Bereits nach Kriegsende 1945 wussten einige Angehörige der deutschen Heeresverbände, dass sie nicht ins Banat heimkehren, sondern in Deutschland bleiben würden. Einige gingen, wenn auch widerwillig, nach Darowa zurück, weil sie von Angehörigen, hauptsächlich den Eltern, darum gebeten wurden, um in den sehr schweren Zeiten der Nachkriegsjahre in der Landwirtschaft oder im Handwerksbetrieb der Familie mitzuhelfen. Fast alle Soldaten, die bereits eine Familie mit Kindern hatten, kehrten – zum Teil unter halsbrecherischen Bedingungen – nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft heim. Andere dieser Wehrmachtsangehörigen aber befürchteten Repressionen und versuchten, sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen. Viele hausten damals in den Baracken der ehemaligen Göring-Werke, die auch Sammelpunkt für entlassene, schwer kranke Verschleppte aus der Sowjetunion waren.
Ende der 50er Jahre, ca. 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, trafen die ersten Besucher aus Deutschland, den USA oder Österreich bei ihren Verwandten in ihrer einstigen Heimat ein, so auch einige Darowaer. Sie berichteten über das freiheitliche Leben mit wachsendem Wohlstand, dessen sich die Menschen im Westen erfreuten. Der Gedanke, auch als Deutsche unter Deutschen in Freiheit zu leben, nahm Gestalt an. Immer mehr unserer Darowaer Landsleute begannen sich mit dem Gedanken zu tragen, nach Deutschland auszusiedeln, wenn sich eine Möglichkeit dazu bieten würde, und keine weitere Zeit mehr in Unfreiheit und mit Benachteiligung verstreichen zu lassen. Die ersten Darowaer, die im Rahmen der Familienzusammenführung eine Ausreisegenehmigung erhielten, waren die Familien von Peter Krist (1959) und von Michael Eberhardt mit Frau und drei Kindern (1961). Sie ließen sich in Würzburg und in Salzgitter nieder.
Anfang der 1960er Jahre zogen drei nach dem Krieg in Deutschland verbliebene Darowaer – Peter Mahalsky, Michael Flock und der nach 12 Jahren aus der Kriegsgefangenschaft entlassene Hans Kottre – aus dem Ruhrgebiet bzw. Norddeutschland in den Süden von Baden-Württemberg. In Aldingen, nur fünf Kilometer von Spaichingen entfernt, fanden sie ideale Voraussetzungen, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Schon damals sagten sie sich, wie Peter Mahalsky später berichtete: „Hier gibt es preiswerte Bauplätze und ausreichend Arbeitsplätze. Hier könnten, bei einer Umsiedlung der Deutschen aus Rumänien, unsere Landsleute aus Darowa ganz gut eine neue Heimat finden.“
Aus dieser Situation heraus kamen vor nunmehr 60 Jahren, im Januar 1965, Johann Kottre mit Familie (vier Personen) und Schwiegermutter sowie seine Schwester Elisabeth Zöld mit ihrem Gatten Josef und den zwei Kindern zu ihrem Vater Hans Kottre. Diese beiden Familien waren die ersten, die sich direkt aus Darowa im Raum Spaichingen, in Aldingen, niederließen. Ihnen folgte, ebenfalls im Jahr 1965, Hans Mahalsky mit seiner Mutter. Hans Orner kam 1970 mit Frau, zwei Kindern und Schwiegersohn, Hans Becker mit Frau im Jahr 1973 und Josef Wibiral mit Familie 1978. Sie fanden alle Arbeit und Wohnung in Aldingen.
Beispielhaft für den Übersiedlungs- und Eingewöhnungsprozess einer Darowaer Familie hat uns Elisabeth Zöld, geb. Kottre, in Kurzform ihre Erfahrungen und die ihrer Familie der Anfangsjahre geschildert. Am 30. Januar 2025 waren es genau 60 Jahre seit ihrer Ankunft in Aldingen. Als ihr Vater Hans Kottre erfuhr, dass seine damals noch in Darowa lebende Frau und die Kinder sich mit dem Gedanken der Übersiedlung beschäftigten bzw. die Ausreiseanträge gestellt hatten, zog er von Norddeutschland nach Aldingen und bereitete deren Ankunft systematisch und gezielt vor. Kaum zwei Tage nach ihrer Ankunft in Aldingen eingetroffen, hatten die Kinder bereits im Februar 1965 eine Arbeitsstelle und die Enkelkinder durften kurze Zeit später in den Kindergarten. Häufig wurden sie wegen ihrer guten Deutschkenntnisse angesprochen, aber Deutsch war für die Darowaer selbstverständlich die Muttersprache und nicht nur ein Eintrag im Ausweis. Mit dem Verdienst der ersten Jahre und dem vom Vater angesparten Geld kaufte sich die Familie schon 1966 zwei Grundstücke in Aldingen. Die vom Architekten veranschlagten Baukosten waren für die jungen Familien ernüchternd und man überlegte, von dem Projekt Abstand zu nehmen. Der bereits erfahrene Vater überzeugte seine Angehörigen aber, doch vieles mit Hilfe von handwerklich begabten Familienangehörigen in Eigenleistung zu machen. Auch Josef Zöld hatte den Maurerberuf erlernt und schon im Banat ausgeübt. Die Frauen und Eltern bereiteten tagsüber alles auf der Baustelle vor und als die Männer nach Feierabend heimkamen, wurde Wand um Wand hochgezogen, Gewerk um Gewerk abgearbeitet, Schritt für Schritt der Bau vollendet. Jeden Abend und in jeder freien Minute widmete man sich dieser Aufgabe. Nur die Dachstühle der Häuser wurden von einer Firma erstellt, alles andere in Eigenleistung. Nach zwei Jahren konnten die Familien in die Häuser einziehen. Auch der betreuende Architekt fand für diese großartige Leistung anerkennende Worte und bestätigte, dass man nirgendwo mehr Geld hätte sparen können als durch diese umfangreichen selbst erbrachten Tätigkeiten. Somit hat man es geschafft, die finanziellen Belastungen in einem vertretbaren Maß zu halten und trotzdem Lebensqualität in den Alltag zu nehmen.
