zur Druckansicht

Kein Opfer soll jemals vergessen werden - Zum Gedenken an die Deportation in die Sowjetunion

Deportierte aus Großjetscha: obere Reihe (v. li.): Johann Ludwig (25.03.1921 – 5.02.1979), Johann Albert (6.08.1926 – 11.08.2014), Vorne (v. li.): Katharina Holz, geb. Ludwig (29.12.1924 – 25.10.2015), Elisabeth Holz (23.05.1927 – 14.02.2022) und Elisabetha Wikete, geb. Bosch (14.01.1920 – 25.10.2005). Auf der Rückseite des Fotos ist vermerkt „Nyebrobetrowsk 1946 Im Monat März“ Einsender des Fotos: Reinhardt Rost

Im Lager 1021, Stalino im August 1949 (v. li.): Josef Klemens (30.08.1929  – 10.09.1998), Christine Albert (9.01.1929), Eva Feiler (16.03.1926 – 9.08.1950), Johann Klemens (11.03.1928 – 2.09.2015) Einsender des Fotos: Johann Bappert

Drei Orzydorfer Schwestern im Lager 1021, Stalino, Sommer 1946 (v. li.): Barbara Kalch, geb. Bischof (12.08.1920 – 26.07.2012), Eva Bischof (18.12.1925 – 1.01.2024), Elisabeth Klemann, geb. Bischof (22.05.1923 – 21.03.2004) Einsender des Fotos: Rainer Kierer

Jedes Jahr im Januar gedenken wir der 1945 erfolgten Deportation der Deutschen aus Rumänien in die Sowjetunion. Seit der Verschleppung der über 70 000 Rumäniendeutschen – davon fest die Hälfte Banater Schwaben – zur Zwangsarbeit, zu der sogenannten „Reparationsarbeit“, sind nunmehr 81 Jahre vergangen und es gibt kaum noch Überlebende, die dieses einschneidende Ereignis bezeugen können. In Rumänien bis 1989 offiziell ein Tabu-Thema, war „Russland“ in fast allen Banater Familien immer präsent. Unvergessliche Szenen prägten sich im Gedächtnis der Verschleppten und Daheimgebliebenen ein, unvergesslich der Abschied an den Bahnhöfen in Hatzfeld, Temeswar, Vinga u.a. Zeit seines Lebens verfolgte meinen Vater ein Bild: Nachdem seine Mutter schon in Vinga in der Sammelstelle war, versuchte seine Großmutter, ihren drei Töchtern noch Brot zukommen zu lassen, obwohl bekanntlich jeder Kontakt verboten war. Dennoch gelang es dem damals Siebenjährigen, sich zu den Waggons zu schleichen. Jemand hob ihn hoch und er konnte seiner Mutter durch die Gitterstäbe des Fensters die Brote reichen. Das war das letzte Mal, dass er sie sah, zurück kam fünf Jahre später eine verhärmte Frau, mit von den fünf Jahren harter Arbeit in den Stollen des Schachtes 13 Stalino krummen Beinen. Solche und ähnliche Erinnerungen verfolgen die noch lebenden Kinder der Deportierten bis heute. 

