In der Ausgabe der Banater Post vom 15. Juni veröffentlichten wir auf Seite 2 ein Foto vom Bahnhof Curtici mit folgendem Aufruf:
„Blick auf den Bahnhof von Curtici. Bis Dezember 1989 war der Name des Ortes allen Banater Schwaben geläufig, weil hier die Ausreise angetreten worden ist, Zöllner und Grenzer den letzten Eindruck von dem Land hinterließen, das man endgültig verlassen wollte. Wer sich noch genau daran erinnert, sollte uns einige Zeilen dazu schreiben.“ Wir danken für die Zuschriften, die wir erhalten haben.
Bahnhof Curtici, 26. April 1988
Ich war endlich am Bahnhof Curtici angekommen. Schon seit Jahren war ich „fluchtkrank“, ich konnte in Rumänien nicht mehr leben. Einen Fluchtplan hatte ich bereits: Ich wollte über Hatzfeld nach Jugoslawien. Aber dann erfuhr ich, dass Ungarn rumänische Staatsbürger nicht mehr zurückschickt. Mein Opa väterlicherseits war nach dem Krieg in Budapest geblieben. Diesen bat ich um eine Einladung, in der stehen sollte, dass er krank sei und ich schnell kommen solle. Ich war damals „inginer stagiar“ – das war ein Ingenieur, der gleich nach Abschluss des Studiums zwangsverpflichtet war, eine ihm zugeteilte Stelle anzunehmen – im Süden Rumäniens, in Caracal. Ich beantragte das Visum für Ungarn in Slatina. Nachdem ich eine lange Liste mit „wer braucht was“ in der Firma erstellt hatte, auf der viele Führungskräfte und Parteibonzen mit ihren Wünschen standen – die warten heutzutage immer noch darauf… – war ich anscheinend unverdächtig und erhielt tatsächlich ein Visum für zwei Wochen.
Ich fuhr nach Temeswar, ich wohnte damals in der Elisabethstadt. Am Nachmittag, dem 25. April 1988, ging ich von zu Hause weg, um zum Abschied eine Stadtrunde zu drehen. Es war klar, dass ich, wenn ich es über die Grenze nach Ungarn schaffe, nicht zurückkehren werde. Abends nahm ich den Zug nach Arad, um am nächsten Morgen via Curtici weiter nach Budapest zu fahren. Als Info: Es war damals bekannt, dass die Grenzer nach Lust und Laune Leute aus dem Zug in Curtici holten und deren Ausreise verhindern konnten. Mit diesem Wissen war die Anspannung bei mir sehr groß: Ich war jung, blond mit blauen Augen, wenn auch mit Arbeitsstelle in Caracal und Visum aus Slatina (in Temeswar hätte ich das nie bekommen), dennoch mit Hauptwohnadresse in Temeswar. „Wie werden wohl die Grenzer agieren, werden sie mich aus dem Zug rausnehmen?“, dachte ich. In diesem Fall hatte ich mir vorgenommen, in Richtung Grenze zu sprinten, denn damals war ich noch sehr gut zu Fuß.
Am Morgen des 26. April fuhr der Zug langsam in den Bahnhof Curtici ein und hielt an. Draußen war es noch dunkel, kurz nach 5 Uhr. Pfiffe waren zu hören, Hundegebell, die Abteiltür im Zug war geschlossen, kein Mensch wagte zu sprechen. Ich selbst war innerlich total aufgewühlt, äußerlich habe ich aber versucht, gelassen und locker auszusehen. Die Stimmen der Grenzer waren immer deutlicher zu hören, sie kamen immer näher. Auf einmal wurde die Abteilür schwungvoll geöffnet und die selbsternannten „Könige“ kamen herein, ohne ein „Guten Morgen“ oder sowas ähnliches zu sagen. Stattdessen hieß es, fast geschrien: „PASSKONTROLLE“. Ich zeigte meinen Pass und meine Sporttasche. Der Grenzer musterten mich, mein Visum wurde gecheckt. Die wenigen Kleider wurden mehrmals durchwühlt und ich wurde gefragt, wohin ich denn fahre und weshalb. Ich bemühte mich, ganz ruhig zu antworten. Danach spielte einer der Grenzer noch ein bisschen mit meinem Pass und starrte mich ständig an. Vielleicht wollte er testen, ob ich nervös werde. Ich befahl mir innerlich: „Georg, ruhig bleiben!“ Er gab mir meinen Pass zurück und ging weiter. Ich setzte mich wieder hin und lauschte angespannt, was noch passieren könnte. Auf einmal pfiff die Lokomotive und der Zug setzte sich in Bewegung. Nach ca. fünf Minuten Fahrt stand ich auf, öffnete das Fenster, streckte meine Kopf aus dem Fenster und atmete tief die kühle Luft ein. „Waren wir schon in Ungarn oder noch nicht? Konnte noch was passieren?“, ging es mir durch den Kopf. In dem Augenblick, als ich die ungarischen Schilder sah, begannen mir die Knie zu zittern: Ich war in Ungarn. Der erste Schritt Richtung BRD war erfolgreich geschafft.
Ich glaube, ich bin nicht der Einzige, der es in Curtici so empfunden hat und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich immer noch den Bahnhof Curtici, wie er am Morgen des 26. April 1988 kurz nach fünf Uhr aussah. Es klingt vielleicht alles so banal, aber damals war es das überhaupt nicht.
