Der Krieg und die ganze Politik waren für meine Mutter undurchschaubar. Für sie galt es, die Kinder zu schützen und möglichst bald wieder in die geordneten Vorkriegsverhältnisse nach Marienfeld zu bringen. So packte sie wieder den einzigen großen Koffer, den wir besaßen, nachdem der Banater Fetttopf längst leer und das letzte Stück Schinken aufgezehrt war, und somit die Reisetasche überflüssig wurde, und begab sich mit uns auf die abenteuerliche Reise in Richtung Österreich. Sie hatte nämlich erfahren, dass ihre Mutter, also meine Großeltern mütterlicherseits, Marienfeld kurz vor Eintreffen der Russen mit dem Planwagen verlassen hatten und sich zu Fuß durch die Wirren des deutschen Rückzugs entlang der Donau bis in die Gegend um Tulln durchgeschlagen hatten. Zu ihnen wollte jetzt meine Mutter – natürlich mit der Bahn. Dies war ein abenteuerliches Vorhaben. Die Züge, wenn sie überhaupt verkehrten, waren hoffnungslos überfüllt. Die meisten Bahnstrecken waren durch Bombentrichter zerstört. Kaum waren wir in einen Zug eingepfercht, heulten die Sirenen und es hieß aussteigen. Ein andermal hieß es aussteigen und den Bombentrichter zu umgehen und jenseits der bombardierten Strecke auf einen anderen Zug warten, der die Massen aufnehmen konnte. Als wir endlich in Frankfurt ankamen, gab es keinen Anschlusszug nach Österreich. Es war auch nicht absehbar, ob und wann unsere Reise fortgesetzt werden konnte. Wieder fand sich eine resolute Rot-Kreuz-Schwester, die nach kurzer Überlegung meinte, dass wir im Luftschutzkeller hinter dem Bahnhof wohl am besten untergebracht wären. Dort sollten wir nur auf die Durchsagen achten. Wir folgten den Wegweisern und befanden uns bald in einem riesigen unterirdischen Labyrinth. Wir waren nicht die einzigen, die dort auf Durchsagen von Anschlusszügen warteten. Der Luftschutzkeller war auch ohne Alarm gut belegt. Wie lange wir warteten, kann ich nicht mehr sagen. Als wir aber endlich wieder in einem Zug saßen, der Richtung Österreich fahren sollte, heulten die Sirenen. Alles raus und in den Luftschutzkeller hieß es jetzt. Einer der Mitreisenden in Uniform nahm meiner Mutter den Koffer ab, ein anderer nahm meinen Bruder auf den Arm und mit Drängen und Stoßen strömten jetzt Massen von Menschen dorthin, wo wir vorher saßen und auf einen Anschlusszug warteten. Ich weiß nur, dass es viel aufgeregtes Geschrei gab, dass aber sonst nicht viel passierte, dass meine Mutter mit mir wieder im Zug saß und mit Bangen auf Karl und den Koffer wartete, die sie beide bei dem Gedränge längst aus den Augen verloren hatte. Doch auch sie kamen wieder, Karl und Koffer. Mit ähnlichen Unterbrechungen ging es weiter bis nach Tulln.
Heute weiß ich nicht mehr, wie die Ortschaft hieß, wo wir meine Großeltern und andere Marienfelder Familien wiederfanden. Sie alle waren mit Planwägen geflohen. Und da man auf den Wägen möglichst viel Vorrat an Lebensmitteln und Kleidung unterbringen wollte, hieß es für die Fliehenden zu Fuß gehen, zu Fuß von Rumänien nach Österreich – vorerst. Die Großeltern waren in einem langgestreckten Gartenhaus einquartiert, das einem Mühlenbesitzer gehörte und mitten in einem großen Steingarten lag. In einem großen Zimmer lebten jetzt sieben Personen, meine Großeltern, meine Tante und ihre Tochter, meine Mutter mit uns Kindern.
