Woher die Hinwendung oder der Hang zum Schreiben bei Ludwig Schwarz kam, wissen wir nicht genau, es dürften die Lehrer des „Deutschen römisch-katholischen Knabengymnasiums Timisoara“ an der Banatia-Schulengruppe gewesen sein, bekannte Namen wie Dr. Hans Weresch, Dr. Peter Schiff, Anton Valentin, Hans Hagel, Franz Lux, die damals schon überregionale Deutsch-Olympiaden organisierten. „Stefan H(ans) Schwartz“ (so die Eintragung auf dem Schülerausweis, siehe Kopie der Titelseite) dürfte auch von der Mutter Franziska, geborene Hess, Beamtin, vom Hess-Großvaters (Notar im damaligen serbischen Banat) und dem Stiefvater Martin K. Pollaretzky gefördert worden sein. Es ist uns nicht bekannt, ob Briefe aus den Kriegs- und Gefängnisjahren existierten und im Nachlass im Donauschwäbischen Institut in Tübingen erhalten sind. Belegt ist, dass Ludwig Schwarz - so unterzeichnete er als Schreibender von Anfang an - kurz nach der Entlassung als „Arbeitsunfähiger“ aus sowjetischer Gefangenschaft viel geschrieben hat, u. a. über die wiederholten kurzen Schikane-Inhaftierungen in Temeswar Ende 1945. Auf losen Blättern sind frühe unveröffentlichte Poesie-Versuche ab 1945 in drei Sprachen erhalten, deutsch, ungarisch und rumänisch, und nicht uninteressante Gedankensplitter, die heute teils als kurze politische Überlegungen eingeschätzt werden können.
Schreiben wurde ihm zum Bedürfnis, ein Weg, Erlebnisse und Ereignisse (z. Bsp. der frühe Tod eines deportierten Dolatzer Mädchens) auf diese Art zu bewältigen. Sicher ist zudem, dass der junge Mann - bei der Entlassung aus der Gefangenschaft nach mehrfachen Verwundungen war er noch keine 21 -, mehrere Sprachen gut beherrschte, belesen war und sich als Autodidakt ständig weiter gebildet hat. Ein Beispiel von aufgeschriebenen Überlegungen (siehe Kopie), datiert Dolatz, den 23. August 1946, mit Bezug auf den 23. August 1944 in Rumänien: "Es muss hier alles auch einmal vergehen … - Sogar der Herr hat selbst zum Tod gemusst.-Ich frage: „Wie mag es wohl mit dir denn stehen du „ewiger“ dreiundzwanzigster August?“Darunter eigenhändige Unterschrift.
Es sind Versuche aus den Jahren nach Kriegsende in seinem Geburtsort Dolatz bis 1951, wo er seine Mutter nicht wieder gefunden hatte, die mit einer Tante nach Târgu Jiu interniert worden war. Daher hielt sich Ludwig eine Zeit im benachbarten Tolvad auf. Wer die frühen Schriften in der Zeit der nachfolgenden fünfjährigen Baragan-Deportation aufbewahrt und gesichert hat, ist nicht bekannt, vermutlich war es die Mutter. An sie waren auch die Briefe und Bilder aus der Verschleppung gerichtet, die Ludwig Schwarz geschrieben hat und die teils aus dem Nachlass in der Zeitschrift „Banatica“ (Nr. 3/1992, S. 39-58) veröffentlicht wurden.
Biographie in Lexika
In Deutschland wurden Leben und Werk des Publizisten und Schriftstellers Ludwig Schwarz zuerst 1984 in das schmale Bändchen „Deutsche Mundartautoren aus dem Banat“ (S. 36) und 1992 in das große Lexikon Banatdeutscher Persönlichkeiten - beide Veröffentlichungen von Dr. Anton Peter Petri - aufgenommen. Die umfangreichste, ausführlichste und reich illustrierte Biographie mit Bibliographie und Werkkritik - verfasst vom Autor dieses Beitrags, Übersetzung Mihaela Sandor, erschien 2005 rumänisch im Lexikon Banater Schriftsteller (Dicționar al scriitorilor din Banat, Herausgeber Adrian Butnaru, S. 681-686). Eine ursprünglich geplante deutsche Ausgabe des Nachschlagewerks (siehe Banater Post vom 20.11.2005) ist nicht erfolgt.
Dr. Horst Fassel erstellte 2010 einen Lexikon-Beitrag für die Neue Deutsche Biographie (online frei, mit einem Fehler beim Einstellen, 2. statt 3. Juli als Todesdatum). Die jüngste Würdigung erfuhr der Schriftsteller durch die Aufnahme in den ersten Band (Literatur) der großen Reihe „Enciclopedia Banatului“, herausgegeben 2016 von der Temeswarer Zweigstelle der Akademie Rumäniens, Seiten 588-589, mit Foto, Verfasserin Mihaela Sandor vom Temeswarer Germanistik-Lehrstuhl (Verlag David Press, Timisoara). In Tagungsbänden sind mehrere größere Beiträge über die Mundartliteratur des Schriftstellers erschienen, u. a. von Eduard Schneider, der auch eine Würdigung zum 50. Geburtstag im Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis verfasst und veröffentlicht hat, von Dr. Hans Gehl, Peter Kottler und Luzian Geier (Tagungsband Sindelfingen 2017).
