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Marienfeld im Banat – vor und nach der Flucht 1944 (Teil 5) - Kindheit, Schuljahre – Rückkehr ins Ungewisse

Die ersten Rumänen, die ins Dorf kamen, waren die „Weingärterleut“, sie wohnten in den Weingärten in Hütten und arbeiteten vom Frühjahr bis zum Herbst als Taglöhner. Foto: Archiv Banater Post

Die ersten Rumänen, die ins Dorf einzogen, waren die „Weingärterleut“, das waren Rumänen, die während des Jahres in den Weingärten in Hütten wohnten und die Weingärten im Taglohn bearbeiteten. Sie zogen jetzt in die Häuser ihrer früheren Brotherren ein. Es kamen auch die Ärmsten aus den umliegenden rumänischen Dörfern, die in Marienfeld vom Frühjahr bis zum Herbst als Saisonarbeiter Beschäftigung suchten. Nachdem sich die kommunistische Regierung endgültig etabliert hatte, und die in Rumänien verbliebenen Deutschen als Anhänger Hitlers und als Kriegsverbrecher enteignet wurden, kamen arme Familien aus dem rumänischen Altreich und wurden zu neuen Eigentümern von Haus, Hof und Grundbesitz der Deutschen.
Hier begannen Großvaters zahllose Geschichten aus der Zeit, als Marienfeld für viele das Schlaraffenland war.

Der Wein floss in Strömen und, wie Großvater sagte, konnte man im Dorf ab 10 Uhr morgens keinen nüchternen Menschen mehr antreffen. Die Neubürger, jetzt die neuen Herren, soffen sich durch den Winter 1944/45, sie soffen auch noch im Frühjahr. Die Weinreben blieben ungeschnitten, das Feld unbestellt. Es war alles da. Die Schweine waren gemästet in den Ställen, man musste sie nur schlachten, die Vorratskammern waren gefüllt, der Weizen war auf dem Speicher, die Marmelade- und Kompottgläser standen gefüllt in den Speisekammern – alles war da. Die Häuser waren gut eingerichtet, die Schränke voller Kleider, das gute Speiseservice stand in der Vitrine – man musste sich nur bedienen. Und sie taten es. Es gab eben nur Feste in Marienfeld-Schlaraffenland, sagte Großvater. So ging dies länger als ein Jahr. Dann war das meiste aufgezehrt, auch der Wein war getrunken und die Feste wurden seltener. Auf dem Feld wuchs nichts nach, weil die Felder nicht bestellt wurden, die Weingärten brachten keine Ernte, weil niemand sie bearbeitete. Deshalb zogen einige Neubürger wieder ab; sie nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Andere blieben, suchten und fanden neue Versorgungsmöglichkeiten. Sie hatten inzwischen das Gemeindehaus erobert und damit wurde die Plünderung legalisiert, sie bekam einen hochoffiziellen Anstrich. Es wurden Kommissionen gebildet, die bei Bedarf aktiv wurden. Es gab eine Hühnerkommission, eine Schweine-, eine Kuh-, eine Brennholz-, eine Einrichtungskommission usw. Die Kommissionen bildeten Vertreter der Neubürger; einer nahm ein möglichst großes Register unter den Arm und dann zog die Kommission von Hof zu Hof, notierte, was es bei den verbliebenen Deutschen noch zu holen gab und bestimmte, was,  wann davon abzuliefern wäre. Sie krochen bis in den Schornstein, um auch den letzten dort versteckten Schweineschinken noch aufzuspüren. „Requirieren“ war 1946 noch das Schlagwort, als wir auf dem Leiterwagen wieder in Marienfeld ankamen. 

