Das Leitwort des Bundes der Vertriebenen für das Jahr 2025 war: „Erinnern - Bewahren - Gestalten“. Getreu diesem Leitwort hat die Landsmannschaft der Banater Schwaben gemeinsam mit dem Verband der Siebenbürger Sachsen im Januar in Ulm der 80 Jahre seit der Verschleppung in die Sowjetunion gedacht. Nun, Ende des Jahres, am 29. November 2025, fand in Ulm im Donauschwäbischen Zentralmuseum erneut eine Veranstaltung statt, diesmal um einen Geburtstag zu feiern: 75 Jahre seit der Gründung der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Sie wurde 1950 gegründet und am 24. Januar 1951 beim Gericht München als Verein eingetragen. Ziele des Vereins waren „die Zusammenfassung aller Heimatvertriebenen Banater Schwaben aus Rumänien in Deutschland, die Förderung der kulturellen, sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Interessen der Heimatvertriebenen, die Pflege der geschichtlichen Überlieferungen, Sitten und Gebräuche der Heimatvertriebenen, die Vertiefung der Beziehungen zur neuen Heimat und deren Bevölkerung.“
Eröffnung und Begrüßung der Gäste
Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Banater Schwaben Peter-Dietmar Leber begrüßte die Festgäste und stellte die beiden Musiker vor, die musikalisch den Festakt eröffnet hatten: Patrick Hollich, Klarinette, und Ila Ruf am Klavier.
Die Begrüßung der Ehrengäste begann er mit der provokanten Frage: „In Ehren ergraut oder ungestüm nach neuen Ufern strebend, wer vermag es zu sagen?“ Antwort darauf gaben – aus unterschiedlichen Perspektiven – die Überbringer der Grußworte und Professor Dr. Reinhold Johler, Leiter des IdGL Tübingen, der den Festvortrag hielt.
Prominente Gäste waren angereist, um mitzufeiern: Der neue Präsident des Bundes der Vertriebenen Stephan Mayer, MdB; aus Rumänien der Abgeordnete und Vertreter der deutschen Minderheit im Rumänischen Parlament Ovidiu Ganț und als Vertreter des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat Dr. Claudiu Călin seitens der Heimatdiözese im Auftrag des Bischofs von Temeswar; Benjamin Neurohr, Direktor des Vereins Banater Stiftung für internationale Kooperation in Vertretung von Dr. Johann Fernbach, dem Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen aus dem Banat und Astrid Weisz, Journalistin bei Radio Temeswar, der Sendung in deutscher Sprache und der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien. Gekommen waren auch als Mitglied des Präsidiums des BdV die Präsidentin des Frauenverbandes im BdV Hiltrud Leber sowie als Landesvorstandsmitglied des BdV Bayern Ramona Sobotta, des Weiteren die BdV-Vorstände von Augsburg, CSU-Stadträtin Dr. Hella Gerber bzw. von Waldkraiburg,Georg Ledig, auch stellvertretender Bundesvorsitzender, sowie von Erlangen Barbara Hehn. Als Vertreterin der Patenstadt des Bundesverbandes der Landsmannschaft konnte die Bürgermeisterin der Stadt Ulm Iris Mann begrüßt werden. Der Einladung gefolgt waren auch Joschi Ament, der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn; Gerhard Harich vom Bundesvorstand und Hans Supritz, Landesvorsitzender von Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Donauschwaben und Mitglied des Vorstandes der Stiftung DZM Ulm, Günther Friedmann, Vorsitzender des Heimatverbandes Banater Berglanddeutscher, Norbert Merkle, der Vorsitzende des Freundeskreises Donauschwäbische Blasmusik und Axel Stoßno vom Bessarabiendeutschen Verein.
