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Erinnerungen an Josef Gilde: Erziehung beginnt mit dem Respekt vor dem Kind

Josef Gilde (1938-2010) Foto: privat

Mit dem Zitat des Arztes und Pädagogen  Rudolf Wegmann: „Alle echte Erziehung beginnt mit dem Respekt vor dem Kinde und endet mit dem Respekt vor dem Lehrer. Nicht umgekehrt.“ startete Josef Gilde einen Rückblick auf sein Leben. In großem Respekt und Anerkennung seines Menschseins ist es mir als ehemaligem Schüler ein besonderes Bedürfnis, mich seiner in Dankbarkeit zu erinnern. Erst durch die Unterstützung meiner Grundschullehrerin Ruthild Gilde wurde es mir möglich, auf seinen Lebensrückblick zuzugreifen. Sie hat mir erlaubt diesen hier zu teilen:

„Geboren wurde ich am 29. Juni 1938 in der Heidegemeinde Großjetscha. Es gibt Ereignisse im Leben, die, weil sie prägend sind, in Bildern festgehalten werden. Im Januar 1945 wurde meine Mutter zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt. Zuletzt erblickte ich sie auf einem Schlitten, der sie zum Bahnhof bringen sollte. Ich lief hinterher und landete im Schnee. Ich blieb bei meinen Großeltern mütterlicherseits. Im Juni 1948 kehrte meine Mutter krank aus Russland zurück. Mein Vater war deutscher Soldat und kam im November 1946 aus Österreich nach Hause.

Im Herbst 1945 besuchte ich die erste Klasse und bekam eine rumänische Lehrerin. Ab Klasse zwei lernten wir deutsch. 1952 beendete ich die Allgemeinschule. Darauf bestand ich die Aufnahmeprüfung im Musiklyzeum, durfte aber diese Schule nicht besuchen, weil mir eine schlechte soziale Herkunft bescheinigt worden war. Dies darum, weil mein Vater eine Metzgerei hatte. Ich durfte freiwillig die siebte Klasse wiederholen und anschließend wurde ich Schüler der Deutschen Pädagogischen Lehranstalt in Temeswar.

Um bessere Lernbedingungen zu haben, wohnte ich privat. Erst im vierten Jahrgang zog ich ins Internat. Dadurch verlor ich manche Freiheiten, konnte aber gute Freunde gewinnen. Ich war stolz, Schüler dieser Schule zu sein, wenn auch die zahlreichen Prüfungen und die praktische Ausbildung das Nervenflattern bei mir nie zur Ruhe kommen ließen.

Ab dem zweiten Jahrgang wehte uns plötzlich ein rauher Wind entgegen. Fridolin Klein wurde der neue Schulleiter. Die persönlichen Freiheiten wurden eingeschränkt und es gab immer mehr Verbote und abschreckende Beispiele. Im dritten Jahrgang wurde Johann Bach unser Klassenlehrer. Er setzte die „Verfügungen“ des Schulleiters in die Tat um und nährte dabei bis zu unserem Schulabschluss eher Hass als Liebe.

Nach Beendigung der Lehrerausbildung 1957 bekam ich eine Lehrerstelle an der Schule in Bakowa. Anfangs unterrichtete ich in den Klassen eins bis vier.

Militärdienst leistete ich elf Monate in der Armee. Nach kurzer Unterbrechung wurde ich für elf Monate Arbeitssoldat, weil mein Vater bei der Wehrmacht gedient hatte. Als Lehrer konnte ich damals vielen Soldaten das Lesen und Schreiben beibringen. Am ersten Januar 1961 war meine Militärzeit vorbei und ich kehrte nach Bakowa zurück. Danach unterrichtete ich in den Klassen fünf bis acht die Fächer Physik, Chemie, Russisch und Musik.

1961 heiratete ich meine Klassenkollegin Ruthild Hollinger, die auch recht bald nach der Päda an unsere Schule kam. 1963 und 1966 kamen unser Sohn Rainer und Tochter Christa zur Welt.

In den 19 Jahren in Bakowa war ich auch 14 Jahre lang Kulturheimdirektor und somit Organisator von Auftritten der Theater-, Tanz- und Musikgruppen sowie von Brauchtumsfesten. Die weiteren Jahre meines Lebens waren immer mehr von Musik geprägt. Neben meiner Tätigkeit als Lehrer hatte ich viele Akkordeonschüler und ich war auch Leiter eines Unterhaltungsorchesters. Das Kulturprogramm, welches die Studenten, Mittel- und Fachschüler in den Sommerferien vorbereiteten, wurde im Dorf Tradition. Sehr beliebt waren die bunten Abende: „Liebeskarussel“, „Mit Musik um die Welt“, „Bunt gemischt“ u.a. 1970 habe ich die Kapelle der „Bakowaer Jungmusikanten“ gegründet, die in Zusammenarbeit mit der Temeswarer Volkskunstschule ausgebildet wurden. Es war die letzte Bakowaer Blaskapelle, die bis zur Aussiedlung (1990) bestanden hat.