Das Aufregende für mich war der Garten; einen Steingarten hatte ich noch nie gesehen. Es war inzwischen Frühling geworden. Aus Fels- und Geröllanhäufungen wuchsen die wunderbarsten Stauden und Blumen: Schneeglöckchen, Primeln, Schlüsselblumen und viele andere bisher mir unbekannte Blumen, die ich in Marienfeld nie gesehen hatte, blühten hier zwischen Steinen und Geröll. Doch auch aus diesem Gartenparadies wurden wir bald vertrieben. Die Russen kommen, hieß es wieder. Großvater spannte die Pferde vor den Planwagen; wir Kinder durften uns unter der Plane verkriechen und weiter ging es, auf Bayern zu. Großvater kutschierte, Großmutter, Mutter und Tante mit Cousine liefen neben dem Wagen her. Wir waren nicht das einzige Gespann dieser Art; es waren noch fünf oder sechs Marienfelder Familien, die vor den Russen flohen. Und auch dieser Treck war nicht der einzige, der sich Richtung Westen bewegte, die Russen trieben viele vor sich her. Auf den Hauptstraßen war kein Vorwärtskommen mehr; Autos, Wagen Handkarren füllten die Straßen, alles wollte gegen Westen, doch von Westen kamen Autos, Panzer, Militärkolonnen, die sich Richtung Front bewegten und natürlich Vorrecht hatten. Dies hieß dann für die Flüchtlinge am Straßenrand warten, oft viele Stunden, bis die Pferdewagen weiterfahren konnten. Dass Schlimmste aber war, dass weder Pferdewagen noch Pferde aus der Banater Ebene den Anforderungen der Hügel- und Gebirgslandschaft gerecht wurden. Die Wagen hatten keine Bremsvorrichtungen, so dass die Frauen mit dicken Stangen neben dem Wagen herliefen und wenn es bergab ging steckten sie die Stangen zwischen die Speichen der Räder und bremsten so. Wenn die Pferde aber fühlten, dass der Wagen bergab zu rollen begann, wurden sie nervös und begannen zu rennen, so dass niemand sie mehr zügeln konnte. Kamen ihnen dann noch beleuchtete Fahrzeuge und Motorgeräusch entgegen, so war kein Halten mehr. Dann half nur noch eines: die Decke. Den Pferden wurde von hinten eine Decke über den Kopf geworfen, so dass sie nichts mehr sahen und zitternd vor Angst anhielten. Auf diese Weise kamen wir nach Passau. Dort hieß es plötzlich: runter von der Hauptstraße – Richtung Wegscheid.
Es war inzwischen April geworden, das Frühjahr kam langsam und kalt in dieser Bergregion; es schneite und regnete während wir über den Bärenkopf fuhren. Riesige Schlaglöcher in der Straße, Panzer und Lastwagen auch hier in entgegengesetzter Richtung; und dann das Ende der Geisterfahrt: die Schönau. Dort sollten wir bleiben. Wer dies angeordnet hatte, wusste ich auch damals nicht. Ich weiß nur, dass wir bei Tagesanbruch in ein Dorf einfuhren, das kein Dorf war, zumindest keines, wie wir es kannten. Hier gab es keine Häuserzeilen, sondern nur vereinzelt gelegene Gehöfte. Wir hielten vor mehreren Höfen an; die Frauen gingen hinein, kamen wieder heraus, schüttelten die Köpfe und sagten: alles voll. Kein Platz. So ging dies bis zum Hof des Jager Sepp. Der stand mit seiner Pfeife vor dem Haus und rauchte. Auf die Frage, ob er uns nicht aufnehmen könne, meinte er: „Ich kann euch doch nicht wegschicken, wenn euch die Scheune recht ist, dann kommt rein.“ Dies natürlich im schönsten Niederbayerisch. Verstanden wurde es trotzdem.
Dann wurde ausgespannt, die Wagen hinter die Scheune geschoben, die Habseligkeiten abgeladen und in die Scheune gebracht. Die Banater Tuchent wurde auf dem niederbayerischen Heu ausgebreitet; es waren herrliche Betten.
Im Bauernhaus wohnten neben der sehr zahlreichen Bauernfamilie zumindest noch drei Familien, Ausgebombte aus Hamburg und Berlin. In der Scheune hausten wir, mehrere Flüchtlingsfamilien. Die Lebensmittelvorräte aus dem Banat waren längst aufgebraucht; doch wir wollten essen. Als unsere Frauen sahen, dass auch andere Mütter und Großmütter bei unserer Bäuerin an die Türe klopften und um Lebensmittel für ihre Kinder baten und nie leer ausgingen, machten auch sie sich auf den Weg. Sie gingen betteln; damals hieß dies hamstern. Sie klapperten alle Bauernhöfe der Umgebung ab und wir sind nicht verhungert.