Der Bundesvorsitzende bedankte sich bei den Priestern und geistlichen Begleitern, die der Landsmannschaft und ihren Landsleuten in den 75 Jahren immer beigestanden haben, und begrüßte seitens des Südostdeutschen Priesterwerks Pfarrer Paul Kollar, Stellvertretender Vorsitzender und Geistlicher Beirat des St.-Gerhards-Werks, Pfarrer Robert Dürbach und Dr. Günther Philip seitens des Gerhardsforums.
In Dankbarkeit, so Peter-Dietmar Leber, sei auch erinnert an die Mitglieder und Vertreter, die entlang von 75 Jahren aktiv in der Landsmannschaft mitgewirkt haben und an diejenigen, die heute aktiv sind. So freue er sich, dass auch der Ehrenbundesvorsitzende der Landsmannschaft Bernhard Krastl sowie die Mitglieder des Bundesvorstands Christine Neu, Harald Schlapansky, Jürgen Griebel, und Walter Keller und weitere Vorsitzende von Kreisverbänden und Heimatorts-
gemeinschaften zugegen seien und dankte für deren Einsatz. Ein Dank ging auch an die Kulturreferentin für den Donauraum am DZM Dr. Swantje Volkmann für die Unterstützung und Förderung dieser Veranstaltung.
Die Verbindung zur alten Heimat
Nach der Begrüßung ergriff der Vertreter der deutschen Minderheit in Rumänien Ovidiu Ganț das Wort. Er bedankte sich für die Einladung und ging auf die Rolle der Landsmannschaft nach dem Umsturz 1989 in Rumänien ein. Was anfänglich mit der Organisation von Hilfskonvois und der Vermittlung von Kontakten zwischen den Gemeinden in Deutschland und den Herkunftsorten der Mitglieder der Landsmannschaft begann, wurde zu wertvoller Unterstützung auf kommunaler Ebene. Gleichzeitig, so Ganț, setzte sich die Landsmannschaft bei der Bundesregierung sowie bei den Landesregierungen vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, dafür ein, dass der deutschen Minderheit im Banat auch institutionell geholfen werde. So konnten wichtige Projekte in den Kreisen Arad, Karasch und Temesch verwirklicht werden, z.B. das Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus in Temeswar. Durch Vermittlung der Landsmannschaft kommen zahlreiche politische Kontakte zustande, deren Vertreter begleiten deutsche Politiker auf ihren Reisen ins Banat. Auch Sozialeinrichtungen und Kulturverbände arbeiten eng mit der Landsmannschaft zusammen und profitieren von ihrer Unterstützung. Diese gelte auch der Katholischen Kirche, die für viele ihrer Projekte Unterstützung erhält. Auch auf kommunaler Ebene gibt es gibt es eine enge Zusammenarbeit der Heimatortsgemeinschaften mit ihren ehemaligen Heimatorten, die es ermöglicht, die Kultur und Tradition der Banater Schwaben im Banat weiter zu pflegen. Als Beispiel dafür wies der Redner auf Veranstaltungen, wie Kirchweihfeste oder Dorf-Jubiläen hin, die mit der heutigen Bevölkerung gemeinsam gefeiert werden. Ovidiu Ganț dankte im Namen der in Rumänien lebenden deutschen Minderheit sowie der im Banat lebenden Banater Schwaben für die seit über drei Jahrzehnten hervorragende Zusammenarbeit, die auch dazu beigetragen hätte, dass die Beziehungen zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland besonders zu Bayern und Baden-Württemberg kontinuierlich erweitert und vertieft werden. Dies sei ein sehr gutes Beispiel dafür, wie eine kleine Minderheit wie die Banater Schwaben zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der Europäischen Union beitragen und somit eine Garantie für Frieden, Sicherheit und Wohlstand für uns alle gewährleisten könne. Er bedankte sich für die gesamte Tätigkeit der Landsmannschaft, gratulierte zu deren 75-jährigem Bestehen und wünschte weiterhin viel Erfolg zum Wohle der Gemeinschaft der Banater Schwaben und beider Länder.
