Der 100. Geburtstag ist ein herausragender Meilenstein, der ein Jahrhundert Lebenszeit markiert. Die „Hundertjahrfeier“ wird oft gebührend begangen, sie ehrt ein langes, geschichtsträchtiges Leben. In unserem Fall ist der Name der Heidegemeinde Lenauheim betroffen. Vor 100 Jahren war die Mehrheit der Bürger des Ortes Csatád (und nicht nur sie) der Ansicht, mit einem neuen Ortsnamen dem Geburtsort des Dichters Nikolaus Lenau die Ehre zu erweisen.
Ohne Anspruch auf Vollkommenheit möchte ich im folgenden versuchen, einige überlieferte oder in der Zeitpresse erschienene Berichte über die Umbenennung meines Heimatortes zu erörtern.
Nachdem die Serben Ende 1918 den Ort Csatád besetzt hatten, übernahmen ihn Ende Juli 1919 die Rumänen endgültig. Gegen Ende 1918 wurde die Gemeinde von den Deutschen zuerst „Strehlenau“ genannt, manchmal auch „Lenaudorf“. 1920 wünschte man in der Gemeinde die Namensform „Lenauheim“. Die rumänischen Behörden legten jedoch „Cetad“ fest, und so wurde unsere Gemeinde „der Ort mit den fünf Namen“, wie Felix Milleker in dem Büchlein „Geschichte der Gemeinde Cetad (Csatád, Lenauheim) 1415 – 1925“ schrieb.
Nach der Übernahme des östlichen Teils des Temescher Banats durch das Königreich Rumänien erhielten die Gemeinden mit überwiegend deutscher Bevölkerung die Erlaubnis, die vormals magyarischen Namen durch deutsche zu ersetzen. (Die rumänischen Truppen marschierten am 3. Juli 1919, von Lugosch kommend, in Temeswar, rum. Timișoara ein, seit damals heißt der Domplatz offiziell „Piața Unirii“, denn hier wurden die rumänischen Truppen offiziell begrüßt.) Doch nur ein kleiner Teil der Gemeinden konnte sich dazu aufraffen, darunter Freidorf, Gottlob, Bethausen, Niczkydorf, Orczydorf, Johannisfeld, Eichenthal und „Strehlenau“ bzw. Lenauheim.
Am 22. Mai 1920 meldete die Temeswarer Zeitung „Deutsche Wacht“, dass die Ortsgruppe des deutschen Kulturverbandes in „Csatád“ den dortigen Gemeindevorstehern den Vorschlag gemacht hatte, den Ortsnamen auf „Strehlenau“ abzuändern. Am 1. Juni 1920 hatte die Gemeinde Csatád die Umbenennung auf „Strehlenau“ und die Einführung der deutschen Protokoll- und Amtssprache beschlossen (so Nikolaus Anton im „Banater Tagblatt“ vom 8. Juli 1920). Andere Ortsbewohner wollten aber den Ortsnamen „Lenauheim“ einführen. Nach einigem Hin und Her und der parallelen Nutzung beider Namen im Jahr 1921 blieb es letztlich bei dem treffenderen Namen „Lenauheim“.
Viele Zeitungen aus dieser Zeit berichteten in kurzen oder längeren Meldungen über die Umbenennung des Geburtsortes von Nikolaus Lenau. Hier ein Beispiel aus der „Temesvarer Zeitung“ vom 22. Dezember 1920 unter dem Titel „Neubenennung der Ortschaften in Temes-Torontal“: „Wie wir aus verlässlicher Quelle erfahren, ist die Vorlage zur Neubenennung der Städte und Dörfer in Temes-Torontal von der Regierung gutgeheißen worden und wird die diesbezügliche Verordnung samt dem die neuen Namen aufweisenden Verzeichnis in den nächsten Tagen im Druck erscheinen und auch im Wege der Presse veröffentlicht werden.“
Die schwäbischen Ortschaften, die bei der Besiedlung neu gegründet worden waren, behielten zumeist ihre deutschen Namen oder es wurden bei der Benennung historische Momente sowie auch die Wünsche der Bevölkerung der betreffenden schwäbischen Gemeinden berücksichtigt. Zu bemerken ist, dass Merci und Griselini bei den Ansiedlungen auch auf menschliche Gefühle bedacht waren und bei der Benamung der Besiedlungen auch den historischen Spuren nachgingen.