Fechsung
Der Einsatz von Persönlichkeiten wie Dr. Johann Wolf, Franz Liebhard, Nikolaus Berwanger, Hans Kehrer, Ludwig Schwarz u. a. für die Belange der Banatdeutschen in der Nachkriegszeit, fußte hauptsächlich auf der Prämisse bzw. Hoffnung eines erfolgreichen Weiterlebens und Fortbestehens der deutschen Gemeinschaft im Banat. Überblickt man heute das Lebenswerk der drei hier genannten Autoren, so ist ein Wandel diesbezüglich im Verlauf der Zeit feststellbar, nachdem „die Heimat anfangt Stiefmotter“ zu werden (siehe dazu den Beitrag zum 70. Geburtstag von Schwarz in dieser Zeitung vom 20. September 1995).
Ein meines Erachtens ungenügend gewürdigter Einsatz von Ludwig Schwarz war der zur Förderung der volksnahen Mundartdichtung und der jüngeren Generation Banater Schreibenden, deren lyrische Texte er als erste Nachkriegsernte („Fechsung“) 1979 als Anthologie (Kriterion Verlag Bukarest, 1979, 143 Seiten) zusammengetragen und veröffentlicht hat mit einem Vorwort von elf Seiten als Argument und Plädoyer für die beliebte Dichtung in der Muttersprache, lyrische Schreibart als „poetischer Gestaltungs- und Mitteilungsprozeß“ mit vielen sozialkritischen Aspekten zur damaligen Zeit. Das Buch erschien in einer Auflage von 4.000 Exemplaren und war rasch ausverkauft.
Lyrische Texte von 23 Schreibenden hatte Schwarz ausgewählt, die er als Mitbegründer der „Pipatsch“-Beilage alle kennengelernt hatte, darunter Namen von Banater Autoren, die auch später literarisch tätig waren, wie beispielsweise Horst Samson, Helmuth Frauendorfer, Magdalena Kern-Binder, Ferdinand Heim, Hans Stemper, Rainer Kierer oder die inzwischen verstorbenen Otto Aczel, Jakob Dietrich, Marianne Ebner, Magdalena Ballmann, Josef Hornyacsek und Michael Müller. Andere damals junge Autorinnen und Autoren sind nach der Aussiedlung in Deutschland leider verstummt.
Die ungehaltene Rede
Am 22. August 1925 in der Banater Gemeinde Dolatz geboren, blieb Ludwig Schwarz die Biografie vieler seiner Landsleute nicht erspart. Kriegs-, „Bewährungsbataillons“-, Gefangenschafts- und Baragan-Erfahrungen haben sein Leben geprägt, hinterließen Spuren, im Alltäglichen und im literarischen Werk, das nicht nur Mundartliteratur ausmacht, sondern auch Prosa, Lyrik, erfolgreich aufgeführte Theaterstücke und viel Unveröffentlichtes. Die vor Jahren unternommenen Versuche von Felix Matei und Hans Gehl Teile aus dem Nachlass zu veröffentlichen, verliefen erfolglos, das Tübinger der Institut hat den übernommenen Nachlass nicht ausgewertet.
Vor allem war aber die Roman-Trilogie „De Kaule-Baschtl“ (1977-1981) - in Buchform veröffentlicht - ein Novum in der Banater deutschen Mundartliteratur. Es hat inhaltlich, mundartlich und literarisch eine Sonderstellung an Authentizität und an dokumentarischem Wert zugleich. Der Autor selbst ist Hauptperson, die Sophie ist seine in Nürnberg 2017 verstorbene Ehefrau Eva, geborene Peters, die er 1949 in Dolatz geheiratet hatte. Schwarz hinterließ uns vom Wertvollsten, was dieses literarische Genre im Banater Schrifttum bietet.
Plötzlich und zu früh verstarb Ludwig Schwarz während einer Tagung des Rumänischen Schriftstellerverbands 1981 in einem Hotel in Bukarest, bei der auch der Banater Autor und Mitglied des Schriftstellerverbandes zu Wort kommen sollte. Die rumänisch verfasste Rede von sechs Seiten konnte er nicht mehr halten, sie wurde rumänisch nicht veröffentlicht, deutsch auch nur teilweise. Sie ist abgelegtes Zeugnis seines Lebens, der unzähligen Hindernisse und wiederholten Veröffentlichungsverbote, aber auch eine mutige Darstellung der Probleme der deutschen Minderheit damals in Rumänien. Den wenigen Kennern des Dokuments bleibt es ein unvergessener Text. Schwarz schrieb u. a. von geistiger Haft („detenție spirituală“), von Tabuisierungen und von den zu „Exportware“ gewordenen Rumäniendeutschen. Ob auch Angst vor dem Auftritt mit diesem Redetext zum plötzlichen Tod durch Herzversagen geführt hat, werden wir nie erfahren.
Auf dem Grab- und Gedenkmal, das die Familie auf dem Neupetscher Friedhof errichtet hat, steht ein in Marmor gemeißeltes offenes Buch mit folgender Inschrift: "Die Zeit heilt nicht/ Sie lässt bloss vergessen./ Sie ist ein falscher Tröster,/ die Zeit.“Darunter die unverkennbare Handschrift, die der Steinmetz-Sohn Helmut nachgestaltet hat.











