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"Leben in der Diktatur": Das „deutsche Problem“ in den Jahrzenten des Kommunismus

Fast ihr ganzes berufliches Leben hat Hannelore Baier als Journalistin gewirkt, zunächst als Korrespondentin der Tageszeitung „Neuer Weg“ in ihrer Heimatstadt Schäßburg, später als Redakteurin bei derselben Zeitung sowie deren Nachfolgerin „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“. Nach der politischen Wende widmete sie sich verstärkt der Geschichtsforschung, wozu sie tief in die Archivarbeit eintauchte. Ihr Ziel: das Auffinden, die Untersuchung und Aufarbeitung von Quellen zur Geschichte der Deutschen in Rumänien in den Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur. Binnen kürzester Zeit machte sich Hannelore Baier dank ihrer Aufsätze und Quelleneditionen einen Namen als Zeithistorikerin. Viel Beachtung fanden ihre beiden Quellensammlungen in rumänischer Sprache: „Deportarea etnicilor germani din România în Uniunea Sovietică 1945“ (1994) und „Germanii din România 1944-1956“ (2005). Einige der im letztgenannten Band publizierten sowie weitere Unterlagen erschienen in deutscher Übersetzung in der von Annemarie Weber unter Mitarbeit von Hannelore Baier 2015 herausgegebenen Quellensammlung „Die Deutschen in Rumänien 1944-1953“. 2022 folgte mit „Überwachung und Infiltration. Die Evangelische Kirche in Rumänien unter kommunistischer Herrschaft (1945-1969)“ eine Dokumentation über die Strategien und Methoden der Kultusoberbehörde und des Geheimdienstes Securitate zur Unterwanderung und Gleichschaltung der EKR und die Abwehrversuche von Bischof Friedrich Müller.

Der kürzlich im Hermannstädter Honterus-Verlag erschienene Band „Leben in der Diktatur. Beiträge zur Geschichte der Rumäniendeutschen 1940-1989“ vereint 18 Aufsätze, die Baier im Verlauf von 30 Jahren in verschiedenen Publikationen – Zeitungen, Zeitschriften, Büchern – veröffentlicht oder bei Tagungen präsentiert hat. Die Gliederung des Bandes widerspiegelt die Forschungsschwerpunkte der Autorin: die Deportation zur Zwangsarbeit, die Politik der rumänischen Regierungen gegenüber der deutschen Minderheit, deren politischen Vertretungen, ihre Überwachung und Verfolgung durch die Securitate sowie der „Freikauf“ von deutschen Volkszugehörigen durch die Bundesregierung. Einige Beiträge greifen über das Zäsurjahr 1944 hinaus, indem sie Aspekte der Volksgruppen-Ära, wie die Rekrutierung zur Waffen-SS, deren Wahrnehmung durch und deren Auswirkung auf die rumäniendeutschen Gemeinschaften oder die Ansprüche der Deutschen Volksgruppe in Rumänien auf jüdisches Eigentum thematisieren.

Was Hannelore Baier an Dokumenten aus verschiedenen Archiven, insbesondere dem Rumänischen Nationalarchiv, dem Archiv des Nationalen Rates für das Studium der Archive der Securitate (CNSAS) und dem Archiv des Außenministeriums Rumäniens, durch intensive Recherchen zu Tage befördert hat, ist ebenso beachtlich wie die darauf fußenden wissenschaftlichen Studien oder journalistischen Beiträge. Diese zeugen davon, dass die Autorin das Handwerk, mit archivalischen Quellen umzugehen, aus ihnen möglichst umfassende Erkenntnisse zu gewinnen und sie einer sachlich-kritischen Aufarbeitung zu unterziehen, solide beherrscht. Dabei habe sie „nicht nur viel Spürsinn, sondern auch Takt und Einfühlungsvermögen“ gezeigt, bescheinigte ihr vor kurzem der Historiker Konrad Gündisch anlässlich der Verleihung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises 2025. Baier geht es in ihren Beiträgen stets um quellengestützte Analysen und faktenbezogene Aussagen, um die inhaltliche und zeitliche Einordnung der aus dem archivalischen Material gewonnenen Erkenntnisse. Dass die eingesehenen Aktenbestände nicht auf alle Fragen Antworten liefern, merkt sie an etlichen Stellen in dem Buch an.

Die zehn im ersten, mit „Deportation, Arbeitslager, allgemeine Lage“ überschriebenen Kapitel des Bandes thematisieren verschiedene Aspekte der Zeitgeschichte der Rumäniendeutschen:

