Wenn sich bei uns in Großsanktnikolaus jemand arg verspätete, so bekam er schon mal zu hören „Ja, kommst du denn von Pokertelep?“ oder „Warst du in Pokertelep?“ „Pokertelep“ ist eine Verballhornung des ungarischen Ortsnamens Bolgártelep, ein Dorf, in dem vor allem Bulgaren lebten. Es liegt, es lag, im Grenzgebiet unweit von Keglewitsch und besonders nach Regenzeiten war der Ort über einen unbefestigten Weg nur schwer zugänglich. Vor Keglewitsch, wo die Kreisstraße 682 von Altbeschenowa eine scharfe Kehre nach Norden macht, geht es südlich ab nach „Colonia Bulgară“, so die offizielle Ortsbezeichnung in Rumänien. Heute ist es ein Kiesweg, der den neugierigen Besucher nach etwa zwei Kilometer zum Ziel führt. Eine Staubfahne kündigt ihn an diesem heißen und trockenen Tag im Juni an, aber das interessiert hier niemanden mehr.
Vier Wochen zuvor bin ich nach dem Ort Bulgarische Kolonie gefragt worden. Den Ort kannte ich nur als „Pokertelep“ und mir war bekannt, dass er aufgelassen worden war. Nicht aufgrund der Aussiedlung, denn hier lebten immer schon mehr Bulgaren und Ungarn als Deutsche oder Rumänen. Nein, es waren die abgelegene Lage im Grenzgebiet, die ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen nach der Enteignung, die fehlende Infrastruktur, die schlechte Verkehrsanbindung, die die Menschen dazu bewogen, den Ort zu verlassen und nach Altbeschenowa, nach Großsanktnikolaus oder gleich nach Temeswar zu ziehen. Die Zahl der Bewohner ging von Jahr zu Jahr zurück und nach der Wende 1989, als kein Bus mehr fuhr, die Landwirtschaft daniederlag, zogen auch die noch weg, die bisher abgewartet hatten. Die letzten Verbliebenen harrten nur noch ihrem Ende entgegen.
Die Presse
Vor 15 Jahren lernte ich im Banat den Journalisten Stefan Both kennen. Der sorgfältig arbeitende Reporter schrieb damals für die Tageszeitung Adevărul. Er widmet sich gelegentlich Themen der Minderheiten des Banats, ihrer wechselvollen Geschichte, hat ein gutes Gespür für besondere Themen. In einem Jahr des Heimattages in Ulm brachten die Kollegen von der Banater Zeitung in Temeswar ihn und zwei weitere rumänische Journalisten mit in die Stadt an der Donau. Von dort berichteten sie ausführlich für die rumänischen Leser über die Banater Schwaben in Deutschland. Bei den Heimattagen der Deutschen im Banat traf ich Stefan Both zufällig auf dem Andreser Hotter, wo er an historischer Stätte über die Luftschifffahrt im Banat recherchierte. Wir haben uns gleich wiedererkannt und irgendwann waren wir beim Thema „Colonia Bulgară“. Stefan Both hatte auch darüber schon geschrieben, war vor Ort, als die ehemaligen Ortsbewohner ihr Kirchweihfest gefeiert hatten. Sie kamen für einige Stunden wieder „heim“, in „ihr Dorf“, von überall angereist.
