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Exportgut: Die Ware Mensch - Veranstaltung in Chemnitz erinnert an Freikauf

Gruppenfoto in der Gedenkstätte Kaßberg-Gefängnis (v.li.): Dr. Friedrich Maiterth, Dr. Bernd Fabritius, Dr. Heinke Fabritius, RA Cornel Hüsch, Alexander Dierks MdL, Brigitte Depner, Peter-Dietmar Leber Fotos: Walter Schneider

Eingang zum Lern-und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis

„Juden, Deutsche und Öl sind unsere besten Exportgüter – Ware Mensch? Wie Rumäniendeutsche gegen Devisen freigekauft wurden.“ Unter dieser Überschrift mit einem zynischen Zitat des Diktators Nicolae Ceauşescu hatte der Verein zur Förderung der Demokratie und Kultur Europas „translation e.V.“ am 6. November zu einer Veranstaltung in Chemnitz eingeladen. Sie fand als offizieller Bestandteil des Programms „Chemnitz-Europäische Kulturhauptstadt 2025“ im früheren Hafttrakt B des Lern- und Gedenkorts Gefängnis Kaßberg, in den „Vogelkäfigen“ statt. Mitfinanziert und gefördert wurde das Zeitzeugen-Projekt aus Steuermitteln des Freistaats Sachsen, durch Bundesmittel des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, von der Stadt Chemnitz, vom Förderprogramm EUJA! der  Sparkasse Chemnitz sowie von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Zahlreiche geschichtsbewusste Chemnitzer zeigten großes Interesse an dem Veranstaltungsort selbst sowie am Thema des Freikaufs der Deutschen aus Rumänien, das Parallelen zu den auch in Chemnitz abgewickelten Freikäufen aus der ehemaligen DDR aufweist.

Chemnitz, die einst reichste Stadt Deutschlands, hieß in der DDR-Zeit von 1953-1990 „Karl-Marx-Stadt“. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand im bürgerlich geprägten Kaßberg ein neuer Justizkomplex mit dem 1876/1877 errichteten Kaßberg-Gefängnis. Die kreuzförmige Haftanstalt im Stil der viktorianischen Gefängnisarchitektur nach dem panoptischen Prinzip (gleichzeitige Überwachung vieler Menschen durch einen einzelnen) gebaut, bestand aus einem zentralen Mittelbau, von dem strahlenförmig die Zellentrakte ausgingen. Diese Bauweise ermöglichte es, einen permanenten Überwachungsdruck auf die Insassen auszuüben, denn sie mussten jederzeit davon ausgehen, beobachtet werden. In dem Jugendstilviertel auf dem Kaßberg spielte sich später ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte ab: Der Block B des Kaßberg-Gefängnisses war das „Tor zur Freiheit“, der „Umschlagplatz“ des DDR-Menschenhandels. Hier wurde die „Ware Mensch“ einige Wochen aufgepäppelt, ehe die „Freigekauften“ mit heimlichen Bustransporten, den „Wunder-Bussen“, in die Freiheit gelangten. Doch immer schon, vom Kaiserreich bis zum Ende der DDR, diente das Gefängnis allen Systemen als Haftanstalt für Kriminelle und politische Gefangene.

Nach der Wende übernahm der Freistaat Sachsen die Gefängnis-Anlage. Als gegen Ende des Jahres 2010 die Liegenschaft verkauft werden sollte, gründeten engagierte Chemnitzer den „Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e. V.“, der sich mit der Unterstützung der Stiftung „Sächsische Gedenkstätten“ dafür einsetzte, an diesem historisch-authentischen Ort an das Leid all jener zu erinnern, die hier Unrecht erduldet hatten. Nach zweijähriger Bauzeit eröffnete der Lernort im Oktober 2023 seine Pforte für hauptsächlich (aber nicht nur) junge Menschen. 

Peter Wellach und seine Mitarbeiter vom Büro „beier+wellach projekte“ in Berlin entschieden sich für einen modernen Lernort mit „Fenstern in die Vergangenheit“. Mit ihrer Konzeption sorgten sie für einen nahtlosen Übergang von der NS-Zeit über die sowjetische NKWD-Zeit in die DDR-Zeit bis hin zur Wende – wobei klar wird, was allen Systemen gemeinsam war: Menschen zu erniedrigen. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit  nach 1945, als die Haftanlage Teil des DDR-Repressionsapparats geworden war.