Ein fester Pfeiler im Bund der Vertriebenen
In seinem Grußwort sprach Stephan Mayer in seinem eigenen Namen und im Namen des Präsidiums des BdV die herzlichsten Glückwünsche zum Jubiläum aus. Was ihn als Präsidenten des BdV außerordentlich freue, sei, dass die Landsmannschaft der Banater Schwaben hochaktiv und sehr agil sei, sie sei ein fester Pfeiler im BdV. Auch wenn die Banater Schwaben aufgrund eines „schrecklichen Schicksals“ – sie mussten Verunglimpfungen, Diskriminierungen und Repressalien erleiden – keinen anderen Ausweg hatten, als ihre angestammte Heimat zu verlassen und sich in Deutschland, Österreich oder jenseits des Atlantiks eine neue Heimat aufzubauen, sei ihre Aufbauleistung „gar nicht genug zu würdigen“. Es sei ihnen dazu zu gratulieren, dass sie – getreu ihrem Motto: „Dem Ersten den Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot“ – selbst angefasst und die Ärmel hochgekrempelt haben, um etwas Neues aufzubauen. Es sei der Landsmannschaft dafür zu danken, dass sie sich dafür einsetzt, die Geschichte zu bewahren, die Erinnerung hochzuhalten, damit das erlittene Unrecht nie in Vergessenheit gerät, aber auch voraus zu schauen und weiterhin Brücken zwischen der Bundesrepublik, insbesondere Bayern und Baden-Württemberg zu bauen, wie sie es in beispielhafter Weise tut. Bei der Bürgermeisterin von Ulm bedankte er sich für die aktive Pflege der Städtepartnerschaft der Stadt Ulm mit Temeswar und schloss mit dem Versprechen, sich bei der Bundesregierung einzusetzen, um den ungerechtfertigten Kürzungen der Fremdrenten Einhalt zu gebieten. Er freue sich weiterhin, schloss er sein Grußwort, auf die gute, vertrauensvolle und erfolgreiche Zusammenarbeit der Landsmannschaft der Banater Schwaben mit dem Bund der Vertriebenen.
Bevor die Bürgermeisterin der Stadt Ulm Iris Mann ihre Grußworte an die Anwesenden richtete, erklang der 2. Satz der Sonatine von Joseph Horowitz.
Im Ulmer Festkalender zentral verankert
Iris Mann gratulierte im Namen der Stadt Ulm und des Donauschwäbischen Zentralmuseums, dessen Vorstandsvorsitzende sie ist, der Landsmannschaft zum 75. Geburtstag. Sie erinnerte daran, dass seit 1974 alle zwei Jahre das Treffen der Banater Schwaben in Ulm zu Pfingsten „im Ulmer Festkalender zentral verankert“ sei. Seit 1998 gebe es auch eine Patenschaft der Stadt Ulm über die Landsmannschaft. Aber auch zum Banat werde die Verbindung aktiv gepflegt. Der letzte Besuch von Mitgliedern des Gemeinderats in Temeswar sei im Kulturhauptstadtjahr 2023 gewesen, auch hätte 2024 das Donauschwäbische Zentralmuseum in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Kunstmuseum Temeswar eine Ausstellung in den Räumen des Kunstmuseums ausgerichtet. Zur Erforschung und Bewahrung der Geschichte des Banats sei in der zweiten Etage des Gebäudes des DZM das Kultur- und Dokumentationszentrum angesiedelt. Die Landsmannschaft festige diesen regelmäßigen Austausch und die Verbundenheit mit Rumänien mit einem großen Netzwerk und zahlreichen Kooperationen und Projekten. Sie wies auf die Zusammenarbeit mit Künstlern (z.B. aus Arad) hin und auf die wertvollen Erfahrungen bei den Begegnungen mit Jugendlichen aus dem Banat. Hauptaufgabe sei es, den Wert von Europa und unserer demokratischen Gesellschaften hochzuhalten über die Erfahrung, dass jeder selbst wirksam sein kann in der Gestaltung von politischen Prozessen, aber auch in der Begegnung mit Menschen aus anderen Teilen Europas. Sie wünschte der Landsmannschaft zu ihrem Jubiläum, immer im Geiste jung zu bleiben und immer wieder junge Menschen zu finden, die das Erbe weitertragen, die auch in Zukunft aktiv sein werden, um die Brücken zum Banat zu einer starken und tragfähigen Verbindung weiter auszubauen.
