Professor Emil Maenner und Bürgermeister Michael Rettig aus Fürth im Odenwald. Nach den zeitgenössischen Zeitungsberichten handelte es sich um 31 Gäste, darunter 19 Damen und 12 Herren, überwiegend Lehrerinnen, Lehrer und Professoren aus Baden und Hessen. Die Lehrerin Katharina Sattler aus Ellenbach/Ortsteil von Fürth/Odwald gehörte der Reisegruppe an.

Der Besuch von 1936 war die Fortsetzung einer Begegnung, die bereits zwei Jahre zuvor begonnen hatte. Vom 30. Mai bis zum 7. Juni 1934 waren 21 Guttenbrunner in die Heimatorte ihrer Vorfahren in den Odenwald gereist. Eingeladen worden waren sie von Professor Emil Maenner und vom Fürther Bürgermeister Michael Rettig. Anlass war die Einweihung eines Gedenksteins für den Banater Dichter Adam Müller-Guttenbrunn am 3. Juni 1934 in Fürth im Odenwald. 

Diese Reise hatte eine lange Vorgeschichte: Professor Emil Maenner hatte bei einem Besuch im Banat erkannt, dass die Guttenbrunner Mundart deutlich auf den Odenwald verwies. Er forschte in den Kirchenbüchern von Guttenbrunn und später in den Auswanderungsorten im Odenwald. Dabei konnte er die Herkunft vieler Guttenbrunner Familien nachweisen. Besonders bewegte ihn, dass die Nachkommen der Auswanderer nach rund 200 Jahren noch immer den Odenwälder Dialekt sprachen. Aus dieser Forschungsarbeit entstand 1934 seine Broschüre „Odenwälder im Banat“.

Die Guttenbrunner im Odenwald 1934

Über den Besuch der Guttenbrunner im Odenwald wurde damals auch in der Presse berichtet. In „Das Illustrierte Blatt“ Nr. 24 des Jahres 1934, erschienen in Frankfurt a. M. lautete die Überschrift: „Ein Dorf besucht seine Mutter“. Im Untertitel hieß es: „Wiedersehen nach 200 Jahren: Frauen und Männer aus Guttenbrunn im rumänischen Banat besuchen Fürth im Odenwald, von wo einst die Gründer ihres Heimatortes auszogen. Sie sprechen noch heute das Odenwälder Deutsch!“ Weiter wurde beschrieben, wie die Guttenbrunner Frauen in ihren festlichen Trachten auftraten und wie sehr Sprache, Kleidung und Brauchtum an die alte Heimat erinnerten.

Auch das „Darmstädter Tagblatt“ berichtete am 4. Juni 1934 über die Weihe des Gedenksteins für Adam Müller-Guttenbrunn. Dort hieß es, die „freundliche Odenwald-Gemeinde“ habe Besuch von Landsleuten aus fernem Land erhalten. Mit Girlanden und Fahnen hätten die Fürther die Gäste aus dem rumänischen Banat empfangen, deren Vorfahren vor 200 Jahren aus der Umgebung von Fürth ausgewandert waren. Besonders eindrucksvoll waren die symbolischen Gesten: Die Guttenbrunner brachten einen Rosmarinstrauch mit, der am Denkmal eingepflanzt werden sollte. Die Odenwälder Jugend überreichte ein Säckchen mit hessischer Erde, das später am Grab Adam Müller-Guttenbrunns in Wien verstreut wurde.

Besonders schön zeigt sich diese Verbindung an der Begegnung mit den Frauen aus Ellenbach. Als die Guttenbrunner 1934 in den Odenwald kamen, erkannte man einander nicht nur an der Sprache, sondern auch an Trachten, Körbchen, Häubchen und alten Gewohnheiten wieder. Irma Sattler aus Ellenbach hielt damals fest, wie schnell aus anfänglicher Unsicherheit herzliche Nähe wurde. Schon nach wenigen Minuten sei klar gewesen, „dass das Odenwälder sind“, und bei gleicher Sprache sei es nicht schwer gewesen, Freundschaft zu schließen.

Besonders bewegend war ihr Abschiedswort: „Mer sage net adje, mer sage auf Wiedersehn im Banat. Mer muss nur fest wolle, des anner kimmt dann schon ella.“ Was damals wie ein hoffnungsvoller Wunsch klang, wurde schon zwei Jahre später Wirklichkeit. 1936 kamen die Odenwälder zum Gegenbesuch nach Guttenbrunn, und unter ihnen war auch die Lehrerin Katharina Sattler aus Ellenbach.

Damit schloss sich ein Kreis: Die Guttenbrunner hatten 1934 die Heimat ihrer Vorfahren besucht, und nun kamen Menschen aus dieser alten Heimat nach Guttenbrunn. Gerade diese persönliche Verbindung macht die Begegnungen von 1934 und 1936 so wertvoll. Es waren nicht nur offizielle Besuche, sondern Begegnungen von Menschen, die sich über Sprache und Herkunft wiedererkannten.