Wo keine ursprünglichen deutschen Namen vorgefunden wurden, hat man historische rumänische Namen gewählt. Das geschah zum Beispiel mit „Kleinbecskerek“, welches nach dem dort geborenen rumänischen Dichter, Schriftsteller und einstigen Pfarrer Țichindeal als „Cicindeul“ benannt wurde. Perjamosch war im 14. Jahrhundert ein rumänisches Dorf und erhielt jetzt den Namen „Grădiștea“ – ein Teil von Perjamosch heißt heute noch so. Hingegen bekam „Csatád“, der Geburtsort des unsterblichen Nikolaus Lenau, den Namen „Lenauheim“.
Es verlief aber nicht alles immer so einfach. Dies bezeugt der Leserbrief von Nikolaus Anton aus dem Geburtsort Nikolaus Lenaus, erschienen im „Banater Tageblatt“ vom 15. Jänner 1921:
Geehrter Herr Schriftleiter!
Haben Sie die Güte, im Interesse unserer Schwaben, den nachstehenden Zeilen in Ihrem werten Blatt Raum zu geben: In der „Temesvarer Zeitung“ wurde in der letzten Woche des verflossenen Jahres die Umbenennung der Ortsnamen veröffentlicht. Die Umbenennung wurde durch eine Kommission, die zu diesem Zwecke von der Behörde zusammengerufen wurde, vorgenommen. In der Begründung der neuen Ortsnamen heiß es, dass hierbei auch der Wunsch der Bevölkerung Berücksichtigung gefunden habe.
Unter den neu benannten Ortsnamen kommt auch Csatád vor, welches auf „Lenauheim“ umgeändert wurde. Da die Kommission teils historische Momente, teils den Wunsch der Bevölkerung berücksichtigte, so muss man sich unwillkürlich fragen, wer hat die Kommission falsch informiert, wer konnte die Kommission täuschen, dass die Csatáder den Ortsnamen auf „Lenauheim“ umgeändert haben wollen? Nur durch eine falsche Information konnte es vorkommen, dass wir statt „Strehlenau“ den Namen Lenauheim erhielten. Man hat die Kommission über den wahren Wunsch der Bevölkerung dieser Gemeinde nicht unterrichtet.
Schon im Anfange des Jahres 1919 befassten wir uns mit der Umbenennung unserer Gemeinde und haben uns dann im Herbst desselben Jahres auf den Namen „Strehlenau“ geeinigt. Dieser Name fand allseits Anklang, selbst bei jenen führenden deutsch-schwäbischen Männern, die sich für unsere völkische Eigenart einsetzten. Als der Gedanke soweit gediehen war, dass man zur Tat drängte, endlich den alten Namen abzustreifen, hat die Ortsgruppe des deutsch-schwäbischen Kulturverbandes der Gemeinde Csatád zur Pflicht gemacht, den ersten Schritt in dieser Sache zu tun. So richtete die Csatád Ortsgruppe des Kulturverbandes sowohl an den Gemeindevorsteher als auch an den Gemeinderat eine Zuschrift, worin sie die Umbenennung des Ortsnamens fordert. In der Motivierung heißt es unter anderem: „Über 150 Jahre besteht unsere reindeutsche Gemeinde, trotzdem konnten wir bisher in unserem Ortsnamen unsere Nationalität nicht zum Ausdruck bringen.“ Weiterhin: „Um unsere Verehrung für den hier geborenen, berühmten deutsch-schwäbischen Dichter Nikolaus Niembsch von Strehlenau zum Ausdruck zu bringen, machen wir der Löblichen Gemeindvorstehung und dem Gemeinderat den Vorschlag, die Umbenennung des Ortsnamens auf „Strehlenau“ vorzunehmen“. Der Gemeindeausschuss hat sich diesen Vorschlag zu eigen gemacht und bei der Ausschusssitzung am 1. Juni 1920 die Umbenennung auf „Strehlenau“ ausgesprochen. Dieser Beschluss wurde in den Zeitungen auch gebracht und freudigst begrüßt. Briefe, Zeitungen, auf Strehlenau lautend, liefen durch die Post ein, solche aus Deutschösterreich, Deutschland usw.
