Die Männer der Ortsgruppe forderten zur raschen Flucht auf. Ältere und der Bewegung Fernstehende rieten zum Abwarten. Vielleicht sollte man auch bleiben. Auch mein Großvater, der sozusagen das männliche Oberhaupt der Familie war, riet zum Abwarten. „Wo willst du mit den Kindern hin?“, fragte er meine Mutter. „Krieg ist jetzt überall und am sichersten ist es immer noch zu Hause.“ Nach solchem Rat war meine Mutter entschlossen zu bleiben. Sie packte aus. Dann kamen wieder die Gerüchte: Die Russen und die rumänischen Kommunisten werden die Deutschen ausrotten. Mutter packte wieder ein. So ging das tagelang. Bis eines Tages Großvater mit seinem Leiterwagen vor dem Tor stand, meine Mutter ein paar Habseligkeiten zusammentrug, uns Kinder auf den Leiterwagen schob und auch wir Richtung Mokrin fuhren. Jenseits der jetzt offenen Grenze sollte uns ein Zug erwarten, ein Transport, der Frauen und Kinder ins Deutsche Reich – in Sicherheit – bringen sollte. Am Mokriner Bahngleis hat Großvater uns abgeladen. Als er uns zum Abschied küsste, waren seine Wangen sehr nass. Der Zug wartete nicht auf uns; wir warteten auf den Zug — zwei Tage lang. Wir warteten nicht alleine; so weit das Bahngleis zu sehen war, standen, saßen, lagen Menschen, vor allem Frauen mit Kindern, mit Klein- und Kleinstkindern, die viel weinten. In der zweiten Nacht kam der Zug. Plötzlich brach Hektik aus, alle wollten möglichst schnell einsteigen. Doch da griff der militärische Ordnungssinn ein. An jeder Waggontür stand ein Soldat; er schubste Kinder und Gepäck in den Wagen und half den Frauen beim Einsteigen. Er bestimmte, wer und wie viele in dem Waggon Platz finden und schließlich saßen auch wir dankbar auf den Holzbänken eines Abteils. Bevor der Zug abfuhr, erteilte der Soldat, der sich als unser Begleiter vorstellte, wichtige Informationen: Wir werden nur nachts fahren. Da wir uns in einem Gebiet bewegen, in dem die Partisanen schon viele Züge in die Luft gesprengt haben, muss sich der Zug langsam und vorsichtig bewegen. Der Zug darf auch nicht beleuchtet werden, da er sonst zur Zielscheibe für die Partisanen wird. Obwohl wir von Partisanen nie gehört hatten, entnahmen auch wir Kinder den verschlossenen Gesichtern unserer Mütter, dass die Lage ernst war. Um dies zu unterstreichen, stellte sich unser Soldat mit todernstem Gesicht, das Gewehr schussbereit vor dem Körper, vor die Innentür unseres Waggons. Wie lange die Fahrt dauerte und was sonst noch auf dieser Fahrt geschah, weiß ich heute nicht mehr. Die Partisanen jedenfalls haben uns nicht in die Luft gesprengt.
