Das gewaltige Ansiedlungsprojekt des Banats gründete einerseits auf den Auswirkungen des 30jährigen Religionskriegs (Hegemonie im Heiligen Römischen Reich) und den weiteren Folgekonflikten im 17. Jahrhundert. Kriegsnot, „Fronpein“ und Bettelarmut erhöhten die Bereitschaft der Menschen, ihre Heimat zu verlassen und woanders ein besseres Leben zu suchen. In dieser Situation traf viele der Wiener „Einrichtungsbefehl“ von 28. Juni 1719, wonach das frisch eroberte „verwahrloste“ Banat „zu populieren“ (d.h zu besiedeln) sei, mit dem Ziel, Landwirtschaft, Manufakturen, Bergwerke und Handel in die Region zu bringen. Die Besiedlung erfolgte größtenteils über die geordneten drei „Schwabenzüge“ ab 1722. Der zweite Schwabenzug 1763-1772 brachte die meisten Ansiedler und führte u.a. auch zur Gründung von Marienfeld.
Allerdings übersah die kaiserliche Verwaltung von Anbeginn, dass sich das sumpfige Banat für Besiedlung und Bewirtschaftung nur bedingt eignete: Es galt, zuerst das Zuviel an Wasser abzuleiten, das Land trockenzulegen und erst dann zu besiedeln. Wechselnde Kaiser in Wien missachteten weitgehend das Gebot des Entsumpfens, warben arglose Siedler in der Ferne an und verbrachten sie ins Banat, wo sie als Neukolonisten bei ihrem jahrelangen Kampf mit dem Wasser erkrankten und massenweise an Malaria und Fleckfieber (Typhus) in der halbwilden, feuchten, warmen und ungewohnten Lebensumgebung starben. Die Gesundheitslage verbesserte sich erst allmählich durch Trockenlegen der Sümpfe und die Kanal-Bauten, aber es dauerte sehr lange, bis der Überschuss an Wasser entfernt und das verbliebene nutzbringend und gesund zu beherrschen war, wie hier am Beispiel von Marienfeld aufgezeigt werden soll.
Fließende und stehende Gewässer
Das Banat ist von drei Seiten von den Flüssen Marosch, Theiß und Donau umsäumt, nur eine Seite im Osten wird von den Banater Bergen begrenzt. Innerhalb des Banats wurden angesichts des sumpfigen Untergrunds schon früh Kanäle zu dessen Entwässerung, aber auch für den Transport von Gütern angelegt. Der bekannteste Kanal ist die Bega, die Temeswar durchquert, aber man kennt auch den Aranka-Kanal, der durch Marienfeld fließt und weit entfernt durch Hochpumpen in die Theiß mündet.
Die Abwasserkanäle auf den Straßen der Gemeinde Marienfeld leiten Regen- und Brauchwasser ab. Früher leiteten sie auch das aus Bassins überlaufende Wasser der artesischen Brunnen ab. Das geschah erstens in die „Hanufreetz“, die sich am nördlichen Ortsrand als stehendes Wasser in einer Bodensenke bildete. Sie diente früher der Hanfbearbeitung und ist durch einen Ableitungsgraben mit dem Aranka-Kanal verbunden. Zweitens lief das Wasser in die „Roßschwemm“, ein Teich am östlichen Ortsrand, der durch den Aushub von Lehm und Sand für den Gründerhäuserbau entstand und auch durch Grundwasser gespeist wurde. Drittens nahm auch das „Sandloch“ Wasser auf, eine Grube, die sich während der Bauzeit durch das Abgraben von Baumaterial (Lehm und Sand) formte. Alle fünf Artesibrunnen-Bassins der Mokriner Straße hatten also für ihren Wasserüberschuss ein nahes Sammelbecken. Früher gab es auch einen Abfluss direkt in den Aranka-Kanal durch Überläufe der Artesibrunnen-Bassins an der Mühle und in der Kleinhäusl-Gasse. Seit dem Versiegen der artesischen Brunnendauerläufer gibt es kein Wasser mehr in den Senken „Hanufreetz“, „Roßschwemm“ und „Sandloch“.