Unser hochgeschätzter, deutsch-schwäbischer oder sagen wir Banater deutscher Dichter Adam Müller-Guttenbrunn schenkte unserem hierortigen „Lenauverein“ zwei seiner jüngsten Werke mit der Widmung: „Dem „Strehlenauer“ Lenauverein gewidmet von seinem Verfasser Adam Müller-Guttenbrunn“. Vielleicht hat unser greiser Dichter den Namen „Strehlenau“ in seinem Werk festgelegt. Da diese im Werden begriffene Werke sich besonders mit Lenau befassen hierin Csatàd in den Mittelpunkt gesetzt wird, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass unser Dichter schon vom neuen Ortsnamen „Strehlenau“ Gebrauch macht oder gemacht hat. Was wird unser geschätzter Dichter dazu sagen oder denken, wenn er erfährt, dass „Strehlenau“ auf „Lenauheim“ umgeändert wurde?
Die oben genannte Kommission, die den guten Willen hatte, unserem völkischen Wunsch der Bevölkerung zu berücksichtigen, wurde durch falsche Informationen getäuscht.
Der Name Lenauheim entspricht nicht dem allgemeinen Wunsch der Bevölkerung. Diesen Namen lehnen wir entschieden ab. Der Gemeindeausschuss hat den Namen Strehlenau am 1. Juli 1920 zum Beschluss erhoben, ist anderseits schon so verbreitet, so dass eine abermalige Umbenennung hier nur ein Durcheinander schüfe. Wir fordern demzufolge vor ehrlichen kompetenten Faktoren auf, auf deren Gerechtigkeitssinn wir bauen, unser Strehlenau auch in Zukunft belassen, kleine Gernegroße aus schwäbischem Kreisen haben die Kommission getäuscht.
Strehlenau, 6. Jänner 1921
Auch hier passt offenbar das Sprichwort: „Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg aber ist ein Waisenkind“.
Einen am 18. Mai 1920 in „Csatád“ ausgestellten, von Adam Mühlbach und Apotheker Julius Bierbaum unterschriebenen Vorschlag veröffentlichte auch Michael Kausch. Diesbezügliche Unternehmungen von Amtsstellen und Vereinen soll es nach mündlicher Überlieferung mehrere gegeben haben. Der Ort sollte umbenannt werden, aber der richtige Weg und Name musste erst gefunden werden.
Dr. Hochstrasser formulierte es in seinen Veröffentlichungen folgendermaßen: „Lenauheim wurde unter dem Namen „Tschatad“ ( Übersetzung: Kriegslagerhausen) 1767 gegründet. Am 1. Juni 1920 nahmen die Tschatader das Angebot des rumänischen Staates an und benannten ihr Dorf „Strehlenau“. Bald kam aber der Name „Lenauheim“ ins Gespräch, so dass 1920 und 1921 beide Ortsnamen benutzt wurden. Ab 1922 blieb nur der Name „Lenauheim“ im Gebrauch. Die Bahnstation wurde offiziell Ceața genannt.“
Von der Gemeinde aus wurden die Beschlüsse und Uneinigkeiten an die Kreis- und Landesbehörde eingereicht, zusammen mit dem Wunsch, den Namen des Ortes zu ändern. Der Rumänische Staat, zu dem nun dieser Teil des Banats gehörte, musste wegen der geänderten Landesgrenzen eine neue territoriale Einteilung des Landes vornehmen, das brauchte alles seine Zeit.
Dann erst kam das Gesetz zur Vereinheitlichung der Verwaltung. Es wurde mit dem Königlichen Erlass vom 13. Juni 1925 zusammen mit dem „Gesetz zur Organisation der Kommunalverwaltung der Stadt Bukarest“ erlassen. In den 400 Artikeln (45 Seiten) legt es die Ziele und Kriterien fest, die der Verwaltungsorganisation 34 des Staatsgebiets zugrunde liegen sollen, sowie die Verantwortung der Behörden bei der Durchführung dieser Tätigkeiten.
Zur Umsetzung der Verwaltungsaufteilung, die durch das Gesetz zur Verwaltungsvereinheitlichung (in Kraft getreten am 1. Januar 1926) offiziell bestätigt werden sollte, wurde eine Kommission aus sieben Persönlichkeiten der damaligen Zeit gebildet. Sie bestand aus Wissenschaftlern und Vertretern der Armee, darunter drei Geografen: Simion Mehedinţi, Vintilă Mihăilescu und Vasile Meruţiu.
