Dorothea Götz, geb. Mohaupt, stammt aus Marienfeld im Banat, war Flüchtling, Heimkehrerin, Aussiedlerin und damit auch wiederum eine Heimkehrerin. Heimgekehrt in die Heimat der Vorfahren. Gewirkt hat sie in Rumänien und in Deutschland. Nicht nur in zwei Staaten, sondern auch innerhalb zweier politischer Systeme, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Und trotzdem lässt sich in ihrer Biografie ein roter Faden ausmachen: Leistung, Mut, Konsequenz. Auch heute, nachdem die ersten Generationen ihrer Absolventen längst im Rentenalter sind, wird ihr Namen immer noch respektvoll genannt. Anerkennend wird über ihren Unterricht berichtet, über das enorme Fachwissen, aber noch viel mehr über ihre Geradlinigkeit, ihre starke Persönlichkeit. Sie forderte und sie förderte. „Deutsch bei der Götz gelernt“ war Ausweis von Qualität in Großsanktnikolaus, in der Region und darüber hinaus.
Sie selbst war eine wissbegierige und sehr fleißige Schülerin, die den ersten Unterricht in ihrer Heimatgemeinde von den Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul erhalten hatte. Diese weckten die Liebe der späteren Lehrerin und Hochschullehrerin zur deutschen Literatur. Nach der Flucht 1944 mit der Mutter und den Großeltern setzte sie nach der Rückkehr in ein völlig verändertes Marienfeld ihren Schulbesuch fort. 1950 wechselte sie an das Deutsche Lyzeum in Temeswar, wo sie die Aufnahmeprüfung mit Bravour bestanden hatte. Das Studium der Germanistik absolvierte sie an der Universität Klausenburg. Die erste Stelle als Lehrerin trat sie 1962 in Lenauheim an, ein Jahr später wurde sie Lehrerin für Deutsch an der neu gegründeten deutschsprachigen Abteilung des Lyzeums in Großsanktnikolaus. Genauso, wie sie in jungen Jahren von den Schulschwestern für die deutsche Literatur begeistert worden war, weckte sie nun als Lehrerin bei ihren Schülern das Interesse für und das Verständnis von deutscher Literatur. Sie forderte, viel, und sie förderte. „Ein Lehrplan hat mich nie interessiert“, schrieb sie später einmal. Mit ihren Schülern studierte sie Theaterstücke ein, unternahm Ausfahrten in die Dörfer der Region. Einige besonders talentierte Schüler, die später im Banat und auch in Deutschland bekannte und anerkannte Dichter und Schriftsteller wurden, waren ihre Schüler am Lyzeum in Großsanktnikolaus. Hier unternahmen sie ihre ersten Schreibversuche und Dorothea Götz sorgte gemeinsam mit Nikolaus Berwanger für die ersten Veröffentlichungen auf einer neuen „Schüler-Seite“ in der Neuen Banater Zeitung. So viel Aktivität in deutscher Sprache und Literatur, so wenig übrig für Partei und Staat– es konnte nicht lange gut gehen. Dorothea Götz musste ihren geliebten Lehrerberuf aufgeben und Großsanktnikolaus verlassen. Nikolaus Berwanger verhalf ihr zu einer Stelle in der zweiten Reihe in der Temeswarer Redaktion der Neuen Banater Zeitung. Ihr weiterer beruflicher Weg führte sie schon bald nach Hermannstadt, wo sie Dozentin am Germanistik-Lehrstuhl war. Vor ihrer Promotion offenbarten sich jedoch auch hier die staatlichen Repressionsorgane, der einzige Ausweg blieb die Aussiedlung aus dem Land 1981. Nach einer kurzen Zeit bei der Banater Post, unrühmlich für unsere Landsmannschaft ausgegangen, arbeitete sie bei der Stadt Landshut. Sie erforschte die Geschichte der deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge in der Stadt, veröffentlicht in dem Band „Chronik der Vertriebenen in Landshut 1945 – 1987“, Landshut 1991; arbeitete als Fachbereichsleiterin Deutsch für Aussiedler und danach bis zu ihrem 70. Lebensjahr als Leiterin der gesamten Sprachenabteilung der Volkshochschule Landshut.
