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Diesseits und jenseits der Grenze - Erinnerungen an den Tag der Ausreise

Drei Koffer, zwei Körbchen und ein Besen … der Anfang! Nürnberg Hauptbahnhof (1987) Foto: M. Loris

Wie viele Banater Schwaben bin auch ich mit meiner Familie irgendwann ausgewandert. Auch wenn das schon viele Jahre her ist, hat sich dieses einschneidende Erlebnis der Ausreise bis heute in meinem Gedächtnis eingeprägt.
Der letzte Tag vor unserer Ausreise war ein „gebrochener“ Tag – entzweit, diesseits und jenseits der Grenze. Viele Jahre war für mich das, was die Zurückgebliebenen erlebten, von geringer Bedeutung, bis mir dann eines Tages meine Mutter die andere Seite kundtat und den Tag somit vervollständigte.

Es sollte ein emotionaler Tag werden, an dem Freud und Leid so dicht beieinander lagen wie Himmel und Erde am fernen Horizont. Der Tag, an dem wir alles, was wir hatten und was mal unser Alltag war, für immer verlassen haben.
Es war an einem 10. Januar, Mitte der 80-er Jahre – ein kalter, grauer Wintertag, der schon beim ersten Wimpernschlag außergewöhnlich begann. Denn alles um uns herum war leer, nur ein Bett und zwei Koffer waren noch im Haus und jedes Wort hallte wie in einer Kirche durch die verwaisten Zimmer. Beim Anbruch des Tages kamen die ersten Menschen, die uns nahe waren, um sich von uns zu verabschieden. Das ging den ganzen Tag über so bis in die Abendstunden. Als dann gegen achtzehn Uhr das Auto im Hof stand, das uns zum Bahnhof Curtici an der Grenze bringen sollte, hatte der Abschied seinen Höhepunkt erreicht. Sobald die Stimmen verstummten und wir mit einem letzten Handzeichen den Verbliebenen zuwinkten, spielte die versammelte Blaskapelle, meine Musikantenkameraden, den „Alte Kameraden Marsch“. Dann stiegen wir ins Auto und verließen das Dorf im Schritttempo. Wir verließen unser altes Leben und damit alles, was einmal gewesen war.

In weniger als zwei Stunden waren wir am Bahnhof an der Grenze angekommen. Während wir uns den üblichen Kotrollen unserer Papiere und unseres Gepäcks  unterziehen mussten, hielten meine Eltern unser Kind auf dem Arm und liebkosten es.
Eine unüberhörbare Lautsprecheransage forderte uns schließlich zum Einsteigen in den bereitstehenden Zug auf. Der Abschied nahte. Während unsere Gefühle frei von jeglicher Beherrschung ausuferten, nahm ich unser Kind entgegen und wir tasteten uns zu dritt, im Stockfinsteren, über sieben Bahngleise zum Zug. Erst als dieser anfuhr und die Grenze passierte, legte sich die Spannung. Wir wurden allmählich ruhiger und begannen, uns auf das Bevorstehende zu freuen.
Das Leben jenseits der Grenze ging jedoch in seinem gewohnten Trott weiter. Meine Eltern begaben sich auf die Heimfahrt und waren in den frühen Morgenstunden des Folgetages wieder zu Hause. Mein Vater war damals seit elf Tagen im Ruhestand und meine Mutter hatte sich einen freien Tag erbeten, um sich von den Strapazen und dem Trubel unserer Ausreise zu erholen. Sie war in der Landwirtschaft beschäftigt und war dort für das Lager der sechshundert Hektar großen Kollektivwirtschaft verantwortlich.

Als sich meine Mutter jedoch in die Küche begab, um einen heißen Tee zu brühen, stand plötzlich der Polizeichef des Ortes vor der Haustür und forderte sie auf, unverzüglich in die Arbeit zu gehen, denn es müsse ganz dringend Getreide ausgegeben werden. Das tat  sie dann, übernächtigt, müde und traurig wie sie war. Die Arbeit dauerte bis in die Dämmerstunden, erst gegen siebzehn Uhr kam sie nach Hause. Müde und erschöpft setzte sie sich neben meinen Vater auf die Bank vor dem warmen Ofen, sie war am Tiefpunkt eines so noch nie erlebten Tages angekommen.

Meine Eltern verzichteten auf das Abendessen und saßen stillschweigend, in Gedanken versunken, in wohliger Wärme in ihrem Zimmer, bis unerwartet ein dumpfes Geräusch vor ihrem Haus zu vernehmen war. Eine Pferdekutsche hielt vor dem Haustor und ein Gesandter von der „Kollektivverwaltung“ forderte meine Mutter auf, ihre Aktenordner in das Verwaltungsbüro zu bringen. Dort sei unerwartet eine Prüfungskommission aus Temeswar eingetroffen, um alle Verwaltungspapiere zu überprüfen. Schweren Herzens befolgte meine Mutter auch diese Aufforderung und fuhr mit der Kutsche zu ihrem Arbeitsplatz, holte dort die erforderlichen Unterlagen und brachte sie ins Verwaltungsbüro. Gegen neunzehn Uhr war sie wieder zu Hause.

Fast zur gleichen Zeit erreichten auch wir auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs unseren Zielbahnhof. So ging ein gebrochener Tag, der sich eigentlich über zwei erstreckte, in seinem Glanz und Schatten zur Neige.
Seit unserem Ortswechsel sind schon viele Jahre vergangen, und dennoch bleibt uns die Erinnerung an die Zeit davor. Wie damals sind auch heute Veränderungen unaufhaltsam und wir bleiben Getriebene unserer Zeit.