Doch noch ist es nicht so weit. Noch hausen wir in der Scheune. Aber irgendwo in der Nähe gibt es ein Flüchtlingslager, dort werden wir im Laufe des Sommers untergebracht. Jetzt wohnten wir wieder in einem Zimmer mit drei Betten; ein Zimmer nur für uns. Auch die Großeltern hatten ein Zimmer auf demselben Korridor und viele andere Marienfelder Familien waren plötzlich in diesem Lager. Auch unsere ehemalige Nachbarin aus Marienfeld mit ihren beiden Töchtern. Sie war, bevor sie sich in Marienfeld niederließ, in Amerika. Beide Töchter wurden dort geboren und waren amerikanische Staatsbürger. Jetzt erfuhr ich, was es heißt, amerikanischer Staatsbürger zu sein. Da die Nachbarin gut englisch sprach, kamen viele amerikanische Soldaten zu ihr, denen sie Übersetzerdienste leistete. Dafür wurde sie reichlich mit Lebensmittel versorgt. Wir profitierten natürlich auch davon. Doch schon nach kurzer Zeit wurde die Familie in ein Lager für amerikanische Staatsbürger verlegt und von dort nach Amerika ausgeflogen.
An einen Schulbesuch in dieser Zeit kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass meine Mutter viel weinte und immer wieder sagte: „Wenn der Vater noch lebt, sucht er uns zu Hause. Wir müssen schnellstens nach Hause.“ So dachte nicht nur sie, viele Frauen im Lager dachten so. Sie wollten nach Hause und das machten sie auch den Amerikanern deutlich. Sie nahmen uns Kinder an der Hand, gingen zur amerikanischen Verwaltung und verlangten, dass man uns nach Hause bringen soll. Die Militärverwaltung mahnte zur Geduld: Die Lage in Rumänien wäre noch sehr unsicher, die Frauen sollten noch abwarten und nichts überstürzen. Doch die Frauen hatten keine Geduld.
Als sich im Lager die Nachricht verbreitete, dass Transporte mit Flüchtlingen nach Ungarn gingen, gab es kein Halten mehr. Die Frauen erklärten, dass sie nach Ungarn wollten, wenn sie nicht nach Rumänien dürften. Und so saßen wir eines Tages zusammen mit den Großeltern in einem langen Zug, der uns nach Budapest bringen sollte. Der Zug, ausschließlich Viehwaggons, kam nur langsam vorwärts, er hielt oft und lange. Meistens hielt er an kleinen Bahnstationen; dies war dann die Zeit für einen ausgiebigen Tauschhandel mit den ungarischen Bauern. In Ungarn gab es damals überhaupt kein Salz. Wir hatten auch nur einen kleinen Vorrat, doch der war Goldes wert. Für ein paar Körnchen Salz, gab es einen großen Laib weißes Brot – wie zu Hause.
Als wir in Budapest ankamen, hieß es: Alles aussteigen, der Zug endet hier. Jetzt waren wir also in Budapest und Marienfeld war noch weit. Das nächste Ziel war die ungarisch-rumänische Grenze. Wie wir dahin kamen, weiß ich heute nicht mehr. Wir meldeten uns bei der ungarischen Grenzpolizei und erklärten unsere Absicht. Unser Großvater sprach gut ungarisch, so dass man bald handelseinig wurde. Da wir kein Geld hatten, Geld damals auch nicht gefragt war, wollten die ungarischen Grenzsoldaten vorerst sehen, was noch in unserem Koffer war. Ich sehe den engen dunklen Raum noch vor mir. Meine Mutter kniet am Boden und nimmt Stück für Stück unserer Kleidung aus dem Koffer und breitet diese vor den Soldaten aus. Einiges nehmen sie an sich, anderes darf sie wieder in den Koffer legen. Ähnlich ergeht es meinen Großeltern. Dann ist das Geschäft abgeschlossen.