Wenn gar nichts da war zum Essen, sprang unsere Bäuerin ein. Sie stellte einen großen Kessel in den Hof, zündete darunter ein Feuer an und kochte Kartoffelsuppe. Davon bekamen alle, die Eigenen und die Fremden und noch viele, die vorbeikamen. Der Speisezettel unserer Bäuerin war auch für die eigene Familie spartanisch: Kraut und Knödel und „halt a Milchsuppn“ – und dies täglich, außer Freitag. Freitag gab es ein Gericht, bei dem uns Kindern die Augen übergingen: Pfannkuchen, dicke, fette, goldgelbe Pfannkuchen mit Heidelbeermarmelade gefüllt. So einen Pfannkuchen erhielten dann auch die Flüchtlingskinder. Ich sehe ihn heute noch vor mir und meine Dankbarkeit hat 90 Jahre überlebt. Unsere Bäuerin war eine herzensgute Frau. Merkwürdig aber waren für uns die Tischsitten unserer Hausherren. Die Familie saß um den großen Tisch unter dem Herrgottswinkel; in der Mitte stand eine große Schüssel, jeder hatte einen Holzlöffel in der Hand und löffelte aus der großen Schüssel die Suppe, zu jedem Esser führte eine Suppenspur. Nach dem Essen wurde der Löffel abgeschleckt und in die Tischschublade geschoben. Das Rätselhafteste aber war für mich das Tischgebet, das der Bauer vorsprach: Der Bauer begann mit „Namsvasnamssohnsnainsseiseisamen.“ Dies konnte ich mir noch zusammenreimen; das eigentliche Gebet aber habe ich nie verstanden. Die Familie antwortete mit „Amen.“
Es kam die Nacht zum ersten Mai und mit ihr die Amerikaner Sie hatten sich schon Tage vorher mit Kanonendonner angekündigt. Jetzt waren sie da. Die Nacht war unruhig in unserer Scheune. Während wir die Decken über die Köpfe zogen, leuchteten die Amerikaner mit Taschenlampen über das Nachtlager hinweg und fragten nach Soldaten. Schwere Fahrzeuge bewegten sich die ganze Nacht rings um die Scheune; über die Scheunenauffahrt wurden schwere Pferde unter Dach gebracht. Diese scharrten und wieherten unentwegt; wahrscheinlich waren sie mit ihrem Nachtquartier nicht recht zufrieden. Wir jedenfalls verhielten uns sehr still; wir lagen noch still, als es bereits heller Tag war. Niemand traute sich ins Freie. Dort knatterten Motoren, von dort kamen Rufe in einer fremden Sprache, manchmal sogar Gesang.
Der Mutigste von uns war unser Nachbarjunge aus Marienfeld; er kroch vorsichtig unter der Decke hervor und schlich zum Scheunentor hinaus. Wir anderen lauerten. Nach kurzer Zeit kam er wieder, bepackt mit den wertvollsten Schätzen der damaligen Zeit: Brot, Fleischkonserven, Schokoladen. Dies war das Zeichen für uns Kinder; wir stürmten aus der Scheune.
In der Nacht hatte es geschneit; die große schöne Wiese rings um die Scheune war von Panzern durchwühlt, überall standen die Ungetüme und dazwischen saßen auf Planen und Decken fremde Soldaten beim Frühstück. Einige von ihnen waren ganz schwarz. Aber alle waren sehr freundlich zu uns. Sie winkten uns heran und beschenkten uns großzügig mit Lebensmitteln. Nach dem Frühstück zogen sie mit ihren Panzern ab. Zurück blieb die durchwühlte Wiese und in der aufgewühlten Erde viel Brauchbares für uns: Knäckebrot, Fleischkonserven, kleine Tüten mit Kaffee und Süßigkeiten, ja sogar Orangen. Wir wateten bis zu den Knöcheln im Dreck und sammelten alles ein. Später habe ich mich oft gefragt, ob sie dies absichtlich für die halbverhungerten deutschen Kinder liegen ließen?
Mit den Amerikanern kam auch der Frühling in den Bayerischen Wald und unsere Versorgungsmöglichkeiten verbesserten sich wesentlich. Im Wald wuchsen Beeren: Heidelbeeren, Himbeeren, Preiselbeeren. Morgens zogen wir zum Sammeln aus. Wenn unsere Blechbüchsen gefüllt waren, brachten wir den Inhalt zu einem kleinen Laden; dort erhielten wir dann ein Brot, dessen Größe sich nach dem Gewicht der abgelieferten Beeren richtete. Eine andere Versorgungsstelle war der Wachposten, den die Amerikaner unweit von unserem Haus an einer Straßenkreuzung aufgestellt hatten. Wir wussten genau, wann die Ablöse erfolgt, und die Soldaten wussten, dass wir auf sie warteten. Sie brachten immer etwas für uns mit und waren deshalb unsere Freunde. Sie waren aber auch unsere Feinde.
