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"Dort habe ich gelernt, nicht aufzugeben" - Erinnerungen des Franz Albert aus Alexanderhausen an die Verschleppung in die Bărăgan-Steppe

Um ein Dach über dem Kopf zu haben, bis die Häuser fertig waren, errichteten sich die Deportierten Erdhütten, gedeckt mit Weizengarben oder Rohr. Foto: Wilhelm Weber, Archiv Banater Post

Damals war ich 14 Jahre alt und besuchte die deutsche Schule in Bogarosch. Ich wohnte im Internat der Schule. Es war am Ende des Schuljahres 1951. Ich war schon zu Hause in Alexanderhausen, als Direktorlehrer Kovacs aus Bogarosch zu uns kam und uns mitteilte, dass alle Internatler ihr Bettzeug, Bettwäsche und alle anderen Sachen aus dem Internat abholen müssen, denn in den nächsten Tagen wird etwas Schlimmes geschehen. Genaueres konnte er uns nicht sagen. 

Die Leute im Dorfe merkten auch noch nichts von dem, was geschehen sollte, denn die Vorbereitungen wurden von den Behörden streng geheim gehalten. Erst als am nächsten Tag die lange Reihe Waggons am Bahnhof auftauchte, wurden die Leute unruhig und ängstlich, denn man wusste aus Erfahrung, dass die kommunistische Regierung zu allem fähig war, auch zu einer erneuten Deportation. Als dann am16. Juni viele Soldaten kamen, sich im Dorf einquartierten und das Dorf umstellten, so dass niemand mehr den Ort verlassen konnte, wussten wir, dass eine Verschleppung kommen wird. Am 17. Juni, morgens um 5 Uhr, kamen Soldaten in unser Haus und forderten uns auf, uns für den Abtransport schnellstens vorzubereiten. Jede Familie bekam einen Waggon zur Verfügung gestellt. Wir durften ein Pferd, eine Kuh, vier Schweine, Haushaltsgeräte, Möbel, Bettzeug und Lebensmittel mitnehmen. Die Haustiere waren in separaten Waggons untergebracht. Meine Mutter, meine kleinere Schwester, die Großeltern und ich mussten Haus und Hof verlassen, ohne zu wissen, warum und wohin man uns bringen wird. 

Am 18. Juni fuhren wir von Alexanderhausen weg. Das Leid und Elend der Menschen war unbeschreiblich. Es half kein Weinen, der Zug rollte davon ins Ungewisse. Bis zum 24. Juni dauerte die Fahrt. Wir waren in Călăraşi. Hier mussten wir ausladen. Das ganze Bahnhofsgelände war wie ein großer Markt. Tausende Menschen von Haus und Hof verschleppt, mit dem armseligen Rest ihres Besitzes warteten in großer Angst darauf, was nun weiter geschehen sollte. Von einheimischen Bauern wurden wir mit Pferdewagen etwa 15 km von Călăraşi und 3 km von Roseli-Vechi unter freiem Himmel auf ein endloses Weizenfeld gebracht. Die Fuhrleute durften auch nicht mit uns reden. Man hatte der Bevölkerung gesagt, dass wir alle Verbrecher und die schlimmsten Feinde des Volkes wären. Als die Wagen wieder weg waren, merkten wir, dass das Paket mit meinen Kleidern verschwunden war. Ich hatte jetzt nur noch das, was ich auf dem Leibe trug. 