Da auch mein Elternhaus jetzt Neubürgern gehörte, suchte meine Mutter nach einer Bleibe. Eine Großtante stellte uns ihr Schlafzimmer zur Verfügung. Sie pflegte ihren 94-jährigen Schwiegervater, den Großvater meiner Mutter, und konnte Hilfe gut gebrauchen. Hier machte auch ich eines Tages Bekanntschaft mit einer Kommission. Drei Männer, einer trug das Register unter dem Arm, verlangten Zutritt zu Speicher und Keller. Danach gingen sie zum Schweinestall. Es war Winter und das einzige Schwein, das hier als Fleischvorrat für das kommende Jahr gemästet wurde, gefiel auch der Kommission. Meine Großtante musste im großen Register einen Text unterschreiben, der rumänisch abgefasst war und den sie nicht verstand. Danach machte man ihr verständlich. dass sie binnen einer Woche das Schwein im Gemeindehaus abzugeben habe. Sie tat, wie ihr geheißen. Da sie keinen Wagen besaß, trieb sie das Schwein nach einer Woche durch die Straßen zum Gemeindehaus. Was weiter mit diesem und vielen anderen Schweinen geschah, haben wir offiziell nie erfahren. Man hörte aber im Dorf, dass die Neubürger reihum „Sautanz“ feierten, d.h. Schweine schlachteten, die sie nicht gemästet hatten.
Auch meine Großeltern mütterlicherseits, die mit uns nach Marienfeld zurückgekehrt waren, suchten nach ihrer Heimkehr eine Bleibe. Mein Großvater, der ein sehr umsichtiger und korrekter Mensch war, hatte vor der Flucht die Arbeiterfamilie, die in einem Haus in seinem Weingarten wohnte, gebeten, für sein Haus und Vieh zu sorgen. Er übergab ihnen die Hausschlüssel und meinte, dafür könnten sie während seiner Abwesenheit von den Vorräten leben, die reichlich im Haus vorhanden waren. Kaum aber hatten die Großeltern das Haus verlassen, zog die Familie als neuer Eigentümer ein.

Nach seiner Rückkehr suchte mein Großvater, der damals bereits 70 Jahre alt war, das Gespräch mit den neuen Eigentümern. Eine Tochter der Familie empfing ihn vor dem Tor. Großvater fragte sie, ob er nicht auch in das Haus einziehen könne; das Haus bestehe ja aus zwei getrennten Wohnungen und schließlich sei es doch sein Haus. Darauf die neue Eigentümerin: „Das war es einmal.“ Da Großvater trotzdem darauf bestand, eintreten zu dürfen, gab ihm die neue Eigentümerin eine schallende Ohrfeige und sagte: „Das können Sie haben, und jetzt gehen Sie endlich.“ Die Großeltern kamen im Haus einer Verwandten unter, die nicht geflohen war. Es dauerte aber nur wenige Jahre, bis die neuen Eigentümer das Haus so heruntergewirtschaftet hatten, dass es nicht mehr bewohnbar war. Sie zogen in ein anderes deutsches Haus ein, das sich noch in einem besseren Zustand befand. Großvater durfte sein unbewohnbar gewordenes Haus jetzt wieder bewohnbar machen.

Es war kurz vor Weihnachten 1946, ein kalter Wintertag; der Wind wirbelte den Schnee durcheinander, so dass man kaum aus den Augen sah und sich nur mit Mühe durch die Straßen kämpfen konnte. Karl und ich waren gerade von der Schule nach Hause gekommen, als der Arzt dem Urgroßvater seine wöchentliche Visite abstattete. Doch diesmal wandte er sich nicht dem Bett zu; er sah meine Mutter lange an, dann fragte er, ob sie den Mohaupt Christof kenne. „Aber Herr Doktor, das ist doch mein Mann, wissen Sie etwas von ihm?“ – und ihre Unterlippe begann zu zittern. An der Ecke sei ihm der Schneider begegnet und der sagte, der Christof sei gerade auf dem Weg zu seinem Vater, wahrscheinlich sei er schwarz über die Grenze gekommen, so der Arzt. Meine Mutter setzte sich auf den nächsten Stuhl und begann bitterlich zu weinen. Und wir weinten mit, ohne zu wissen warum, wenn doch der Vater jetzt so nahe war. Als Mutter zu Mantel und Schuhen griff, wollten wir natürlich mit. Wir rannten gegen Wind und Schneetreiben die Straße hinunter bis zum Haus des Großvaters.