Die früheren Zellen wurden mit persönlichen Dokumenten und Fotos zu biographischen Ausstellungen gestaltet. Sie zeigen Haftschicksale der ehemaligen politischen Gefangenen aus unterschiedlichen Epochen. Was sich dabei zeigt:  „Alle Insassen hatten eine Idee, die Idee von Freiheit“. Dazu äußerte sich Peter Wellach im Interview mit dem Sachsen-Fernsehen: „Wenn man in der Zelle steht und sich zuerst mit der Person beschäftigt, und dann wieder in die Schule gehen kann… wird man den Kontext ganz anders wahrnehmen.“

Umstrittener Menschenhandel

Im Stasi-Jargon wurde der Block B des Kaßberg-Gefängnisses „Päppel- Anstalt“ genannt. Die Häftlinge selbst bezeichneten sie als „Vogelkäfige“ – eine Anspielung auf  Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, den DDR-Unterhändler und Vertrauten Erich Honeckers. Über ihn lief das lukrative Geschäft, das der SED-Diktatur bis zum Mauerfall ca. 3,5 Milliarden DM einbrachte. Die Tätigkeit Vogels war nicht unumstritten, da sie zweifellos enge Kontakte zur DDR-Führung voraussetzte. Vogels eigene Sichtweise dazu ist pragmatisch: „Ich habe Menschen zur Ausreise verholfen, und das war nicht ‚Schaden‘ sondern Hilfe.“ In einem Spiegel-Artikel vom 15. Januar 1990 wird dem „Katholik und SED-Mann“ Vogel bescheinigt, er habe „mehr als 250000 DDR-Bürger legal in den Westen“ gebracht. Den Spiegel-Recherchen zufolge makelte der DDR-Anwalt bis zur Wende beim Agentenaustausch ebenso wie beim Bonner Freikauf von 33000 Häftlingen aus DDR-Knästen.
Die DDR war nicht das einzige Land des damaligen Ostblocks, aus dem die Bundesregierung Menschen gegen Warenlieferungen und Devisen freikaufte. Auch das kommunistische Ceauşescu-Regime in Rumänien füllte seine klammen Kassen mit der menschenverachtenden Praxis des modernen Menschenhandels, indem es vor allem Juden und Deutsche gegen Devisen auswandern ließ. Dank der geschickten Verhandlungen des Rechtsanwalts Dr. Heinz-Günther Hüsch lagen die Freikäufe von Deutschen aus dem kommunistischen Rumänien im vergleichbaren Bereich mit denen aus der DDR. Der CDU-Bundestagsabgeordnete und rheinländische Katholik Dr. Hüsch genoss das volle Vertrauen gleich mehrerer Bundeskanzler. Er hatte es aber mit einem wesentlich schwierigeren und nicht immer glaubwürdigen Verhandlungspartner zu tun, den Vertretern des rumänischen Geheimdienstes „Securitate“. Diese zollten ihm aber offenbar gehörigen Respekt, denn sie wollten keinen anderen Ansprechpartner.

„Freiheit als Ware“

Im Chemnitzer Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis wurde im Kulturhauptstadtjahr erstmals in Deutschland eine Wanderausstellung zum Freikauf der deutschen Minderheit aus der Ceauşescu-Diktatur gezeigt. Durch Kooperation mit Partnerorganisationen wie dem Bukarester Goethe-Institut soll europaweit Aufmerksamkeit für dieses historische Phänomen erzielt werden. Eine Ausstellungstour durch Rumänien ist für 2026 vorgesehen.

Im Vorfeld hatten Video-Interviews mit Betroffenen und Zeitzeugen stattgefunden. Die Interviewpartner waren über Aufrufe in der Banater Post, der Siebenbürger Zeitung und der deutschsprachigen Tageszeitung in Rumänien ADZ gefunden worden. Sie berichteten über das Leben als deutsche Minderheit im kommunistischen Rumänien, über das Dilemma „Gehen oder Bleiben“, ihren Wunsch nach Freiheit, ihre ersten Eindrücke und Erfahrungen als Neuankömmlinge in der damaligen Bundesrepublik Deutschland, über ihr Gefühl von mangelnder Anerkennung als Deutsche, bis hin zur gelungenen Integration und beruflichen Verwirklichung. Die Interviews widerspiegeln die persönlichen, vielschichtigen, aber auch zwischen dem Banat und Siebenbürgen regional unterschiedlichen Sichtweisen und Erinnerungen an die Ausreise sowie an alles, was damit verbunden war. Auch die Schmiergeldzahlungen wurden angesprochen. 

