Dem Brauch in Gertianosch zufolge war es der Jahrgang 1933, der in diesem Jahr 1953 zur „Musterung“ gerufen war. Dieser Jahrgang war allerdings nicht allzu groß, so dass beschlossen wurde, die Kerweih zusammen mit dem Jahrgang 1934 auszurichten.
Im Hause Zimmermann in der Neugass versammelten wir uns zur Beratung. Reibungslos und einstimmig kamen wir zur Beschlussfassung, dass der Jahrgang 1933 den ersten Geldherrn Franz Leber stellen solle, der Jahrgang 1934 den zweiten.
Aus taktischen Gründen schlug ich Jakob Zehr vor, da dessen Schwester Kati Zehr Angestellte im Gemeindehaus war - mit dem Hintergedanken, dass sie uns im Umgang mit den örtlichen Obrigkeiten behilflich sein könnte. Der Vorschlag wurde einvernehmlich angenommen und beide Kandidaten wurden einstimmig gewählt.
Mit dem gesamten organisatorischen Teil der Kerweih wurde ich betraut. Der Hutschmuck wurde in Temeswar besorgt. Die Kerweihmädchen schmückten mit Hilfe ihrer Mütter und Großmütter liebevoll die Hüte ihres jeweiligen Kerweihbus. Mütter und Großmütter machten sich an die Arbeit, die schönen Trachten zu waschen, zu stärken und zu bügeln.
Von unserer Seite war alles schön und gut, aber nicht zu vergessen war die politische Lage. Der Klassenkampf war noch nicht beendet und die Bemühungen um den Aufbau des sozialistischen Systems in vollem Gang. Die allgemeine Lage hatte sich schon etwas gebessert. Die nationalen Minderheiten bekamen einige Rechte zugesprochen, vor allem die Presse und die Schulbildung bis zum Abitur betreffend. Kulturarbeit in ihrer Muttersprache war auch wieder erlaubt.
Ein grundsätzliches Problem war, dass für jede öffentliche Veranstaltung eine vom damaligen Amt für Kultur- und Schulwesen der Region Temeswar ausgegebene Bewilligung, die sogenannte „autorizație“, erforderlich war.
Ich war kurz nach Abschluss meiner Ausbildung zum Chor- und Orchesterleiter am Konservatorium „Ion Vidu“ in Lugoj wieder zurück in Gertianosch. Weil ich zu den Absolventen mit bestem Abschluss gehörte, hat mich der Chef des Amtes für Kultur- und Schulwesen in Temeswar irgendwie besonders gut gemocht. Dies habe ich zur Gelegenheit genommen, ihn auf die Genehmigung zur Kerweihfeier anzusprechen. Er wies mich auch nicht gleich ab und als ich nicht locker ließ, gestand er mir, dass er nicht wüsste, was Kerweih sei (er kam aus der Moldau). Ich solle ihm doch schriftlich eine detaillierte Beschreibung geben, worum es sich eigentlich handle und wie die festliche Veranstaltung ablaufen werde, damit er mit dieser Beschreibung die Veranstaltung beim zuständigen Bezirksparteisekretär absegnen lassen könne.
Ich habe ihm eine solche Beschreibung erstellt, und zwar genau so, wie es die damaligen Vorgaben der Partei verlangten: „Die Form kann volkstümlich, der Inhalt muss politisch sein“. Die weiteren Einzelheiten will ich außen vor lassen…
So erhielt ich von höchstzuständiger Stelle die Genehmigung zur Feier der Kerweih 1953.
Wäre da nicht die Sache mit dem Festzug durch die Straßen zur Kirche in Begleitung der Blaskapelle gewesen, die natürlich weder im Antrag noch in der Beschreibung stand! Da allerdings dem damaligen Bürgermeister, Herrn Lang, der Begriff Kerweih nicht fremd war, und der „Milizchef“ sich über den 10-Liter-Krug mit Kerweihwein freute, konnte auch dies erledigt werden.
Den Chef des Kultur- und Schulamtes musste ich zwei Tage als meinen persönlichen Gast bewirten. Die Ortsparteispitze – deren Sekretär damals ein gewisser Bicader war, - drückte, nachdem die „Autorizație“ von höchster Stelle vorlag und auch sie ihren „Obulus“ bekommen hatte, ein Auge zu.
Ein weiteres Problem kam noch hinzu: Das neue Kulturheim war erst im Bau. Die Feuerwehr-Remise und ein Teil des „Großwertshaus“ waren abgetragen worden und ein neues Kulturhaus mit Tanzsaal sollte an-dieser Stelle errichtet werden. Damit dieses bis zur Kerweih fertig wurde, haben wir, die „Kerweihgsellschaft“, uns verpflichtet, uns in freiwilligem Arbeitseinsatz an dem Bau zu beteiligen. Eine beachtliche Zeit lang sind wir abends nach der Arbeit, samstags und sogar sonntags auf der Baustelle gewesen.
Das Kulturhaus wurde rechtzeitig fertig. Die Tanzveranstaltungen über die Kerweihtage konnten darin stattfinden.
Schließlich, da keine Veranstaltung ohne ein Kulturprogramm mit dem dazugehörigen Propagandateil stattfinden durfte, mussten wir auch ein Kulturprogramm vorweisen. Also habe ich – um der Sache Genüge zu tun – ein Programm mit Chorgesang, Volkstänzen und Sketchen eingereicht und – es wurde angenommen.
Die Festtage verliefen friedlich nach altem Brauch und Sitte. Die Stimmung war sehr gut. Es war ein wunderbares Gefühl, fast wie früher.
Den Vorstrauß ersteigerte Sepp Lauer, um ihn seinem „Kerweihmädl“ Annemarie Mecher zu verehren. Übrigens war mein Kerweihmädel damals Wilhelmine Ott, jetzt verheiratete Färber. Die Gertianoscher Kerweih 1953 war für die Nachkriegs- und die damalige schwierige Zeit ein gelungenes, wunderschönes, frohes Fest. Sie ist uns allen heute noch in bester Erinnerung.