  • die Deportation von fast 70000 Frauen und Männer zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion im Januar 1945, „das Nachkriegsereignis, das sich ins kollektive Gedächtnis der Rumäniendeutschen am tiefsten eingeprägt hat“, und die Einstellung der rumänischen Politiker zu Stalins Deportationsbefehl;
  • der Zwangseinsatz von Personen deutscher Volkszugehörigkeit zu Arbeiten innerhalb der Landesgrenzen ab dem Frühjahr 1945 bis Anfang 1949;
  • die Agrarreform vom März 1945, die die deutsche Minderheit am härtesten getroffen, die Landbevölkerung ihrer Existenzgrundlage beraubt und maßgeblich zu deren Entwurzelung beigetragen hat;
  • die 1947/48 geplante Umsiedlung der bei der Agrarreform enteigneten schwäbischen und sächsischen Landbevölkerung, insbesondere in den Süden und Osten des Landes;
  • die von der rumänischen Politik angestrebte, aber verpasste Ausweisung der Deutschen aus Rumänien als mögliche Lösung der „deutschen Frage“, über die jedoch nicht in Bukarest, sondern in Moskau, und zwar im Sinne der Stalinschen Nationalitätenpolitik entschieden wurde;
  • die erfolglosen politischen Bemühungen von Hans Otto Roth, einer der „fähigsten Politiker, welche die Deutschen in Rumänien in der Zwischen- und Nachkriegszeit hatten“, nach dem 23. August 1944;
  • die in Siebenbürgen in der Zeitspanne 23. August 1944 – Februar 1949 von den „alten“ sächsischen Politikern ausgehenden Initiativen und die von linksorientierten Kräften unternommenen Versuche, Organisationen der Siebenbürger Sachsen zu gründen;
  • die Ziele und Aufgaben der auf Geheiß der Kommunistischen Partei gegründeten Vertretungen der deutschen Minderheit – das Deutsche Antifaschistischen Komitee (1948-1953) und der Rat der Werktätigen deutscher Nationalität (1968-1989) –, deren Einsatz für bestimmte Anliegen der deutschen Bevölkerung, die Grenzen ihrer Wirkungsmöglichkeiten sowie die Gründe für die ablehnenden Haltung eines großen Teils der Rumäniendeutschen gegenüber diesen Organisationen.

Das zweite Kapitel, „Im Visier der Securitate“, umfasst fünf Beiträge, in denen die Autorin die Mechanismen aufzeigt, die eingesetzt wurden, um die rumäniendeutschen Gemeinschaften mit Informanten zu durchsetzen, sie zu überwachen, zu manipulieren und für die Interessen der KP-Führung zu instrumentalisieren. Baier unterstreicht die Kontinuität in der Überwachung und Verfolgung der Rumäniendeutschen, die wegen ihrer Verstrickung mit dem nationalsozialistischen Deutschland bis zum Ende des Ceauşescu-Regimes unter dem besonderen Augenmerk der Siguranţa und der späteren Securitate standen. An zwei Fallbeispielen – jenem einer Gruppe von Kronstädter Jugendlichen um Horst Depner sowie jenem des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde anlässlich seiner Tagung 1977 in Hermannstadt – wird verdeutlicht, wie die Gruppe geheimdienstlich durchsetzt und das Vorgehen des Geheimdienstes danach zur Schulung seiner Mitarbeiter genutzt worden ist, beziehungsweise wie rumäniendeutsche Intellektuelle von der Securitate instrumentalisiert wurden.

Die Beiträge dieses Kapitels legen den Schwerpunkt auf Siebenbürgen und thematisieren einerseits die Überwachung und Infiltration der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien während der Amtszeit des Bischofs Friedrich Müller (1945-1969), andererseits das Schicksal der beiden im April 1952 verhafteten bürgerlichen Politiker Rudolf Brandsch und Hans Otto Roth. Der eine starb im September 1953 im Gefängniskrankenhaus Văcăreşti, der andere im April 1953 im Arbeitslager Ghencea. 

Ein weiteres Thema, dem sich Hannelore Baier gewidmet hat, ist die Familienzusammenführung, beziehungsweise der „Freikauf“ von Angehörigen der deutschen Minderheit ab 1968 auf Grund von vertraulichen Vereinbarungen zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland. Dazu hat sie für das letzte Kapitel des Bandes drei Beiträge ausgewählt. Die Autorin weist auf die doppelzüngige Politik Rumäniens in der Frage der Familienzusammenführung und Ausreise der Rumäniendeutschen hin: Einerseits wollte man durch „Aufklärungsarbeit“, sprich Propaganda, die Ausreisewilligen umstimmen und sie überzeugen, im Land zu bleiben, andererseits hat man den Wert der Deutschen als „Exportware“ erkannt und das Erteilen von Ausreisegenehmigungen von Kopfgeldzahlungen und Wirtschaftsbegünstigungen seitens der Bundesregierung abhängig gemacht. Anhand von Protokollen der Gespräche zwischen Ceauşescu und bundesdeutschen Politikern (Kohl, Strauß, Carstens, Schmidt, Genscher) geht Baier auf die Art und Weise ein, in der das Thema Familienzusammenführung – laut rumänischer offizieller Seite – angesprochen worden ist. Aufgrund der eingesehenen Unterlagen weist die Autorin nach, dass die Securitate die von den Ausreisewilligen erpressten Schmiergeldzahlungen zwecks Ermöglichung beziehungsweise Beschleunigung der Ausreise initiiert und koordiniert hat. Am Beispiel des pensionierten Securitate-Offiziers Ioan Boc aus Arad wird der Einsatz dieses Deviseneintreibers im Rahmen der Operation „Aradul“ dargestellt.

Hannelore Baiers Forschungen in den Archiven, den „Werkstätten des Historikers“, waren ergiebig. Mit ihren daraus resultierenden Publikationen – wovon eine repräsentative Auswahl in dem hier vorgestellten Sammelband vorliegt – hat sie einen unschätzbaren Beitrag zur Klärung unzähliger Fragen in Bezug auf die Zeitgeschichte der deutschen Minderheit in Rumänien geleistet.

Hannelore Baier: Leben in der Diktatur. Beiträge zur Geschichte der Rumäniendeutschen 1940-1989. Hermannstadt: Honterus Verlag, 2025. 451 Seiten. Preis: 26,50 Euro. Zu bestellen über www.buechercafe.ro