Der Film „Freiheit als Ware“ mit Stimmen von freigekauften Rumäniendeutschen und Befragungen der Zeitzeugen Brigitte Depner, Dr. Friedrich Maiterth, Sofia Penteker, Walter Schneider und William Totok vor laufender Kamera stellt den Grundstein der Sonderausstellung dar. Einspielungen daraus waren der wirkungsvolle „Schock-Einstieg“ zu der emotionalen Veranstaltung in der Kulturhauptstadt Chemnitz. Die zunächst einmal stumme Betroffenheit und Sprachlosigkeit wurde jedoch schnell durch die gefühlvoll und souverän geführte Moderation der Kulturreferentin für Siebenbürgen  Dr. Heinke Fabritius in den weiteren Verlauf übergeleitet. Bedauerlich, dass von den Interview-Zeitzeugen nur Vertreter der Siebenbürger Sachsen zur Podiumsdiskussion eingeladen waren und somit eher die siebenbürgische Sichtweise zur Sprache kam. Dennoch erfreulich, dass etlichen Banater Schwaben der Weg in die Europäische Kulturhauptstadt 2025 nicht zu weit war. Chemnitz und die hochkarätige Veranstaltung haben die Besucher großzügig entlohnt.

Die zahlreich erschienen Gäste wurden vom Verwaltungsleiter des Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis Ingolf Notzke willkommen geheißen. Ein Grußwort kam dann von dem aus Siebenbürgen stammenden Bundesbeauftragten für Aussiedler Dr. Bernd Fabritius, der sich erfreut zeigte, dass mit dem  Freikauf von Angehörigen der deutschen Minderheit in Rumänien ein vielschichtiges, aber wenig erforschtes Thema in den Fokus gerückt werde. Der Freikauf habe den Deutschen in Rumänien die ersehnte Möglichkeit geboten, ein selbstbestimmtes Leben in einem freien Land zu führen. Dr. Fabritius beteiligte sich auch an der anschließenden Podiumsdiskussion. 

Der Präsident des Sächsischen Landtags und Vorstandsmitglied des Lern- und Gedenkorts Kaßberg Alexander Dierks berichtete in seinem Grußwort über die persönlichen positiven Erfahrungen mit Spätaussiedler-Kindern in seiner Kindheit.
Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Banater Schwaben Peter-Dietmar Leber hielt einen gut dokumentierten Einführungsvortrag zur Geschichte des Freikaufs der Rumäniendeutschen. Darin unterstrich er u.a. die Verdienste von Rechtsanwalt Dr. Heinz-Günther Hüsch als Beauftragter der Bundesregierung in Sachen Freikauf der Deutschen aus Rumänien. Dr. Hüsch wurde dafür 2014 beim Heimattag in Ulm mit der Prinz-Eugen-Nadel, der höchsten Auszeichnung der Landsmannschaft der Banater Schwaben, ausgezeichnet. 2015 wurde ihm der Donauschwäbische Kulturpreis verliehen. Ernst Meinhardt hatte in seinem Nachruf auf Heinz-Günther Hüsch in der Banater Post resümiert: „Ohne Dr. Hüsch wäre die Geschichte der Banater Schwaben, der Siebenbürger Sachsen und überhaupt der Rumäniendeutschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anders verlaufen“. Peter-Dietmar Leber wies in diesem Zusammenhang auf die Verdienste der Journalisten Ernst Meinhardt und Hannelore Baier hin, deren Recherchen, Interviews und Veröffentlichungen zum Thema Freikauf das Thema in die Öffentlichkeit gebracht haben.