Keglewitsch
Was lag also näher, als auf der Heimfahrt von den Heimattagen einen Abstecher dorthin zu machen. Darüber konnte ich mit Romeo Kataro aus Keglewitsch sprechen, der mit seiner Frau beim Volkstanzprogramm der Trachtengruppen im Jagdwald in Temeswar gewesen ist. Vor Jahren war seine älteste Tochter als Mitglied der Banater schwäbischen Trachtengruppe Großsanktnikolaus beim Heimatag in Ulm. Sie hatte in Großsanktnikolaus die deutsche Schule besucht, die es nach wie vor gibt, danach das Lenau-Lyzeum absolviert und in Temeswar Germanistik studiert. Herr Kataro versprach, uns in die Bulgarische Kolonie zu begleiten. Vorher sollte ich anrufen, was ich aber nicht mehr getan hatte. Es war ein Fehler. Die Hausnummer hatte ich mir gemerkt und eine neugierige Ortsbewohnerin war auch bald zu sehen. Auf die kurze Frage in der Landessprache nach der gesuchten Familie kam eine bereitwillige und freundliche Antwort, die aber leider nicht zum Ziel führte. Ein Traktorfahrer wusste es besser. Sein Kollege bot sich gleich an, uns hinzuführen, schwang sich auf sein Moped, wir sollten ihm nachkommen. Also folgten wir einer Staubwolke durch die Seitenstraßen des kleinen Dorfes und erreichten das gesuchte Haus an der Hauptstraße. „Wahrscheinlich wird er nicht da sein“, sagte der Mann auf dem Moped noch, „er müsste in der Arbeit sein“. Meine Frau klopfte am Tor und am Fenster, zwei Hunde schlugen an, in den Höfen der Nachbarhäuser verstärkte sich das Gebell, auf der anderen Straßenseite zeigte sich hinter dem Tor ein neugieriger Kopf. Bald öffnet sich auch das Tor der Kataros. Der Mann war tatsächlich noch in der Arbeit, aber seine Frau lud uns ein. Dankend lehnten wir ab, da wir heute noch nach München müssten. Daraufhin erklärte sie uns den Weg in die Bulgarische Kolonie, danach einen kürzeren Weg Richtung Ungarn, aber so einfach schien das auch nicht mehr mit dem Zurechtfinden in dieser Ecke, wenn Erinnerungen und Google Maps um die Deutungshoheit streiten. Also blieben wir auf der Hauptstraße.
Der General
Und dann war alles doch ganz einfach. Der Weg in die Colonia Bulgară ist ausgeschildert, ein viel zu großes Ortsschild heißt dreisprachig herzlich willkommen in der Colonia Bulgară, in Telepa, das ist die bulgarische Bezeichnung des Ortes, in Bolgártelep, die ungarische. Auf der linken Seite der Straße liegt der Friedhof, auf der rechten Seite stehen moderne landwirtschaftliche Maschinen, bald folgt ein recht ordentlich aussehendes Haus, vielleicht mal ein öffentliches Gebäude, und dann ist auch schon die katholische Kirche vor uns. Der Abgeordnete der bulgarischen Minderheit im rumänischen Parlament Niculae Mirkovics (1950-2016), geboren in Keglewitsch, soll Mittel beschafft haben, um das Kirchendach zu sanieren. Das ist schon einige Jahre her. Wie alle Banater Bulgaren war Mirkovics katholisch und General in der rumänischen Armee. So richtig startete seine Karriere nach der politischen Wende, zeitweise war er Chef der Militärgarnison Temeswar, lehrte Rechtswissenschaften, übte zwölf Jahre lang ein Mandat für seine Landsleute in der rumänischen Abgeordnetenkammer aus. Er soll den Bulgaren im Banat in vielen Situationen geholfen haben, wurde mir schon mehrmals erzählt. Bei der großen Feier zur Segnung der Renovierungsarbeiten von Maria Radna, ein Jahr vor seinem Tod, konnte ich ihn als Vertreter der in Deutschland lebenden und in der Landsmannschaft organisierten Banater Schwaben sprechen. Stolz empfing er damals die vielen Ehrengäste im Haus der Bulgaren in Lippa. Maria Radna war und ist auch für die Bulgaren der Diözese Tschanad und Temeswar der wichtigste Wallfahrtsort. Mirkovics vertrat stets die Ansicht, dass die enge Verbundenheit der katholischen Bulgaren mit der Kirche und der Unterricht in der Muttersprache den Banater Bulgaren ihre Identitär gesichert hätten. Bei ihrer Ansiedlung im Banat seien sie nur einige Tausend gewesen, genau wie heute, 285 Jahre später, sie seien aber Bulgaren geblieben. Nichtdestotrotz befürchten einige Bulgaren das Ende ihrer Gemeinschaft im Banat. Andere weisen darauf hin, dass dieses Ende schon seit mehr als 100 Jahren prophezeit werde, sie aber nach wie vor da seien.
