Am 15. September 1944 machte sich ein Flüchtlingskonvoi von ca. 80 Pferdewägen mit deutschen Familien aus Semlak (hauptsächlich „Beriner“) auf den Weg nach Westen. Mit dabei waren auch die Großeltern von Josef Szarvas, Josef und Maria Schäffer, und seine Mutter Eva Szarvas, geb. Schäffer. Die Erlebnisse auf diesem abenteuerlichen Fluchtweg wurden von Georg Schmidt, ergänzt mit Zeitzeugenberichten, niedergeschrieben. Auf der Grundlage dieser Schilderungen rekonstruierte Josef Szarvas den Fluchtweg seiner Familie und fuhr ihn mit dem Fahrrad im Juli 2024 – ausgehend von Semlak – mit seinem Freund Bernhard Wascher quer durch Ungarn bis Wiener Neustadt nach. Darüber erschien in der Banater Post Nr. 5-6 vom 15. März 2025 ein Bericht. Den letzten Teil der Route von der Wiener Neustadt bis Neuhofen/ Ybbs legte er im Oktober 2025 zurück.
Das Finale beginnt am 8. Oktober 2025
Den österreichischen Teil des Fluchtwegs – von Wiener Neustadt bis Neuhofen/Ybbs – wollten wir im Oktober 2024 nachfahren. Leider mussten wir diesen Plan verschieben, denn im Oktober 2024 waren große Teile Niederösterreichs von einem Jahrhunderthochwasser überschwemmt.
Am 8. Oktober 2025 setzten Bernhard und ich uns in Wiener Neustadt wieder auf unsere Fahrräder und starteten endlich zum Finale von „Opas Fluchtroute 1944“. Wir gelangten nach wenigen Kilometern ins Triestingtal und radelten über Leobersdorf und Berndorf weiter ins Gölsental bis St. Veit an der Gölsen. Die Unterkunftssuche gestaltete sich kompliziert und wir landeten nach 84 km in einem gemütlichen Dorfgasthof in Schwarzenbach – abseits unserer Route. Das entpuppte sich aber als Glücksfall, wir blieben nämlich auch am 9. Oktober da, weil es den ganzen Tag regnete. Und die Wirtin versorgte uns sogar mit Essen, obwohl der Gasthof geschlossen hatte.
Vorerst Endstation: Barackenlager Krems
Am 10. Oktober starteten wir voller Tatendrang bei heiterem Himmel Richtung Norden. Unser Ziel war Krems an der Donau.
Über den Triesting-Gölsental-Radweg kamen wir bald auf den herrlichen Traisental-Radweg, der uns entlang der Traisen bis nach St. Pölten führte. Auf dem Fladnitztal-Radweg radelten wir dann weiter Richtung Donau, vorbei am malerischen Benediktinerstift Göttweig, und erreichten schließlich die St. Pöltener Brücke, über die wir über die Donau nach Krems wechselten.
Hier in Krems war für den Flüchtlingskonvoi Ende Oktober 1944 vorerst Endstation gewesen – in einem Barackenlager für Flüchtlinge. Martin Wagner, ein Mann aus Semlak, arbeitete damals in Amstetten bei der Eisenbahn. Er brachte es zustande, dass der gesamte Flüchtlingskonvoi von Krems nach Amstetten weiterfahren konnte. Gegen eine Fortsetzung der Flucht nach Deutschland wehrten sich die Leute, weil das Wetter schlecht und die Pferde übermüdet waren.
Bernhard und ich hielten uns in Krems auch nicht auf, sondern radelten sofort auf dem schönen nördlichen Donauradweg Richtung Spitz an der Donau, vorbei an Dürnstein mit seiner sagenumwobenen Ruine der Burg der Kuenringer Ritter. Hier war der englische König Richard Löwenherz auf seinem Rückweg von den Kreuzzügen 1192/93 für vier Monate inhaftiert. Nach 75 km war für uns Schluss für diesen Tag und wir landeten in Spitz im gemütlichen Gasthaus Prankl.
Auf dem Hauptplatz im Amstetten
Am 11. Oktober starten wir nach einem leckeren Frühstück bei bewölktem Himmel, aber milden 16°, und wollten noch am gleichen Tag den Zielort Neuhofen/Ybbs erreichen. Wieder radelten wir entlang der „schönen blauen Donau“ in einer Landschaft in wunderschönen Herbstfarben, vorbei an Willendorf (bekannt durch die „Venus von Willendorf“, der älteste archäologische Fund in Österreich) und vorbei an der Burgruine Aggstein. Nach einigen weiteren Kilometern tauchte auch das ebenso mächtige wie schöne Stift Melk auf. Hier wirken die Benediktinermönche seit 1089 in ununterbrochener Tradition.
Bei Pöchlarn wechselten wir wieder auf die Südseite der Donau und näherten uns rasch Amstetten, wo wir auf dem schönen Hauptplatz eine Pause einlegten. Auf diesem Platz hatten Ende Oktober 1944 die geflüchteten Menschen aus Semlak campiert. Und von hier konnten sich die Bauernhöfe Familien aus diesem Konvoi aussuchen und auf ihre Höfe mitnehmen. Die geflüchteten Semlaker waren ja praktisch alle Bauersleute und konnten den einheimischen Bauern zum Teil noch bei der Ernte helfen, die wehrfähigen Männer waren ja an der Front.
Von Amstetten radelten wir dann ohne weitere Unterbrechung an unser Tagesziel und erreichten nach 74 km Neuhofen an der Ybbs.