Wir sollten nun bis zum Abend warten; bei Dunkelheit würden wir losgehen. Es war die Nacht zum 4. Juli 1946, als wir uns auf den Weg machten, die ungarische Grenze in der Nähe unseres Heimatdorfes zu überschreiten. Der Weizen stand noch im Halme, der Mais hatte Manneshöhe erreicht und wir sollten uns durch diese Felder kämpfen. Meine Mutter, die 1,65 hoch war, wog damals 48 kg. Sie trug den großen Koffer. Ich hatte den Zecker – eine aus Maislaub geflochtene Tasche – mit dem Reiseproviant und dem Trinkwasser zu tragen. Die Ungarn sind höfliche Leute, auch die Grenzsoldaten. Einer von ihnen nahm meiner Mutter den Koffer ab; er wollte ihn bis zum Grenzstreifen tragen. Die Grenzer schritten tapfer aus und wir hinterher. Die Maisblätter schlugen mir ins Gesicht, im Weizenfeld war es schwer, sich durch die Halme zu schlagen. Zu allem Elend riss der Taschengriff ab. Ich trug die Tasche noch eine Weile unter dem Arm, doch das Vorwärtskommen war dadurch noch schwerer geworden. Als der Abstand zu den anderen, die ich immer nur hören, nie aber sehen konnte, sich vergrößerte, so dass ich fast nichts mehr hörte, ließ ich die Tasche einfach stehen und hastete den anderen nach.
Meine Großmutter, eine recht korpulente Frau, die auch Schwierigkeiten mit dem Tempo der Grenzsoldaten hatte, hörte ich von Zeit zu Zeit sagen: „Wenn ihr nicht wartet, schrei ich.“ Nach einiger Zeit sagten die Grenzsoldaten, wir sollten jetzt mal stehen bleiben und ausruhen. Sie wollten vorgehen bis zum Grenzstreifen und sehen, ob von rumänischer Seite keine Gefahr drohe. Wenn die Luft rein wäre, würden sie pfeifen. Dann sollten wir folgen. Nach einiger Zeit ertönte wirklich der Pfiff und wir folgten ihm. Die Grenzer übergaben meiner Mutter den Koffer, zeigten in eine bestimmte Richtung, in die wir gehen sollten, und waren verschwunden. Meine Mutter nahm den Koffer, doch schon nach wenigen Schritten stellte sie ihn ab und meinte, der sei jetzt viel schwerer, als er vorher war. Die Großmutter meinte, das käme davon, dass sie müde sei. So schleppte meine Mutter den Koffer weiter durch Mais- und Weizenfelder bis zum Tagesanbruch, als wir alle annahmen, dass wir in Rumänien angekommen sein müssten. Neben einem Feldweg ließen wir uns im Gebüsch nieder. Wir sollten jetzt etwas essen und trinken und dann wollte meine Mutter sich mit dem Großvater auf den Weg nach Marienfeld machen; der Großvater väterlicherseits sollte uns dann mit dem Pferdewagen abholen. Doch das Essen und das Wasser lag irgendwo in einem ungarischen Maisfeld jenseits der Grenze.
Mutter sagte kein Wort, sie machte sich auf den Weg, den Großvater mit Pferdewagen zu holen. Während dessen saß meine Großmutter mit meinem Bruder und mir hinter den Sträuchern am Wegesrand und wartete. Der Tag war heiß, es war Erntezeit im Banat, der Durst war unerträglich und trotzdem wagten wir es nicht, unser Versteck zu verlassen. Die Feldarbeiter, die wir in der Ferne sehen konnten, hätten uns leicht als illegale Grenzgänger erkennen und verraten können. Meine Großmutter schilderte uns in lebendigen Bildern das Gefängnisleben, das uns erwartete, wenn wir hier entdeckt würden. Wir suchten nach Sauerampfer und kauten diesen, bauten Straßen aus Staub, fingen Käfer im Gebüsch, weinten und dösten dazwischen. Am frühen Nachmittag kam der Großvater mit seinem Wagen. Den Furi – so hieß Großvaters Pferd – erkannten wir schon von weitem.
Großvater und Mutter saßen auf dem Sitz, sie waren Bauern, die aufs Feld fuhren. Nicht der Großvater war das Wichtigste für uns, sondern das Wasser, das er mitbrachte, kühles Wasser im irdenen Krug. Großvater hatte Heu auf den Wagen geladen. Darunter wurden die Habseligkeiten versteckt, auch Karl und ich setzten uns ins Heu. Für Großmutter wurde ein zweites Brett über den Wagen gelegt und dann fuhr eine ganz gewöhnliche Bauernfamilie von der Arbeit nach Hause.