Die Gedächtnis- und Erinnerungskultur ist für jede menschliche Gemeinschaft, für ihr Selbstverständnis und ihren Zusammenhalt unverzichtbar wichtig, schreibt Prof. Dr. Anton Sterbling in seinem Artikel anlässlich des 80jährigen Gedenkens an die Verschleppung (BP Nr. 1 vom 5. Januar 2025). Da es im Fall der Erinnerungen an die Deportation in die Sowjetunion kaum noch Zeitzeugen gibt, können die Erinnerungen und Geschehnisse – sofern sie nicht aufgezeichnet wurden – nur noch aus der Sicht der Kinder, der Enkel oder sonstiger Angehöriger oder Nachkommen rekonstruiert werden. Es sind dies zumeist „bedrückende, oft schmerzhafte, existenziell tiefgreifende und lange nachwirkende Erfahrungen, die bei ähnlichen Grundmustern des äußeren Geschehens doch stets subjektiv einmalig bleiben.“ Es sind schwer kommunizierbare, individuelle und familiäre Erfahrungen. „Es geht um Geschehnisse und Erfahrungen mit oft schwer überschaubaren, nicht selten weitreichenden oder traumatischen, in ihrer Nachhaltigkeit und Tragweite wahrscheinlich selbst in der Generationenfolge noch kaum hinreichend eingeordneten und abgewogenen Folgen und Folgewirkungen“, so Sterbling. Um historisch Erlebtes und damit Zusammenhängendes über weite Zeiträume hinaus ins kollektive Bewusstsein zu heben und für spätere Generationen zu bewahren, sind Gedenkveranstaltungen und Gedächtnispflege wichtig. Lange Zeit wurden das Erlebte bewusst oder unbewusst verdrängt und verschwiegen, aber auch ideologisch verdrängt oder umgeschrieben. Ab den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts rückte die Thematik der Verschleppungen und Deportationen, sowohl die in die Sowjetunion als auch die darauffolgende in die Bărăgan-Steppe, in den Blickpunkt. Dies geschah und geschieht weiterhin durch Veröffentlichungen mündlicher Erzählungen und Berichte, fundierte wissenschaftliche Arbeiten zur Deportation der Deutschen aus Rumänien und der Banater Schwaben in die Sowjetunion und in den Bărăgan, aber auch durch  Kunst, in Form literarischer Werke oder musikalischer und filmischer Bearbeitungen.

Einen Beitrag dazu wollen wir auch in der Banater Post leisten. So hatten wir im letzten Jahr anlässlich der Gedenkveranstaltungen zum Beginn der Deportation vor 80 Jahren unsere Leser angeregt, uns Bilder und Erinnerungen zu senden. Für diese Einsendungen bedanken wir uns und möchten sie unseren Lesern zugänglich machen.

Einen großen Roman könnte ich schreiben 

Unser Leser Reinhardt Rost ließ uns zwei Bilder seiner Großmutter Elisabeth Holz zukommen, die während ihrer Deportation in der Sowjetunion aufgenommen wurden. Sie wurde am 23. Mai 1927 in Großjetscha geboren und verstarb am 14. Februar 2022 in Coburg. Nachdem sie Ende November 1949 aus der Sowjetunion zurückkam, wurde 1951 mit ihren Eltern und ihrem Bruder in den Bărăgan (Olaru, Roseții Noi, Kreis Călăraşi) zwangsumgesiedelt. 1956 durfte sie aus dem Bărăgan nach Großjetscha zurückkehren. „Nach dem Tod meiner Großmutter“, schrieb er uns, „haben wir in ihren persönlichen Unterlagen eine schriftliche Zusammenfassung gefunden, in der sie festgehalten hat, was ihr im Januar 1945 widerfahren ist.“ Hier ihre Erinnerungen:

„Es war am 14. Januar 1945 in Großjetscha, meinem Heimatort, als in aller Frühe die Polizei und das Militär an die Haustür meines Elternhauses klopften. Sie zeigten die Liste, auf der auch mein Name stand und forderten mich auf, sofort mitzugehen. 
Sie brachten mich zu einer Schule, wo wir uns sammelten. Sie sagten, dass laut Gesetz die Männer von 16 bis 45 und die Frauen von 17 bis 35, die Deutsche sind, mitgehen mussten. Aber keiner wusste wohin. 
Da wurden wir mit dem Pferdewagen 15 Kilometer in das Heidestädtchen Hatzfeld zur Sammelstelle gebracht. Es kamen Menschen aus allen Richtungen. Nach einigen Tagen war der Transport zusammengestellt. Dann ging es los im Fußmarsch zum Bahnhof, wo wir in Viehwaggons einwaggoniert wurden, die Türen verriegelt, die Fenster verschlossen und mit Brettern zugenagelt. Keine Angehörigen konnten und durften wir mehr sehen. Wir wurden schlimmer behandelt als die größten Verbrecher. 
Im Waggon war es finster. Zum Glück hatten wir Kerzen und Taschenlampen bei uns. Es gab kein WC, nur ein Loch durch den Boden des Waggons. Das war es. Wir waren ja Männer und Frauen und haben auf dem Fußboden und auf Brettern geschlafen, angezogen auf unseren Habseligkeiten, die wir bei uns hatten. Es war mitten im Winter und bitterkalt. Die Waggons waren weiß gereift, in- und auswendig. Aber wir waren viele in einen Waggon gesperrt. Da wärmten wir uns einer an dem andern, genau wie die Tiere. Niemand wusste, wohin es geht. Ins Ungewisse, das war jedem klar, als der lange Transportzug rollte. Nachts sind wir meistens gefahren, da die Linien eher frei waren. Das dauerte acht Tage und Nächte. Für viele war es eine Reise ohne Wiederkehr. 