Pflege der Werte aus der alten Heimat
Der Archivar der Diözese Temeswar Dr. Claudiu Călin überbrachte das Grußwort des Bischofs der Diözese Temeswar József Csaba Pál. Dieser dankte der Landsmannschaft für ihren Einsatz für die Banater Schwaben und dafür, dass sie bemüht ist, die Werte aus der alten Heimat zu pflegen und weiterzugeben. Ein Grundwert sei der von den Vorvätern überlieferte Glaube, aus dem die Gemeinschaft immer wieder Leben und Hoffnung schöpfen könne. Dieses Erbe an die kommenden Generationen weiterzugeben, sei die aktuelle Mission, die gemeinsam bewältigt werden könne. Ein Dankeswort richtete der Bischof auch an das Land Baden-Württemberg und an die Patenstadt Ulm für deren tatkräftige Unterstützung der Landsmannschaft und wünschte ihnen, dass der liebe Gott die Mühe und Unterstützung reichlich vergelten möge. Allen Mitfeiernden wünschte er ein schönes Fest und Gottes reichsten Segen in ihrem Leben und Wirken! Ebenfalls Grüße und Glückwünsche übermittelte Dr. Claudiu Călin auch von dem emeritierten Bischof Martin Roos sowie von Generalvikar Msgr. Johann Dirschl.
Es gibt sie noch, die Banater Schwaben
Das Grußwort des Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat Dr. Johann Fernbach verlas Benjamin Neurohr. Darin bedankte sich der Vorsitzende für die Einladung zur Jubiläumsfeier und dafür, dass in 75 Jahren seit der Gründung der Landsmannschaft auch über Grenzen hinaus Herkunft und Traditionen nicht vergessen werden und dass die Verbundenheit zu den Landsleuten und der alten Heimat aufrechterhalten werde. Wichtig für die Gemeinschaft sei der gemeinsame rege Austausch, der beibehalten oder gar ausgebaut werden solle. Anschließend würdigte der Direktor des Vereins Banater Stiftung für internationale Kooperation Benjamin Neurohr beeindruckend die Landsmannschaft und die Banater Schwaben. Ausgehend von der Behauptung, dass er stolz sei, dass es die Banater Schwaben noch gebe, argumentierte er anhand historischer Fakten aus dem 20. Jahrhundert, dass es keine Selbstverständlichkeit sei, dass es diese Gemeinschaft noch gibt. Trotz der Magyarisierung in der Doppelmonarchie, der Dreiteilung nach dem 1. Weltkrieg, der Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus, trotz Flucht und Vertreibung, Enteignung, Verfolgung, Deportation in die Sowjetunion und anschließend in den Bărăgan bis hin zum Freikauf, um der Sozialistischen Republik Rumänien zu entrinnen, konnte die Identität und die Gemeinschaft bewahrt werden. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde in Deutschland die Landsmannschaft gegründet als ein Hilfsverein, eine Anlaufstelle für Integrationshilfe. Sie entwickelte sich zu einer Begegnungsstätte, in der Tradition und Kultur bewahrt werde. Zusammenfassend könne er sagen, dass ohne die Landsmannschaft die Gemeinschaft der Banater Schwaben weniger präsent und vereint gewesen wäre. In Namen aller Landsleute, die noch in der alten Heimat verblieben sind, wünsche er alles Gute und sage allen Danke.
Es folgte eine musikalische Einlage der Musiker Patrick Hollich und Ilja Ruf, in deren Vorfeld sich Patrick Hollinger nicht ohne Stolz zu seinen Banater Wurzeln bekannte.