Banater Bulgaren
Die Geschichte der katholischen Bulgaren im Banat ist sehr wechselhaft verlaufen. Eigentlich kamen sie zuerst in das Banat von Krajowa (Craiova) in die sogenannte „Kleine Walachei“. Das war schon Ende des 17. Jahrhunderts. Sie mussten fliehen, weil sie sich gegen die Osmanen erhoben hatten und deren Rache zu spüren bekamen. Einige zogen weiter bis nach Siebenbürgen oder in die Gegend um Bukarest. Nach dem Frieden von Belgrad 1739, als die Habsburger bis auf das Temescher Banat die zuvor eroberten Gebiete wieder abgeben mussten, fanden die katholischen Bulgaren Zuflucht im Temescher Banat. Sie kamen sogar mit ihrem eigenen Bischof, Nikolaus Stanislavich. Dieser war Bischof von Nikopel und wurde 1739 Bischof von Tschanad mit Sitz in Temeswar. Das hat historische Gründe, Nikopel wurde nach dem Friedensschluss von Belgrad 1739 dem Osmanischen Reich zugesprochen. Die katholischen Bulgaren, die gleiche Gruppe, die fünfzig Jahre vorher in die Kleine Walachei gezogen war, weil sie sich gegen die Osmanen erhoben hatte, zog nun weiter in das Temescher Banat. Lovrin, Rekasch, Winga, Altbeschenowa, wurden neue Zufluchtsorte, letztere zu Zentren ihrer Gemeinschaft. Als Bulgarien 1878 ein autonomes Fürstentum wurde, 1908 ein unabhängiger Zarenstaat, zogen einige der katholischen Bulgaren wieder in die Urheimat ihrer Vorfahren zurück, mit ihnen sogar Banater Schwaben auf der Suche nach neuem und fruchtbaren Land. Aber das ist Gegenstand einer anderen Geschichte, über die noch berichtet wird. Selbst nach der Wende 1989 zogen noch einige Banater Bulgaren zu ihren Angehörigen in diesen Dörfern in Bulgarien.
Mittlerweile nun auch fast 300 Jahre im Banat ansässig, leben die Bulgaren ihren katholischen Glauben, pflegen ihre Gemeinschaft, ihr Brauchtum und ihre Kultur. Ein besonderes Merkmal ist, dass sie das lateinische Alphabet verwenden. Sie brachten eigene Geistliche hervor, aus ihrer Gemeinschaft stammte der langjährige Bürgermeister der Stadt Temeswar, Karl Telbisz (1854-1914), dessen Mutter eine Deutsche aus Tschanad war. Prägend ist ihr starker Zusammenhalt, ihr Wirtschaftssinn, ihr ausgebildetes Selbstbewusstsein, schrieb Bischof Martin Roos 2010 in seinem Band „Erbe und Auftrag“.
Weitere bulgarische Ansiedlungen gab es in Modosch und Ivanowa im serbischen Banat oder als sogenannte Tochtersiedlungen Mitte des 19. Jahrhunderts in Berestye (Breştea, zur Gemeinde Denta gehörend) und eben Bolgártelep bei Keglewitsch. Heute leben in Rumänien etwa 6000 Bulgaren, vor 100 Jahren waren es 66000. Im Kreis Temesch bekannten sich bei der Volkszählung 2022 insgesamt 3200 Personen zur bulgarischen Nationalität. Assimilation und Migration haben dazu geführt, dass lediglich in Altbeschenowa (Dudeştii Vechi) die Bulgaren nach wie vor in der Mehrheit sind, wenn auch nur noch knapp. Hier steht vor der katholischen Kirche ein Denkmal von Bischof Stanislavich, nach der Wende errichtet. Es ist der Bischof, der sie ins Banat geführt, ihnen Halt und Haltung gegeben hat. In der Schule werden auf Antrag nach wie vor alle Fächer auch bulgarisch untererrichtet, das neben Rumänisch zweite Amtssprache ist. Organisiert sind sie im Banat in der „Union der Bulgaren im Banat“ mit Sitz in Temeswar, einen weiteren Verband für die Bulgaren im Altreich gibt es in Bukarest. Ebenso entsenden sie einen Abgeordneten ins rumänische Parlament, gegenwärtig ist das Gheorghe Nacov, der der Fraktion der Minderheiten angehört. Nacov ist Jahrgang 1972, er wurde in Großsanktnikolaus geboren, hat 1996 in Sofia das Studium der Rechte absolviert, war Bürgermeister seiner Heimatgemeinde. Er ist gleichzeitig Honorarkonsul der Republik Bulgarien mit Sitz in Temeswar. Die Bulgaren im Banat haben eine vom rumänischen Staat subventionierte eigene Zeitung „Nasa Glas“ („Unsere Stimme“), strahlen Rundfunk- und Fernsehsendungen aus.
