Als das Bild zum ersten Mal veröffentlicht wurde, sorgte es für Aufsehen. Es wurde als das „erste bekannte“ oder sogar als das „einzige“ Foto von der Aushebung im Banat zur Deportation in den Bărăgan 1951 bezeichnet. Zumindest war bis damals kein solches bekannt, keines veröffentlicht. Dass man mit solchen Begriffen vorsichtig sein muss, ist bekannt. Und tatsächlich wurde in der Ausstellung zum 50. Jahrestag der Bărăgan-Deportation, kuratiert von Walther Konschitzky, Karin Graf und Joseph Krämer, ein weiteres Foto vom Abtransport der Habseligkeiten einer Familie in Königsgnad/Tirol gezeigt. Das scheint es aber dann auch schon gewesen zu sein. 45000 Menschen wurden 1951 im Banat zur Deportation ausgehoben, von Militär und Miliz eskortiert zu den Bahnhöfen im Ort gebracht, und niemand mehr sollte das festgehalten haben? Zugegeben, wer hatte schon einen Fotoapparat, wer den Mut, die Linse auf das Unrecht zu halten und auf den Auslöser zur drücken? Und die kommunistischen Repressionsorgane? Die wollten wohl keine Beweise schaffen. Auch wenn das heute, wo jeder mit seinem Mobiltelefon im Stundentakt fotografiert und Bilder ins Internet stellt, schwer verständlich ist, dass weitere Fotos von der Aushebung, dem Gang zum Bahnhof, der mehrtägigen Fahrt in den Güterwaggons, nicht veröffentlicht worden sind. Und ob noch was in den Archiven liegt – wer schaut nach? Vielleicht schlummert aber auch noch was in den Schubladen oder in vergilbten Umschlägen unserer Landsleute. Ein Foto, ein Brief, eine Notiz, wer weiß?
Das Foto, welches zuerst den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat, ist als kleiner schwarz-weißer Probeabzug vom Negativ, 58 Millimeter breit und genauso hoch, erhalten geblieben. Eigentlich waren es sogar zwei: Der Fotograf hatte zweimal hintereinander auf den Auslöser gedrückt, auf dem einen Foto ist der Bildausschnitt kleiner, weil rechts wohl ein Dachsparren das Blickfeld eingeschränkt hatte. Das Bild wurde in Triebswetter gemacht, auf dem Dachboden des Hauses mit der Nummer 3, in dem damals der Fotograf Hans Hehn mit seiner Familie lebte.
Triebswetter
Über die Aushebung in Triebswetter gibt es im „Heimatbuch der Heidegemeinde Triebswetter im Banat“ (1983) von Anton Peter Petri und Josef Wolf einen ausführlichen Bericht von Johann Thoma. Thoma war selbst deportiert, in Deutschland später Vorsitzender der Heimatortsgemeinschaft Triebswetter. Aus Triebswetter wurden 191 deutsche Familien, bestehend aus 527 Personen in den Bărăgan deportiert, ein Viertel der Ortsbevölkerung. Am Montag, dem 18. Juni, gegen drei Uhr in der Früh, drangen je zwei Soldaten und ein Milizionär in die Häuser ein, weckten mit Gebrüll die Bewohner, verlasen ein Dekret, wonach alle „Gegner der Regierung und Partei, Feinde des rumänischen Staates“ ihr Haus und Dorf verlassen und an einem „sicheren Ort“ in Gewahrsam gebracht werden müssten. Die Erwachsenen wurden gezwungen, ein Schriftstück zu unterschreiben, in dem sie sich verpflichteten, das Haus freiwillig zu verlassen und dass sie keine Gewalt gegen die Maßnahme anwenden würden. Die Personalausweise wurden ihnen abgenommen. Erst zwei Jahre später bekamen sie diese im Bărăgan wieder, versehen mit dem Stempel „domiciliu obligatoriu“ (verpflichtender Wohnsitz, Zwangsaufenthalt). Die zu deportierenden Ortsbewohner durften einen Wagen mit Hausrat, zwei Pferde, eine Kuh oder Ziege und zehn Hühner, soweit vorhanden, mitnehmen. Ein Soldat blieb zur Wache zurück. Die Sammelstelle war in der Nähe des Bahnhofs. Je zwei Familien wurden mit ihrem Hausrat und Vieh in einen Güterwaggon verfrachtet. Soweit die Angaben von Johann Thoma. Er wurde mit seiner Familie erst am 21. Juni verladen. Bis dahin mussten sich die Familien unter Bewachung der Soldaten auf dem Gelände vor dem Bahnhof aufhalten. Warmes Essen brachten die Angehörigen täglich hin. Die Fahrt in den Bărăgan dauerte zwei Tage und zwei Nächte. Im Bărăgan sind 20 Triebswetterer gestorben, davon gilt eine Person, Josef Wolf, als vermisst. Soweit die Angaben aus dem Heimatbuch. Der langjährige Vorsitzende der HOG Triebswetter Dr. med. vet. Walter Wolf kann sich noch sehr gut an das Haus erinnern, in dem der Fotograf Hans Hehn mit seiner Familie lebte. Walter Wolf war damals ein Kind, wurde ebenfalls in den Bărăgan deportiert. Auch 75 Jahre später sind die Erinnerungen an diese Zeit bei ihm noch sehr lebendig. Er lebte mit seiner Familie und vielen anderen Triebswetterern in Giurgenii Noi, dem späteren Răchitoasa. In der Schule wurden sie bis zur vierten Klasse in Deutsch untererrichtet, jeweils die Klassen eins und drei sowie zwei und vier gemeinsam. Die Lehrer waren Hilfslehrer, hatten Abitur. Eine Lehrerin stammte aus Triebswetter und ein Lehrer aus Marienfeld, der mit einer aus Triebswetter verheiratet war, erzählt er. Als der „Neue Weg“ mit der Todesnachricht von Josef Stalin auf Seite eins in ihrem Dorf im Bărăgan ausgeliefert wurde, hätten die Alten gesagt: „Jetzt geht es bald heim.“ Sie sollten Recht behalten. Nicht mehr heimgekehrt ist jedoch Josef Wolf, nicht verwandt mit Walter Wolf. Er wurde im Bărăgan von der Securitate zum Verhör mitgenommen und blieb verschwunden, sein Schicksal bis heute ungeklärt. Seine Frau verlor den Mann, drei Söhne den Vater, seine Mutter ihr Kind.