Wieviel Vergangenheit und wieviel Zukunft?
Prof. Dr. Reinhard Johler von der Universität Tübingen, Leiter des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde hielt anschließend den Festvortrag: „Wieviel Vergangenheit und wieviel Zukunft? Überlegungen zum Festakt ‚75 Jahre Landsmannschaft der Banater Schwaben e.V.‘“
Die in den beiden letzten Jahren begangenen Gedenkfeiern hätten zu einer hohen politischen, medialen und damit öffentlichen Präsenz der „Donauschwaben“ (in allen ihren Organisationen und Gruppen) geführt, begann der Festredner, wobei allerdings der Blick vorwiegend auf die Geschichte geworfen wurde. In seinem Vortrag würde er sein Augenmerk auf die Zukunft aus der Perspektive der empirischen Kulturwissenschaft, seinem Forschungsbereich, legen.
Der Startpunkt für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Heimatvertriebenen in Deutschland sei Anfang der 1950er Jahre gewesen, als den Vertriebenen klar geworden war, dass eine Rückkehr in die „alte Heimat“ unmöglich ist – und ein Leben in der „neuen Heimat“ die Zukunft ist (oder sein wird). Um dies zu verdeutlichen, stellte er als Beispiel ein Forschungsprojekt am damaligen „Ludwig-Uhland-Institut für deutsche Altertumskunde, Volkskunde und Mundartenforschung“, dem heutigen „Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft“ in Tübingen vor.
An diesem Institut wurden ab Beginn der 1950er Jahre, unterstützt von der Universität, dem Caritasverband und dem Evangelischen Hilfswerk, umfangreiche Erhebungen zu den „mundartlichen und volkskundlichen Überlieferungen“ in den Flüchtlingslagern des deutschen Südwestens durchgeführt, initiiert von dem damaligen provisorischen Leiter des Instituts, dem Germanisten Hugo Moser. Das Ziel der umfassenden „Heimatvertriebenenaufnahmen“ war es, eine genaue Dokumentation der materiellen und mündlichen Kultur der Deutschen in ihren Herkunftsgebiete zu erreichen. Als 1955 Hermann Bausinger übernahm, erfolgte ein kulturwissenschaftlicher Blickwechsel, es wurden vollkommen neue Fragen aufgeworfen. So hat Bausinger früh untersucht, wie sich das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten – Stichworte etwa: „Neue Siedlungen“ – gestaltete. Dabei hat er insbesondere das „Einleben“ der Flüchtlinge – heutzutage würde man sagen: deren in Schritten erfolgte Integration – intensiv untersucht. Als Ergebnis seiner Forschung hat er vier Kategorien von ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen aufgestellt: das „naive Beharren“, das „sentimentalische Beharren“, die „naive Einfügung“ und die „sentimentalische Einfügung“. In seiner weiteren Forschung kristallisierten sich rasch zunehmende und ausgesprochen vielfältige „Mischungen“ zwischen Einheimischen und Heimatvertriebenen heraus. Das große „Aufeinandertreffen zweier „deutscher Volkswelten“ – hier: die Einheimischen, dort: die Heimatvertriebenen – konnte Bausinger daher auch nicht als Trennung, sondern als zügiges Zusammenwachsen durch unzählige sprachliche, kulturelle und soziale „Vermischungen“ verstehen. Dank eines Großprojektes der DFG führte Bausinger in 1200 Orten der Bundesrepublik Sprachaufnahmen durch, die den wissenschaftlichen Blick auf sprachliche Ausgleichsvorgänge richten sollten, um Sprachentwicklung und Sprachvarietäten zu dokumentieren, die nicht zuletzt durch die hohe Zahl an Heimatvertriebenen zu verzeichnen waren. Obwohl die Interviews nur zur Aufnahme der Sprache dienten, versuchten die Aufnehmenden – Hermann Bausinger und sein Assistent Arno Ruoff – sinnvolle Sachfragen zu stellen. Sie erkundigten sich daher meist über die „alte Heimat“, über die Flucht und zum Schluss gerne auch über die „neue Heimat“. Zur Illustration solcher Aufnahmen spielte Prof. Dr. Johler ein Interview mit dem aus Kleinschemlak stammenden Banater Schwaben Valentin Blumenschein vor.