In der Stadt Iaşi angekommen, wurden wir umwaggoniert in russische Viehwaggons. Dann wussten wir sofort, wohin es geht. Es war die Breitspur. Dann haben wir bald das Land verlassen. In Odessa haben wir die ersten Toten aus unserem Waggon, zwei Frauen, ausgeladen neben einem W.C. und fuhren weiter. Die Kranken und Schwachen – was ja jeder schon war – mussten ausharren. Trinkwasser haben wir nur dann bekommen, wenn wir längere Zeit gestanden haben. Wir mussten selber mit dem Wachposten zum Brunnen gehen und einige Eimer voll holen. Essen bekamen wir keins, nur was wir uns von zu Hause mitgenommen haben. Das war zuletzt bei jedem schon sehr knapp. Am 9. Februar 45 sind wir dann endlich in der Stadt Dnjepropetrowsk angekommen, wo auch unser Lager war. Es hieß „Lager Lenin 1423“ und hatte vier Reihen Stacheldraht und Wachposten. Wir waren alle abgemagert, krank, haben nur noch getaumelt und waren voll Läuse. Kein Wunder, es war ja kein Wasser zum Waschen, kaum zum Trinken. Wir konnten auch keine Kleider wechseln. Nachdem wir ins Lager gebracht wurden, bekamen wir „Essen“, eine warme Suppe und dann ging es zur Entlausung ins Bad. 

Es war für uns alle eine verdammt harte, schwere Zeit. Das sollt ihr mir glauben, so etwas kann und darf man niemals vergessen. Dann wurden wir in Arbeitszechen eingeteilt und bekamen Nummern als Arbeiter in den Mannesmann Werken in drei Schichten mit Russen zusammen. Wir wurden mit Wachposten mit aufgehobenem Gewehr zur Arbeit gebracht und auch ins Lager zurück. Alles nur nach militärischem Kommando. Wir waren die ganze Zeit unter Kommandantur. 
Das alles haben wir eben erdulden müssen, weil wir Deutsche sind. Ich habe es nur ganz kurz geschildert, einen großen Roman könnte ich schreiben.“

Für viele war es ein Abschied für immer

Eine Geschichte über einen tragischen Unfall, die sich tief in mein Gedächtnis geprägt hat, hat mir meine Großmutter mütterlicherseits erzählt. Diese ereignete sich im Schacht 13, in dem die Insassen des Lagers 1021 Stalino arbeiteten. Sie erzählte mir, dass Besl Käthrin aus der „Kreizgass am Setschaner Eck“ – sie las gerne und wir tauschten Bücher aus – eine Tochter hatte, die bei einem Grubenunglück in Russland gestorben sei. Dass dieses schreckliche Unglück die ehemaligen Deportierten auch Jahrzehnte später beschäftigte, zeigen die Zeugnisse, die ich im Zuge meiner Recherchen fand.