Eine Wasserversorgung gab es in Marienfeld bereits ab der Ortsgründung 1769-1770. Sie erfolgte zunächst mit dem harten und kalkhaltigen Grundwasser mit Zugang durch gegrabene Tiefbrunnen. Ab 1889 kamen 43 zwischen 220 und 245 m tief gebohrte artesische Brunnen (siehe Brunnenliste vom 3. Juli 2007), wobei dieses weiche Wasser in naher Umgebung durch Leitungen verteilt wurde. Das Tiefbrunnenwasser wurde jedoch weiterhin für Landwirtschaft, Hof und Garten genutzt. Ab dem Versiegen der Artesiselbstläufer Ende der 1960er Jahre wurden in der Gemeinde Brunnen gebohrt, um das Artesiwasser zu fördern und mittels Druckpumpen („Hydrophor“ - ein sensibles Pumpsystem, das im Heimatbuch beschrieben wird) und später über einen Wasserturm durch Wasserleitungen an Haushalte im Dorf verteilt. Letzteres ist nicht mehr Gegenstand des vorliegenden Beitrags.
Grundwasserbrunnen mit Brunnenschlössern
Schon immer siedelten Menschen gerne an Wasservorkommen wie Quellen, Flüssen oder Seen. Nicht so bei der Gründung Marienfelds: Da ist kein Wasser in der Nähe. Es musste (Grund-)Wasser im Boden in 3 bis 6 m Tiefe gesucht und an die Erdoberfläche befördert werden. Bei der Dorfgründung wurden sieben Brunnen in den Hauptstraßen (je zwei in den drei Längsgassen und einer in der Quergasse) gegraben und (später mittels gebrannter Ziegel) gegen Verschütten gesichert werden. Einer weiteren Sicherung bedurfte es gegen die Gefahr des Hinabstürzens von Menschen und Tieren, das geschah durch sogenannte „Brunnenschlösser“.
Um das Wasser aus der Tiefe zu schöpfen, wurden verschiedene technische Hilfsmittel eingesetzt. Bekannt sind die Schöpfeinrichtungen (die charakteristischen Ziehbrunnen) der Ungarischen Puszta. Solche Brunnen waren in Marienfeld allerdings selten. An einem aufragenden Mast ist dort der etwa waagerechte Schwingbaum mit Gegengewicht mit einem Seil oder einer Stange am Eimer befestigt und wird befüllt hochgezogen. Die Puszta-Hirten schöpften viele Eimer Wasser für ihre Herden, da ein Rind bis 50 Liter pro Tag trinkt. Diese Ziehbrunnen dienten auch zur Orientierung in der monotonen Tiefebene und zusätzlich zur diskreten (Warn-)Kommunikation zwischen den Hirten. In anderen Gegenden gibt es waagerechte Wellen mit Kurbel, die eine Kette aufrollen und an deren Ende ein befestigter und gefüllter Eimer hochgezogen wird. Das einfachste Hilfsmittel war der Ziehbrunnen: Der an einem Seil (Strick) befestigter Eimer wurde mit Wasser befüllt und händisch hochgezogen.
Dann gibt es noch den Schlagbrunnen: Ein Rohr mit Bohrungen am Umfang und darauf verlötetem Messing-Sieb wird senkrecht bis zum Grundwasserspiegel gerammt. Auf dieses Rohr wird eine einfache selbst ansaugende gusseiserne Wasserpumpe übererdig geflanscht. Durch manuelle Hebelbewegungen fördert die Pumpe zuverlässig Wasser aus bescheidener Tiefe. Solche Pumpen werden oft auf mit Betonplatten abgedeckte Tiefbrunnen montiert und sind bequemer zu bedienen als die oben beschriebenen wuchtigen alten Techniken.
Dauerläufer Artesibrunnen
Neulich sagte ein bedeutender Historiker, das Licht der Erfahrung sei die rückwärtige Bootslaterne, die die Wellen hinter uns beleuchtet. Also die Erinnerung an Vergangenes. Bei der Erinnerung an die Brunnen in Marienfeld unterstützten mich Landsleute wie Friedhelm Krisch, Helga Hegel-Kolleth und Robert Pokorny mit motivierenden Details über Jahrzehnte Zurückliegendes. Egid Göres steuerte Daten aus seinem fast fotografischen Gedächtnis bei: Wieviel Brunnen wo, mit Leitungen wohin und wann im Dorf hergestellt worden sind. Den lieben Helfern sage ich vielen herzlichen Dank für die wertvollen Hinweise.
