Am Anfang quälten uns im Lager Hunger und Läuse. Meine guten Sachen verkaufte ich oder tauschte sie für Essen. Am Ostermontag 1945, dem 2. April, hatte ich nichts mehr, nur noch Hunger! So ging ich zum Abfallplatz und wühlte nach Kartoffelschalen, füllte mein Kochgeschirr, eine amerikanische Konservendose, und ging damit in einen Küchenraum. Dort gab es einen großen Herd, auf dem ich die fauligen Schalen kochte. Doch ich aß dieses stinkende Zeug nicht und verschenkte es samt Dose. Dann ging ich in den Waschraum und trank Wasser. Dabei schwor ich mir, alles Verwertbare, besonders Heizmaterial, zu stehlen und für Brot, Suppe oder Obst zu verkaufen, um zu überleben.
Christliche Feiertage wurden keine gefeiert, aber ich ging an Weihnachten und an Ostern gerne mit Holz zum Handeln, denn es gab da immer wenigstens eine gute Suppe. Einmal besuchte ich zur Osterzeit eine schöne Kirche in Krivoi-Rog. Dort bekam ich von den russischen Frauen „Coliva“ zu essen, eine wahre Köstlichkeit, die ich auch von den Rumänen von zu Hause kannte. Auch meine Oma kochte das.
Ansonsten gab es sechs Feiertage: 1. und 2. Januar, 1. und 2. Mai und 7. und 8. November. An diesen Tagen sollte nichts zum Ausladen ins Sägewerk kommen.
Eines Tages entwendete ich einen fast drei Meter langen Holzstamm und schleppte ihn zum Fluss Retschka. Ich suchte mir ein gut instandgehaltenes Haus, ging hinein und bot das Holz an. Der Hausherr arbeitete auch im Schacht, am Aufzug. Es war der Schwiegervater unseres Lagerkommandanten. Ich erhielt 5 Rubel und zu Essen. Plötzlich ging die Tür auf und der Lagerkommandant erschien. Ich stand auf und grüßte „Sdrastvuite!“ Er erwiderte den Gruß und sagte zu seinem Schwiegervater, ich solle das Holz zurückbringen. Ich nahm es, trug es aber nicht zurück, sondern ging damit in ein anderes Haus und verkaufte es noch einmal für Essen. Erst danach ging ich zurück ins Lager und erzählte unserem deutschen (auch deportierten) Lagerkommandanten Bela Eichert aus Temeswar, was vorgefallen war. Das Ganze verlief ohne Folgen im Sand. Wieder war ein Schutzengel auf der Wacht!
Im Herbst des Jahres 1945 war ich mit Stefan Ebner und Josef Ferch in einem Nachbarort zum Kalkablöschen eingeteilt. Dort hatten die russischen Schachtarbeiter ihre Kleingärten mit Kartoffeln, Kraut, Rüben, Mais und anderem Gemüse. Wir beschlossen, etwas von diesen Gärten zu ergattern. Besonders auf Mais hatten wir es abgesehen, denn diesen konnte man noch braten. Plötzlich waren wir zu viert, ein Russe war auch noch da. Dieser machte aber Krach und wir liefen ohne Mais wieder weg. Dabei gingen unsere Holzschuhe kaputt. Wir blieben ohne Schuhe und ohne Mais, bekamen jedoch wenigstens mit Tuch bespannte Holzschuhe als Ersatz. Im Lager hatten wir eine Schusterei mit vier Schustern, auch eine Schneiderei mit vier Leuten und zwei Friseure.
Im Herbst 1945 hatte ich keine Winterbekleidung mehr. So konnte ich im Lager bleiben und musste nur Brot schneiden. Da es noch viele gab, die keine Winterkleidung mehr hatten, brachte die Lagerleitung neue. Auch ich bekam welche.