Elisabeth Viel, geb. Pfeiffer, aus Knees erinnert sich: „Em Schacht hats aa oft Onfäll gen. Es Herbstler Lissi on noch a Weib aus Orzydorf sen ausm Lift en de Schacht gfall on waare tot. Aa em Steinbruch es mol e greesres Ongleck passeert, noo sen siewe jonge Mensche omkomm.“ (www.knees-im-banat.de/programme/Geschichte/Gesch_Datenfeld.html)

Katharina Donos, geb. Loris, aus Bruckenau berichtet (http://www.bruckenau.de/Deportation/deportation.html): „Unfälle gab es immer wieder im Schacht, durch Steinschläge, von den Loren zerquetscht u.a. Von unseren Frauen wurden zwei, eine aus Orzydorf und eine aus Knees, von den Russen aus dem Lift gedrängt. Sie fielen in den Aufzugschacht. Kein Stückchen blieb von ihnen übrig. Im Steinbruch, in dem auch viele Frauen Schwerstarbeit leisten mussten bei wenig Brot, kam es häufig zu Unfällen. Bei einem kamen mehrere Frauen um, davon auch Mitsch Eva aus Bruckenau.“

Die beiden Vorfälle bestätigt eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, Christine Bappert, geb. Albert, geboren am 9. Januar 1929 in Orzydorf, eine der damals jüngsten Deportierten. Auf meine Anfrage hin schrieb mir ihr Sohn Johann Bappert aus Forchheim folgendes: „Sie arbeitete 1946 mit mehreren Frauen aus dem Banat in einem Steinbruch unweit des Lagers Stalino 1021, wo sie Steine in Förderwägen laden mussten. Nach einer Sprengung im Steinbruch am 7. Oktober 1946 konnte wegen des Regens nicht weitergearbeitet werden. So suchten die Frauen Schutz vor Wind und Regen an einer Felswand. Nach einiger Zeit entfernten sich einige, darunter auch meine Mutter. Kurz danach stürzte die vom Regen unterspülte Felswand ein. Sieben Frauen kamen dabei ums Leben. Eine davon war Margarethe Hager aus Orzydorf (03.11.1928 - 7.10.1946). Als meine Mutter am Abend im Lager ankam, erfuhr sie, dass es am gleichen Tag (7. Oktober 1946) einen schweren Unfall im Schacht 13 gegeben hat. Bei der Einfahrt in die Kohlengrube war der Aufzug überfüllt und die Türen des Aufzugs nicht richtig gesichert. Durch das Rütteln während der Fahrt nach unten öffneten sich die Türen des Aufzugs und mehrere Personen stürzten in die Tiefe. Dabei starben auch zwei Frauen aus Orzydorf: Anna Maurer (26.02.1923 - 7.10.1946) und Katharina Leichnam, geb. Zorneck (20.09.1920 - 7.10.1946). Zu den Opfern zählte auch Elisabeth Herbstler aus Knees.“

Im Lager 1021 waren auch die drei Schwestern aus Orzydorf: Barbara Kalch, geb. Bischof (12.08.1920 - 26.07.2012), Elisabeth Klemann, geb. Bischof (22.05.1923 - 21.03.2004) und Eva Bischof (18.12.1925 - 1.01.2024), die nach der Rückkehr den Vater ihrer in der Deportation geborenen Tochter, Josef Lindemann aus Neubeschenowa, heiratete. Auch sie erinnerte sich noch kurz vor ihrem Tod in einem Interview, das sie Rainer Kierer gab, an diesen furchtbaren Unfall:
„Es Maurer Nani un e Mädl aus Knies sin runergfohr in de Schacht. Die han gearweit ghat an dem Lift un han die Diere vekehrt insgestzt ghat. Un di Russe han gedrickt, di han halt a noch wille in de Lift. Un die Diere sin ufgang un di sin vun owe runergfall. Un ich han une gschtan far in di Heh fohre. Uf eemol, ist a Kopp kum, uffmol is a Arm kum, uffmol is a ganze Körper kum, ohni Fieß un ohni Erum. 350 Meter tief uner de Erd! Des wor schrecklich.“

An die Ereignisse zu erinnern, den Opfern einen Namen und – wenn möglich – ein Gesicht zu geben, ist unser Bestreben. Sie zu ehren, das ihnen angetanene Leid zu würdigen und gegen das Vergessen anzukämpfen. Ein Zitat, das Immanuel Kant zugeschrieben wird, besagt: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“ Vor allem sollten wir die Worte, die sie uns so oft sagten und ihren sehnlichsten Wunsch nicht vergessen: „Nie wieder!“