Als wir die Tür öffneten, saß ein fremder Mann auf Großvaters Platz am Küchentisch. Das also war unser Vater, den mein Bruder noch nie gesehen hatte und an dessen Gesicht ich mich nicht erinnern konnte. Ich war drei Jahre alt, als er Marienfeld verließ; jetzt war ich elf und Karl war acht. All die Jahre hörten wir nur von unserer Mutter, wenn der Vater hier wäre, wäre alles leichter. Und jetzt war er hier. Er war zwei Tage nach unserer Abreise aus Bayern aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden. Von seinem Bruder, der sich in Nürnberg niedergelassen hatte, erfuhr er, dass seine Familie nach Rumänien zurückgekehrt sei. Hätte meine Mutter nur noch zwei Tage gewartet, wären wir nach dem Krieg nicht mehr nach Rumänien zurückgekehrt. Zwei Tage haben den Ablauf unseres Lebens bestimmt.

Im Dezember desselben Jahres ist mein Vater uns gefolgt, auf dem gleichen Weg, doch diesmal nicht durch Weizen- und Maisfelder, sondern durch kniehohen Schnee. Nach der Rückkehr des Vaters änderte sich auch für uns einiges. Wir wohnten jetzt nicht mehr beim Urgroßvater, sondern in einem Haus in der Rosengasse, das der neuen Großmutter gehörte. Gehörte? Alle Deutschen hatten ihre Enteignungsurkunde von Haus und Feld erhalten. Doch wer nicht geflohen war, durfte sein Haus weiter bewohnen, vorausgesetzt, es fand sich kein Neubürger, der das Haus für sich beanspruchte. Die Besitzverhältnisse waren somit geklärt. Ein Teil des Feldes wurde den besitzlosen Neubürgern zugeteilt, der Großteil aber ging in Staatsbesitz über; es wurden die Staatsgüter gegründet, die von ortsfremden Fachleuten geleitet wurden. In Marienfeld waren dies ehemalige Fabrikarbeiter aus den Kreisstädten, die sich besondere Verdienste in der kommunistischen Partei erworben hatten. Die einstigen Besitzer durften jetzt auf diesen Feldern und in den Weingärten als Tagelöhner arbeiten. Bereits zu Beginn der 50er-Jahre wurden die Neubauern gezwungen, das ihnen zugeteilte Feld in landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften zusammen zu legen und gemeinsam zu bewirtschaften.

Am meisten litt Großvater unter diesen Umwälzungen. Er konnte die Welt nicht mehr verstehen. Seit seinem achten Lebensjahr arbeitete er auf dem Feld, führte die Pferde im Acker und als er kräftig genug war, lenkte er den Pflug durch die fruchtbaren Schollen. Mit heute unvorstellbarer Sparsamkeit hatte er Heller zu Heller gelegt, sich sein Häuschen gebaut und einen Acker nach dem anderen, einen Weingarten nach dem anderen gekauft. Wie Vater berichtete, gab es im Haus den größten Streit, wenn Großmutter ein Kilo Zucker kaufen wollte. Solchen Luxus durfte man sich nicht leisten; man musste sparen, um Feld zu kaufen. 

Und jetzt war alles weg. Mit einem Schlag weg. Dass so etwas möglich sei, überstieg sein Vorstellungsvermögen. Er glaubte fest daran, dass die zivilisierte Welt dies nicht dulden werde. „Die Amerikaner kommen.“ Das war sein fester Glaube; die Amerikaner werden kommen und die Welt wieder in Ordnung bringen. Ich sehe ihn heute noch vor meinem inneren Auge auf der steinernen Treppe zum Gang sitzen und würgen. Es war das „Herzwasser,“ hieß es. Er war dann kreideweiß und wenn er wieder zu Atem kam, wiederholte er unablässig: „Die Schlechti!, die Verbrecher!, die Räuber! Jetzt machen sie auch noch unsere Glocken kaputt. Wenn ich sterbe, werden keine Glocken mehr da sein, um für mich zu läuten.“ 
Er starb 1953, die Glocken waren noch da und läuteten für ihn; auch eine deutsche Dorfgemeinschaft, wenn auch verkleinert, gab es noch, und diese gab ihm das letzte Geleit. Siebzig Jahre später läuten die Glocken immer noch, doch von der ehemaligen Dorfgemeinschaft ist keiner mehr da, der sie hören will. 