Krankentransporte und enttäuschte Hoffnungen
So um den 15. Oktober 1945 wurde ein Krankentransport zusammengestellt und direkt nach Rumänien geschickt. Kaum waren diese Kranken weg, hörte man, es ginge bald wieder ein Transport. Viele gaben noch ihre letzten Habseligkeiten, um auf die Krankenliste zu kommen. So auch meine noch verbliebenen Landsleute von Komlosch Nikolaus Kintsch, Franz Kindl, Christof Bogner und Nikolaus Schäffer. Ich hatte nichts mehr und kam nicht auf die Liste und blieb da. Aber das vermeintliche „nach Hause“ für meine Landsleute war ein Transport in ein neu gegründetes Lager neben Krivoi Rog zum Aufbau eines metallurgischen Werkes. Wir nannten es später das „Krepierlager“, denn dort gab es die meisten Todesfälle. Auch die Komloscher Christof Bogner und Nikolaus Schäffer starben dort.
Die allerschwersten Stunden waren für alle zu Weihnachten. Einige beherzte Frauen gingen von Schlafraum zu Schlafraum und sangen „Stille Nacht“. Man hörte nur leises Weinen und Schluchzen.
Nach zwei Jahren bekam ich im Dezember 1946 über das Rumänische Rote Kreuz das erste Schreiben von meinen Eltern als Antwort auf mein Schreiben mit den 25 erlaubten Wörtern. Es war ein Lebenszeichen!
Unser stellvertretender Lagerkommandant begleitete 1946 ein Geschwisterpaar mit Namen Tanzenberger zurück bis Sackelhausen. Sie waren amerikanische Staatsbürger, die im Frühjahr 1939 mit ihren Eltern zu Besuch ins Banat gekommen waren. Die Eltern fuhren zurück, der Krieg brach aus und die Geschwister mussten in Rumänien verbleiben, so kamen sie mit uns nach Russland. Als ihre Eltern davon erfuhren, wurden sie auf diplomatischem Wege befreit. Als dieser Offizier, ein Oberleutnant, zurückkam, erzählte er einigen, wie schlecht es in Rumänien aussieht.
Inzwischen war auch, gefördert durch die Russen, die ANTIFA immer aktiver geworden. Es gab nun einen Klubraum, wo man Schach und Billard spielen konnte. Eine Theatergruppe wurde gegründet, man führte „Emilia Galotti“ auf, mit einer wirklich guten Besetzung aus unseren Reihen. Wir Jungen spendeten und es wurde ein italienisches Akkordeon gekauft für unseren Musikanten Josef Lohmüller aus Albrechtsflor. Die Lagerleitung erlaubte ihm, es bei der Entlassung im Jahr 1949 mit nach Hause zu nehmen. Josef Lohmüller war einer meiner besten Freunde in Russland und auch zu Hause noch. Unsere Freundschaft hielt bis 2005, als er in Waldkraiburg starb. Er brachte seine Frau aus Russland mit, Susanne Kelter aus Jahrmarkt.
Im Juni 1948 ging wieder ein Transport mit Kranken nach Rumänien. Inzwischen waren im Lager nur noch 240 Personen verblieben. Im Juli 1948 gab es einen halben Monatsverdienst als Urlaubsgeld, wir trauten unseren Augen nicht. Aber es geschah mit Bedacht, denn viele von uns waren verschuldet. So konnten sie ihre Schulden bezahlen.
Sportfeste, Begegnungen und freudige Nachrichten
Im Lager wurde eine Fußball- und eine Handballmannschaft gegründet. Wir traten bei Wettkämpfen und Sportfesten gegen die Nachbarlager an. Bei einem Sportfest im Nachbarlager Artiom Nr.1402 fiel mir bei einer Tanzunterhaltung eine markante Erscheinung auf, ein Musikant mit seiner Posaune. Als ich 1951 als Hilfslehrer nach Grabatz versetzt wurde, erkannte ich ihn wieder im Musikzug und sprach ihn an. Es war Mathias Merschbach aus Grabatz.