Die Tracht der Banater Bulgaren ist aufwändig handgenäht und mit Stickereien versehen. Sie kann bis zu 24 Kilogramm wiegen und wird von Generation zu Generation vererbt. Stolz sind sie auf ihre eigene Literatursprache. Im Jahre 2013 haben die Bulgaren im Banat 275 Jahre ihrer Existenz gefeiert. In Altbeschenowa weihte Bischof Martin Roos eine Statue von Bischof Stanislavich, der internationale bulgarische Fußballstar Hristo Stoichkov, ehemals unter Johan Cruyff im Dienste des FC Barcelona und Europas Fußballer des Jahres 1994, kam nach Altbeschenowa, wo er zum Ehrenbürger und das Stadion nach ihm benannt wurde und die Band Phoenix unterhielt Alt und Jung. In Temeswar kamen alle bulgarischen Gemeinden im katholischen Dom und in einem Trachtenfestzug durch die Stadt zusammen. Man zeigt sich, man ist stolz auf die Gemeinschaft, der man entstammt.
Wie kann es dazu kommen, dass trotz so vieler positiver Zuschreibungen der Gemeinschaft, ein ganzes Dorf innerhalb kurzer Zeit aufhört zu bestehen? Diese Frage stellen sich manchmal die Bulgaren selbst, und zwar mit großem Bedauern. Denn wie in so manch anderen abgeschiedenen Dörfern in der Region, hatte sich hier ein starker Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft entwickelt, eine ausgeprägte Gastfreundschaft, ein Zusammenleben nach eigenen Regeln. Wer in den 1960er oder 1970er Jahren in Wiseschdia (kein Bahnhof, keine Militz) gewesen ist, in Dolatz oder in Albrechtsflor, der konnte das dort ähnlich erleben. Wer nicht dort war, kann es in den Wiseschdia-Romanen von Johann Lippet nachlesen und nacherleben, der Ort steht für andere Dörfer im Banat. In Bolgartelep war es nun nochmals anders, denn den Bulgaren folgten die Ungarn und den Ungarn die Schwaben. Alle drei Gruppen verband die gleiche Konfession. In der gleichen Kirche wurde die Messe in den jeweiligen Sprachen der Gläubigen gefeiert. Das Kirchweihfest im Oktober – die Kirche ist dem Heiligen Lukas geweiht – fand in der einen Kirche, die Tanzunterhaltungen am Abend in drei verschiedenen Gasthäusern des Ortes statt. Miteinander und nebeneinander, gemeinsame Kontakträume, Pflege der Eigenart in jeweils eigenen Lebensräumen, stets im Respekt den anderen gegenüber, daran erinnern sich ehemalige Ortsbewohner. In der Arbeit, jeder mit seinen Fähigkeiten, das gleiche Bild. Wobei anzumerken ist, dass hier vornehmlich junge Leute ansiedelten, die keinen Hof erben, keinen Handwerksbetrieb übernehmen konnten. Sie fingen von Null an, bauten auf, als die Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg, nach vielleicht gerade mal drei Generationen, alles wieder zurückwarf. Zwar blieben ihnen die großen Haus- und Weingärten, aber sonst nur noch der nunmehr staatliche Landwirtschaftsbetrieb, eine schlechte Verkehrsanbindung, sehr schlechte Straßen, kein Arzt, keine Perspektive. Also wieder zurück nach Altbeschenowa, nach Großsanktnikolaus oder gleich nach Temeswar, der Schulen, der Arbeitsmöglichkeiten wegen. Es winkte ein besseres Auskommen für sich, Perspektiven für die Kinder. Das war die allgemeine Einstellung nicht nur in der Bulgarischen Kolonie. Also zog eine Familie weg, dann die nächste, dann die Verwandten und das Dorf leerte sich.
