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110 Jahre Luftschifffahrt im Banat - Eine Wanderausstellung zu einem vergessenen Kapitel der Geschichte der Luftfahrt

Bei der Ausstellungseröffnung im AMG-Haus in Temeswar Fotos: Karin Bohnenschuh

Ein Zeppelin-Modell von Willi Kumbach und das Modell des Luftschiffhafens „Adebar“, erstellt von Schülern der Sanktandreser Schule

Während der Heimattage der Banater Deutschen in Temeswar vom 13. bis 15. Juni 2025 fand im Adam Müller Gutenbrunn Haus die Vernissage der Ausstellung „110 Jahre Luftfahrtgeschichte im Banat“ statt. Unter dem Motto: „Wenn Geschichte die Gemeinschaft bindet“ hatte die HOG Sanktandres am Freitag, dem 13. Juni zu einer Veranstaltung eingeladen. Diese begann im Friedhof in der Lippaer-Straße in Temeswar am Heldendenkmal mit der Ehrung der Helden der Revolution von 1989 und einer Andacht am Denkmal der verunglückten Luftschiffer. Anschließend ging es nach Sanktandres, wo die Überreste des ehemaligen Zeppelin-Luftschiffhafens besichtigt werden konnten. Danach gab es in der Schule von Sanktandres eine Begegnung mit den heutigen Bewohnern: Dabei wurde – wie vor 110 Jahren beim Empfang der Luftschiffer  – Paprikasch und Bakowaer Wein serviert. Die Banater Post Nr. 13 vom 5. Juli berichtete darüber (S. 7).

Am Samstag, dem 14. Juni, wurde die Ausstellung „110 Jahre Luftfahrtgeschichte im Banat“ feierlich mit einer Veranstaltung, in der die beiden Initiatoren Dr. Jörg Biber (mit einer Videoaufzeichnung) und Johann Janzer zu Wort kamen und Dr. Raluca Nelepcu Dr. Jörg Bibers Buch vorstellte, eröffnet. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt von Dr. Jörg Biber aus Dresden und Johann Janzer, dem Vorsitzenden der HOG Sanktandres. Ausgangspunkt und Grundlage der Ausstellung ist das von Dr. Jörg Biber verfasste Buch „Luftschiffe über dem Balkan 1915 bis 1918“. Dieses entstand aufgrund der Aufzeichnungen und Fotos seines Vaters, der von 1915 bis 1916 als Feinmechaniker beim Königlich Sächsischen Luftschifftrupp LT 14 auf dem Luftschiffhafen bei Sanktandres tätig war. Im Laufe seiner Recherchen hat Dr. Jörg Biber das Material mit Dokumenten und Fotos aus zahlreichen Archiven und Museen ergänzt. Einen weiteren Teil der Dokumentation für die Ausstellung trug Johann Janzer bei, der u.a. auch private Fotos ehemaliger Sanktandreser beisteuerte. Die Ausstellung zeigt auf 24 Tafeln die Anfänge der Geschichte der Luftschifffahrt und anhand von Informationen und Fotos die Entstehung des Luftschiffhafens zwischen Sanktandres und Neubeschenowa. Die Ausstellung ist zweisprachig: Deutsch und Rumänisch. Die Bilder stellte größtenteils Dr. Jörg Biber zur Verfügung, der auch die Texte verfasste. Layout und Grafik erstellte Johann Janzer und den Druck führte Cosmopolitan-Art Temeswar aus. Bei den Übersetzungen ins Rumänische wurde Johann Janzer von Dr. Raluca Nelepcu unterstützt.