Seit der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sozialistischen Republik Rumänien im Jahre 1967 bis zum Fall des Ceauşescu-Regimes im Dezember 1989 waren ca. 225000 Rumäniendeutsche in die westliche Freiheit gelangt. Die letzte Abrechnung vom August 1989 wies für jeden einen Pro-Kopf-Betrag von 8950 DM aus. Diese ausgehandelten Auslösebeträge waren den deutschen Ausreisewilligen in Rumänien kaum bekannt, was auch in der anschließenden Podiumsdiskussion zum Ausdruck kam. Bekannt waren jedoch die individuell ebenfalls pro Kopf geleisteten Schmiergeldzahlungen an Unterhändler der Securitate, was anscheinend immer noch ein Tabu-Thema ist.

Am 4. Dezember 1989 kündigte Rumänien alle Vereinbarungen. Nach dem Sturz Ceauşescus wurden bereits am 29. Dezember 1989 alle Reisebeschränkungen aufgehoben. Innerhalb der folgenden sechs Monate kehrten 111150 Deutsche ihrer Heimat in Rumänien den Rücken. Im Zeitraum zwischen 1950 und  2005 kamen in der Summe 430101 Deutsche aus Rumänien als Spätaussiedler in die Bundesrepublik Deutschland. Die Zahl der in Rumänien lebenden Deutschen liegt gegenwärtig unter 30000 Personen.

Freikauf brachte Freiheit

Die Teilnehmer des Podiumsgesprächs waren als Kind, als Abiturient oder mit einem abgeschlossenen Studium nach Deutschland gekommen. Sie hatten demzufolge unterschiedliche Erfahrungen in Rumänien gesammelt. Für den bereits 1973 als Kind mit seiner Familie übersiedelten Dr. Friedrich Maithert hatte der in Deutschland lebende Großvater schon für einen reibungslosen Start Vorsorge getroffen. Brigitte Depner, 1983 ausgereist, berichtete vom jahrelangen Warten auf die Ausreisegenehmigung. Als besonders demütigend empfand sie, dass sie in der Bundesrepublik als Absolventin der Klausenburger Germanistik und Deutschlehrerin einen Deutschkurs belegen sollte. Dr. Bernd Fabritius war als Abiturient des Hermannstädter Brukenthal-Lyzeums mit seiner Familie 1984 in die Bundesrepublik gekommen. Gemeinsam mit anderen Abiturienten der deutschsprachigen Elite-Lyzeen wie dem Temeswarer Lenau-Lyzeum oder dem Kronstädter Honterus-Lyzeum musste auch er einen Deutschkurs besuchen. Das Dilemma „Gehen oder Bleiben“ entstand bei allen durch die Befürchtung, in Rumänien die Identität als Deutsche zu verlieren und der Hoffnung, diese Identität in Deutschland weiterleben zu können. Doch über allem stand bei der Entscheidung der brennende Wunsch nach Freiheit. Dem aus dem Rumänischen entlehnten Begriff „Ware Mensch“ konnten die Betroffenen deshalb nur mit Vorbehalt zustimmen. 

Der bei der Veranstaltung anwesende Rechtsanwalt Cornel Hüsch hatte seinen Vater zehn Jahre lang zu den Verhandlungen nach Bukarest begleitet. Da es sich nicht um offizielle Treffen von politischen Vertretern gehandelt hatte, fungierte Cornel Hüsch als eine Art „Aufpasser“, um den Vater vor den berüchtigten Tricks der Securitate zu schützen. Er selbst habe bei der Polizei dafür sogar Schießübungen absolviert, bekannte er, und auch sein Vater hätte fallweise eine Waffe getragen. Es sei wichtig gewesen, der rumänischen Seite gegenüber Stärke zu zeigen. Als der Rütlischwur aus Wilhelm Tell: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“ zur Sprache kam, bekannte Cornel Hüsch, dass dieses  Schiller-Zitat auch in seiner Familie stets einen hohen Stellenwert besessen habe.

Im Anschluss an die offizielle Veranstaltung fanden weitere lebhafte Gespräche mit dem Publikum statt.  Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, Politiker und interessierte Chemnitzer Bürger setzten durch ihre Anwesenheit ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen. Den Organisatoren gilt ein besonderer Dank für ihre Initiative, den Freikauf der Rumäniendeutschen mit Hilfe von Zeitzeugen in die Öffentlichkeit zu tragen.