Heute
Was beschreibt man, wenn man in so ein abgelegenes und aufgegebenes Dorf kommt und vor einer intakten Kirche steht. Womit beginnt man? Mit der Beschreibung des Vorgefunden oder mit den Bildern im Inneren, und ist das überhaupt so genau zu trennen? Es wird schwierig. Also sucht man einen Weg durch das von der Sonne verdorrte Gras zur Kirche. Ein heißer Wind streicht über das trockene Gras und doch steht es aufrecht, in der letzten Zeit war sicher niemand hier. Gras, Disteln, Bäume, ein Vogel und dann wieder Stille. Es ist eine unnatürliche Stille, alles wirkt, wie aus der Zeit gefallen. Neben der Kirche steht ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Die Namen sind gut zu lesen: bulgarische, ungarische, deutsche, rumänische, sie stehen in stiller Eintracht untereinander. Wo sie gekämpft haben, für wen, gegen wen – wer weiß es, wer will es noch wissen? Sicher ist nur, dass sie nicht mehr den Weg zurück in ihr Dorf gefunden haben. Adam Damm wie Kalapis Iosif, Bernhardt Antoniu und Gulicska Iosif, Serban Mateiu wie Burger Antoniu, Varga Emeric und Petrov Pavel und noch weitere.
Die Fakten
Über die Entstehung und Entwicklung des Dorfes Bolgartelep gibt es eine Monografie. Ein Bulgare, Peri Telbis, hat sie 2012 in bulgarischer Sprache veröffentlicht. In dem zweisprachigen (Bulgarisch-Rumänisch) und reich bebilderten Band „Bisericile bulgarilor bănăţeni (Die Kirchen der Banater Bulgaren) Temeswar 2014, von Nicolae Markov und Claudiu Călin herausgegeben ist auch die katholische Kirche in Telepa/Bulgarische Kolonie angeführt, angereichert mit den wichtigsten Daten zum Bau und zur Ausstattung der Kirche. Der Ort wurde 1845 von Bulgaren aus Altbeschenowa auf einer privaten Grundherrschaft gegründet. Es wurde Tabak gepflanzt. 1912 wurde die jetzige Kirche erbaut. Der Ort war nie eine Pfarrei, sondern wurde von den Priestern aus Altbeschenowa, Tschanad, Alt-Beba seelsorgerisch betreut. Die drei Glocken der Kirche wurden von der Gießerei Friedrich Hönig in Arad gegossen, eine Orgel wurde von Josef Angster aus Fünfkirchen gebaut, die Kirche dem Heiligen Lukas geweiht. Die Messen wurden in Bulgarisch, Ungarisch und in Deutsch gelesen, samstags in diesen drei Sprachen Religionsunterricht erteilt. Das Dorf zählte 1930 nahezu 400 Häuser mit 830 Bewohnern. Davon waren 356 Bulgaren, 338 Ungarn, 123 Deutsche und 13 Rumänen. Im Jahre 1977 wurden aber nur mehr 86 Bulgaren gezählt, acht Deutsche, immerhin noch 204 Ungarn und zehn Rumänen. 1992 lebte kein Deutscher mehr im Ort, 2016 starb der letzte Bulgare. Nun leben einige Hirten hier.