Endstation: ein Bauernhof in Pfosendorf
Unser endgültiges Ziel auf „Opas Fluchtroute 1944“ war ein Bauernhof in Pfosendorf bei Neuhofen an der Ybbs. Hier waren meine Großeltern und meine Mutter im Oktober 1944 gelandet.
Meine Großmutter und meine Mutter lebten bis zum Ende des 2. Weltkriegs auf diesem Bauernhof. Mein Großvater wurde im Jänner 1945 von der deutschen Armee in den Kriegsdienst eingezogen – obwohl er eigentlich rumänischer Staatsbürger war und Rumänien am 23. August 1944 das Militärbündnis mit Hitler-Deutschland beendet hatte.
Ich wusste lange nicht, wie ich mit diesem Bauernhof Kontakt aufnehmen könnte. Aber während der gesamten Tour, beginnend in Rumänien und quer durch Ungarn, passierten Dinge oft rein zufällig! Diese Zufälle beeinflussten die Weiterführung und auch das Finale der Fluchtroute immer wieder positiv und sorgten letztendlich für einen erfolgreichen Schluss am „Wagnerhof“.
Wie kam es dazu? Bei unserem letzten Frühstück im ungarischen Hegykö im Juli 2024 saßen Bernhard und ich schon im Radtrikot beim Frühstück, als ein Mann an unseren Tisch kam und sich neugierig nach unserer Route erkundigte. Ich erzählte ihm von unserem Projekt und auch von unserem Ziel, dem Bauernhof in Pfosendorf. Er war überrascht und erklärte uns, dass er dort in der Nähe zu Hause wäre. Den Bauernhof kenne er nicht, aber ganz in der Nähe gäbe es eine Firma „Gewölbebau Wagner“. Ich notierte mir diesen Namen und telefonierte einige Monate später mit dem jungen Chef dieser Firma. Und tatsächlich: Er kannte den Bauernhof und auch die Familie, ebenfalls Wagner, die den Bauernhof bewirtschaftete. Er rief mich noch am gleichen Tag zurück und gab mir die Telefonnummer von Toni Wagner jun., dem derzeitigen Besitzer des Hofes.
Somit hatte ich endlich die Möglichkeit, mit dem Bauernhof in "Pfosendorf Nr. 6" Kontakt aufzunehmen. Am 12. Oktober 2025 radelten wir also erwartungsvoll von Neuhofen in an der Ybbs Richtung Pfosendorf. Nach nur zwei Kilometern war ich endlich dort, wo meine Angehörigen auf der Flucht vor der russischen Armee Ende Oktober 1944 gelandet waren – dem „Wagnerhof“ in Pfosendorf!
Bernhard und ich wurden von Toni Wagner jun. (51), mit dem ich bereits telefoniert hatte, und seinem Vater Toni Wagner sen. (74) empfangen. Nach einem sehr informativen Gespräch stellte sich aber heraus, dass Vater und Sohn Wagner keine Ahnung hatten, was sich im Krieg und danach am Hof so abgespielt hatte. Und sie hatten auch eine plausible Erklärung dafür: Über den Krieg wurde in der Familie nicht gesprochen!
Das war übrigens auch in meiner Familie so gewesen. Und mein Bruder Konrad und ich hatten auch nie nachgehakt, und z.B. unseren Großvater gefragt, warum er nach dem Krieg nicht nach Semlak zurückgekehrt ist. Schließlich hatte er doch bei der Flucht seine Landwirtschaft zurückgelassen. Die Fragen stellten sich bei mir erst ein, als sowohl meine Großeltern als auch meine Eltern verstorben waren.
Toni Wagner jun. hatte aber noch eine Idee: Am Hof gab es jede Menge Schwarzweißfotos. Diese schauten wir gemeinsam durch – in der Hoffnung, vielleicht ein Foto mit meiner Familie zu finden. Leider war auch dieser Versuch nicht erfolgreich.
Der einzige tatsächliche Beweis – den ich noch immer habe – ist ein Lebenslauf, den ich mit ca. 16 Jahren für meinen Großvater auf der Schreibmaschine getippt hatte. In diesem Lebenslauf erzählt mein Großvater u.a., dass er mit unserer Oma und unserer Mutter am Ende der langen Flucht ab 1. November 1944 auf dem Bauernhof „Pfosendorf Nr. 6“ gewohnt hat.
Ich hatte also mein Ziel erreicht: Ich war die gesamte Fluchtroute meiner Großeltern und meiner Mutter mit dem Rad nachgefahren. Ich hatte in Ungarn, in Németker und in Pusztavám, Spuren deutscher Bevölkerung angetroffen. In Pusztavám habe ich sogar die Erfahrung gemacht, dass die Vertretung der deutschen Bevölkerung federführend für das Kindergarten- und Schulwesen im Ort verantwortlich ist – und das im heutigen Ungarn. Wir sind in Österreich durch herrliche Täler gefahren, das. Triesting-, Gölsen-, Traisen-, Fladnitz- und Ybbstal, und auch auf dem schönen Donauradweg. Am Ende der Reise sind wir am „Wagnerhof“ in Pfosendorf, wo meine Familie einige Monate gelebt hat, von Toni Wagner sen. u. jun. empfangen worden.
Nach dem Besuch am „Wagnerhof“ radelten wir über das Nachbardorf Hausmening nach Amstetten. In Hausmening hatte mein Zeitzeuge Gottschick Andres-Bácsi als Dreizehnjähriger mit seiner Familie ebenfalls auf einem Bauernhof gelebt. Zufrieden darüber, dass ich mein Vorhaben durchführen konnte, traten wir von Amstetten mit dem Zug die Heimreise an.