Symbolträchtig ist bereits die erste Tafel, die in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und Rumänisch) die Ausstellung ankündigt. Die dreisprachige Expo-Überschrift enthält die Farben schwarz – rot – gold. Darunter links auf einem grün-weißen Balken – die Farben der Landsmannschaft der Banater Schwaben – steht, ebenfalls dreisprachig, das Motto: „Wenn Geschichte die Gemeinschaft bindet“. Zu erwähnen ist, dass die Farben weiß und grün auch in der sächsischen Flagge vertreten sind. Der Balken rechts enthält den Titel der Ausstellung: „110 Jahre Luftfahrtgeschichte im Banat“. Dieser ist von drei Querbalken mit den Farben der rumänischen Flagge: rot, – gelb – blau durchbrochen. Der darüber schwebende Zeppelin verbindet beide Balken und verbindet somit die Geschichte der Banater Schwaben mit der Geschichte Rumäniens.  Am unteren Rand befinden sich durchgehend auf allen Tafeln – ebenfalls zweisprachig – die Quellenangaben.
Die zweite Tafel erteilt Informationen zu den Autoren, Förderern und Unterstützern der Ausstellung, während auf der dritten „1.1 Temeswar 1915 und Temeswar 2025 – 110 Jahre. Beginn einer Fluggeschichte“ über die Entwicklung der Zeppelin-Luftschiffe als neue Möglichkeit des schnellen Reisens zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als auch über deren Einsatz im Ersten Weltkrieg informiert wird. Einleitend wird darauf hingewiesen, dass bislang über die Luftschiffaktivitäten der Zeppeline auf dem Balkan bzw. auf dem Luftschiffhafen Temeswar sowie andere Aktivitäten in dieser Region sowohl im deutschen als auch im rumänischen Sprachraum noch viel zu wenig dokumentiert und bekannt ist. Diese Lücke zu füllen, hat sich die Ausstellung zum Ziel gesetzt.

Die nächste Tafel geht auf den Einsatz von Luftschiffen in Südeuropa im Ersten Weltkrieg für die Luftraumüberwachung und Bombardierung von Städten und Häfen auf dem Balkan ein. Dafür wurden im damaligen Südungarn bei Sanktandres in der Nähe von Temeswar (1915) und in Bulgarien bei Jamboli (1916) Militärluftschiffhäfen, die aus Hangars und Werkstätten mit der notwendigen technischen Ausrüstung bestanden, errichtet. Ein historisches Foto des Luftschiffhafens Sanktandres „Adebar“ (1915) bei Temeswar mit großer Luftschiffhalle, eigenem Bahnanschluss sowie vielen Werkstätten und Unterkünften wird dem heutigen Temeswarer Flughafen „Traian Vuia“ gegenübergestellt. Die Tafeln 2.1 und 2.2 enthalten Informationen und einzigartige Fotos zur Errichtung der Luftschiffhalle (Hangar) und der angrenzenden Gebäude sowie der Inbetriebnahme des Luftschiffhafens bei Temeswar. Die nächstfolgende Tafel 3.1 zeigt Fotos von der ersten Landung des LZ 81 am 2. November 1915 und dem Empfang der Luftschiffer vom Bodenpersonal und von der Banater Dorfbevölkerung. Ein Zeitzeuge berichtet im Heimatbuch Sanktandres von dem Empfang der Besatzung in der Gemeinde. Die nächstfolgende Tafel weist auf die Sonderfahrten und die Stationierung des LZ 81 auf dem Luftschiffhafen Temeswar hin, erläutert die Aufgaben des Feinmechanikers Paul Biber und zeigt ein Bild von einer Weihnachtsfeier in der Luftschiffhalle mit geschmücktem Weihnachtsbaum.

Wissenswerte Informationen über den Betrieb eines Luftschiffhafens, über die Vorbereitung zur Landung und zum Abflug eines Luftschiffes illustriert mit zeitgenössischen Fotos gibt Tafel 4.1. Im Jahre 1916 wird der Luftschiffhafen weiter ausgebaut, es wird eine Gas-Erzeugungsanlage errichtet, zu deren Wasserversorgung ein Wasserbassin hinzukommt. Zur Energieversorgung gibt es eine Stromanlage. Dies wird auf Tafel 4.2 dargestellt. Diese enthält auch ein Luftbild, bearbeitet von Dr. Jörg Biber, das einen Gesamteindruck von dem Luftschiffhafen vermittelt. Zu sehen ist die große Luftschiffhalle mit den Laufbahnen, das Maschinenhaus zur Stromerzeugung, Werkstätten, Werkzeug- und Schiffsdepots, der Autoschuppen, die Mannschaftsbaracke mit Küche und Kantine, das Gaswerk mit dem dazugehörigen Wasserbassin und weitere Lagerräume. Deutlich erkennbar ist auch der Eisenbahnanschluss.