Im Frühjahr 1949 wurde ich spät abends zum Lagerkommandanten ins Klubhaus gerufen. Meinen Gruß erwiderte er freundlich, dann spielten wir Billard und Schach. Er war im Vergleich zu mir ein sehr guter Schachspieler, wie viele Russen. Ich sah ihm an, dass er mir noch etwas sagen wollte. Er wartete damit, bis der Wachposten mit einer Flasche Schnaps kam. Nebenbei fragte er mich, ob ich eine Schwester hätte. Worauf ich ihm wahrheitsgetreu antwortete, dass sie im Lager Enakeva im Donbass sei. Dann zog er einen Brief hervor, sechs vollgeschriebene Blätter, von meiner Schwester Hilda. Er sei auf Erfahrungsaustausch in Enakeva gewesen und habe dort mit meiner Schwester gesprochen, sagte er. Als ich später wieder zuhause war, fragte ich meine Schwester, wie es zu dem Brief gekommen war. Sie erzählte mir, sie habe für die Frau ihres Kommandanten genäht und von dem Treffen gehört. Dann habe sie gefragt, ob sie mit dem Lagerkommandanten des Lagers 1403 sprechen könne, da dort ihr Bruder sei. Er versprach es und hielt Wort. Unser Kommandant Fedorjak war dann so freundlich, mir den Brief mitzubringen. Er hatte irgendwie einen Narren an mir gefressen und so war das für mich ein schöner Abend und die Flasche Schnaps wurde auch noch geleert.
Kreuze aus Eisenrohren für die Toten
Im Herbst des Jahres 1949 wurden plötzlich Kreuze aus Eisenrohren geschweißt und mit einer Metallplatte für die Namen der Toten im Friedhof versehen. Die genaue Evidenz der 113 Bestatteten hatte Dr. Schneider angelegt. So konnte er jedes Grab mit den richtigen Namen versehen. Das Unkraut wurde gejätet, aber Blumen gab es keine. Wer sollte die Gräber auch pflegen?
Im Herbst 1949 war ich im angrenzenden Oktjaberlager Nr. 1405, um Michael Lego aus der Lunga zu besuchen. Er war schwer herzleidend, ging aber mit mir auf den Friedhof zum Grab des Großkomloschers Hans Holzinger und wir beteten gemeinsam ein Vater Unser für ihn. Später konnte ich das zu Hause noch seiner alten Mutter berichten. Folgende acht Komloscher fanden ihre ewige Ruhe fern der Heimat: Maria Diplich, Georg Bors, Stefan Seiler, Stefan Kindl, Peter Siller, Christof Bogner, Peter Braun und Nikolaus Schäffer.
Anfang Sommer 1949 hatten wir ein großes Sportfest im Nachbarlager Artiom Nr. 1402. Als wir zurückkamen, hörten wir die schaurige Nachricht vom tödlichen Unfall von Frau Kronberger aus Jahrmarkt im Schacht. Wir trugen sie dann im offenen Sarg durch Dubovaja-Balka zur Bestattung auf den für unsere Toten angelegten Friedhof.
Viehwaggons mit offenen Türen Richtung Heimat
Am 31. Oktober 1949 arbeitete ich bei einer Versorgungsbrigade. Unser zuständiger Natschalnik Pilman Vasilovitsch rief mich zur Seite und sagte mir, dass wir ab morgen nicht mehr zur Arbeit kämen, wir würden nach Hause fahren. Obwohl er es mir im Geheimen sagen wollte, konnte ich nicht schweigen. Als wir nach der Arbeit ins Lager kamen, war es auch schon allgemein bekannt geworden.
Der Höhepunkt des Tages war, als der noch verbliebene Offizier Bojedai uns nach dem Appell nicht wegtreten ließ. Wir mussten noch auf den Kommandanten Fedorjak warten, der eine Botschaft für uns hätte. Endlich kam er und teilte uns mit, dass am 31. Oktober 1949 unser letzter Arbeitstag gewesen sei. Er dankte allen für die geleistete Arbeit und kündigte zwölf Tage Quarantäne an. Jeder möge die Arbeitskleidung abgeben, auch würden alle bis zum heutigen Tage entlohnt. Weiter kam er nicht, wir trugen ihn in die „Stalova“ (Kantine) und feierten mit ihm lange und schön mit Speis und Trank.
In der Zeit der Quarantäne rief er mich einmal zur Seite und sagte mir: „Ivan, sag zu Hause nichts Schlechtes über mich.“ Ich dankte ihm, dass er öfters seine schützende Hand über mich gehalten hatte und wünschte ihm und seiner Familie Glück und Gesundheit.