Der höchste Wert der Übersiedlung ergab sich für Elisabeth Zöld aber eindeutig durch die Familienzusammenführung, die es ihr möglich machte, ihren Vater im Alter von 28 Jahren kennenzulernen. Als er in den Krieg zog, war sie knappe sechs Jahre alt und sie hatte kaum noch konkrete Erinnerungen an ihn. Dieser Umstand wiegt natürlich schwer in einem Umfeld, das vom familiären Zusammenhalt getragen wird. Deshalb sieht sie es als ein großes Glück, nach mehr als zweiundzwanzig Jahren noch viel Lebenszeit mit dem Vater verbringen zu können, ihn als Menschen in seiner Charakterfestigkeit und Güte erleben zu dürfen. Im übrigen kann die inzwischen 88-Jährige rüstige Seniorin nur bestätigen, dass sich ihre Familien in Aldingen immer sehr wohl gefühlt haben und von Anfang an „wunderbar“ aufgenommen wurden.
1979 gab es in Spaichingen drei Familien Darowaer Landsleute: Hans Orner, Peter Nierlich sowie das junge Ehepaar Franz und Sieglinde Wibiral. Ihnen folgten bald danach die fünf Geschwister der Familie Karl Orner und die vier Geschwister der Familie Peter Nierlich und dann, in konzentrischen Kreisen, deren Verwandte, die Kinder, Miteltern, Vettern, und wieder deren Eltern, Kinder und weitere Verwandten. Der Verwandtschaftskreis erweiterte sich, es kamen immer mehr dazu. Manche entschlossen sich, hierher zu ziehen, auch wenn sie keine Verwandten in Spaichingen oder Aldingen hatten, weil man hier rasch einen Arbeitsplatz finden, bei Verwandten oder Bekannten vorübergehend wohnen und sich auch bald ein eigenes Heim schaffen konnte.
Der „Spaichingere Sog“ dürfte wohl ein einmaliges Phänomen sein: Von den in den 80er Jahren aus dem Banat in die neue Heimat gezogenen Landsleuten zogen über 1000 aus einem Ort hier zusammen, über 150 von ihnen wohnen allein in der Aldinger Straße, zumeist in eigenen, selbst erbauten Häusern. Einen ersten Impuls in diese Richtung bot sicherlich der Besuch des Liederkranzes in Darowa im Jahr 1971. Damals wurde vielen Menschen dort der Name „Spaichingen“ vertraut und sie konnten den Ort mit konkreten Personen assoziieren.
Von 1945 bis 1979 sind in 35 Jahren 46 Familien mit 105 Personen aus Darowa nach Deutschland und in die USA ausgewandert. Von diesen kamen neun Familien mit 32 Personen nach Aldingen und drei Familien mit 10 Personen nach Spaichingen. Ab 1980, nach dem Ausreiseabkommen aus dem Jahr 1977 zwischen Rumänien und der Bundesrepublik unter der Regierung von Helmut Schmidt, stieg die Zahl der Aussiedler rasch an. Bis einschließlich 1990 kamen 638 Familien mit 1786 Personen aus Darowa nach Deutschland. Davon ließen sich 359 Familien mit 1008 Personen in Spaichingen bzw. Aldingen nieder. Etliche verschlug es in die nähere Umgebung: Nach Tuttlingen kamen 25 Familien mit 60 Personen, nach Villingen-Schwenningen 15 Familien mit 41 Personen. Weitere leben in Balgheim, Bubsheim und Gosheim. Die größte Gruppe Darowaer außerhalb des Landkreises Tuttlingen lebte 1990 mit 61 Familien bzw. 145 Personen im Heilbronner Raum. Tatsächlich sind auch Fälle bekannt, wo Darowaer aus Augsburg, Karlsruhe, München oder Salzgitter nach Spaichingen übersiedelt sind, weil sie hier ein adäquateres Umfeld für ihr Leben finden konnten.
Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass die Hauptgründe für die konzentrierte Ansiedlung von Darowaern in Spaichingen zunächst Verwandtschafts- und Freundschaftsbindungen waren. Hinzu kamen schnelle und passende Arbeitsverhältnisse in erlernten Berufen und aussichtsreiche Möglichkeiten auf dem Wohnungsmarkt. Alles zusammen wirkte als „Spaichinger Sog“ auf die Darowaer.