Es war noch heller Tag, als wir in Marienfeld ankamen. Großvater fuhr Richtung Kleinhäusl, auf sein Haus zu. „Warum fahren wir nicht nach Hause?“ – wollte ich wissen. Mutter drehte sich um und sagte mit versteinertem Gesicht: „Das Zuhause gibt es nicht mehr, in dem Haus wohnen jetzt andere Leute.“ Das war die erste Überraschung, die uns erwartete. Es sollten noch viele folgen. Bevor wir noch in den Hof einfuhren, sagte Großvater: „Ihr habt jetzt eine neue Großmutter, seid freundlich zu ihr.“ Mein Bruder antwortete prompt: „Ich brauche keine neue Großmutter.“ Wieder drehte sich Mutter auf dem Sitz um; sie sagte nichts, sie sah uns nur traurig an. Die Mutter meines Vaters war 1943 gestorben. Bis zur Flucht versorgten die Tochter und zwei Schwiegertöchter den Großvater, kochten und wuschen für ihn und hielten Haus und Hof in Ordnung. 1944 waren alle drei mit ihren Kindern geflüchtet. Großvater brauchte Hilfe und nahm eine zweite Frau. So lernten wir bei unserer Rückkehr eine neue Großmutter kennen.
Die neue Großmutter empfing uns mit einem Kessel Badewasser. Die „Multer“ stand bereits in der Sommerküche hinter dem Vorhang, der den Essbereich vom „Waschbereich“ trennte. Hier gab es einen Waschtisch und zwei Waschschüsseln, eine für den oberen Körperteil, die andere für den unteren. Samstag wurde die Multer – eine Holzwanne, die an einem Haken an der Wand hing – mitten in den Raum gestellt, Badewasser im Kessel geheizt und die ganze Familie stieg der Reihe nach ins Bad.
Jetzt stand die Multer für uns bereit, das Wasser im großen Kessel siedete. Großvater schleppte den Koffer herein, Mutter öffnete ihn, um saubere Wäsche für uns zu entnehmen. Im Koffer aber befanden sich nur ausgerissene Weizenhalme mit Erdklumpen. Und diese Erdklumpen hatte meine Mutter von Ungarn nach Rumänien geschleppt. Geschrubbt wurden wir trotzdem. Da wir keine Wäsche und keine Kleider zum Wechseln hatten, zog meine Mutter uns alte Hemden vom Großvater über. „Das sind die richtigen Schlafhemden“, stellte sie fest, während sie unsere abgelegten Kleider wusch und in die Sommernacht zum Trocknen hing.
Großvater erzählte gern und er erzählte lebendig und anschaulich. So erfuhren wir nach und nach, was nach unserer Flucht in Marienfeld geschah.
Wie wir hatten die meisten Familien Marienfeld 1944 verlassen. Familien mit Kindern haben den Weg gewählt, den auch wir gegangen sind; andere haben bis spät in den Herbst gewartet, und immer noch gehofft, dass der Krieg sie verschonen werde. Erst als die Front heranrückte, sind sie, wie meine Großeltern mütterlicherseits, meist kopflos, mit Pferd und Wagen geflohen. Zurückgeblieben sind meistens nur Alte und solche, die dachten wie mein Großvater: Krieg ist überall.
Großvater erzählte, wie sie, nachdem die Ortsgruppenführung, das Militär und die Verwaltung verschwunden waren, die Bürgerwacht organisierten und den Empfang der Russen vorbereiteten. Er und zehn weitere zurückgebliebene Großväter trafen sich allabendlich im Bürgerzimmer des Gemeindehauses und probten die Übergabe des Dorfes an die Russen.
