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Neujahrslied-Singen der Banater Schwaben auf der UNESCO-Liste für Immaterielles Kulturerbe

Der eigens für die Bewerbung formierte Sängerkreis trat zum ersten Mal am 17. Dezember 2022 bei der Weihnachtsfeier des Kreisverbands Fürstenfeldbruck-Dachau-Starnberg auf. Foto: Nikolaus Dornstauder

Das Schreiben des Staatsministeriums der Finanzen und für Heimat vom 24. März 2026.

Das „Neujahrslied-Singen der Banater Schwaben“ wurde am 24. März 2026 in die Liste des immateriellen kulturellen Erbes der UNESCO aufgenommen. Grundlage der Entscheidung war das Gutachten eines unabhängigen Expertengremiums, das alle in Bayern eingereichten Anträge auf Basis der Kriterien des UNESCO-Übereinkommens anhand einheitlicher Maßstäbe fachlich bewertet hat. 

Als „immaterielles Kulturerbe“ gelten „lebendige Traditionen, die einer Gemeinschaft ein Gefühl der Identität und Kontinuität vermitteln“. Dazu gehören Bräuche, Feste, Handwerkstechniken oder andere kulturelle Ausdrucksformen wie Tanz, Theater oder Musik. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie „von Generation zu Generation weitergegeben und dabei in Auseinandersetzung mit der Umgebung fortwährend neu gestaltet“ werden.

Der Eintrag in die UNESCO-Liste erfolgt über ein umfangreiches Bewerbungsverfahren. Der Landesverband Bayern der Landsmannschaft der Banater Schwaben verdankt den Hinweis darauf der damaligen Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene Sylvia Stierstorfer, die im Jahr 2021 anregte, Banater Brauchtum über das Bewerbungsverfahren des Freistaates als immaterielles Kulturerbe einzubringen.
Der Bayerische Landesvorsitzende Harald Schlapansky und der Bundesvorsitzende Peter-Dietmar Leber ließen sich von dieser Idee sofort begeistern und nach einiger Überlegung fiel die Wahl eines praktischen Beispiels schließlich auf das Neujahrslied von Sanktanna – eine Tradition, die dem bedeutsamen Moment des Jahreswechsels eine besondere Tiefe verleiht.

Wanderungen eines Neujahrslieds

Das Lied schien für die Bewerbung besonders geeignet, denn sein Ursprung liegt laut den Recherchen des Musikers, Musikethnologen und Schallarchivars Anton Bleiziffer (gebürtig aus Sanktanna) vermutlich in der Schweiz. Über den Kraichgau gelangte es mit den Auswanderern ins Banat. Es wurde seit Generationen am Morgen des 1. Januar in der Gemeinschaft gesungen. Die Tradition umfasst dabei weit mehr als das Lied selbst: Kinder und Erwachsene ziehen damit gemeinsam von Haus zu Haus, überbringen musikalische Neujahrsgrüße und stärken den sozialen Zusammenhalt im Ort. 

Das Neujahrsliedsingen ist zwar hauptsächlich in Sanktanna überliefert, das Lied wurde aber auch in vielen anderen Gemeinden gesungen. Nach dem Krieg wurde es schließlich mit den zurückgekehrten Vertriebenen und Aussiedlern als kulturelles Erbe der Banater Schwaben wieder nach Deutschland gebracht.

Die Tradition des Neujahrsliedersingens erfüllt damit wesentliche Bedingungen für die Anforderungen als immaterielles Kulturerbe – sie hat eine Überlieferungskontinuität, ist von Gemeinschaft getragen und wirkt generationsübergreifend. Wichtig dabei ist auch die weitere Pflege und Überlieferung innerhalb der Gemeinschaft der Banater Schwaben bis in die Gegenwart.
Nachdem das Thema festgelegt worden war, ging es ins aufwändige Bewerbungsverfahren. Für die praktische Vorführung und Dokumentation musste zunächst ein geeigneter Chor bzw. eine passende Singgruppe zusammengestellt werden. Es wurden Noten beschafft, ein geeigneter Proberaum musste organisiert und gemeinsame Probentermine gefunden werden. Ingeborg Henger, die auch aus Sanktanna stammt, hat hier federführend die Termine geplant, die Absprachen getroffen und für die Durchführung gesorgt.