In Baden-Württemberg stellten die Donauschwaben, Ungarndeutschen und Banater Schwaben den größten Anteil der Heimatvertriebenen. Die 1955 in Baden-Württemberg aufgezeichneten 500 Tonaufnahmen enthielten 200 von Heimatvertriebenen. Während die Interviews mit den Einheimischen direkt in die Forschung einflossen, sind jene mit den Vertriebenen weitgehend in Vergessenheit geraten und blieben fast 70 Jahre ungehört – und damit wissenschaftlich auch unbearbeitet. Erst Margret Findeisen, Doktorandin von Prof. Johler, hat in ihrer vor kurzem abgeschlossenen Dissertation „Vertriebene Erinnerungen?“ diese historischen „Tonaufnahmen mit Heimatvertriebenen“ zu ihrem Thema gemacht. Sie hat diese digitalisiert, transkribiert, beschlagwortet – und mit einer interessanten Fragestellung analysiert. Nachdem sie die im Archiv vorhandenen 200 Aufnahmen auf die Gruppe der historischen Donauschwaben eingeschränkt hatte, hat sie in einem zweiten Schritt versucht, Nachfahren der vor 70 Jahren Aufgenommenen zu finden. Ziel war es, zu erfahren, wie Erinnerungspraktiken im familiären Kontext funktionieren und was die eine Generation an die nächste weitergibt. Die Forschungsergebnisse, findet der Festredner, seien höchst aufschlussreich für die Frage: „Wieviel Vergangenheit, wieviel Gegenwart?“
Das Ergebnis ihrer Forschung fasst Margret Findeisen in fünf Punkten zusammen, die u.a. auf Kontinuitäten hinweisen, die bei den nächsten Generationen wichtig sind, z. B. weisen Vertreter der „dritten Generation“ ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis in der Gegenwart auf, welches sie mit den traumatischen Erfahrungen ihrer Großeltern, etwa im Hinblick auf ihre Flucht oder Vertreibung, in Verbindung bringen. Eine andere Gruppe distanziert sich von ihren Vorfahren, was darauf schließen lässt, dass familiäre Brüche bzw. Diskontinuitäten innerhalb dieser Familien entstanden sind. Andere wunderten sich darüber, dass jemand von „außerhalb“ – also die Forscherin – sich für die Donauschwaben interessiert, warum überhaupt zu diesem Thema geforscht werde, denn „wer interessiere sich heutzutage noch für die Donauschwaben?“ Und nicht zuletzt waren Interviewte vollkommen davon überrascht, dass sie von Margret Findeisen nicht über die Vergangenheit der Familie – worauf sich manche vorbereitet hatten –, sondern über die Gegenwart befragt wurden.
Diese fünf Punkte zeigen die Grundstimmung der Interviewten und werfen folgende Fragen auf: „Wer ist heute noch Donauschwabe? Wer interessiert sich für diese? Ist das Thema noch wichtig? Wer soll dazu forschen? Wer hat dazu überhaupt noch was zu sagen? Ist das noch wichtig? Hat das Thema überhaupt Zukunft?“ Die Ergebnisse dieser aufschlussreichen Forschung – ist der Festredner überzeugt – tragen dazu bei, Antworten auf die Frage nach Gegenwart und Zukunft der Donauschwaben zu finden, nachdem die Zeitzeugen („Ende der Erlebnisgeneration“) allmählich schwinden, die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit der Heimatvertriebenen und deren Nachfahren immer geringer wird, die Frage aufkommt, welches die Rolle der Jugend somit der nächsten Generation in den Landsmannschaften sein wird und schließlich überhaupt die Rolle der Landsmannschaft in der Zukunft.
