„Finef Johr vun meim Lewe“ heißt die Ausstellung, die im Gedenken an die vor genau 75 Jahren erfolgte Deportation von mehr als 40000 Menschen verschiedener ethnischer Herkunft aus dem Westen Rumäniens in die Bărăgan-Steppe erfolgte. Diese Steppe war „eine der unwirtlichsten Landschaften Rumäniens“, wie die Kulturreferentin für den Donauraum am Donauschwäbiachen Zentralmuseum Dr. Swantje Volkmann in ihrer Einführungsrede zur Eröffnung der Ausstellung in der Ulmer Donauhalle betonte. Sie zitierte dazu den rumänischen Schriftsteller Panait Istrati, der diese Landschaft 1928 in seinem Text „Die Disteln des Bărăgan“ plastisch beschrieben hat: „Kein Baum wächst auf seinem Rücken. Und von einem Brunnen zum anderen ist es so weit, dass man leicht auf halbem Weg verdursten kann. Die Bewohner des Bărăgan hoffen immer, es würde einmal jemand kommen, der sie lehrte, wie es sich auf seinem Bărăgan besser leben ließe, auf dieser ungeheuren Weite, die nur in ihrem allertiefsten Schoße Wasser birgt und auf der nichts wächst außer Disteln.“ In einer einzigen Nacht, vom 17. auf den 18. Juni 1951, wurden auf der Grundlage eines Beschlusses vom 15. März 1951 des Ministerrates der Rumänischen Volksrepublik ohne Vorwarnung Menschen umgesiedelt, die in den Augen des kommunistischen Regimes als „Klassenfeinde“ galten. Erst 1956 durften sie, schwer traumatisiert, wieder in ihre Heimatgebiete zurückkehren.
Es waren viele Banater Schwaben dabei, die so kurz nach der Deportation in die Sowjetunion nun wieder unverschuldet Opfer eines menschenverachtenden Regimes wurden. Zusammen mit dem Betreuer des Kultur- und Dokumentationszentrums unserer Landsmannschaft in Ulm Walter Tonța hat Dr. Swantje Volkmann eine Ausstellung auf 12 Rollups zusammengestellt, die an das menschliche Elend der Deportierten erinnert. Nicht die historischen Fakten stehen dabei im Vordergrund, vielmehr lassen Bilder und Zeitzeugenberichte das Trauma dieser Erlebnisgeneration lebendig werden. Neben einem erklärenden Bereichstext kommen auf jeder Ausstellungstafel jene zu Wort, die fünf Jahre ein schreiendes Unrecht erlitten.
Vor allem die Bilder sprechen für sich. Sie stammen aus einer anderen Ausstellung, die 2001 zum 50. Jahrestag der Deportation von Dr. Walther Konschitzky unter Mitarbeit von Joseph Ed. Krämer und Karin Graf realisiert wurde. Nun wurden sie digitalisiert und nach Themen geordnet mit passenden Aussagen von Zeitzeugen versehen. Damit haben die Kuratoren den Fokus des Betrachters auf die Deportierten selbst gelegt. Diese berichten direkt von den nicht zu ertragenden Verhältnissen. Sie schreiben in Briefen nach Hause, wie sie versuchten, ein menschenwürdiges Leben zu führen, das oft nur ein Kampf um die Befriedigung minimaler Bedürfnisse war.
Es ist heute kaum vorstellbar, was die Deportierten bei ihrer Ankunft und in den ersten Wochen im Bărăgan erwartete und wie sie dieses Schicksal trotz allem meisterten. Elisabeth Stein, geb. Merschdorf, aus Tschakowa schreibt beispielsweise an ihren Bruder: „Erst am 23. Juni 1951 kamen wir an, wurden dann sechs Kilometer weiter auf einem Baumwollfeld abgeladen. Kein Baum und kein Wasser. Unser Kind weinte ständig vor Hitze und Durst. Eine Hütte konnten wir nicht bauen, da wir nur Baumwolle zur Verfügung hatten. Darum haben wir die Schränke aufgestellt und den Teppich darauf festgenagelt. Am 24. Juli 1951 regnete es zum ersten Mal. Da setzten wir das Kind unter den Tisch, und wir standen mit unseren Sachen unter freiem Himmel, warteten, bis der Regen aufhörte.“
Wie zur Ansiedlungszeit im Banat vor 200 Jahren errichteten sie Häuser aus gestampfter Erde oder aus Lehmziegeln, das Dach deckten sie mit Stroh oder Schilf. So entstanden 18 Dörfer aus dem Nichts, doch die Verbannten mussten außerdem als Tagelöhner auf den Staatsgütern der Umgebung gegen schlechte Bezahlung arbeiten. Hinzu kamen die extremen klimatischen Bedingungen: heiße Sommer und kalte, schneereiche Winter, dazu der eisige Ostwind. Davon vermitteln die Ausstellungstafeln einen beklemmenden Eindruck.