Der dafür eigens formierte Sängerkreis bestand im Kern aus der Singgruppe München, wurde aber unterstützt von Chorleiter Reinhard Scherer aus Landshut und weiteren Banater Schwaben, darunter einigen, die ehemals aus Sanktanna stammen. Martin Köteles übernahm die Akkordeonbegleitung. Die Gruppe traf sich rund zehnmal zur Probe, danach erfolgte ein erster offizieller Auftritt am 17. Dezember 2022 bei der Weihnachtsfeier des Kreisverbands Fürstenfeldbruck-Dachau-Starnberg. Die ganze Zeit über begleitete Nikolaus Dornstauder die Proben und Auftritte mit seiner Kamera, um das Filmmaterial für die Bewerbung zu erstellen. 

Geistliches Liedgut der Donauschwaben

Parallel zur Praxis wurde die schriftliche Dokumentation erstellt. Dank der tatkräftigen Unterstützung eines kompetenten Teams, dessen unermüdlicher Einsatz und außergewöhnliches Engagement dieses Projekt möglich gemacht hat, lagen die Ergebnisse weit über unseren ursprünglichen Erwartungen.

Anton Bleiziffer fand im Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg den Hinweis, dass das Lied in der Schweiz schon um 1770 bekannt war. Schweizer Zuwanderer, die an der Wiederbesiedlung des Kraichgaus nach dem Dreißigjährigen Krieg maßgeblich beteiligt waren, brachten es in ihre neue Heimat mit. Von hier gelangte es infolge der Auswanderung vieler Kraichgauer nach Sanktanna ins Banat. Dort kam noch ein Zweizeiler hinzu, der zum Refrain oder in manchen Varianten zur dritten Strophe wurde. Auf diese Weise entstand eine Version des Liedes, die nur in Sanktanna so gesungen wurde. Es wurde in Sanktanna tradiert und erweitert und später in Büchern und auf Tonträgern festgehalten und im Deutschen Volksliedarchiv archiviert. In der Gemeinschaft der (ehemaligen) Sanktannaer ist es bis heute lebendig. Wie die Recherche zeigt, verbreitete sich das Neujahrslied von Sanktanna aus im Banat. Varianten davon sind beispielsweise aus Glogowatz, Saderlach, Engelsbrunn, Guttenbrunn, Lenauheim und Elek bekannt. 

Das Sanktannaer Neujahrslied ist Teil des geistlichen Liedguts der Donauschwaben, zu dessen Dokumentation für die Bewerbung der Banater Musikwissenschaftler und Kirchenmusiker Dr. Franz Metz einen wichtigen Beitrag leisten konnte. Er legte dar, dass das geistliche Lied der Donauschwaben spezifische Interpretationsmerkmale aufweist, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dazu gehört z.B. das zweistimmige oder, wie im Banater Bergland, das dreistimmige Singen. Das langsame und meditative Tempo des geistlichen Liedes soll den Zuhörer seelisch berühren und aufbauen.

Aufgrund der Forschungsergebnisse von Dr. Franz Metz konnte belegt werden, dass durch die Weitergabe der alten Volks- und Kirchenlieder nicht nur das Liedgut der Banater Schwaben bewahrt, sondern auch ein Beitrag zur Bewahrung des allgemeinen deutschen Liedguts geleistet worden ist. Das zeigt das Sanktannaer Neujahrslied auf eindrucksvolle Weise. 

Über Generationen vermittelt

Da die Banater Schwaben als musikalisch begabt gelten, viele von ihnen eines oder mehrere Musikinstrumente beherrschen und die meisten von Herzen gerne singen, ist es naheliegend, dass dieses wertvolle Gut an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Die Landsmannschaft als Vertretung der Banater Schwaben in Deutschland trägt zu dieser Tradierung bei, indem sie Seminare für Kinder und Jugendliche anbietet, bei denen Kultur und Brauchtum vermittelt und weitergegeben werden. Das Liedgut wird besonders von den Chören und Singgruppen der Kreisverbände und Heimatortsgemeinschaften gepflegt, die jährlich zu einem bundesweiten Chortreffen zusammenkommen. 

Für das geistliche Liedgut der Banater Schwaben ist die Grundlage des gemeinsamen Singens das „Katholische Gesangbuch der Donauschwaben“, das im Jahr 2011 in München veröffentlicht wurde und derzeit wegen der großen Nachfrage für eine zweite Auflage überarbeitet wird. Im rumänischen Banat werden die deutschen geistlichen Lieder heute meist von ungarischen oder rumänischen Christen gesungen. Damit wird auch auf den interethnischen Aspekt des banatschwäbischen Liedguts verwiesen, der in die Bewerbung eingebracht werden konnte.