Meine Eltern kamen mit den neuen Verhältnissen besser zurecht. Obwohl Mutter erst kurz vor der Flucht die letzten Schulden beglichen hatte, die sie für den Bau unseres Hauses in der Mokrinerstraße aufnehmen mussten, habe ich sie nie jammern hören. Sie hatten beide durch Krieg und Flucht so viel erlebt, dass sie jetzt froh waren, wieder unversehrt von vorne beginnen zu können. Vater war nicht nur Bauer, sondern auch gelernter Zimmermann. Als solcher trat er in die Dienste des Staatsgutes und erhielt somit monatlich ein Gehalt. Mutter arbeitete auf dem Feld. Es ging also aufwärts und das hieß: Wir litten keine Not mehr.

Im Herbst 1946 wurden wir wieder eingeschult. Automatisch wurden alle, die durch die Flucht keinen ordentlichen Schulbesuch nachweisen konnten, ein Schuljahr rückversetzt. Ich begann wieder in der 4. Klasse in meiner geliebten Klosterschule. Doch dies sollte nicht lange währen. Mit der sogenannten „Schulreform“ 1948 wurden die konfessionellen Schulen verboten. Die Nonnen wurden vor die Alternative gestellt, ihr Gelübde zu brechen und in das bürgerliche, d.h. das proletarische Leben zurückzukehren, oder als Nonnen das Klostergebäude zu verlassen und für ihre Existenz selbst zu sorgen. Die Schwesternkleidung mussten alle ablegen. Einige von ihnen verließen die Gemeinde. Wohin sie gegangen sind, und was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Schwester Cäcilia und Schwester Klara blieben im Dorf. Sie fanden Wohnung bei ihren ehemaligen Schülerinnen und wurden von der Dorfgemeinschaft unterstützt. Sie sind als alte, arme und verhutzelte Frauen in Marienfeld gestorben.

Gleich bei der Einschulung gab es neue Überraschungen. Da waren plötzlich Klassenkollegen und Kolleginnen, die keine Mutter und manche von ihnen auch keinen Vater mehr hatten. Mich hat diese Frage damals sehr beschäftigt: Wie kann man ohne Mutter leben? Zur Not geht es ohne Vater, so wusste ich aus Erfahrung; doch ohne Mutter? Es waren die Kinder, deren Mütter nicht fliehen wollten. Sie wurden im Januar 1945 nachts aus ihren Betten geholt und zur Aufbauarbeit nach Russland geschickt. Dasselbe Schicksal ereilte auch die arbeitsfähigen deutschen Männer, die zu Hause bei ihren Familien waren. Die meisten dieser Zwangsarbeiter kamen nicht wieder; die Kinder wurden von Großeltern und alten Tanten großgezogen. 
Nach der Schulreform blieben die deutschen Klassen im Schulgebäude des Klosters. Es waren jetzt gemischte Klassen, Jungen und Mädchen, die gemeinsam von weltlichen Lehrern unterrichtet wurden. Die Staatsschule aber gehörte den rumänischen Kindern, die durch den Zuzug rumänischer kinderreicher Familien plötzlich im Dorf in der Überzahl waren.

Trotz aller widriger äußerer Umstände war die damalige deutsche Schule eine gute Schule. Die Lehrer waren deutsche, ortsansässige Lehrer und Lehrerinnen, denen die neue Weltanschauung, die die Schule jetzt verbreiten sollte, genau so fremd und zuwider war wie den Schülern. Sie achteten auf Ordnung, Disziplin und darauf, dass ihre Schüler sich ein gediegenes Wissen für ihren späteren Lebensweg aneigneten. Sowohl die Lehrer als auch die Eltern hatten sehr schnell begriffen, dass jetzt allein Schulbildung die Grundlage für eine halbwegs gesicherte spätere Existenz bilden kann. Der materielle Besitz war dahin; man musste also nach neuen Werten suchen, wenn die Kinder später nicht als Tagelöhner dahinvegetieren sollten. Besuchten vor dem Krieg aus einem Jahrgang zwei, höchstens drei Absolventen eine weiterführende Schule und der Rest blieb im Dorf und arbeitete in der eigenen Wirtschaft, so war das Verhältnis jetzt umgekehrt, alle wollten und sollten studieren, möglichst eine akademische Ausbildung erlangen, selbst die, denen das Lernen recht schwer fiel. Und die Eltern scheuten keine Mühe und keine Kosten, um diese Ausbildung zu ermöglichen.