Gegenbesuch in Guttenbrunn 1936

Die „Arader Zeitung“ berichtete am 5. August 1936 über die Ankunft der Gäste in Arad und ihre Weiterreise nach Guttenbrunn: „Am Samstag sind 19 Professorinnen und 12 Professoren aus Deutschland auf der Durchreise nach Guttenbrunn in Arad eingetroffen und begaben sich ins Neuarader Jugendheim. Von dort fuhren sie auf Autobussen nach Guttenbrunn, wo sie in besonders feierlicher Weise empfangen wurden.“ Weiter hieß es, dass  sich die Gäste nach einem achttägigen Aufenthalt in Guttenbrunn nach Saderlach begeben würden. Auch die „Banater Deutsche Zeitung“ würdigte den Besuch in ihrer Ausgabe vom 5. August 1936 ebenso, mit der Überschrift „Reichsdeutsche Gäste in Guttenbrunn“.

Wie stark dieser Besuch die Menschen vor Ort bewegte, zeigen auch spätere Erinnerungen. Hans Herrschaft hält in seinem Buch „Banater Schwaben: Guttenbrunn“ fest, dass sich während der gemeinsamen Tage enge Verbindungen zwischen den Gästen und den Guttenbrunnern bildeten. Er schreibt: „Während der Woche, da sie bei uns weilten, haben sich die Bande zwischen ihnen und uns recht fest und innig geschlossen.“

Besonders eindrucksvoll schildert Georg Nebel in seinen Aufzeichnungen den Empfang der Gäste. Er schreibt, es sei „kaum niederzuschreiben“, welcher Empfang den hohen Gästen aus Deutschland bereitet worden sei. Während ihres Aufenthaltes habe man jeden Tag Veranstaltungen organisiert, darunter Dilettantenvorstellungen, Tanzmusik, Art Hochzeit, Art Kirchweih, also alles, was zur Ehre und Unterhaltung der Gäste möglich gewesen sei.

Das Programm führte die Besucher nicht nur durch Guttenbrunn selbst, sondern auch in die Umgebung. Nach Nebels Aufzeichnungen besuchte die Gruppe unter anderem Lippa, Maria Radna, Paulisch und die Weinberge. Auch Ausflüge über die Marosch, mit Wägen der Marosch entlang, ins Blob (Plop) Häuser an der Marosch, Gutwill, in die „Gruha guga“ mit den überladenen Bäumen (vermutlich die Pflaumenplantage an der Marosch) sowie nach Temeswar wurden unternommen. Die „Banater Deutsche Zeitung“ bestätigte in ihrer Ausgabe vom 7. August 1936, dass die Gäste außer Guttenbrunn auch Radna, Paulisch und Gemeinden der Bergsau besucht hatten. In Temeswar wurden sie in der „Banatia“ bewirtet. Dort sprach Direktor Josef Nischbach über das kulturelle Leben des Deutschtums im Banat und über die Geschichte der Stadt.

Ein ganz persönlicher Moment war der Besuch des Guttenbrunner Friedhofs. Georg Nebel berichtet, dass viele Einheimische und Gäste den Friedhof aufsuchten. Dort habe Bürgermeister Rettig aus Fürth im Odenwald den Grabstein der Familie Rettich als verwandt erkannt und geehrt. Gerade dieser Hinweis zeigt, dass die Reise nicht nur einen kulturellen, sondern auch einen familiären und heimatgeschichtlichen Charakter hatte.

Am 8. August 1936 verabschiedeten sich die deutschen Gäste vor dem Gemeindehaus. Georg Nebel beschreibt diesen Abschied sehr bewegend: „Wobei beiderseits die Tränen geflossen sind bei allen Anwesenden.“ Anschließend reiste die Gruppe über Temeswar weiter nach Lenauheim und Saderlach, bevor sie über Arad die Heimreise nach Deutschland antrat.

Gedenkveranstaltung nach 90 Jahren

Am 8. August dieses Jahres erinnern wir in Guttenbrunn an dieses 90-jährige Jubiläum. Die Paten- und Partnergemeinde Fürth im Odenwald wird mit einer Delegation, geführt von Bürgermeister Volker Oehlenschläger an dem Fest teilnehmen. Weiter hohe Ehrengäste werden erwartet.

Damit wird nicht nur an eine historische Reise aus dem Jahr 1936 erinnert, sondern an eine Verbindung, die über Generationen hinweg gewachsen ist. Aus den frühen Begegnungen zwischen Guttenbrunn und Fürth entstand nach dem Zweiten Weltkrieg eine dauerhafte Patenschaft. Später wurde daraus eine kommunale Partnerschaft zwischen Fürth im Odenwald und Zăbrani. Diese Entwicklung zeigt, dass die Beziehungen nicht nur auf Erinnerung beruhen, sondern bis heute aktiv gepflegt werden.
Die mehr als 90 Jahre gewachsene Freundschaft zwischen Fürth im Odenwald und Guttenbrunn ist etwas Besonderes. Sie verbindet Herkunft, Familiengeschichte sowie kommunale Verantwortung und europäische Verständigung. 

Das Jubiläum am 8. August ist für uns mehr als ein Rückblick auf ein Ereignis aus dem Jahr 1936. Es ist eine Würdigung jener Menschen, die diese Beziehung begründet, erhalten und weitergetragen haben. Es erinnert an Professor Emil Maenner, an die Reisenden aus dem Odenwald, an die Guttenbrunner Gastgeber und an alle, die nach 1945 dafür sorgten, dass der Kontakt nicht abriss. Diese Freundschaft verdient es, in Guttenbrunn feierlich begangen und bewusst an die nächste Generation weitergegeben zu werden.