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Rebellieren mit Worten, Jeans und Haaren – Johann Lippet zum 75. Geburtstag

Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix 2021 anlässlich des 70. Geburtstags von Johann Lippet Fotos: Archiv Luzian Geier

Der 1984 im Kriterion Verlag Bukarest erschienene Lyrikband „so wars im mai so ist es“, 1984

1983 erhielt Johann Lippet den „Adam-Müller-Guttenbrunn Literaturpreis“ für Lyrik

Gleichzeitigkeit
Dort, sage ich, obwohl der Ort, den ich meine,
hinter dem Horizont liegt, was rede ich da,
hinter Horizonten, mehr als eine Tagesreise weit,
ja, ich weiß, heutzutage heißt das nichts mehr,
und ich muß gestehen, daß für mich die Entfernung
auch schon längst kein Problem mehr ist, den Ort
kann ich mir wann immer herholen von dort,
auf dem inneren Auge, der Zunge, in der Nase,
und ich kann mein Herz hören, wie es für ihn schlägt,
zudem sind gleichzeitig im inneren Auge jederzeit
abrufbar die Toten, mit ihnen kann ich wohl nicht reden,
sie aber mit mir, in der mir vertrauten Art,
ihrer Redensart.

Johann Lippet: Beziehungsweis(e)n, S. 53, Pop Verlag 2021

 

Gedanken und Fäden der Erinnerung

Zum Eintritt ins 75. Lebensjahr wollen wir Johann Lippet vorneweg einen alten banatschwäbischen Wunsch entgegenbringen: „Ein gutes neues Jahr, ein besseres als das Alte war!“ Und einen weiteren Wunsch dazu für viel Schaffenskraft in einer Zeit, in der vieles „allmählich“ belastend wird und „Phantome der Erinnerung“ immer öfter auftauchen: „bleibe bei mir zuversicht“, Zitat aus seinem Gedicht „es ist sommer“. 

Heute sind sich Literaturkritiker weitgehend einig, dass Lippet nicht nur die Banater, sondern die rumäniendeutsche und die Literatur Rumäniens mit einem „herausragenden Werk“ bereichert hat. Noch mehr – es wird festgestellt, dass sein Frühwerk vielfach verkannt wurde, was nur zum Teil stimmt, wenn wir die Fäden der Erinnerung aufzeigen. Als der Schriftstellerverband Rumäniens die Literaturpreise für 1980 vergab (Bekanntgabe 1981), zählten sechs Banater Autoren dazu, die wichtigen Preise gingen an Richard Wagner und Johann Lippet. Unabhängig davon verlieh der Temeswarer Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis durch die Stimmen von rund 100 stimmberechtigten Stifter in kurzer Zeit (1981 und 1983) zweimal Preise an Lippet, für seine Lyrik und dann für seine frühe Prosa, die höchste Anerkennung, die seine Landsleute damals bieten konnten. Seine Dankesrede wurde in der Neuen Banater Zeitung veröffentlicht, u.a. mit dem bis heute gültigen Hinweis auf die für Schriftsteller einer Minderheit wichtige Solidarität der Gemeinschaft. Publiziert wurden in der gleichen Ausgabe die für jene Zeit mutige Laudatio des Schriftstellerkollegen William Totok, wie auch die kritische Dankesrede des Banater Poeten Rolf Bossert (1952-1986), damals ebenfalls mit einem Literaturpreis geehrt. (Siehe NBZ-Kulturbote vom 3. Juli 1983)

Daher war zu begrüßen, dass der Pop Verlag (Ludwigsburg) in der Zeitschrift Matrix Nr. 1/2021 der Leserschaft in Deutschland eine Auswahl der frühen Dichtungen Lippets („biographie. ein muster“ mit Pressestimmen der Zeit, und ein Dutzend Gedichte, Auswahl Horst Samson) veröffentlicht hat. Im gleichen Jahr erschien im Pop Verlag der umfangreiche Band „Beziehungsweise(n). Gedichte & Geschichten“ (183 S., ISBN 978-3-86356-307-3). 

Den ersten Teil (Gedichte) stellt Lippet darin unter den Titel „Redensarten“, der erste Zyklus mit rund 30 Texten trägt die Überschrift „Lichtblicke, Schattenblicke“, der zweite, der mit „Düstere Aussicht“ beendet wird, steht unter „eine Frage der Vergangenheitsbewältigung“. Den Hauptteil dieser jüngsten Buchveröffentlichung des Autors aus dem Heidedorf Wiseschdia nehmen „Geschichten in Kurzfassung“ (so nennt sie der Autor) ein. 