Die Änderung des Ortsnamens von „Csatád“ in „Lenauheim“ erfolgte auf der Grundlage des Gesetzes Nr. 95 vom 13. Juni 1925, veröffentlicht im Amtsblatt Nr. 128 vom 14. Juni 1925, auch bekannt als das „Gesetz zur Verwaltungsvereinheitlichung von Großromänien“, 1926. Die Archivierung erfolgte erst am 5. März 1926 aufgrund der verspäteten Umsetzung des Gesetzes Nr. 95/1925. Dies ist ersichtlich aus dem Auszug aus der Arbeit „Änderung der Bezeichnung einiger Ortschaften: „Kreis Timis – Csatad wurde zu „Lenauheim“, Kreis Timis, ab 1926. Archiviert am 5. März 1926 bei Wayback Machine.“ Das Archiv korrigiert den alten Namen der Ortschaft von „Cetad“ in „Csatad“.
Doch der neue Name wurde noch lange nicht überall genutzt. Es dauerte einige Zeit, bis die Umbenennung von den Ämtern, Vereinen, Zeitungsschreibern etc. umgesetzt wurde. Klar ersichtlich ist dies in den standesamtlichen Matrikelbüchern dieser Zeit. Hier wurde „Csatád/Lenauheim“ oder nur „Csatád“ oder nur „Lenauheim“ benutzt –wohl aus Gewohnheit oder zur Sicherheit. Die Bürger des Ortes, aber auch auswärtige Bürger sowie Ämter nutzten zunehmend den Ortsnamen „Lenauheim“ – oft auch voller Stolz in Erinnerung an Nikolaus Lenau.
In den 1930er Jahren kam wieder eine Romanisierungswelle ins Gespräch, wobei einige Zeitungen dies gleich publik machen. Hier ein Beispiel aus der Arader Zeitung vom 20. März 1935: „Lenauheim soll Cetate heißen? – Allgemeine Romanisierung der schwäbischen Gemeinden?“:
Die Romanisierungsbestrebung übergreift auf alle Gebiete. Wie verlautet, sollen im Komitate Temesch-Torontal die Namen der Gemeinden abgeändert werden. Unter anderem wird geplant, die Gemeinde Lenauheim auf „Cetate“ umzubenennen. Das wäre eine Beleidigung – nicht nur des Banater Deutschtums, sondern der ganzen Kulturwelt, denn Lenau war Dichter von Weltruf und da müssten die Überromänen doch halt machen vor einem solchen Anschlag, den man Kulturbolschewismus nennen muss.
Es kam nicht so weit, die Heidegemeinde behielt den Namen „Lenauheim“. Sie hat ihn auch durch die braune und rote Zeit behalten. Jede Herrschaft nutzte ihn in ihrem Sinne. Mal war es zum Vorteil, mal zum Nachteil der dort Lebenden.
Die Gemeinde Lenauheim im Kreis Timiș wurde durch das Gesetz Nr. 2 vom 16. Februar 1968 über die administrative Organisation des Territoriums der Sozialistischen Republik Rumänien in ihrer heutigen Form neu gegründet und organisiert. Dadurch kamen auch Bogarosch und Grabatz in die Verwaltungsgemeinde Lenauheim.
Nach dem Umsturz 1989 setze eine schon lange begonnene Auswanderungswelle der deutschen Bevölkerung ein. Das Jahr 1990 war das Jahr mit dem größten deutschen Bevölkerungsverlust von Lenauheim. In diesem Jahr sind allein aus dem Ort Lenauheim rund 500 Personen ausgewandert.
Die Kontakte der Ausgewanderten mit der Gemeindeverwaltung und der Pfarrei bestehen bis heute durch die in der Bundesrepublik Deutschland entstandene „Heimatortsgemeinschaft Lenauheim“. Dieser politisch und konfessionell neutrale Verein bemüht sich, satzungsgemäße Vereinszwecke und Aufgaben, etwa die Förderung der Heimatpflege und Heimatkunde, der Kultur, des Sports, der Jugendhilfe sowie das Gedenken an Verfolgte, an Kriegs- und Katastrophenopfer, auch in der ehemaligen Heimat in Lenauheim umzusetzen.
In diesem Sinne wird es auch eine gemeinsame „100-Jahr-Feier“ aus Anlass der Umbenennung geben. Sie ist für den 5. und 6. September 2026 geplant, wenn in Lenauheim das alljährliche Fest „Kinder des Dorfes“ stattfindet. Die HOG Lenauheim würde sich freuen, wenn viele Besucher an dieser Geburtstagsfeier teilnehmen.










