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Podiumsdiskussion im DZM: Flucht aus dem Banat im Herbst 1944

Werner Kremm, Peter-Dietmar Leber und Prof. Dr. Anton Sterbling bei der Podiumsdiskussion im DZM in Ulm Foto: Walter Tonţa

Im Rahmen der Ausstellung „Lifeline“ des Künstlers Dieter Mammel, die derzeit im Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm (DZM) zu sehen ist, lud die Kulturreferentin für den Donauraum am DZM in Kooperation mit der Landsmannschaft der Banater Schwaben am 5. Juni zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Flucht aus dem Banat 1944“ ein. Da sich Mammel in etlichen seiner Gemälde sowohl mit der Flucht seiner Familie aus dem Banat im Herbst 1944 als auch mit dem aktuellen Fluchtgeschehen künstlerisch auseinandersetzt, war es naheliegend, den im vergangenen Jahr erschienenen Band „Flucht der Deutschen aus dem Banat im Herbst 1944“ im Museum vorzustellen und über die Ereignisse vor 80 Jahren sowie deren Nachwirkungen zu diskutieren.

Die Kulturreferentin Dr. Swantje Volkmann begrüßte die Besucher der Veranstaltung sowie die Gäste auf dem Podium: die beiden Mitherausgeber des Bandes Werner Kremm und Anton Sterbling und den Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft Peter-Dietmar Leber als Moderator der Diskussion.

Eingangs wies Leber darauf hin, dass die Flucht der Banater Deutschen vor der heranrückenden Sowjetarmee im Herbst 1944 bislang kaum wissenschaftlich erforscht worden sei. Hingegen lägen zahlreiche, in Heimatbüchern und -blättern erschienene Erlebnisberichte vor, die nun, ergänzt um neuere Berichte, zum 80. Jahrestag der Flucht in einem von der Landsmannschaft der Banater Schwaben herausgegebenen Sammelband veröffentlicht worden seien. Der Band gebe zum ersten Mal konzentriert Auskunft über die Flucht vieler Banater Schwaben 1944 und die großen Bewährungsproben, denen sie damals ausgesetzt waren.

Die Idee zu diesem Buch hatte Werner Kremm, dessen Kindheits- und Jugenderinnerungen von Fluchterzählungen geprägt sind. Der Journalist berichtete über die Entstehungsgeschichte des Bandes, dessen Grundstock einerseits die in Band 3 (1957) der „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“ erschienenen Augenzeugenberichte, andererseits die von seinem Vater Josef Kremm seit den 1990er Jahren aufgezeichneten und gesammelten, zuerst als Folge in der „Banater Zeitung“ erschienenen Erzählberichte bildeten. Hinzugekommen sind etliche in heimatgeschichtlichen Publikationen veröffentlichten Darstellungen sowie Fluchtberichte, die aufgrund des 2023 in der „Banater Post“ und der ADZ erschienenen Aufrufs eingesandt wurden. Mit der sogenannten „Temeswarer Ausgabe“ liegt eine erweiterte und verbesserte Version der zwei Auflagen der „Münchener Ausgabe“ vor. Wie Kremm betonte, ist der Band das Mittelstück einer dreiteiligen Reihe von Erzählberichten, die mit dem Band zur Deportation der Deutschen aus dem Banat in die Sowjetunion aus der Sicht betroffener Kinder begonnen wurde und nächstes Jahr mit einem Band zur Bărăgan-Deportation abgeschlossen werden soll.

Zur Einordnung und zum Stellenwert des Bandes äußerte sich anschließend Anton Sterbling, dessen Familie mütterlicherseits ebenfalls geflüchtet war – und das gleich zweimal. Der Band sei weder eine wissenschaftliche Arbeit noch eine Quellenedition, sondern enthalte eine Auswahl von Erzählberichten, die per se subjektiv und ihren Entstehungszeitpunkten wie auch ihrem Schreibstil nach heterogen seien. Um die Authentizität der Berichte möglichst weitgehend zu erhalten, seien die redaktionellen Eingriffe der Herausgeber auf das Notwendigste beschränkt worden, betonte Sterbling. Der emeritierte Soziologie-Professor erläuterte sodann, was Erinnern ist und wie erinnert wird. Individuelle Erinnerungen an ein Geschehen, das viele Menschen betroffen habe, bündelten sich zur kollektiven Erinnerung, die mit der Erinnerungskultur eng verwoben sei. Die Verschränkung und Durchdringung individueller und kollektiver Erinnerungen käme in den Erzählberichten zum Ausdruck, indem sich bestimmte Grundmuster der Geschehnisverläufe und Erfahrungshintergründe, gewisse Narrative und Deutungen wiederholten.

Zur Sprache kam auch die Frage, warum die Niederschrift der meisten Berichte erst spät erfolgte und wie sich die zeitliche Distanz zu den dargestellten Ereignissen auf die Authentizität und Lebendigkeit der Erinnerungen auswirkt. Die beiden Diskutanten wiesen unter anderem darauf hin, dass Flucht weiterhin ein emotional aufgeladenes Thema sei, bei dem menschliche und materielle Verluste und psychische Traumata ebenso wie Schuldzuweisungen und politische Folgen eine Rolle spielten. In vielen Fällen seien eine intensive emotionale Beteiligung und eine traumatische Betroffenheit aus den Texten herauszuhören.

Ein weiteres Diskussionsthema waren die Umstände und die Faktoren, die bei der Fluchtentscheidung eine Rolle gespielt haben. Anton Sterbling sprach von komplexen und hochdynamischen Entscheidungsprozessen von weittragender Bedeutung, die unter hohem Zeitdruck und Unsicherheit erfolgten, die weder harmonisch noch konfliktfrei verliefen. In fast allen Fällen sei die Entscheidung, da die Generation der Väter im Krieg war, von den Frauen und der Großelterngeneration getroffen worden. Es habe sich zwar um individuelle Entscheidungen gehandelt, diese hätten sich jedoch meistens an jenen der Verwandten, Freunde und Nachbarn orientiert.

Beide Diskutanten waren sich einig, dass den Erzählberichten ein „außerordentlich dichter Aussagewert“ hinsichtlich des Fluchtgeschehens, dessen Umstände und Verlauf sowie dessen vielfältige Auswirkungen und Folgen zukommt. Näher beleuchtet wurde die Aufnahme der Geflüchteten in Österreich, Bayern oder Böhmen und die dabei gemachten unterschiedlichen Erfahrungen wie auch die mit vielen Schwierigkeiten verbundene Rückkehr der meisten ins Banat – eine Rückkehr ins Ungewisse. Peter-Dietmar Leber erwähnte, dass etliche Banater nach Jahren den Kontakt zu den ehemaligen Quartiergebern suchten, so auch seine Mutter, die nach 45 Jahren den Laxhuber-Hof im niederbayerischen Hebertsfelden besuchte.

Die stellenweise eingestreuten Auszüge aus Erzählberichten verliehen den Ausführungen der Podiumsteilnehmer ebenso Lebendigkeit und Anschaulichkeit wie das von der Schriftstellerin Ilse Hehn am Schluss vorgetragene Gedicht „Auf der Flucht“.