Elisabeth Hehn
Eine der treuesten Besucherinnen der monatlichen Vortragsreihe im Kultur- und Dokumentationszentrum der Landsmannschaft der Banater Schwaben im zweiten Stock der Ulmer Donaubastion, Eingang Innenhof, war Ende der 1990er Jahre Elisabeth Hehn. Sie wurde in Lovrin geboren, hatte Triebswetter Wurzeln und lebte lange Jahre in Großsanktnikolaus. Sie war dreifache Mutter und die Ehefrau des Fotografen Hans Hehn. Wobei es nicht vermessen ist zu sagen, dass sie mehr als „nur“ die Ehefrau des Fotografen war. Sie legte letzte Hand an, wenn es um das Arrangieren abzulichtender Personen oder Paare ging, strich eine Haarsträhne aus oder auch mal ins Gesicht, komponierte, drapierte, erkannte und kommunizierte sehr schnell, was gut oder nicht so gut aussehen würde. Keine Frage, auch sie hatte den fotografischen Blick verinnerlicht, fokussiert auf den festzuhaltenden Bildausschnitt. Ihre Anordnungen tat sie so klar und deutlich kund, dass nicht einmal der Anflug einer Widerrede aufkam. Das galt auch für die Oberen jener Zeit. Den damaligen Sekretär der Rumänischen Kommunistischen Partei im Volksrat Großsanktnikolaus und Vizebürgermeister Anton Schütz scheuchte sie für das Kirchweihfoto auf den Treppen vor dem Volksratsgebäude schon mal eine Stufe höher: „Eine treaptă rauf Herr Schütz, sie sind neben den großen Kirchweihbuben zu klein!“ Ein leichtes Lächeln um die Mundwinkel, sie war sich der Doppeldeutung ihrer spontanen Aussage bewusst, und dann weiter geschäftiges Anordnen, bis alles passte. Hans Hehn und seine Frau waren in vielen Gemeinden unterwegs, zeitweilig in einem großen Opel, ein Fahrzeug aus einer anderen Welt. Er fotografierte Trachtenfeste, Familienfeiern, Kirchenfeste, Kirchweihen. Manche Bilder wurden von seiner Frau koloriert, sie hatte Talent und Geschmack, die Schwaben bekamen die ersten „Farbbilder“. Billig waren sie nicht und gelegentlich missbilligte jemand die seiner Meinung nach zu hohe Anzahl der Abzüge. Heute wären manche froh, wenn sie mehr davon hätten, oder auch nicht, denn so mancher hat auch „abgeschlossen“.
Hans Hehn hat sich in diesen und anderen Fragen zurückgehalten. Zwei Kameras umgehängt, ein großes Blitzlicht, immer hellwach und voll konzentriert für den einen Moment mit dem Druck auf den Auslöser, so habe ich ihn beim Fotografieren erlebt. Spätestens seit seine Tochter Annemarie Podlipny-Hehn 2009 den 52 Seiten starken Katalog „Foto Hehn“ zur Fotoausstellung „Banat im Wandel der Zeiten“ herausgegeben hat, weiß man, dass Hans Hehn weit mehr war als ein Chronist der Feste und Feiern. Er beherrschte das Wechselspiel von Licht und Schatten, rückte die abgebildeten Personen stets ins „rechte Licht“, baute kleine Details ein, die die Bilder Geschichten erzählen lassen – auch heute noch.