Alles aussteigen, hieß es in Gogolin (Polen). Es sah nicht aus, als ob wir in Deutschland angekommen wären; auch nach Sicherheit sah es nicht aus. Wieder waren viele Menschen um uns herum, auch Soldaten. Eine für uns ganz neue Organisation übernahm jetzt das Sagen – das Deutsche Rote Kreuz. Die adretten und überaus resoluten Frauen dieser Organisation beeindruckten mich sehr, sie waren ganz anders als die Frauen, die ich bisher kannte. Sie waren freundlich, flink und sehr bestimmt in ihren Handlungen. Unter ihren Anweisungen ordnete sich auch sehr schnell das Chaos an den Bahngleisen von Gogolin. Mütter mit Kleinkindern und Säuglingen nach vorne, dahinter Frauen mit größeren Kindern und zum Schluss Erwachsene ohne Kinder. Und dann steuerten wir auf Baracken zu, die sich als Auffanglager – auch dies damals für mich ein unbekanntes Wort – erwiesen. Vorerst aber ging es zur ärztlichen Untersuchung, kurz und schmerzlos, dann zur allgemeinen Reinigung in einem riesigen Duschraum. In unserer Baracke nahm uns wieder eine resolute Schwester des Roten Kreuzes in Empfang. Sie teilte die Betten zu; Stockbetten, neu und lustig für uns Kinder. Weniger lustig wurde es bereits in der ersten Nacht, als die Wanzen aus ihrem Versteck krochen. An Schlaf war nicht mehr zu denken, die meisten saßen in ihren Betten, kratzten und schurrten sich den Körper wund. Am Morgen waren die meisten Gesichter bis zur Unkenntlichkeit entstellt und unsere Mütter äußerten vorsichtige Zweifel, ob die Flucht die richtige Entscheidung war. Bestärkt wurden diese Zweifel durch die Verpflegung, die wir erhielten Das letzte Stück Banater Weißbrot war gegessen und wer nicht hungern wollte, musste Schwarzbrot essen. Diese Art Brot war im Banat unbekannt, man wusste nur vom Hörensagen, dass es so etwas gab. Jetzt aber lag dieses Brot, dunkel und speckig, in dünnen Scheiben geschnitten auf der braunen Decke des unteren Etagenbettes und wir sollten es essen und dazu einen Tee trinken, der nach Rüben schmeckte. Das ging über unser Vorstellungsvermögen, lieber hungerten wir. Alles Zureden unserer Mutter, die tapfer in die schwarzen Schnitten biss, demonstrativ appetitlich kaute und bei jedem Bissen beteuerte, dass das Brot wirklich gut schmecke, konnte uns nicht überzeugen. Wir wollten lieber hungern. Und wir waren nicht allein; die meisten Kinder in der Baracke verhielten sich ähnlich. Die Mütter waren hilflos. Nach der ersten Woche wendeten sie sich an die zuständige Schwester vom Roten Kreuz.
Diese veranlasste, dass es ab sofort für die Kinder morgens Milch gab. Doch bereits nach dem ersten Schluck Milch streikten wir erneut. Die Milch stinkt, behaupteten wir. Unsere Mutter war verzweifelt und sprach erneut mit der zuständigen Schwester. Diese war empört: Jetzt erhielten die Kinder Edelweißmilch und wenn auch diese nicht schmecke, könne sie nicht mehr helfen.
Bis heute weiß ich nicht, was für ein Produkt Edelweißmilch ist, aber wenn ich mich zurückerinnere, so hatte diese Milch zumindest einen sehr eigenartigen Geschmack. Wie es in Gogolin weiterging und wie lange wir in dieser Baracke hausten, kann ich nicht mehr genau sagen. Ich weiß nur, dass meine Mutter viel weinte und immer wieder sagte, wenn ich nur wüsste, wo der Vater ist und ob er noch lebt.
Erlösung aus diesem Elend, aus Dreck, Läusen und Wanzen kam aus Ahausen, einem kleinen hessischen Dorf bei Weilburg an der Lahn. Es muss November gewesen sein, als meine Mutter einen Brief von der Familie Schmidt erhielt, die uns einlud, zu ihnen zu kommen. Wir verließen Gogolin und fuhren nach Ahausen. Die Ankunft in Ahausen war für mich die Ankunft in Deutschland, d.h. in dem Land, das sich das kindliche Vorstellungsvermögen aus vielen aufgeschnappten Gesprächsfetzen in der Heimat zusammengebastelt hatte. Alles war anders als zu Hause und trotzdem waren wir angekommen. Die Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen wurden, hat mich ein Leben lang durch viele Widrigkeiten begleitet und erfüllt mich heute noch – nach 90 Jahren – mit Dankbarkeit. Was damals von dieser einfachen hessischen Bauernfamilie in die kindliche Seele gepflanzt wurde, ist die Wurzel für eine große Liebe für dieses Land, die trotz vieler späterer gegenteiliger Erfahrungen nicht erschüttert werden konnte.
Wie kam es zu den Beziehungen der Familie Schmidt, Ahausen, Hessen, Deutschland und der Familie Mohaupt, Marienfeld, Banat, Rumänien?