Die beiden nächsten Tafeln befassen sich mit den militärischen Einsätzen der Luftschiffe, die Angriffsflüge von Temeswar nach Saloniki von Ende Januar bis Mai 1916 (Tafel 5.1) und verdeutlichen die Rolle, die der Luftschiffhafen Temeswar im Ersten Weltkrieg spielte. Nach Inbetriebnahme eines neuen Einsatzhafens in Jamboli in Bulgarien wurde der Temeswarer Standort auch als Zwischenstopp genutzt, so z.B. hatte das Luftschiff L 59 (LZ 104), das für die Versorgungsmission der deutschen Truppen in Ostafrika gerüstet war, eine Zwischenlandung in Temeswar.

Die Tafeln 6.1 und 6.2 geben einen Eindruck über das Leben und die Freizeitgestaltung der Luftschiffer und des Luftschifffeldtrupps. Eine Gartenanlage rings um die Luftschiffhalle wurde angelegt, die sowohl mit Gemüse zur Selbstversorgung als auch mit Blumen bepflanzt wurde. Es gab auch Kontakte zur Banater Bevölkerung, Ausflüge nach Temeswar und Umgebung, die fotografisch dokumentiert wurden. Unter dem Tarnnamen „Adebar“ wurde der Betrieb des Luftschiffhafens mit dem Königlich Sächsischen Feldtrupp für Luftschiffe Nr. 14, später von österreich-ungarischem Personal unterstützt, während des gesamten Krieges aufrechterhalten. Nach einem Angriffsflug auf Ploieşti am 3. September 1916 kam es bei der Rückkehr des Luftschiffes LZ 86 zu einem Unfall, bei dem neun von 15 Besatzungsmitgliedern ums Leben kamen. Fünf davon wurden in Temeswar im Friedhof in der Lippaer-Straße beigesetzt. Bilder des Wracks der LZ 86 sowie des Denkmals für die Toten auf dem Temeswarer Friedhof sind auf den Tafeln 7.1 und 7.2 zu sehen. Als Ersatz für das zerstörte Luftschiff wurde der Luftschiffhafen mit der umgebauten LZ 81 besetzt, das von Temeswar Angriffe auf Bukarest startete. Mit dem Ende der Heeresluftschiffart im Mai 1917 wurde der Standort aufgegeben.

Zwei weitere Tafeln (8.1 und 8.2) informieren über die Aufgaben des Königlich Sächsischen Feldtrupps Nr. 14 für Luftschiffe und über deren Einsatzstationen. Eine Übersicht über alle Luftschiffe, die von 1915 - 1917 auf dem Luftschiffhafen landeten und aufstiegen, bietet Tafel 9.1. Auf der nächstfolgenden Tafel wird über den Rückzug der Lufttruppe im Juli 1917 berichtet. Nachdem diese nur das nötigste Material mitnahm, blieb der Rest unbeaufsichtigt und lud die Bewohner von Sanktandres, Neubeschenowa und Umgebung zur „Selbstbedienung“ ein. Beim Abbruch der Luftschiffhalle nach dem Ersten Weltkrieg ereigneten sich mehrere Unfälle, wie die Verfasser des Heimatbuches von Sanktandres schildern. Die Aktivitäten der Zeppeline im Ersten Weltkrieg hatten gezeigt, dass der Einsatz zu militärischen Zwecken nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen konnten. Eine neue Chance bot die zivile Luftfahrt, deren Ende allerdings eingeläutet wurde, als die LZ 129 „Hindenburg“ am 6. Mai 1937 in Lakehurst in den USA in Flammen aufging (Tafel 9.2). Drei Fotos stellte das Zeppelin- Museum Friedrichshafen zur Verfügung.