Hans Hehn
Hans Hehn wurde 1908 in Billed als Sohn eines Schneidermeisters geboren. Wie seine beiden Brüder erlernte er ebenfalls dieses Handwerk. Sie expandierten, einer blieb in Billed, der andere baute ein Geschäft in Perjamosch auf, Hans Hehn in Lovrin. Hier heiratete er Elisabeth, geborene Wiewe. Sie hatten drei Mädchen, Annemarie, Ilse und Gerlinde, die alle drei künstlerische Berufe erlernten oder sich künstlerisch betätigten. Neben dem Handwerk und Geschäft in Lovrin begann Hans Hehn, sich auf dem Gebiet der Fotografie und des Filmens fortzubilden, es sollte sein Hauptberuf werden. Die Flucht 1944 erlebte die Familie wie viele andere auch, von der Enteignung waren sie ebenfalls betroffen. Nach der Rückkehr von der Flucht war das Haus besetzt, sie zogen nach Triebswetter und danach nach Großsanktnikolaus, wo sie am Rande des Stadtzentrums, am Eingang zur Deutschgemeinde ein Haus erwarben. Ein großer Nussbaum und ein prächtiger Blumengarten sind mir noch in guter Erinnerung. Das Haus fiel der Systematisierung zum Opfer, an seiner Stelle steht heute ein an sozialistische Zeiten erinnernder Wohnblock. Hans Hehn starb 1978 in Großsanktnikolaus, beerdigt wurde er in Lovrin, wo er seine Familie gegründet hatte.
Großsanktnikolaus – Ulm
Die Jahre in Großsanktnikolaus waren Thema vieler angeregter Gespräche, die Elisabeth Hehn mit mir nach den Vorträgen in der Bibliothek des Banater Kulturzentrums führte. Nicht über Gott und die Welt, sondern über den und jenen, mit denen sie und ihr Mann im Leben zu tun hatten. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie manches einfach nur vertrauensvoll weitergeben wollte. Sie korrigierte gelegentlich, sprach viel über die Reisen durch die schwäbischen Dörfer des Banats und das Fotografieren mit ihrem Mann. Wie zur Bestätigung ihrer Aussagen griff sie dann in ihre Handtasche, holte einige Bilder heraus und konnte zu jedem etwas sagen. „Das war in Orzydorf, da in Jahrmarkt, hier waren wir in Sackelhausen, das ist Mercydorf, die Tracht hier ist von Guttenbrunn, da waren wir in Königshof, in Marienfeld, in Bogarosch.“ Und dazwischen immer wieder Bilder von Großsanktnikolaus. Wenige Bilder waren auf der Rückseite beschriftet, auf manchen befand sich der Stempelaufdruck: „HEHN IOAN, FOTOGRAF, Sannicolaul-Mare“ und zu anderen gab es nur die mündliche Auskunft oder schon manche Fragezeichen dahinter. Manchmal steckte sie mir einige zu, von Großsanktnikolaus, meistens sagte sie aber: „Die kriegst du das nächste Mal, du kommst doch noch mal.“ Und noch ein Satz ist mir hängen geblieben: „Die Bilder sind in einem Koffer unter meinem Bett und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, öffne ich ihn, und dann bin ich daheim.“ Daheim in den Erinnerungen. Irgendwann waren die Vorträge nach den Vorträgen, also die Gespräche und Bilder von Elisabeth Hehn, interessanter als die Vorträge davor. An einem Abend zog sie das eingangs erwähnte Bild von der Bărăgan-Deportation in Triebswetter hervor: „Das hat Hans vom Dachboden aus gemacht“, sagte sie. „Er hat vorsichtig einen Dachziegel weggeschoben und fotografiert, wir wohnten gegenüber vom Bahnhof.“ Gut erkennt man darauf die Pferdefuhrwerke mit den Habseligkeiten der zu Deportierenden, eine schwäbische Frau und einen am Gartenzaun lehnenden Soldaten im Vordergrund. Er steht mit dem Rücken zum Fotografen, das Bajonett am Gewehr ist aufgepflanzt. Im Hintergrund sind die Bahnschranke und weitere Fuhrwerke zu sehen. Als ich das Bild zum ersten Mal in den Händen hielt, war mir dessen Bedeutung sofort bewusst, aber natürlich auch Frau Hehn. „Das kriegst Du noch nicht“, sagte sie nur, „du kommst ja noch mal.“ Ein halbes Jahr und etliche Vorträge später war es dann so weit. Sie drückte es mir in die Hand und aus dem Koffer der Erinnerungen fand das Bild den Weg in die Öffentlichkeit. Es wurde mehrmals veröffentlicht, in Zeitungen und in Büchern, deutschen, rumänischen und serbischen, immer frei, und stets mit der Nennung des Fotografen, manchmal auch mit der Entstehungsgeschichte des Bildes. Wie das Bild an die Öffentlichkeit gekommen ist, liegt nun auch vor. Danke Hans Hehn für das Foto und Elisabeth Hehn für das Aufbewahren und das Weitergeben, damit es im Gedächtnis aller Deportierter und deren Nachkommen sowie im jenem unserer Gemeinschaft bleiben konnte.











