Bereits in der Bibel (Hiob, 39; Offenbarung) wird die Kraft und Schnelligkeit des Pferdes als Teil der göttlichen Schöpfung und als Statussymbol für Macht und Reichtum genannt. Vor gut hundert Jahren erst wurde dieses edle Geschöpf von einem neuen Statussymbol, dem PKW, nach und nach abgelöst, auch in den wohlhabenden Ortschaften des Banats, wenngleich die Liebe der Banater Landwirte zu ihren Pferden nie erlosch.
Billed gehörte nach dem Aderlass durch die Ausreisewelle nach Amerika und die Gefallenen des Ersten Weltkriegs immer noch zu den wohlhabendsten Banater Großgemeinden. Nach der Zeit des Todes und der Not waren die Billeder, wie die meisten Banater Gemeinden auch, in der Zwischenkriegszeit endlich in der hart erarbeiteten und redlich verdienten Zeit des Brots angekommen.
Daher ist es nicht überraschend, dass Billed – dank seines Wohlstands vor hundert Jahren gleich zweimal – am 20. Mai sowie am 20. September – in der Banater Deutschen Zeitung mit den zweithöchsten Automobilzulassungen im ganzen Komitat erwähnt wurde. Lediglich der Kleinstadt Großsanktnikolaus musste Billed knapp den Vortritt lassen. Kleinstädte wie Hatzfeld, Lippa oder Detta hatte Billed aber hinter sich gelassen. Natürlich waren die meisten Fahrzeuge (mit über 300 Zulassungen) in Temeswar registriert. Die an den Autos angebrachten Tafeln gaben die stetig wachsende Ordnungszahl an und die Buchstaben „Tms“ waren das Kennzeichen für das Komitat Temesch-Torontal.
Die Ausgabe der BDZ (Banater Deutschen Zeitung) vom 20.Mai 1925 berichtete: „Vor dem Kriege sah man noch kaum 1-2 Kraftwagen, vor 10-15 Jahren war es noch wahrhaftig ein Ereignis, wenn ein Auto durch die Straßen Temeswars sauste; heute jagen nicht selten 5-6 Autos nacheinander, ein kleines Wettrennen veranstaltend und riesigen Staub aufwirbelnd, durch die Stadt.“ (Vgl. Hiob, 39. 24 „Mit Donnerbeben wirbelt es den Staub auf, steht nicht still beim Klang des Horns.“)
Vier Monate später, in der Ausgabe vom 20. September, greift die BDZ wegen des in kürzester Zeit weiter gewachsenen Autoverkehrs dieses Thema erneut auf. Allein der Untertitel: „Jeden Tag ein neuer Wagen angemeldet-Welche Gemeinde führt in der Provinz?“ lässt auf einen gesicherten Wohlstand und die fortschrittliche Einstellung in den Banater Gemeinden schließen.
„Unter den Gemeinden führt Großsanktnikolaus noch immer mit 14. Die zweite Stelle behauptet auch weiterhin Billed mit 12 Autos. An dritter Stelle folgt Lovrin mit 10.“ Weiter heißt es: „Ein Viertel Teil der letzte Zeit in Verkehr gebrachten Autos, 31 Stück, stammen aus den Detroiter Ford-Werken. Derzeit wirbeln genau 100 amerikanische Maschinen den Banater Staub auf. … Der Detroiter Autokönig überschwemmt mit seinen leichten und verhältnismäßig billigen Wagen auch Rumänien.“
Die Ford-Werke produzierten zwischen 1908 und 1927 die ersten für die Masse erschwinglichen Fahrzeuge und Ford-Autos waren mit über 15 Millionen Zulassungen die meistverkauften Automobile der Welt.
Dennoch war der Erwerb eines Automobils vor hundert Jahren noch kein alltägliches Ereignis. Wie auf dem Foto ersichtlich, posiert die Großfamilie im Sonntagsgewand, vielleicht auch mit den Nachbarn, vor einem Ford-Automobil und erhebt das Glas auf das neu erworbene Fahrzeug. Im Vordergrund, vor den Kindern, gut lesbar, die Grüße in das Land des Herstellers: „P(B)rosit nach Amerika“.
Noch 50 Jahre später fuhr in der Zeit des Realsozialismus ein Handwagen mit den für Ford typischen Rädern mit den zwölf Holzspeichen durch Billed. Von dem einstigen Stolz der Autobesitzer waren lediglich die Räder ihres Ford-Autos geblieben. Sie waren an das „Handwähnche“ montiert, mit dem die für den Export bestimmten Tomaten zur Annahmestelle gebracht wurden. Bei der Ausreise wechselte das „Wähnche“ seinen Besitzer und die Spur der letzten Ford-Teile verlor sich endgültig.
Im Zuge der Recherchen zu diesem Thema tauchten dank der Unterstützung durch Werner Gilde auch Fotos von Billeder Besitzern von Krafträdern aus jener Zeit auf. Diese dokumentieren, dass auch Billeder Frauen Gefallen an dem neuen, sportlichen, mit Motor betriebenen Zweirad hatten.
Bei genauerem Blick auf die Nummernschilder der beiden Motorräder erkennt man das Buchstabenkürzel „Tms“ wie auch bei den im Komitat zugelassenen Automobilen, sowie die Ordnungszahlen 241 und 397, was ebenfalls auf einen zunehmenden Motorradverkehr im Banat schließen lässt. Die Mobilitätswende und die Mechanisierung der Landwirtschaft waren in unseren Banater Gemeinden in den goldenen Zwanzigern unumkehrbar angekommen. Wenngleich der Stolz jedes Bauern seine Pferde blieben.
In islamischen Legenden wird erzählt: Als Gott das Pferd erschaffen hatte, sprach er zu dem prächtigen Geschöpf: „Dich habe ich gemacht ohnegleichen. Alle Schätze dieser Welt liegen zwischen deinen Augen.“ (Koran)
Auch wenn in Billed Traktoren und moderne Mähdrescher schon recht früh Einzug hielten, lagen bis zur Enteignung die Schätze und der Quell des Wohlstands zwischen den Augen ihrer edlen Pferde.