Darin begegnet uns Lippet so, wie wir ihn kennen und wie er selbst im Klappentext erklärt: „Ich kehre immer wieder zurück. Wie der Täter an den Tatort…“. Dabei sind die Texte, wie man ihm früh bestätigt hat, weit mehr als nur ein „literarisches Chronistengedächtnis“ (Gerhard Csejka 1980) seiner Gemeinschaft, der er sich eng verbunden fühlt, was seine Betroffenheit, die Berührtheit mit den Gestalten, mit den Menschen aufzeigen. Es ging Lippet schon immer um mehr als aufgeschriebene Geschichten, Erinnerungen oder „Beziehungsweise(n)“. Er blieb auch in diesem Buch seinem literarischen und menschlichen Credo, seinem politisch-sozialen Engagement treu. Rebellion stand von Anfang in den Worten, in den äußeren Zeichen, den Bluejeans und den langen Haaren. Ein Stück Freiheit in Wort und Haltung schuf sich der Autor, denn bei dem Schriftsteller und Dichter Lippet zählten für die Leser auch das Außerliterarische, sein „lauterer Charakter“ (so eine ehemalige Hochschullehrerin, die damals in Temeswar seine Diplomarbeit betreut hat), das Geradlinige, seine Menschennähe und – was für einen Literaturbetrieb nicht von Vorteil ist – seine Bescheidenheit.

„Ging immer seinen Weg“

Ende des Jahres 2019 erschien ein Band Autorenportraits, Essays und Rezensionen unter dem Titel „Über deutsche Dichter, Schriftsteller und Intellektuelle aus Rumänien“ von Anton Sterbling (ISBN 978-3-86356-251-9, Pop Verlag Ludwigsburg, 216  S., 16,50 Euro). Darin stellt der Autor mit Johann Lippet noch Richard Wagner, Herta Müller, Paul Schuster, Ilse Hehn, Horst Samson, Hellmut Seiler und Werner Kremm vor. Der emeritierte Prof. Dr. Sterbling ist einer der besten, intimen Kenner von Leben und Werk Lippets. Daher sei hier ein Kernzitat aus dem Buch ausgewählt: „Johann Lippet ging immer seinen Weg, seinen eigenen Weg, und er ging diesen nicht immer einfachen Weg mitunter sehr eigenwillig, aber stets konsequent, intellektuell redlich und sehr offen…“ Es ist eine wichtige Einschätzung zu Werk und Person des Schriftstellers Lippet und stammt von einem Mitbegründer der damals jungen Banater Autorengruppe, die sich aus der Lyzeumszeit in Großsanktnikolaus kannte.
Johann Lippet wurde am 12. Januar 1951 in Wels in Österreich geboren, zu verorten ist er jedoch in der kleinen Gemeinde Wiseschdia. Aus diesem Ort mit knapp 700 Einwohnern im Jahr 1940 – Deutsche bis auf vier Rumänen, 1947 war das neue Verhältnis 540 zu 276 – stammte die Familie Lippet. Fünf Jahre nach der Geburt des Sohnes kehrte sie ins Dorf der Vorfahren zurück. 

Dieses Ereignis war ein entscheidendes für das Leben und das spätere literarische Werk. Denn obwohl Lippet die meisten Jahre seines Lebens als Erwachsener in Temeswar verbrachte – vom Studium bis zur Ausreise nach Deutschland 1987 – prägte die kleine Gemeinschaft ihn und sein Werk wesentlich. Das begann mit „biographie. ein muster“ (Gedicht/e aus 1977, Kriterion Verlag Bukarest 1980, Reihe kriterion hefte). Die literarische Biographie stand am Anfang der Buchveröffentlichungen des jungen Autors, der als Lyzeaner in Großsanktnikolaus und anschließend in Temeswar Germanistik-Student war. Ab 1969 erschienen erste Gedichte in Zeitungen und danach in Anthologien (Temeswar 1972 und 1979, Klausenburg 1976). Für das breit angelegte Langgedicht erhielt Lippet im selben Jahr den Debütpreis des rumänischen Schriftstellerverbandes. Das Poem kündigte den langen Atem an für die bald folgenden größeren Erzählungen, Geschichten und Romane, ein Verzeichnis der Buchveröffentlichungen ist im Anhang des oben erwähnten Buches „Beziehungsweise(n)“ publiziert. Die Liste zeigt den Weg des Schriftstellers von Geschichten und Erzählungen aus dem Banat – darunter das schmale Buch über die Geschichte seiner Akte, die der damalige rumänische Geheimdienst für ihn angelegt hatte, ein Bändchen über die Bespitzelungen durch die „Securitate“ –, zum Autor von einem halben Dutzend Romanen. Alle fußen auf gründlicher, akribischer Kontext-Recherche der Fakten, die Rumäniendeutschen allgemein betreffend. So beispielsweise die Romane „Die Tür zur hinteren Küche“ (2000) und „Das Feld räumen“ (2005), die als „plastisches Panorama“ gelten für die Endzeit der Gemeinschaft der Deutschen in Rumänien und als literarische Aufarbeitung dieses Exodus. „Die Zeit“ schrieb dazu: „Hier ist jemand ebenso unaufdringlich wie konzentriert an der Arbeit. Der Arbeit des Sich-Erinnerns, -Festhaltens, der Suche nach verlorener Zeit, verlorenem Land.“ Beide Bücher wurden ins Ungarische übersetzt und 2016 in Budapest veröffentlicht.