Im Herbst 1938 erhielt mein Vater eine Einberufung zur rumänischen Armee. Wäre er dieser gefolgt, so hätte er bereits das sechste Jahr rumänischen Militärdienst geleistet. Mein Vater entschied sich, dies nicht zu tun. Er machte es wie viele junge Männer im Dorf und ging bei Nacht und Nebel über die Grenze nach Jugoslawien. In Belgrad meldete er sich bei der deutschen Botschaft und erklärte, dass er als landwirtschaftlicher Arbeiter in Deutschland arbeiten wolle. Er erhielt entsprechende Papiere und konnte so weiterreisen. In Deutschland angekommen, erfolgte die Zuteilung nach Wunsch in die Industrie oder in die Landwirtschaft. Mein Vater kam aus der Landwirtschaft und dort wollte er auch weiter arbeiten. Er wurde der Familie Schmidt in Ahausen zugeteilt und arbeitete dort bis 1942, als er zur Wehrmacht eingezogen wurde.
Wie er bis zu seinem Tode immer wieder beteuerte, hat er sich in der Familie nie als Gast-oder Fremdarbeiter aus dem Osten gefühlt. Wenn er später über die Zeit in Ahausen berichtete, sprach er nie vom Bauer oder von der Bäuerin Schmidt, sondern vom Vater und von der Mutter. Er gehörte, wie er immer wieder betonte, zur Familie wie die Tochter Ella und der Sohn Karl. Obwohl er 1944, als wir uns auf der Flucht befanden, bereits als Wehrmachtsoldat in englischer Kriegsgefangenschaft war und das weder meine Mutter noch Familie Schmidt wussten – war es für diese ganz selbstverständlich, uns aufzunehmen.
Was dies unter den damaligen Umständen bedeutete, wissen die, die jene Zeit erlebt haben.
Wir hatten plötzlich ein warmes Zimmer, jeder hatte sein Bett, wir wurden wieder regelmäßig gewaschen und gebadet und saßen bei jeder Mahlzeit mit der ganzen Familie an einem sauberen Tisch. Es war wunderbar. Schmidt-Oma ging mit uns zu den Nachbarn und stellte uns als Christofs Familie vor. Sie war richtig stolz auf uns, als ob wir ihre eigenen Enkelkinder wären.
Da wir gerade in der Adventszeit in Ahausen ankamen, bereitete Ellatante uns eine ganz besondere Überraschung vor. Jeden Morgen, wenn Zeit zum Aufstehen war, erklang aus dem Nebenzimmer ein Weihnachtslied. Natürlich wollten wir Kinder wissen und vor allem sehen, woher die Musik kam. Doch Ellatante legte den Finger an den Mund, sagte: „Pst! – bis Weihnachten.“ Weihnachten wurde das Geheimnis gelüftet. Unter dem Tannenbaum stand ein wunderschönes Karussell, das man mit einem Schlüssel in Bewegung setzen konnte; seine Figuren drehten sich zur Musik eines Weihnachtsliedes im Kreis. Dreißig Jahre später habe ich erfahren, dass Ellatante das Ringelspiel mit eingebauter Spieluhr im Tauschhandel für Lebensmittel von französischen Kriegsgefangenen erstanden hatte.
Ahausen bedeutete für mich auch wieder Schulbesuch. Da wir neben dem Schulgebäude wohnten, war mein Schulweg sehr kurz. Über die Mistgrube, die neben dem Zaun zum Schulhof lag, wurde ein Brett gelegt, über das ich morgens direkt in den Schulhof balancierte. Weniger einfach war es, für mich die passende Klasse zu finden. Nachdem ich in Marienfeld die beiden ersten Schuljahre absolviert hatte, meldete meine Mutter mich für die dritte Klasse an. Nach zwei Wochen versetzte mein Lehrer mich in die vierte Klasse. Man war sich aber auch da nicht sicher, ob ich in der richtigen Klasse wäre. Als der Lehrer dies meiner Mutter mitteilte, war sie richtig verwirrt und wie Ellatante mir nach vielen Jahren erzählte, fürchtete sie, kein normales Kind zu haben. Sie war fest davon überzeugt, solche Probleme hätte es zu Hause nicht gegeben.