Die eigentliche Aufgabe des Wachpostens war, deutsche Soldaten, die hier vorbei kamen, festzunehmen, per Funk einen Laster anzufordern und diese als Gefangene in ein Lager zu schicken. Und es kamen viele. Sie kamen durch den Wald oder die Straße entlang und sie wollten nichts als nach Hause. Sie trugen keine Waffen; viele von ihnen waren verwundet, manche schwer, sie wurden von anderen mitgeschleppt. Da wurden die Amerikaner zu unseren Feinden. Außer Sichtweite des Wachpostens hatten wir unseren Posten, abwechselnd standen wir da. Sobald sich deutsche Soldaten zeigten, führten wir sie auf unserem Schleichweg zum Bauernhof, dort bekamen sie Kartoffelsuppe aus dem Kessel und wurden dann von uns, hinter dem Rücken der Amerikaner, auf den richtigen Weg geleitet. Wenn aber die Ablöse für den Wachposten kam, waren wir wieder pünktlich zur Stelle und forderten unser Mitbringsel ein.
Unterstützt wurden wir fünf Flüchtlingskinder von den „Ausgebombten“ und von Resei, der kleinsten Tochter unserer Bäuerin. Resei war damals sechs oder sieben Jahre alt und ein kleiner Teufel. Sie war bei den abenteuerlichsten Unternehmungen meistens der Anführer. Schließlich war sie auf dem Hof zu Hause. Uns Beigelaufene beeindruckte dies wenig, wir verprügelten sie trotzdem oft. Gerne verspotteten wir sie wegen ihres Dialektes: „Resei, setz’ dich auf Stuhlei und iß Suppei!“
Nach einem langen und weiten Umweg zurück nach Rumänien und wieder nach Bayern habe ich Resi nach 50 Jahren wieder gesehen. Bei einem Kuraufenthalt in Bad Füssing fuhren mein Mann und ich in Richtung Schönau, um die Familie des Jager Sepp und vor allen Resi zu suchen. Es war ein schöner, sonniger Augusttag und der Bayerische Wald zeigte sich von seiner schönsten Seite. Die wuchtigen grauen Bauernhäuser hatten sich längst in schmucke Ferienpensionen verwandelt. Wir fragten nach dem Haus vom Jager Sepp. Links drüben liegt das Haus. Eine junge Frau kommt uns entgegen. Ich erzähle ihr meine Geschichte: Krieg, Flucht, Scheune, Resi. Sie sagt, sie habe in die Familie eingeheiratet und „d'Muttern“, die sich erinnern müsste, ist nicht zu Hause. Mit ihrer Erlaubnis gehen wir um das Haus, wir sehen die Scheune wieder – unsere Wohnung für mehrere Monate – die Wiese und am Rand der Wiese den Wald. Alles ist ganz ruhig und friedlich, als ob es nie deutsche und amerikanische Soldaten gegeben hätte. Nur ich bin aufgeregt, sehr aufgeregt. Wir fragen nach Resi. Die junge Frau zeigt zum Waldrand hin; dort steht ein neues Haus. Wir fahren hin und läuten. Die Balkontür ist offen, der Wind spielt mit den Vorhängen. Dann kommt eine Frau aus der Balkontür, geht bis zur Brüstung und schaut auf das fremde Paar unter ihrem Balkon. Ich beginne: Resi, ich bin die Dori, erinnerst du dich noch?... Dann versagt die Stimme, es kommt zu viel hoch. Resi erstarrt, sie hält sich an der Balkonbrüstung fest, ihre Augen gehen weit zurück, 50 Jahre zurück. So stehen wir... Dann sagt Resi: „Du lebst? Du lebst?“ Die Starre löst sich, Resi verlässt den Balkon und schon ist sie unten bei mir, umarmt mich und dann: „Du hast gesagt, wenn der Krieg zu Ende ist, fährst du nach Haus und schickst mir eine Melone, damit auch ich weiß, wie Melonen schmecken, und das hast du nicht getan.“ Wir lachen herzlich.