Was den Schriftsteller und Dichter Lippet im Unterschied zu einigen Autoren der damals (1972) neun Gründer der später sogenannten Banater Aktionsgruppe kennzeichnet, ist die bekennende Nähe zu seinem Dorf, ebenso die Verbundenheit zum ländlichen Mikrokosmos, zur kleinen Welt, zu deren Wandel und ihrem Untergang.

Dorfchronik – ein Roman

Besonderen literarischen Stellenwert im bisherigen Schaffen nimmt meines Erachtens das Buch „Dorfchronik, ein Roman“ ein, so die Titeldefinition des Autors (2010, ISBN 13-978-3-937139-99-9). Es ist ein wichtiges Werk für die Banatdeutschen und ihre Literatur, mit vielen Parallelen zum Kriegs- und Nachkriegsgeschehen in dem geographischen Raum, die nachhaltig auf das Schicksal der Deutschen in Rumänien wirkten. Es ist ein eigenwilliges, eigenartiges literarisch-dokumentarisches Werk, ein Pseudo-Roman, aber auch eine unechte, ungewöhnliche Dorfchronik trotz Tatsachenhintergrund und schicksalhafter Zusammenhänge in den einzelnen Geschichten. Das umfangreiche Fresko (790 Seiten) umfasst einen Prolog und einen Epilog, zwischen denen anhand von 179 Dorf- bzw. Familien(Haus)geschichten das Leben einer kleinen, früher weitgehend geschlossenen und in sich verwobenen banatschwäbischen Gemeinschaft literarisch präsentiert, man könnte sagen dokumentiert wird. 
Als Leser hat man den Eindruck, dass der Schreiber vieles in dem Mikrokosmos als selbstverständlich ansieht, er schimpft nicht und verurteilt nicht, wird nicht boshaft. Man weiß nie, wo und was Fiktion und was subjektive Lebensgeschichte bzw. Wirklichkeit ist (war). Fiktion ist ihm wichtig, aber kein vordergründiges Mittel für den Zeit- und Handlungsrahmen. Dieses Buch zählt zu den Banater Literatur-Veröffentlichen, die detailfreudig festgehalten haben, was an Erinnerungen über diesen historischen Raum und seine Menschen bleibend in die Zukunft getragen werden soll. 

Der Erzähler legt ein schöngeistiges Zeugnis ab, er verarbeitet eigene Erfahrungen sowie Freuden, Hoffnungen, Nöte und Ängste seiner Protagonisten. Lippet wird eingehen als „Treuhänder dieses Verlustes“ (so der Literaturkritiker Peter Motzan). Seine Genauigkeit – er hat viel minutiös festgehalten, was schon längst vergessen ist – erhöht die Glaubwürdigkeit und die Suggestivität der Sprache.

„Beziehungsweise(n)“

Johann Lippet studierte von 1970 bis 1974 Germanistik und Rumänistik an der Temeswarer Universität, Jahre, in denen er als Mitbegründer der jungen Autoren-Gruppe politisierter und opponierender Studenten immer zum engsten Kern gehörte. Über seine Zeit (1977-1984) im Temeswarer deutschen Literaturkreis „Adam Müller-Guttenbrunn“ erschien 2012 aus seiner Feder eine längere Fortsetzungsfolge Streiflichter unter dem Titel „Wir werden wie im Märchen sterben“ in der Temeswarer „Banater Zeitung“ (Beilage der ADZ Bukarest). 

Nach dem Studium blieb Lippet in Temeswar als Deutschlehrer, dann ab 1978 Dramaturg am deutschen Staatstheater der Stadt. Nach der Ausreise mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland 1987 war Lippet in Mannheim (Theater) und Heidelberg tätig, seit 1998 freischaffender Schriftsteller und Übersetzer. 

Im Gesamtwerk des Literaten blieben das Banat und das Schicksal seiner Menschen bis zum jüngsten Buch „Beziehungsweise(n)“ ein Leitthema. In Temeswar ist 2016 ein nicht wertender Lexikon-Beitrag im großen Nachschlagewerk Enciclopedia Banatului (Band Literatur, Verlag David Press, S. 376-378) rumänisch erschienen, mit Daten zum Werk bis 2007, verfasst von der Germanistin Prof. em. Dr. Roxana Nubert. Zurzeit liegt eine zweite Auflage vor.