Die nimmermüden Artesibrunnen waren im Banat eine Besonderheit in sicher über 150 Ortschaften. Das Artesi-Wasser kam mit immer annähernd gleicher Temperatur aus der Tiefe und fühlte sich im Sommer kühl und im Winter warm an. Die Brunnen übertönten nachts die Stille, denn es gab keinen Verkehrslärm damals, nicht einmal in der Ferne, vielleicht höchstens irgendwo ein Hundegebell. Es gab also eine Art Dreiklang von Geräuschen: der monotone Wasserlauf, fernes Hundegebell und die eigenen Schritte. Diese Geräuschkulisse war für mich prägend. Hätte ich mir die Umgebung meiner Kindheit aussuchen können, es wäre die Brunnenatmosphäre der Dauerläufer gewesen. Die Erinnerung taucht eben alles in helle und freundliche Farben, obwohl manches karg war. Auch die Erinnerung verändert sich, sie löscht und beschönigt nichts, aber Unangenehmes versinkt im Meer erlebter Ereignisse eines langen Lebens.
Das Versiegen der Artesibrunnen
Ein artesischer Brunnen ist ein Brunnen mit Wasservorräten unterhalb des Grundwasserspiegels und im Gegensatz zu artesischen Quellen immer künstlich, da der notwendige Kanal nach oben durch eine Bohrung gelegt werden muss. Artesische Brunnen hat es in verschiedenen Weltgegenden gegeben, etwa in Deutschland, Italien und Österreich. Benannt sind die Brunnen nach einer französischen Landschaft („Artois“), weil sie da beschrieben worden sind. Seitdem ist der Name „Artesi“ für diese Art Brunnen geläufig. In der Steiermark in Österreich gibt es Bestrebungen, die Artesidauerläufer absperrbar zu machen, um Grundwasservorräte zu sparen. Solche Ideen gab es auch in Marienfeld: Man wollte die Wasserspende des Brunnens auf die Entnahmezeit begrenzen und den Dauerlauf stoppen. Doch der menschengemachte Stopp wurde nicht umgesetzt. Aus heutiger Sicht hätte man im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sicher Wasserhähne an die Ablaufrohre montiert, um das Leben der Dauerläufer zu verlängern.
Voraussetzung für einen artesischen Brunnen ist „gespanntes“, also unter Druck stehendes Wasser in einer Landschaftssenke, was auf die Lage Marienfelds sicher zutrifft. Das heißt, eine wasserundurchlässige Gesteinsschicht dichtet unter Druck stehendes Wasser darunter ab. Wird die Gesteinsschicht durchbohrt, steigt das Wasser auf. Ist die Wasserentnahme aber in gleichem Zeitablauf mengenmäßig höher als die Grundwassereinlagerung, dann lässt der Druck bis zum Versiegen stetig nach. Der Grund für das Versiegen der Marienfelder Artesibrunnen Ende der 60er Jahre dürfte also die Überentnahme von Wasser durch die Vielzahl von Bohrungen wie oben beschrieben gewesen sein. Zusätzlich könnten die Probebohrungen nach Erdöl und Gas und entsprechende Dauerentnahmen aus dem Untergrund in der Nähe Marienfelds bei einer Druckminderung im tiefen Untergrund (solche Meinungen gab es) mitgewirkt haben. Diese Begründung wird jedoch kaum zutreffen, denn die Artesibohrungen waren bis 250 m, die Bohrungen nach Öl und Gas erfolgten bis zu einer Tiefe von 2000 m. Die flüssigen und gasförmigen „Bodenschätze“ wurden also in sehr unterschiedlichen Tiefen entnommen. Nichtsdestotrotz war das Versiegen des Selbstdauerlaufs aller Artesibrunnen in kurzer Zeit in der Gemeinde Marienfeld auf alle Fälle ein gewaltiger Schock.