In meiner Tätigkeit als Berater hatte ich auch ein paar Mandate in Temeswar. Einmal wurde ich von einem jungen Ingenieur gefragt, wann ich denn nach Deutschland umgezogen sei… Was ist dem noch hinzuzufügen?
Georg Moti
Bahnhof Curtici, 8. Dezember 1989
Am 8. Dezember 1989 war der Tag unserer Ausreise. Die Wohnung war leer und unser Sommerhaus war bereits zwangsverkauft. Meine Mutter und ich hatten die letzten zwei Nächte bei unserem Nachbarn in dessen Rumpelkammer übernachtet. Mein Vater und Bruder waren schon seit 1988 in Deutschland. Wir hatten den Rest unserer Habseligkeiten schon an Freunde und Nachbarn verschenkt. Im ungarischen Fernsehen sahen wir, dass sich die Welt rasant veränderte. In Deutschland waren Tausende DDR-Bürger auf dem Weg in die freie Welt. Wir hatten keine Ahnung, was auf uns wartete. Wir wussten nur, dass wir um 22 Uhr am Bahnhof in Curtici sein mussten. Wir hatten Handgepäck und einen Koffer mit – mehr war nicht erlaubt. Meine Mutter hatte eine Tasche mit Geschenken gepackt, für diejenigen, die unterwegs unsere Pässe kontrollieren würden. Wir hatten den blauen Pass, auf den wir lange gewartet hatten, und wussten, dass es so bald keinen Weg zurück geben würde.
Ein paar Tage zuvor hatten wir unsere Fahrkarten bei einem Reisebüro gekauft. Ich erinnere mich, dass sie sehr teuer waren. Wir hatten keine Sitzplatzreservierungen. Es waren Fahrkarten für die Strecke von Curtici nach München.
Eine Bekannte von mir fuhr uns mit ihrem Auto zum Bahnhof. Am Bahnhof waren alle gleich: Jeder war ein Vaterlandsverräter. Wir haben unsere Papiere und unseren Pass immer wieder vorzeigen müssen. Wir mussten im Wartesaal des Bahnhofs warten. Alle um uns herum saßen still. Niemand wollte auffallen. Jemand hätte ja Informant sein können. Niemand wollte, dass im letzten Moment noch was schiefläuft. Es war ein langes Warten.
Es gab einen Bahnsteig von Arad nach Curtici und einen anderen, der über die Grenze führte. Der Bahnhof war ab den 70er Jahren ein Sperrgebiet, da er nahe zur Grenze lag. Wir standen im Wartesaal und warteten. Immer wieder kamen Soldaten mit Kalaschnikows und Männer von der Securitate und kontrollierten unsere Papiere. Wir waren nicht die ersten Passagiere, die das Land verließen, und auch nicht die letzten. Hin und wieder wurden Namen aufgerufen und Menschen verließen den Warteraum – wohin auch immer sie gebracht wurden.
Ich las, um die Zeit totzuschlagen. Meine Mutter saß nur traurig da. Wir aßen nichts, hatten aber belegte Brote und Kekse dabei. Wir hatten auch Wasser und eine Flasche Țuica. Nach vier oder fünf Stunden wurden unsere Koffer geöffnet und kontrolliert. Mein Buch wurde beschlagnahmt mit der Begründung, es sei nicht für das Ausland geeignet – was ich nicht verstanden habe, da der Autor Rumäne war. Wir wurden bis auf die Unterwäsche durchsucht. Meine Mutter musste die gleiche Prozedur in einem anderen Raum durchmachen. Die Polizei und die Securitate behandelten uns schlecht und nannten uns immer wieder Verräter. Die Wachleute akzeptierten unsere Geschenke (deutsche Schokolade von Aldi, ein Geschenk meines Vaters, und Zigaretten), sagten aber, sie würden alles entsorgen. Sie brachten uns in einen anderen Raum auf dem Hauptbahnsteig und das Warten begann erneut. Wir mussten Abstand zu den anderen Passagieren halten.
Wir erwarteten, dass der Zug an diesem Bahnsteig halten würde, aber das war nicht der Fall. Wir warteten weitere zwei bis drei Stunden. Irgendwann kamen Soldaten mit Hunden und wir mussten mit unseren Koffern an den Soldaten und Hunden vorbei und ein paar Hundert Meter auf den Gleisen laufen. Um ca. vier Uhr morgens erreichten wir den Zug und stiegen ein. Die Türen wurden verschlossen. Wir fanden Sitzplätze, der Zug war nicht voll. Die meisten Familien hatten ein Abteil für sich. Die Fahrkarten wurden erneut kontrolliert. Wir fühlten uns erniedrigt. Dann hörten wir, wie die Lokomotive an den Zug angehängt wurde. Der Zug setzte sich in Bewegung. Kurz vor der ungarischen Grenze hielt der Zug erneut an. Die ungarische Grenzpolizei kontrollierte unsere Papiere. Sie waren etwas freundlicher, aber wir waren noch im Ostblock. Wir vermuteten, dass die Züge abgehört wurden, also redeten wir nicht. Es war kalt, der Zug war nicht beheizt. Dann rollte der Zug über die ungarische Grenze und wir waren endlich frei.
Marcel Vuc