Marienfeld war eine Weinbaugemeinde, tausende Hektoliter Wein lagerten in den Kellern der Gemeinde, auch im Herbst 1944. Es war also selbstverständlich, da man für den Empfang der Russen Mut brauchte, dass man diesen im Wein suchte. So wurden die Abende mit einem angemessenen Umtrunk begonnen; danach sollte es ernst werden. Zehn Mann stellten sich im Bürgerzimmer in Reih und Glied auf, – schließlich hatten alle in der kk-Armee gedient – einer aber musste das Zimmer verlassen, sich mit Gepolter auf dem Flur bemerkbar machen, anklopfen und auf ein deutliches, „Herein“ als Russe in den Raum kommen. Darauf sagten alle „Guten Abend“ und einer, der im ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft war und behauptete, russisch zu sprechen, trat einen Schritt vor und meldete, dass die Gemeinde zur Übergabe bereit sei, dass es kein Militär im Dorf gebe und dass man sich der Besatzung unterordnen wolle. Diese Ansprache fand natürlich in deutscher Sprache statt, da keiner der versammelten Herren einen vollständigen Satz in rumänischer Sprache zusammenbrachte und der angeblich russisch Sprechende, diesen komplizierten Sachverhalt erst noch zu Hause in russischer Sprache üben wollte. Nachdem die Übergabe-Übung zur Zufriedenheit aller vollzogen war, trank man noch ein paar weitere Gläschen und ging dann – weil die Russen noch immer nicht kommen wollten, nach Hause. So ging dies, wie mein Großvater berichtete, ungefähr eine Woche.
Dann aber, eines Abends, als der Kanonendonner von Gewehrschüssen abgelöst wurde, Motorengeräusch vor dem Gemeindehaus zu hören war, flog die Tür zum Bürgerzimmer so heftig und unerwartet auf, dass die versammelte Bürgerwache kaum Zeit hatte, sich in Reih und Glied zu ordnen. Als sie endlich standen, vergaßen die Herren den Guten-Abend-Gruß; auch dem designierten Sprecher verschlug es die Sprache, als zwei russische Soldaten sich mit ihren Gewehren vor der versammelten Altersriege aufpflanzten. Die Russen schienen auch auf keine Ansprache zu warten. Einer streckte den Arm aus, deutete auf den ersten Mann der Bürgerwache und fragte: „Ruman? Nemetz?“ So zumindest hatte mein Großvater die Frage verstanden, mit der keiner gerechnet hatte. Wer wollte jetzt schon Nemetz sein? So sagte der erste deutlich: Ruman. Der Russe spuckte aus und zeigte auf den zweiten in der Reihe: „Nemetz? Ruman?“ Die Antwort: „Ruman“. Der Russe spuckte wieder aus und es kam der nächste dran. Dieselbe Frage, dieselbe Antwort, Spucke. Mein Großvater stand fast am Ende der Reihe. Bis die Frage an ihn gerichtet wurde, hatte er sich bereits gefasst, wie er immer beteuerte. Er antwortete: „Nemetz“. Der Russe schaute ihn an, begann zu lachen, schrie etwas Unverständliches auf Russisch und umarmte ihn. Die restlichen Männer antworteten jetzt auf die noch nicht gestellte Frage im Chor: „Nemetz“. Beide Russen lachten und da die Stimmung gut war, lud man die Russen zu einem Glas Wein ein, das sie auch wirklich mit ihnen tranken. Danach schickten sie die Bürgerwache nach Hause. Mit ihren Gesten machten sie verständlich, dass die Herren jetzt schlafen gehen sollten. Vorerst aber wollten sie wissen, ob alle im Dorf Deutsche wären: „vsjo Nemetz?“ Das verstand sogar der ehemalige russische Kriegsgefangene. Er konnte jetzt tapfer ja sagen.
Großvater wusste nichts Böses von den Russen zu berichten, Auch der Offizier, der einige Tage bei ihnen im Haus schlief und mit ihnen zu Mittag aß, war „ein hochanständiger Mensch“. Er sprach sogar ein bisschen deutsch.
Nach den Russen aber kam „das Gesindel“ – so bezeichnete mein Großvater die Neu-Marienfelder, die jetzt in die Häuser der geflohenen Deutschen einzogen. Marienfeld war bis 1944 eine deutsche Gemeinde; nur der Kuhhirt und der Schweinehirt waren Rumänen. Auch der Notar war Rumäne, aber der war ein gebildeter Mann, ein Herr.