Von diesen Sorgen meiner Mutter, wusste ich damals nichts. Mir gefiel es in der Schule und dass ich meistens wusste, was man mich fragte, darauf war ich stolz. Das weiß ich heute noch.
Ich war in meiner Klasse, ja vielleicht in der ganzen Schule das einzige Kind katholischer Konfession; alle anderen waren evangelisch. Meine Mutter war eine fromme Frau und die religiöse Erziehung ihrer Kinder war ihr wichtig. Es musste also katholischer Religionsunterricht für mich ermöglicht werden. Wieder war Ellatante gefragt. Ein katholischer Pfarrer in Weilburg erklärte sich bereit, mir Einzelunterricht zu erteilen Deshalb gingen wir, Ellatante und ich, natürlich zu Fuß, einmal wöchentlich nach Weilburg. Für mich war dieser Weg atemberaubend und das Schönste am Religionsunterricht. Ich, an die endlose Weite der Ebene gewöhnt, ging plötzlich auf einem Gebirgsweg dahin, der immer wieder den Blick auf die Lahn freigab, die sich in meiner kindlichen Wahrnehmung als Riesenfluss zeigte, während die Hügel am jenseitigen Ufer zur einmaligen Bergwelt wurden. Wie der Religionsunterricht verlief, weiß ich heute nicht mehr. Dafür blieb ein anderes Erlebnis im Zusammenhang mit meiner religiösen Bildung in Weilburg ausschlaggebend und bestimmend für mein weiteres Leben. Es geschah im katholischen Gottesdienst: Wir, die Kinder, saßen in den ersten Bänken. Beim ersten Lied, das von der Gemeinschaft angestimmt wurde, habe ich mit großer Inbrunst und Hingabe mitgesungen. Plötzlich versetzte mir meine Banknachbarin mit dem Ellbogen einen Stoß in die Rippen und sagte: „Sing nicht so falsch!“ Ich habe seitdem nie mehr in der Kirche mitgesungen und mich auch bei anderen Gelegenheiten am Volksgesang nie mehr beteiligt.
Ahausen, das Dorf und die Familie Schmidt, wäre für uns ein Ort der Ruhe und Geborgenheit gewesen, hätte es keine Bomber und keine Tiefflieger gegeben. Sie ließen nicht nur nachts ihre bunten Christbäume über jenen Zielen leuchten, die sie sich zur Vernichtung ausgesucht hatten, sondern kamen auch tagsüber. Sie flogen säuberlich geordnet in zweier, dreier und vierer Reihen, nebeneinander im Sonnenlicht glänzend, am klaren Himmel dahin, während auch in Ahausen die Sirenen heulten und das Radio mögliche Ziele bekannt gab und dringend den Gang in den Luftschutzkeller empfahl. Dies war in Ahausen natürlich der gewöhnliche Hauskeller. Als die Abstände zwischen Alarm und Entwarnung immer kürzer wurden, ersparte sich die Familie den Gang in den so genannten Luftschutzkeller. Man ging davon aus, dass Ahausen kein lohnenswertes Ziel für die gleißenden Bomber darstellte. Dafür aber machten Tiefflieger oft Jagd auf jedes menschliche Wesen, das sie sichten konnten. Da diese Tiefflieger meistens so schnell und ohne Alarmansage über die Dächer hinwegratterten, standen wir, an die Wand gepresst, in der Diele, während die Fensterscheiben in der Küche im Kugelhagel zersplitterten.
Ahausen war also doch kein richtiges Paradies. Ob es diese Jagd der Tiefflieger auf Menschen war oder ob andere Gründe meine Mutter bewogen Ahausen zu verlassen, hat sie selbst – auch auf Nachfrage – nie deutlich gesagt. Heute denke ich, dass sie es selbst nicht wusst. Sie war mit der Situation weit überfordert. Politisches Denken lag ihr fern; sie kannte ihr Dorf, ihre Arbeit auf dem Feld, sie hatte ihr Haus, ihre Kinder, für die sie zu jedem Opfer bereit war. Und sie hatte ihren tiefen, starken Glauben.