Dass die Deportierten dennoch ihren Lebenswillen nicht verloren, liegt wohl vor allem am Festhalten an einem rudimentären Gemeinschaftsleben, an ihren Bräuchen und Gewohnheiten. Gegenseitige Hilfe bestimmte den schweren Alltag. Unter schwierigen Bedingungen wurde auch ohne Kirche sonntags die Messe gefeiert. In der Deportation wurde geheiratet, es wurden Kinder geboren und nach Möglichkeit getauft, es wurden Tote beerdigt. Es wurden Familienfeste gefeiert und sogar Vereine gegründet. Die Kinder versäumten den Schulbesuch, diese Lücke konnte durch gemeinsames Singen, Beten, durch die Weitergabe von Wissen (wenn auch nur notdürftig) gefüllt werden.
Woran die Deportierten am meisten litten, war das Heimweh. Besonders die älteren Menschen waren davon betroffen. Adelheid Wilz schrieb über ihren Großvater: „Er, der alte Quint und Servo-Bacsi saßen Tag für Tag vor dem Haus, schauten den gegen Westen fahrenden Zügen nach und fragten sich, wann sie wohl wieder nach Hause dürften.“ Alle drei erlebten die Heimreise nicht mehr. Es war auch unerträglich für die Angehörigen, dass sie ihre Toten nicht würdig begraben konnten. Adelheid Wilz schreibt dazu: „Die Beerdigung ohne Priester war sehr traurig und trostlos. In den einfachen Holzsarg legten wir auch eine verschlossene Flasche mit einem Namenszettel, um bei einer späteren Überführung eine Verwechslung auszuschließen. Nachdem wir freigelassen wurden, bestatteten wir unseren Opa noch einmal, mit kirchlichem Beistand in der Heimaterde.“
In der Zeit des Kommunismus durften die Deportierten auch nach der Heimkehr nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Erst nach 1990 wurden Denkmäler im Banat und im Bărăgan errichtet, es wurden Gedenkfeiern veranstaltet und mit Ausstellungen an die Ereignisse erinnert. Und das nicht nur von Seiten der Banater Schwaben: Im Banat entstand 1990 ein Verein der Bărăgan-Deportierten, der die Interessen der vor Ort verbliebenen Deportierten (meist Rumänen oder Serben) vertritt. Dessen Vorsitzender Tiberiu Sarafolean war Gast beim Ulmer Heimattag und stellte den Verein vor. (Siehe eigenen Bericht)
Die kompakte, ansprechende Ausstellung im Foyer der Donauhalle hinterließ bei den Besuchern des Heimattags einen bleibenden Eindruck. Immer wieder standen Menschen davor und versetzten sich in die unfassbare Situation, die unsere Landsleute dort erdulden mussten. „Finef Johr vun meim Lewe“ hatten sie dort zugebracht – Jahre der Entbehrungen und der Erniedrigung. Seit einigen Jahren zahlt die Rumänische Regierung den Opfern der Deportation und inzwischen auch deren Nachkommen eine Entschädigung. Doch das Trauma verpflichtet uns dazu, immer wieder an das Leid zu erinnern und alles zu tun, damit solches Unrecht nicht mehr passieren kann.
Die mobile Ausstellung kann bei Bedarf von den landsmannschaftlichen Gliederungen (Kreisverbänden, HOGs) für Veranstaltungen beim Donauschwäbischen Zentralmuseum ausgeliehen werden. (Kontakt: 0731-962540 oder info@dzm-museum.de)