Zum Ende seines Vortrags präsentierte Prof. Johler sein Fazit aus Sicht des Kulturwissenschaftlers. Mit der naturgemäßen Abnahme der Anzahl der „Donauschwaben“ schwinden – unabhängig von der engagierten und auch erfolgreichen Nachwuchsarbeit – auch zwangsläufig die familiären, mündlich übertragenen Erinnerungen, also das „kommunikative Gedächtnis“. An seine Stelle tritt das „kulturelle Gedächtnis“, also all jenes, das wie Bücher schriftlich oder wie Denkmäler materiell ist. Damit rücken gleichzeitig Institutionen, wie etwa Museen, z.B. hier das DZM, oder Archive als „Speicher der Erinnerung“ in den Vordergrund. Diese Institutionen sind Teil der gesamtdeutschen Erinnerungskultur, einige unter vielen anderen.
Die Erinnerungskultur der „Deutschen in Südosteuropa“ mit ihren Eckdaten – der Auswanderung, der Seßhaftwerdung, der Vertreibung und Aussiedlung sowie dem Einleben in Deutschland – sollte aktiv vertreten werden, da sie mit ihren kollektiven historischen Erfahrungen – Migrationen, Ansiedlung, Gewalt und Vertreibung, Einleben – auf ein besonderes, heutzutage immer wichtiger werdendes „kulturelles Erbe“ verweisen, das eigentlich ein „europäisches kulturelles Erbe“ sei, von dem man für die Gegenwart und die Zukunft lernen könne. Die seit längerer Zeit begonnen Bemühungen der Landsmannschaften „Brückenbauer“ in der europäischen Nachbarschaft zu werden, trägt sicherlich dazu bei, Zusammenkommen zu ermöglichen und ist eine wichtige Kulturarbeit auf der Ebene der Zivilgesellschaft. Diese Formen des Kontakts, der persönlichen Begegnungen zu den Völkern in den ehemaligen Siedlungsgebieten, werden mittlerweile von allen Landsmannschaften gepflegt. Als wichtige Aufgabe der Landsmannschaft sieht der Festredner auch, die mit den Deutschen in Südosteuropa verbundene „gemeinsame Geschichte“ wieder stärker in Erinnerung zu bringen, um das Wissen über die gemeinsame Vergangenheit wach zu halten. Er schlägt vor, Gegenstände aus aufgelassenen Heimatstuben und Museen in die ehemaligen Herkunftsdörfer zu bringen, um dort von der „gemeinsamen Geschichte“ Zeugnis abzulegen. Solche Erinnerungsstücke könnten auch in den Stadt- und Gemeindemuseen in Deutschland als eigenes Kapitel der Nachkriegszeit ausgestellt werden. Zur besseren Erreichung der Öffentlichkeit sollten auch die Kooperationen der Landsmannschaften beitragen. Bezüglich der Jugendarbeit regt er an, die junge Generation anzusprechen und diese anzuregen, sich mit den Fragen: „Wer bin ich? Für wen sprechen ich? Was tun wir da?“ und „Warum macht das Spaß?“ auseinanderzusetzen.
Abschließend lasse sich sagen, dass sich die Landsmannschaft in diesen 75 Jahren gewandelt habe. Er bestärkte sie mit der Aufforderung, in die Gegenwart schauen, „weil die Gegenwart nicht die schlechtere Vergangenheit“ sei, sondern die Möglichkeit biete, „was gut ist, weiterzuführen und die richtigen Formen zu finden“, die in die Zukunft führen.
Der Bundesvorsitzende Peter-Dietmar Leber bedankte sich bei dem Festredner für den Vortrag und die Impulse und bat die Redner und die Musiker auf die Bühne, um ihnen mit einem kleinen Geschenk zu danken. Anschließend lud er alle zu einem Stehempfang im Foyer des DZM ein.