In dieser Zeit spielte unser Musikant Lohmüller uns zum Tanz auf. Einige junge Paare fanden sich im Lager fürs Leben, wie Sepp Lohmüller und Susanna Kelter, Hans Seibert und Trudi Suchank, Michael und Juliane Possler, Hansi und Marianne Cesla, Eugen und Marischka Hack.
Am Tag der Abreise nahm unser Lagerkommandant Major Fedorjak von jedem mit Handschlag Abschied. Am Bahnhof in Oktjaber wurden wir dem NKWD übergeben. Ab hier war jeder weitere Kontakt mit Russen streng verboten.
Wir kamen wieder in Viehwaggons, aber mit offenen Türen und es ging endlich Richtung Heimat. Unsere Heimfahrt ging über Snamenka, Kirovograd und Golta bis an die rumänische Grenze bei Sighet. In Golta verspäteten sich zwei Männer. Sie wurden von der Militz mit einem Auto bis zum nächsten Bahnhof hinterher gebracht. Dort wurden wir zum letzten Mal abgezählt und namentlich aufgerufen. Nach einer gründlichen persönlichen Kontrolle ging es weiter bis nach Sighetul Marmatiei ins russische Durchgangslager. Während des Transports gab es warmes Essen und viel Tee.
Am 18. November 1949 wurden wir dem rumänischen Militär übergeben und kamen in ein rumänisches Lager. Am 19. November brachte man uns mit LKWs nach Baia Mare, wo wir unseren Heimkehrerschein (Adeverință de repatriere) erhielten sowie einen Fahrschein für die Weiterfahrt.
Am 21. November fuhr ich mit dem Schnellzug über Satu Mare nach Temeswar und weiter nach Großkomlosch. Am Bahnhof traf ich meine Mutter, dann meine Schwester und meinen Vater. Auch meine Tante, Onkel, Cousins waren da. Ich war aus unserer Verwandtschaft der letzte Verschleppte, der nach Hause kam. Es begann ein langes Erzählen. Es wartete ja auch noch meine Oma, Uroma und mein Schneider Großvater auf mich. Gott sei Dank war auch dieser Leidensweg zu Ende.
Nachtrag des Sohnes
Bei meinen Aufenthalten als Kind in Komlosch erkannte ich bald, dass die Just-Oma meines Vaters, meine Urgroßmutter, mittwochs kein Fleisch aß. Sie hatte geschworen, an dem Wochentag, an dem alle ihre deportierten Enkelkinder wieder zuhause sein würden, ihr Leben lang kein Fleisch mehr zu essen. Der 21. November 1949, als mein Vater als letztes Enkelkind nachhause kam, war ein Mittwoch.
Bei der Transkription der Erinnerungen meines Vaters erkannte ich, dass er mir eigentlich noch viel mehr von seiner Zeit aus der Deportation erzählt hatte. Vielleicht wollte ich es damals gar nicht (mehr) hören. Heute erkenne und schätze ich seine Offenbarung als ein großes Vertrauen.
Während der Arbeit an dem Text war mein vor acht Jahren im hohen Alter von neunzig Jahren verstorbener Vater mir plötzlich sehr nahe. So sehr, dass ich gut aufpassen musste, um nicht aus meiner Erinnerung heraus das Erzählte abzuwandeln. Tatsächlich sind mir zu einigen dargestellten Episoden weitere Erzählungen eingefallen.
Ich weilte in Gedanken wieder in seinem Elternhaus in Komlosch, sah meine Großeltern und sein bis zum Verkauf des Hauses wie eingefrorenes Jugendzimmer, dachte an die in einem Bündel gesammelten Rot-Kreuz-Postkarten und was ich als Kind darin gelesen hatte: von seinem Traum, die Banatia zu beenden oder Theologie zu studieren, aber auch von seiner Liebe zu Katharina aus Siebenbürgen, am meisten aber von seinem Heimweh.
Mögen die inzwischen verstummten Stimmen der einstigen Russland-Deportierten Gehör finden!