Eigentlich sollte Bakowa mein Zuhause bleiben. 1970 kauften wir uns ein Haus, bauten es um und an. Leider bewohnten wir das neue Heim nicht lange und schweren Herzens zog ich mit meiner Familie 1976 nach Temeswar. Dort hatten meine Frau und ich den Wettbewerb für Lehrerstellen erfolgreich bestanden und unsere Kinder konnten so Lenauschüler werden. Auch wir beide kamen an die Lenau-Grundschule. Es folgten vier schöne und erfolgreiche Jahre. Wir unterrichteten in großen Klassen bis zu 40 Schüler, da zunehmend rumänische Kinder in deutsche Klassen eingeschrieben wurden.

Unterstützt von unserem bekannten Chorleiter Matthias Schork habe ich den Schubert-Kinderchor geleitet. Er bestand aus 90 Sängern und Bläsern, die Lieder, Kanons und Instrumentalstücke vortrugen. Die Lenauschüler bemühten sich, unsere schöne Sprache zu erlernen. Die Eltern schätzten unsere Arbeit und bedauerten es, als wir am Ende des Schuljahres 1980 nach Deutschland aussiedelten. 

Die vier Jahre an der Lenauschule waren für mich eine gute Vorbereitung auf das, was mich in der neuen Umgebung erwartete. Die Schüler hier waren genau so lebhaft wie an der Lenauschule. Obzwar mein Lehrerdiplom mit einer baden-württembergischen Lehramtsprüfung nicht vergleichbar war, wurde ich aufgrund meines Lebensalters (damals war ich 42 Jahre alt) und meiner langjährigen praktischen Erfahrung ...  zum Probeschuldienst zugelassen. Im Mai 1983 habe ich die Überprüfung der Lehrerbefähigung bestanden. Bis zum Ende des Schuljahres 2000-2001 war ich Lehrer im Angestelltenverhältnis an der Grund- und Nachbarschaftshauptschule in Ebhausen, Kreis Calw. Ich war Klassenlehrer in Klasse drei bis vier, wo ich die Hauptfächer unterrichtete und Fachlehrer für Musik in der Hauptschule.

In Trossingen erlernte ich ab 1990 das Mundharmonikaspielen und brachte es hernach mehreren Schulklassen bei. Auch heute noch bin ich dakbar, dass ich immer wieder Schüler zum Musizieren gewinnen konnte und auch mit diesen auftreten durfte. Anlässlich meines 40-jährigen Dienst jubiläums schrieb mein Schulleiter W. Egginger im Schwarzwälder Boten: „Mit viel Engagement arbeitete sich der besonders musikalisch versierte Pädagoge in die völlig neuen Verhältnisse ein. Dabei erwartete er Respekt von seinen Schülern und brachte ihnen mit der notwendigen Autorität, aber auch mit viel liebevollem Verständnis diszipliniertes Verhalten bei, eine der Grundvoraussetzungen für die geforderte Erziehung und Bildung.“ Oft war ich am Ende eines Schuljahres müde und ausgebrannt, fühlte aber immer wieder: Was für einen schönen Beruf habe ich doch gewählt!

Auch im Ruhestand ist die Musik mein wichtigstes Hobby geblieben. Heute musiziere ich vor allem sehr gerne mit meinen drei Enkeln und singe im Kirchenchor.”

Soweit der Rückblick von „Gilde Lehrer“, wie er allen Bakowaer Landsleuten noch in Erinnerung ist. Ergänzend erfuhr ich von seiner Witwe Ruthild, dass die Musik ihn bis zu seinem Lebensende am 9. Juli 2010 stets begleitete. Er leitete zwei Chöre  und war mit viel Freude bei den Proben und Aufführungen sowie an Festtagen bei der musikalischen Gestalung der Gottesdienste dabei.

Auch wenn schon 15 Jahre seit seinem Tode vergangen sind, ist er immer noch in den Erinnerungen der Bakowaer präsent. Die ehemaligen Schüler von Ruthild und Josef Gilde an der Grundschule Bakowa  denken mit Dankbarkeit an ihn. Ohne das Lehrer-Ehepaar Gilde wären unsere Erinnerungen ein ganzes Stück ärmer.