In Deutschland wird das Neujahrslied aus Sanktanna heute in mehreren Bundesländern von Menschen unterschiedlichen Alters gesungen, zum Beispiel in der Gemeinschaft der Sanktannaer. Wie viele andere Lieder brachten sie auch dieses zurück in das Land Ihrer Vorfahren. Bei den Treffen der Heimatortsgemeinschaften werden immer Lieder gesungen. Die Sanktannaer feiern jährlich im Januar noch zusätzlich das generationsübergreifende „Antoni-Treffen“ in Freiburg im Breisgau, wo viele alte Lieder gesungen werden, unter anderem auch, passend zum Jahresanfang, das Neujahrslied. Die kleine Singgruppe aus München und Umgebung hat unter anderem auch dieses Lied aufgegriffen und verbreitet. Es wird inzwischen häufig auf Weihnachtsfeiern und anderen Veranstaltungen gesungen. 

Gelebter Brauch stiftet Identität

Nach Einreichung der Bewerbungsunterlagen kamen immer wieder Rückfragen des Gremiums, sodass der 17-seitige Bewerbungsbogen insgesamt dreimal überarbeitet und ergänzt werden musste. Mit Geduld und Gelassenheit besorgte dies der Historiker Walter Tonța, derzeit Leiter des Kultur- und Dokumentationszentrums unserer Landsmannschaft in Ulm und davor langjähriger Redakteur der Banater Post. Seine umsichtigen fachlichen und redaktionellen Ausführungen und Informationen trugen maßgeblich zum Erfolg der Bewerbung bei. 

Hilfreich war auch das direkte Gespräch, das der Landesvorsitzende Harald Schlapansky und seine Vertreterin Ramona Sobotta gemeinsam mit Dr. Franz Metz im Bayrischen Finanz- und Heimatministerium führen konnten, das für die Bewerbungsanträge zuständig ist. Vor allem durch die fachliche Kompetenz von Dr. Metz konnte dort die Bedeutung der Musik für die Banater Kultur und Gemeinschaft noch einmal nachdrücklich dargelegt werden. Nicht zuletzt gilt unser Dank auch Dr. Petra Loibl, der aktuellen Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, für ihre geduldige und kompetente Unterstützung, mit der unser Anliegen schlussendlich zu einem guten Ziel gefunden hat.  

Besondere Verdienste hat sich aber der Bayerische Landesvorsitzende Harald Schlapansky erworben. Er war der Initiator der Bewerbung und hat sich über die langen fünf Jahre mit Herz, Mut, Ausdauer und unerschütterlichem Engagement dafür eingesetzt, dass alle am Ball bleiben und niemand auf halbem Weg aufgibt. Auch er war von Zweifeln herausgefordert, wurde aber immer wieder gestärkt von den Menschen, die an die Sache glaubten und ihn begleitet haben. Als „Vater des Erfolgs“ kann er mit Stolz und mit tiefer Dankbarkeit zurückblicken auf ein bravourös abgeschlossenes Projekt. 

Und es ist weit mehr als das: Mit der Anerkennung eines Banater Brauchtums in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO ist der Nachweis erbracht, dass unsere gelebten musikalische Bräuche bis heute Identität stiften, Gemeinschaft fördern und kulturelle Vielfalt erhalten. Das „Neujahrslied-Singen der Banater Schwaben“ steht nun auf derselben Liste kultureller Traditionen wie der spanische Flamenco, die japanische Puppentheatertradition, die iranische Teppichknüpfkunst, das rheinische Martinsfest, die Schaustellertradition bei Volksfesten und andere mehr, nicht zuletzt auch das rumänische „Märzchen“ („mărțișor“), das uns aus unserer interethnischen Erfahrung gut bekannt ist. Darauf können wir als Banater Gemeinschaft stolz sein.

Am 24. Juni 2026 darf unser Bayerischer Landesvorsitzender Harald Schlapansky, stellvertretend für alle Beteiligten und für die Gemeinschaft der Banater Schwaben, die Urkunde zur Aufnahme des Neujahrsliedsingens der Banater Schwaben in das Bayerische Landesverzeichnis für die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes im Finanz- und Heimatministerium entgegennehmen.