Die Erinnerungen
Einer, der sich noch gut an das Leben in der Bulgarischen Kolonie erinnert, ist Dieter Jeck, Jahrgang 1960, aus Großsanktnikolaus. Er war mehrere Jahre lang Kreisvorsitzender unserer Landsmannschaft in Kempten, jetzt lebt er mit seiner Frau Liane Parison wieder in Großsanktnikolaus. Jeck hatte Verwandte in der Bulgarischen Kolonie, war als Kind oft dort. Seine Großtante, Barbara Landler, war hier die Mesnerin, er durfte die Glocken läuten. Am Telefon beschreibt er mir die Lage ihres Hauses, das man heute nur noch als einen mit Gras und Gestrüpp überwachsenen Erdhaufen beschreiben kann. Einen großen Weingarten hatte die Tante dort, sehr viel Wein wurde gekeltert, bis zu 2 000 Liter, ebenso habe es viele Obstbäume gegeben, es wurde Schnaps gebrannt. Das Dorf sei voller Gänse gewesen, die am Abend den Weg heimgefunden hätten. Sehr schön sei es für ihn als Kind in dieser Abgeschiedenheit gewesen. Im Wirtshaus mit Kegelbahn sei am Wochenende viel losgewesen. Damm, Landler waren seine Verwandten hier, es sind Namen, die auf dem Kriegerdenkmal stehen, auf den Grabsteinen des Friedhofes. Die Großtante lebte bis 1985 in der Bulgarischen Kolonie, dann zog sie zur Tochter nach Valcani, die andere Tochter lebte bereits in Chicago. Dieter Jeck ist ein heimatverbundener Mensch. Darum lebt er heute wieder in Großsanktnikolaus, darum ist er im vergangenen Jahr am 20. Oktober wieder in dem ehemaligen Dorf Bulgarische Kolonie gewesen. Es ist der Tag, an dem die ehemaligen Ortsbewohner von Temeswar, Großsanktnikolaus, Arad, Altbeschenowa, aus Ungarn und aus Deutschland dorthin kommen, um gemeinsam eine Heilige Messe zu feiern, danach vor der Kirche zusammenzustehen, zum Platz ihrer ehemaligen Häuser zu gehen und am Schluss an den Gräbern der Vorfahren auf dem Friedhof zu beten. Bereits eine Woche vorher seien Helfer immer wieder hingefahren, um die Kirche zu putzen und zu schrubben, den Friedhof zu säubern, alles für das Fest vorzubereiten.
Der Film
Maria Hailemas lebt in Arad. Sie ist Jahrgang 1954, Bulgarin. Vor acht Jahren hat sie einen Film über das Treffen der ehemaligen Ortsbewohner am Kirchweihtag in dem aufgelassenen Dorf gedreht. Sie hat die wie in einer Prozession heranfahrenden Autos der Besucher festgehalten. Sie lässt uns in den abgearbeiteten und verhärmten Gesichtern der alten Frauen lesen, manche mit dem typisch gebundenen Kopftuch der Bulgarinnen. Sie strahlen Würde und Selbstbewusstsein aus. Ihr Dorf haben sie aufgegeben, aber sie sind froh, einmal im Jahr, am Kirchweihtag, hier zusammenzukommen. Dort, wo die Bilder nicht ausreichen, lässt Maria Hailemas die ehemaligen Ortsbewohnern zu Wort kommen. Pfarrer Gheorghe Augustinov, der in Temeswar wirkt, erzählt von der Zeit, als seine Eltern von Altbeschenowa zur Kirchweih in das Dorf kamen und „beim Fortner“ im Wirtshaus bis in den frühen Morgen feierten. Die Kinder hätten bei Verwandten geschlafen, weil sie so viele waren, auf einer Decke auf dem Boden, glücklich. Heute ist die Kirche wieder übervoll, fünf Priester, darunter auch Pfarrer Attila Ando aus Großsanktnikolaus, zelebrieren in vier Sprachen. Der Chor singt, einige Besucher weinen. Zur Kirchweih am Namenstag des Heiligen Lukas seien die Bulgaren aus Altbeschenowa in der Prozession gekommen, jeder hatte Verwandte da, jeder war willkommen, das Dorf war jung, das Leben pulsierte. Wir haben hart gearbeitet, besonders die Frauen, aber „wir hatten alle genug, um froh zu sein“, erinnert sich die 87jährige Petronela Kalapis. Sie erinnert auch an die Ungarn im Dorf, an die Schwaben. Man habe gut zusammengelebt. Von ehemaligen schwäbischen Ortsbewohnern oder deren Angehörigen höre ich ähnliches. Der von Pfarrer Augustinov erwähnte Fortner-Wirt und Kaufmann ist der Urgroßvater von Hannelore Künstler, geborene Fortner. Er stammte aus Tschanad. Die heute in Stuttgart lebende Hannelore Künstler war vor einigen Jahren das letzte Mal in der Bulgarischen Kolonie. Ihr Großvater und ihr Vater sind dort geboren. Ihre Mutter lebte in Keglewitsch. Wenn es im Fortner-Laden Hefe gab, ging sie als kleines Kind auf dem direkten Feldweg dorthin, um einzukaufen. Jahre später sollte sie den Sohn des Kaufmanns heiraten. Warum und wie sich das Dorf so schnell aufgelöst hätte, diese Frage wird immer wieder gestellt. Die Antworten sind durchweg vielschichtig und die, die selbst in diesem Dorf aufgewachsen sind, wundern sich dann am meisten über dieses schnelle Ende. So als könnten sie die Konfrontation der Gegenwart mit ihren Erinnerungen an einst dann besser aushalten. Sie haben damals, als sie weggezogen sind, für sich und ihre Familie wohl die richtige Entscheidung getroffen. Aber jeder Gewinn birgt auch einen Verlust in sich, und das müssen sie an solchen Tagen feststellen.