Sehenswerte Bilder der Luftschiffer des Luftschifffeldtrupps Nr. 14, die erst im März 2025 im Militärhistorischen Museum in Dresden entdeckt wurden, präsentiert Tafel 10.1: die Luftschiffer in der Ortsmitte von Sanktandres vor der Kirche und vor dem Bahnhofsgebäude, der Luftschifftrupp beim Straßenbau vor der Halle, ein Foto des kalten Winters auf dem Luftschiffhafen Temeswar, die Temeswarer Oper, damals „Franz-Josef-Theater“ genannt. Fotos zeigen, dass der Luftschiffhafen auch ein Testfeld für Innovationen war, so wurden z.B. laut den kürzlich entdeckten Fotos die Belastbarkeit und Manövrierbarkeit von Schlauchbooten als Rettungsbooten auf den Wasserflächen der Luftschiffhafen-Anlage getestet.

Die nächstfolgende Tafel 10.2 ist der Banater Fluggeschichte im 20. und 21. Jahrhundert gewidmet, vor allem dem Flugpionier Traian Vuia. Das Material dazu wurde von dem Banater Nationalmuseum zur Verfügung gestellt.
Die beiden letzten Tafeln sind eine Spurensuche „nach Fragmenten der Existenz“ des ehemaligen Luftschiffhafens. Fotos von 1916 werden aktuellen Fotos von 2019 und 2024 gegenübergestellt. Der tschechische Historiker Jiri Rácil aus Brno besuchte 2019, inspiriert durch den Artikel von Dr. Jörg Biber zum Luftschiffhafen Temeswar in der Fliegerrevue X 74, das Gebiet des ehemaligen Luftschiffhafens und suchte nach Fragmenten, die an die Existenz des Luftschiffhafens mit dem Tarnnamen „Adebar“ erinnern. Er erfasste noch existierende Überreste und erstellte eine Übersicht mit den dazugehörigen Koordinaten in einer Tabelle. In einem Heimatblatt der Gemeinde Sanktandres – herausgebracht von dem Sanktandreser Heinrich Lay – wird erwähnt, dass zwei Unteroffiziere des Luftschifftrupps Frauen aus Sanktandres geheiratet haben, einer davon lebte bis zu seinem Tod in diesem banatschwäbischen Dorf. Aus seiner privaten Sammlung stellte ein ehemaliger Sanktandreser ein Foto von der Hochzeit des Luftschiffers Anton Lenio mit Margaretha Liesz aus Sanktandres zur Verfügung. Die letzte Tafel endet mit dem Apell, die Vergangenheit zu bewerten und aus ihr zu lernen und daraus einen Leitfaden für die Zukunft zu machen.

In den 24 Tafeln präsentiert die Ausstellung viele interessante und wissenswerte Fakten und Aspekte aus der frühen Geschichte der Luftfahrt, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, wie die Rolle, die der Luftschiffhafen „Adebar“ im Ersten Weltkrieg spielte. Sie ist informativ und durchaus sehenswert. Bis Ende August ist sie noch im Foyer des Adam Müller Gutenbrunn Hauses aufgestellt. Zu Schulbeginn wird sie in der Schule in Sanktandres präsentiert, damit auch die junge, heute dort lebende Generation die Möglichkeit hat, sich der Geschichte des Ortes und des Banats bewusst zu werden. Dass sie Interesse daran zeigt, beweist die Tatsache, dass Teil der Ausstellung ein Modell des Luftschiffhafens „Adebar“ ist, welches die Schüler der Sanktandreser Schule unter der Leitung des Physiklehrers Oliviu B. Olariu extra für diese Ausstellung angefertigt haben. Dazu konstruierte ein Sanktandreser Landsmann, Willi Kumbach, ein Zeppelin-Modell, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Geplant ist, dass die Ausstellung „110 Jahre Luftschifffahrt im Banat“ voraussichtlich im nächsten Jahr in München im Haus des Deutschen Ostens gezeigt wird.