Dorothea Götz hat ihre Erinnerungen an Marienfeld vor zwanzig Jahren schriftlich festgehalten. Das Dorf, die Familie, die Schulzeit, die Flucht 1944 und die Heimkehr – die großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen der unmittelbaren Nachkriegszeit ruft sie aus verschiedenen Perspektiven in Erinnerung. Nichts wird beschönigt oder verklärt, offen und ehrlich, aber nicht wertfrei, erinnert. Marienfeld steht für viele ehemals deutsche Dörfer des Banats und viele Landsleute hat ein ähnliches Schicksal ereilt. Viel zu wenige haben aber darüber berichtet. Manchmal öffnen sich jedoch nach vielen Jahren noch Herzen und Schubladen.
Die Banater Post wird die Erinnerungen der Lehrerin Dorothea Götz in mehreren Folgen veröffentlichen. P.D.L.
Wir wohnten in der Mokriner Straße. Wie alle Straßen in Marienfeld war dies eine breit angelegte Straße mit einer breiten Fahrspur in der Mitte – nach heutigen Maßstäben bot sie Platz für eine vierspurige Autobahn. Doch hier fuhren 1935 keine Autos. Hier ratterten und holperten die Leiterwagen morgens früh dorfauswärts auf die Felder zu und abends spät wieder heimwärts.
Begrenzt war diese Straße zu beiden Seiten vom so genannten Kanal, der allerdings nur eine spärliche Wasserrinne war, die im Sommer meistens austrocknete und nur bei heftigen Regenfällen das vom Bürgersteig und vom Fahrdamm abfließende Wasser sammelte und zur Freude von Kindern und Enten einen Tummelplatz bot, in dem man nach Herzenslust plantschen konnte. Schießpappeln grenzten Bürgersteig und Allee vom Kanal ab. Die Allee gehörte den Fahrradfahrern, der Bürgersteig den Fußgängern. Dies war ein ungeschriebenes Gesetz, das den Verkehr regelte. Es gab nämlich im Dorf mehr Fahrräder als Einwohner; vom Kindergarten- bis ins Greisenalter - alle fuhren Rad. Wenn es aber lang und anhaltend regnete und die schönen Alleen sich in glitschigen Matsch verwandelten, wurde es vor allem in den Abendstunden eng und gefährlich auf dem Bürgersteig, der übrigens Gehweg hieß.
Was ist von dieser Straße in meiner Erinnerung geblieben? Ihre Breite und Weite. Schon als Kind wusste ich, dass diese Straße nie enden wird. Sie führt nach Mokrin, eine Stadt in Jugoslawien, und von dort sicherlich immer weiter nach Westen.
Marienfeld liegt an der Grenze zu Serbien und Ungarn, in der westlichsten Ecke Rumäniens. Es liegt so nah an der Grenze, dass man bei Westwind das Glockengeläut der serbischen Nachbargemeinde hören kann und nach dem Rückzug der deutschen Truppen 1944 konnte man auch die Schreie der zur Hinrichtung auf das Feld getriebenen deutschen Einwohner der serbischen Nachbargemeinde in Marienfeld deutlich hören. Doch davon später. Noch herrscht Friede in meiner Erinnerung, obwohl im Dorf die Väter fehlen; sie sind weg, weit weg.