Die Fragen
An diesem heißen Sommertag im Juni bin ich das erste Mal in diesem aufgelassenen Dorf. Es ist der letzte Urlaubstag im Banat, Tage, die mit Festveranstaltungen, Vorträgen, Reden, Sitzungsterminen aber auch mit vielen Begegnungen und dem Erleben von Gemeinschaft ausgefüllt waren. Einer Gemeinschaft, die im Sinne der einstigen, Gemeinschaft zusammengekommen ist, für einige Tage, Stunden, eigentlich nur für einige Momente. Soll mir das nun gerade hier, in dem aufgelassenen Dorf am Rande der einstigen schwäbischen Welt des Banats nochmals gespiegelt werden? Hier, in dem einstmals bulgarischen Dorf, in das später auch Ungarn, Deutsche und Rumänen gezogen sind. In dem Dorf, das alle aufgegeben haben und nach dem sich dann doch noch viele sehnen, oder nur nach der Gemeinschaft? Über dem Platz vor der Kirche liegt nach wie vor eine unnatürliche Stille, die weh tut. Der Blick könnte in die Ferne schweifen, Richtung Westen zum Beispiel, zur Grenze nach Serbien oder nach Ungarn. Wie oft wurde den Reisenden in diese Richtung hinterher geschaut. Die Ebene ist hier so weit, die einstigen Dorfstraßen durch noch vereinzelt stehende Bäume gut auszumachen. Auch durch die Strommaste und die Stromleitungen, die immer noch stehen. Die Ruinen der Häuser sind längst von der kargen Vegetation bedeckt. Noch sind sie wellenförmig auszumachen. Dort wo die Welle sich erhebt, stand mal ein Haus, die Vegetation ist hier etwas üppiger, Sträucher und ab und an ein Baum erinnern daran. Einige Häuser wehren sich gegen den Verfall, das Urteil darüber werden die nächsten Wintermonate fällen. Oder es ist schon gefallen, die Natur holt sich alles zurück. Dann doch noch ein Lebenszeichen, einige Krähen fliegen auf das Kirchdach, krächzen, fliegen weiter. Plötzlich auch der Lärm einer Motorsäge. Er kommt aus dem Hof des noch instandgehaltenen Hauses neben der Kirche. Es wird von Hirten bewohnt, die aus der Gegend von Hermannstadt kommen sollen. Man sieht sie nicht, man hört nur die Säge und sieht die umgestülpten Milchkannen auf den Pflöcken gegenüber dem Haus. Ein großer zotteliger Hund läuft argwöhnisch über die Straße, es ist Zeit zu gehen. Noch der Weg zum Friedhof. Dafür, dass das Dorf aufgegeben worden ist, sieht er ordentlich aus, er ist nicht aufgegeben. Ein neuer Maschendrahtzaun schützt ihn, schützt die Grabsteine, über die vor Jahren schon mal die Schafe gezogen sein sollen, erfahre ich später. Der Verband der Bulgaren im Banat und ehemalige Ortsbewohner taten was dagegen. Sie stellten den Zaun auf und vor dem Kirchweihtag kommen die Angehörigen her, um die Gräber zu pflegen. Diejenigen, die weiter weg leben, haben dafür ihre Helfer, die sie auch bezahlen. Auf den Grabsteinen stehen viele deutsche Namen: Krachtusz, Burger, Damm, Fortner, Heinrich, Theisz– manche Namen kann man nicht mehr entziffern. Neben einem Grab, eher unüblich, wächst ein Nussbaum. Nussbäume standen im Banat oft in den Weingärten, sie können sehr alt werden.