Auf dem Feld waren die Hausplätze schon mit Pflöcken markiert. Sie waren 30 x 80 Meter groß. Wir hatten die Nr. 23. Wir konnten es anfangs nicht glauben, dass wir hier, auf freiem Felde, ohne Dach über dem Kopf bleiben sollten. Aber es war so. Wir mussten uns damit abfinden. Hier sollte das neue Dorf Roseli-Noi (später Olaru) entstehen. Wir mussten es mit unseren Händen aufbauen. An Flucht war nicht zu denken. Schon während der Bahnfahrt hatte jeder Waggon einen Soldaten als Bewacher und hier durften wir uns nur in einem Umkreis von 15 km frei bewegen. Wir waren hilflos der Willkür der Behörden ausgeliefert. Als erstes bauten wir uns eine Hütte, um uns vor Sonne und vor Regen etwas zu schützen. Unsere drei Schränke und zwei zusammengebundenen Federmatratzen wurden die vier „Eckpfeiler“ der Hütte. Darüber legten wir die Nebenstangen vom Wagen und auch Seitenbretter von den Betten. Abgedeckt wurde mit Weizengarben. Als Seitenwände wurden Decken, Teppiche und auch Weizengarben verwendet. Die Hütte war eng, bot wenig Schutz, war aber besser als gar kein Dach über dem Kopf. Für unsere vier Schweine hoben wir eine Erdgrube aus, so konnten sie nicht davonlaufen. Ich erinnere mich, dass bei einem heftigen, andauernden Regen das Wasser durchsickerte und alle unsere Sachen, Wäsche. Kleider und Möbel nass wurden. Die Frauen klagten und weinten, denn der Schaden war groß. Da nahmen die Uiwarer (Neuburger) ihre Instrumente und machten Musik. Auf diese Weise wurde die Stimmung wieder besser. 

Wir machten uns dann Erdhütten. Die Grube war etwa 2 x 3 Meter. Mit Stangen zimmerten wir ein Spitzdach und deckten es mit Rohr ab, das am Ufer der Borcea (ein Arm der Donau) nur 3 km entfernt reichlich vorhanden war. Darüber kam dann noch eine Schicht Erde. Diese Behausung bot schon einen besseren Schutz vor Hitze, Wind und Regen. Den strengen Winter dieser Steppe hätte man aber nicht überleben können. Deshalb mussten noch vor dem Winter die Häuser gebaut werden. Wir bildeten eine Nachbarschaft von fünf Familien, zwei aus Alexanderhausen und drei aus Aurelheim, und begannen, zusammen die Häuser zu bauen. Es gab zwei Arten von Häusern: das „kleine Haus“ und das „große Haus“. Unser Haus für 5 Personen war ein „kleines Haus“. Zuerst machten wir uns einen Brunnen. Das Wasser war ungenießbar, aber wir brauchten es zum Bauen. Die Mauern wurden mit Erde und Wasser gestampft (wie es vor hundert Jahren unsere Ahnen getan hatten). Schalungsbretter hatten wir vom Staat bekommen. Auch zwei Fenster, zwei Türen und Stangen für das Dach. In gemeinsamer Arbeit standen auch bald die Wände. Nachdem das Dach fertig war, mit Rohr gedeckt, und die Wände trocken waren, wurden sie mit Lehm verputzt (geschmiert) und mit Kalk gestrichen (geweißelt). 

Die Not bringt Menschen, die sich vorher nicht gekannt hatten, näher zusammen. Die Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft ermöglichten es, dass unsere Häuser noch vor dem Winter fertig wurden, obwohl jede Familie 150 Lehmziegel für den Bau des Gemeindehauses, der Schule, der Genossenschaft und des Milizpostens herstellen und abliefern musste. Jeder Arbeitsfähige wurde auch verpflichtet, um einen geringen Lohn auf den Baumwollfeldern der „Gostat“ (Staatswirtschaft) zu arbeiten. Man konnte aber auch 1-2 Hektar Ackerland zur eigenen Nutzung bekommen.

Das Leben ging weiter. Die Kinder gingen zur Schule. Die Jugend bildete eine Tanzgruppe. Es wurden Tanzunterhaltungen veranstaltet, bei denen die Musikkapelle aufspielte. Volkstänze wurden aufgeführt und es wurde gesungen. Es gab genug Lehrer, Lehrerinnen und Ärzte unter den Verschleppten. Viele der Ärzte kamen in umliegende rumänische Dörfer, die bisher ohne Ärzte waren. 

Ich war 14 Jahre alt, als wir in die Bărăgan-Steppe verschleppt wurden. Die fünf Jahre dort waren auch für mich eine harte Zeit -  ich kann sagen, eine harte Schule. Dort habe ich gelernt, nicht aufzugeben, auch nicht in schlimmsten Zeiten, mich durchzuschlagen und zuzupacken, keine Arbeit zu scheuen, wenn es ums Überleben geht. Das Unrecht und das Leid, das man uns angetan hat, kann man aber nicht vergessen. 

(aufgezeichnet von Hans Grawisch, veröffentlicht in: Erinnerungen an Alexanderhausen Banat, Band 1, Bietigheim-Bissingen, 1998, S. 450 – 454)