Für jedes Weh und jeden Wunsch ist die Mutter da. Das heißt, sie ist immer da, wenn sie nicht auf dem Feld arbeitet. Auf dem Feld ist sie von früh im Frühjahr, wenn die Weinreben geschnitten werden, bis spät in den Herbst, bis die letzte Fuhre Maisstengel für Vieh und Heizung im Winter eingebracht ist. Bevor sie morgens weggeht, erteilt sie Aufträge. Im Halbschlaf höre ich: Das Essen steht vorbereitet im Schrank, nicht vergessen, Mittag dem Schwein, der Ziege, den Hühnern frisches Wasser geben, auf den kleinen Bruder aufpassen und brav sein. Damals war ich fünf, der Bruder drei Jahre alt. Wir waren nicht allein auf uns gestellt. Auch die Kinder aus der Nachbarschaft, fast alle im gleichen Alter, waren sich selbst überlassen. Ab und zu schaute eine Nachbarin oder eine Großmutter, die zufällig nicht auf dem Feld war, nach dem Rechten. Puppenspiel im hintersten Winkel des Dachbodens, Versteckspiel, bei dem keine Baumkrone zu hoch und kein Kellerloch zu tief war, Schwüre ewiger Freundschaft und Prügeleien füllten den Sommertag. Im Winter war diese Freiheit wesentlich eingeschränkt. Dafür aber war Mutter da. Um Holz zu sparen, wurde das Schlafzimmer der Winterkälte überlassen, die so genannte Winterküche war gleichzeitig auch Schlafzimmer. Links und rechts an der Wand stand jeweils ein Bett für Mutter und mich, Karl schlief noch im Kinderbett. Das Schönste war das Aufwachen am Morgen. Der Raum lag noch im Dämmerlicht, im Herd knisterte das Feuer und der Duft frisch gewischter Dielen lag in der Luft. Jeden Morgen hat Mutter, bevor wir aufwachten, den Fußboden aufgewischt. Wenn ich heute an meine frühe Kindheit denke, rieche ich diesen Duft und empfinde die wohlige Wärme, die im Herd knisterndes Holz verbreitet. Ein anderes Bild, das in meiner Erinnerung lebt, ist die tief verschneite Straße. Der so genannte Fahrdamm, über den sich zur Sommerzeit, wenn die Pferdewagen darüber hin rollten, riesige Staubwolken erhoben, wurde im Winter zur besten Schlittenbahn. Sobald die ersten Flocken fielen, zogen wir Kinder die Küchenstühle vor das Fenster und drückten unsere Nasen an den Scheiben platt. Wir warteten auf die Wolfsschlitten aus der Nachbargemeinde. Dies waren mit jagenden Wölfen bemalte Schlitten, die von schnaubenden und dampfenden Pferden gezogen, mit Schellengeläut dahinsausten. Wir mussten lange warten und oft auch vergebens; manchmal aber kamen fünf, sechs, ja sogar zehn dieser feurigen Gespanne hintereinander und das war Entschädigung für tagelanges vergebliches Warten.
Das Leben änderte sich mit meiner Einschulung. Im Dorf gab es zwei Schulen: die Klosterschule für die Mädchen und die so genannte Staatsschule für die Jungen. Die Barmherzigen Schwestern vom Orden des Heiligen Vinzenz von Paul leiteten seit 1908 die Mädchenvolksschule. Allgemeinbildung, lebenspraktische und religiöse Erziehung gingen Hand in Hand. Auch meine Mutter war Schülerin dieser Schule und diese Schulzeit gehörte sicherlich zur schönsten Zeit ihres Lebens. Voller Liebe und Dankbarkeit wusste sie bei passenden und unpassenden Anlässen immer wieder daran zu erinnern.
Und so stand auch ich 1942 im Herbst mit vielen anderen im großen Schulhof, in dessen Einfahrt riesige Platanen wuchsen. Der Hof war großzügig angelegt; links das Schulgebäude, rechts das Schwesternhaus, in der Mitte ein großer Blumenkreis, dessen Mittelpunkt ein überlebensgroßer Schutzengel einnahm, eine Marmorstatue mit Flügeln und ausgebreiteten Armen. In seinem leuchtenden Weiß, mit seiner imposanten Größe und seinen schützend ausgebreiteten Armen war er für mein zaghaftes Schulanfängerherz damals ein richtiger Trost. Er hat mich weit mehr beeindruckt als die Gottesmutter in ihrer Lourdesgrotte vor dem Schwesternhaus. Seine Größe, seine schützende Geste und sein zentraler Standort inmitten des Schulhofes machten ihn zur wichtigsten Gestalt in meinen beiden ersten Schuljahren. Schützende Hilfe hatte ich damals wahrlich nötig. Ich war eine der Kleinsten in der Klasse, fast alle waren größer und stärker als ich. Dies aber hinderte Schwester Cäcilia, die Oberin, am ersten Schultag nicht, noch im Schulhof mit wippendem Vinzentinerhut auf mich zuzukommen und mich mit strengem Blick zu fragen, ob ich auch so eine gute Schülerin sein werde, wie ehemals meine Patin war Wie ich später erfuhr, war ihr Ruf als gute Schülerin in dieser Schule über Generationen unübertroffen.
Diese Frage hat – wenn ich heute zurückschaue – meinem Leben die Richtung vorgezeichnet: eine gute Schülerin sein – in allen Lebenslagen bis heute, kurz nach meinem 90. Geburtstag. Alles richtig machen, immer die anstehenden Pflichten erfüllen, es war eine frühe Mahnung, die mein Verhalten wohl bis zu meinem Lebensende bestimmen wird. Sicherlich habe ich auch manches falsch gemacht, doch der Wille, immer das Richtige zu tun, Menschen, die mir vertrauen, nicht zu enttäuschen, hat mein Leben bestimmt.
Begonnen hat dies mit dem ersten Schuljahr. Wie meine Mutter später berichtete, habe ich sie regelmäßig nachts um zwei Uhr geweckt und gebeten, nach der Uhr zu sehen, damit ich nicht zu spät in die Schule komme. „Mutter, wie viel Uhr ist?“ – diese Frage habe ich bis zum Aufstehen regelmäßig wiederholt. Noch heute kann ich, selbst wenn ich es ganz fest einplane, nie zu spät kommen.
Zu den wenigen Erinnerungen an meine ersten beiden Schuljahre gehören die Wege aus der Schule nach Hause. Es waren die Jahre 1942 bis 1944. Die nationale Bewegung war auch in Marienfeld angekommen. In die Staatsschule, die jetzt auch Mädchen aufnahm, zog der neue Geist ein. Es gehörte zum nationalen Bekenntnis, die Staatsschule und nicht die Klosterschule zu besuchen. Das kam für meine Mutter nicht in Frage. Da hieß es: „Du gehst weiter in die Klosterschule.“ Morgens ging das auch recht gut, da auch das völkische Bewusstsein der „Staatsschüler“ noch nicht erwacht war. Anders mittags, wenn die Jungen rudelweise die Straße belagerten und hinter den Ecken, mit Steinen bewaffnet, auf die „Nonnenfürze“– das waren die Schülerinnen der Klosterschule – warteten. Um uns vor dem Schlimmsten zu bewahren, führten die Nonnen einen Begleitdienst ein. Auch mein Großvater, der auf die neue Bewegung schlecht zu sprechen war, wartete im Winter oft, für die Angreifer gut sichtbar, an der ersten Ecke, hinter der Gefahr für uns lauerte.
Mein Großvater war kein Freund der neuen Bewegung und er hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Wenn die Frauen vom Winterhilfswerk zum Sammeln seinen Hof betraten, erklärte er freimütig, dass er für den Wahn eines Verrückten kein Geld zu verschenken habe und dass die Sammlerinnen sich besser um ihre Kinder kümmern und Marienfeld nicht zum Narrenfeld machen sollten. Denn dies würde noch böse enden. Die Folge solcher Offenheit war, dass Großvaters Name wieder einmal auf der schwarzen Tafel stand, die „die Bewegung“ am Gemeindehaus angebracht hatte. Er wurde so als sichtbarer Schandfleck öffentlich bloßgestellt. Doch solche Strafe konnte meinen Großvater nicht mundtot machen. Er schimpfte noch mehr und noch lauter: „Marjafeld (Marienfeld) ist verrückt geworden. Man müsste alle in einen Zug stecken, weit weg fahren und dann in gehörigem Abstand einen nach dem anderen wieder aus dem Zug werfen, damit sie als Ganzes kein Unheil anrichten können.“ Genau das ist nach dem Krieg auch geschehen. Sein Marienfeld und seine Marienfelder gibt es nicht mehr. Mein Großvater war Analphabet, er hatte Mühe seinen Namen zu schreiben.
Der Sommer 1944 war anders als alle anderen Sommer bisher. Unsere Mütter gingen nicht mehr aufs Feld arbeiten. Sie standen nur noch auf der Straße und stellten immer die gleiche Frage: „Was tun? Fliehen oder bleiben?“ Die Rumänen haben „umgeschlagen“; sie haben dem Reich die Gefolgschaft gekündigt. Die Regierung war entmachtet; angeblich kommen jetzt die Kommunisten, und das Schlimmste: es kommen die Russen. Diese schneiden den Frauen die Brüste ab und nehmen ihnen die Kinder weg.
Die Mokrinerstraße war zur weltpolitisch wichtigen Straße geworden. Plötzlich war die Grenze zu Jugoslawien geöffnet und deutsche Soldaten fuhren über diese Grenze Richtung Westen. Sie fuhren auf Motorrädern und Lastwagen und sie sahen nicht wie Sieger aus. „Sie überlassen uns also den Russen,“ sagte meine Mutter ratlos.









